Ausgabe 
12.10.1887
 
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1887.

Mittwoch den IS. Oktober

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureau: Schulftraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Vreis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brinflerlobn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheit.

Betreffend: Die Marschgebührnisse bei Einberufungen zum Dienst, sowie bei Entlassungen. Gießen, am 10. Oktober 1887.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzh-rzoglich-n »ürg-rm«ister«ien des Krets-S.

Diejenigen von Ihnen, welche noch mit Erledigung unserer Verfügung vom 26. v. Mts. Anzeiger Nr. 226 im Rückstände sind, werden an tofortiae Erstattung der verlangten Berichte erinnert.

vr. Boek mann.

Deutschland.

Berlin. 10. October. Der Reichskanzler beantragte beim Bunderralhe, den Hasenort Geestemünde mit dem bisher ausgeschlossenen Tbeil des Fleckens Lehe zu dem nämlichen Zeitpunkte wie die jetzt noch ausgeschlossenen Tb-ile der dremischen Staatsgebiete» dem Zollgebiets anzuschließen und die anläßlich de» Zallünlchluffer für Bremerhaven etntretenden Zoüvegünstigungen auch auf den Mehr mit Geestemünde anzuwenden.

Arankreich.

Paris, 8. October. DerGaulois" schreibt:Herr o. Kotzebue, der Geschäfts- träger der hiesigen russischen Botschaft in Abwesenheit des Barons v. Mohrenheim, begab sich gestern Nachmittag in das Ministerium des Aeußeren, um im Namen des Großfürsten Nikolaus, Sohnes des Großfürsten Michael, des Oheims des Kaisers von Rußland, die Erklärung abzugeben, daß die ihm von einigen Blättern in den Mund gelegte Sprache ungenau sei. Bei seiner Ankunft in Dünkirchen brachte Großfürst Molaus in der That einen Toast auf Frankreich aus; aber niemals hat er Worte gesprochen, welche irgendwie für Rußland oder die Mitglieder der kaiserlichen Familie bindend fein könnten. Der Prinz macht aus seiner wohlwollenden Gesinnung für Frankreich kein Hehl; allein sein Toast vor den Offizieren des DampfersUruguay hat niemals die Tragweite gehabt, welche man ihm zuschreibt."

Gestern Abend um 9 Uhr wurde der General Caffarel, dessen Absetzung als Souschef des Großen Generalftabes wir bereits meldeten, vor seiner Wohnung ver­haftet und nach dem Militärgefängniß in der Rue du Cherche-Midi gebracht. In Folge dessen verbreitete sich das Gerücht, auch zwei seiner Helfershelfer, die Eourtisane Limousin und ein gewisser Baron Kreitmayer, natürlich ein Prussien, wären ebenfalls im sicheren Gewahrsam gebracht worden; allein diese Nachricht war zum mindesten verfrüht. Die Limousin war, wie versichert wird, die Seele einer Gaunergesellschaft, die bei ihr, 31, Avenue Wagram, regelmäßige Zusammenkünfte hielt und eitle Narren anlockte, welche gern decorirt fein wollten. Nach demXIX. Stdcle" stand sie seit Jahren auf dem besten Fuße mit hervorragenden Offizieren des Generalstabes, erlangte durch sie was sie wollte und soll eben im Begriff gestanden haben, ein neues System .hygienischer Eßschüsseln" (gameUes) und andere Geräthschaften einführcn zu lassen. Baron Kreitmayer scheint hauptsächlich dazu dagewesen zu sein, Gimpel an die Leim­ruthe zu kriegen und nach dem Salon der Madame Limousin zu bringen. Es heißt nun, Aubanel hatte in diesem Salon verkehrt, hier mit dem General Caffarel über die Auslieferung des Mobilmachungsplanes unterhandelt und unzart genug diesem ältlichen Marssohne eine schöne, jugendliche Fremde weggeblasen, die Madame Limousin ihmempfohlen" hatte. , . m . . . .,

Die opportunistischen oder sonst Boulanger abgeneigten Blätter, wie der ,^Patriote heben mit besonderer Genugthuung hervor, daß Caffarel von dem General Boulanger zum Souschef deS Großen Generalstabs ernannt worden ist. Als General Ferron an's Ruder kam, schöpfte er sogleich Verdacht gegen Caffarel, dessen verschwenderische Lebensweise ihm mit seinen Vermögensverhältnissen nicht übereinzusttmmen schien und äußerle gegen die Generäle de Larclause und Haillot so liest man in derRepubltque franpaise" - zu verschiedenen Malen die Absicht, sich von ihm zu trennen. Allein er wollte auch den Schein vermeiden, es Boulanger gleich zu thun, welcher alle Mitarbeiter seines Vorgängers Thtbaudin schonungslos auf das Pflaster gesetzt hatte, und so behie t Caffarel seinen Posten bet. Nur entzog ihm Ferron den Specialdienst der Mobil- wachung, welcher ihm von Boulanger anvertraut worden war; aber er wußte dessen­ungeachtet genug von der theilweisen Mobilmachung des 17. Corps, um Aubanel darüber Mtttheilungen zu machen. ,

DerXIX. Sidcle", der gestern die ersten Enthüllungen über den häßlichen Handel an die Oeffentlichkeit brachte, deutete an, daß ein Senator dabei schwer com- promittirt wäre. Heute nennt er ihn, etwas spät, denn der Name wurde von gewissen Zeitungsoerkäufern gestern auf den Straßen ausgerufen; es ist derjenige des Generals d'Andlau, ehemaligen Ordonnanz-Offiziers Napoleons III., welcher als Zeuge im Prozeß Bazaine eine hervorragende Rolle spielte. Sobald dieser von der Sache Kenntniß erhielt, begab er sich in die Bureaus mehrerer Blätter, um gegen die Befchuldigung zu vrotestiren. Er versicherte, der General Caffarel wäre für ihn ein Unbekannter, er hätte ihn nur einmal gesehen, als er um die Versetzung seines Neffen aus der Marine- Infanterie in die Linie einkam und damals nicht einmal seinen Namen gekannt. Wohl wäre es wahr, daß er sich in sehr mißlichen Finanznöthen befand, nicht aber, daß die ihm nun zur Last gelegten Schwindelgeschäfte ihn daraus befreiten.

Die Abendblätter sind voll von eingehenden Einzelheiten über dieses scandalose Vorkommniß. Einige bringen auch lange Jnterviewes ihrer Reporter mit der Limousin und dem Baron Kreitmayer. Die Affaire macht ein ungemeines Aufsehen. General Ferron soll entschlossen sein, die Untersuchung mit der unnachstchtlichsten Strenge durch- -usühren und sich durch keinerlei Rücksichten oder Einflüsse abhalten zu lassen, alle Schuldigen, wer immer es auch sei, zu entlarven und zur Strafe zu ziehen. Die Ehre der Armee erfordere dies

Zum Nachfolger Caffarel's wurde der Oberst de Sesmaisons, früherer Militär- Attache in Berlin, ernannt.

DerFigaro" begleitet die Mittheilung, daß der deutsche Botschafter, Graf Münster, gestern dem Minister des Aeußern einen Check von 50 000 JL für die Wtttwe Brignon überreichte, mit der Bemerkung: .

Was auch die Zukunft uns noch vorbehalten mag, so gibt es gewiß nicht einen einzigen Franzosen, der nicht aüfathmet bei der Kunde, daß der Handel von Verin- tourt beigelegt ist.

In ähnlichem Sinne äußern sich auch die meisten Blätter, welche die Correctheit ' ^des Verfahrens der deutschen Regierung bereitwilligst anerkennen, während andere sich damit begnügen, die diesbezüglicheHavas"-Note abzudrucken.

Die gestern auf dem auswärtigen Amte Herrn Flourens überreichte und vom Grafen Münster gezeichnete Note hat ungefähr folgenden Inhalt: Die deutsche Re­gierung bemerkt zunächst, daß sie ihrem lebhaften Bedauern über den beklagenswerthen Vorfall an der Grenze unverzüglich Ausdruck gegeben und sich schon bereit erklärt hat, den dadurch unmittelbar Betroffenen eine angemessene Entschädigung zu gewähren. Die competenten Gerichte werden zu entscheiden haben, ob die bei dem bedauerlichen Vorfälle betheiligten Militärs und Beamten ein Verschulden trifft. Die gerichtliche Untersuchung ist sofort eingeleitet worden. Immerhin aber ist bereits festgestellt, daß bei dem Vorgänge kein böser Wille deutscher Beamten vorliegt; andererseits jedoch ist derselbe eine Folge deutscher Institutionen und Dienstvorschriften, unter denen französische Unterthanen ohne ihr Verschulden zu leiden hatten. Demnach hält sich die deutsche Regierung moralisch für verpflichtet, für durch deutsche Organe und Gesetze angerichtete Beschädigungen einzutreten und in den Grenzen des Möglichen eine Entschädigung zu gewähren, indem sie die Zukunft der Hinterbliebenen des unglücklichen Opfers sicher­stellt. Die deutsche Regierung überreicht zu dem Zwecke der französischen Regierung die Summe von 50000 JL, deren Zinsen etwa dem entsprechen, was der getödtete Brignon bei Lebzeiten hätte verdienen können.

Herr Flourens hat auch eine Depesche des Geschäftsträgers Raindre aus Berlin empfangen, welche das Obige bestätigt. Nach demTemps" fügt die Depesche des Herrn Raindre hinzu, daß Graf Herbert Bismarck ihn beauftragt habe, die französische Regierung zu bitten, ganz besonders Herrn v. Wangen und seiner Familie das Be­dauern der deutschen Regierung zu übermitteln.

England.

London, 10. October. Nach einer Meldung aus Lowestoft wollten die Socialisten Nicoll und Hougthon aus Norwich heute daselbst in einer Versamm­lung Ansprachen halten, wurden aber sammt ihren Anhängern von einer etwa tausend Personen zählenden Menge mit Stöcken angefallen und so mißhandelt, daß sie unter polizeilichem Schutz nach dem Bahnhof gebracht werden mußten. Von dem Bahnhof wurden dieselben mittelst Extrazuges nach der nächsten Station geschafft.

Bulgarien.

Sofia, 10. October. (Meldung derAgence Havas.") Die Mitglieder der Opposition haben sich hier an den Wahlen nicht bethetligt und da außer­dem der Führer der Partei Radoslawow am Abend vor den Wahlen verhaftet wurde, so wurden die Regierungs-Candtdaten hier einstimmig gewählt.

Amerika.

Rew-Uork, 10. October. Die Socialisten, welche gestern ein Meeting auf Union Square abhalten wollten, wurden unterwegs von Anhängern Henry George's angegriffen. Die Polizei schritt ein und machte von ihren Stöcken Gebrauch, wobei etwa.50 Personen, thell» Socialisten, theils Anhänger von Henry George, verwundet wurden.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Eorrefponderrr-Brrrea«.

Saga«, 10. October. Reichstags-Ersatzwahl. Abgegeben wurden im Ganzen 12,809 Stimmen. Nach den bis jetzt vorliegenden Ermittelungen erhielt Forckenbeck 7656, Reinecke 5119, Schneidermeister Schwager-Sprottau (Soc.) 15 Stimmen. Ersterer ist somit gewählt.

München, 10. October, lieber die Collision der DampferHabsburg" und Stadt Lindau" meldet dieAllg. Ztg." weiter: Die Collision fand Abends 8V< Uhr statt, einen Kilometer vom Lindauer Hafen entfernt, bei klarem Wetter und ruhiger See während der Rückfahrt des bayerischen Dampfers von Rorschach. Derselbe sank nach wenigen Minuten, wobei drei Personen ertranken, während die Uebrigm durch den österreichischen DampferHabsburg", obwohl derselbe selbst beschädigt war, sowie duxch den zur Hilfe herbeigeeilten bayerischen DampferLudwig" gerettet wurden. Der gesunkene Dampfer ragt mit dem Schornsteinende und den oberen Masttheilen über die Seefläche empor. DerHabsburg" reparirtc Nachts seinen eigenen Schaden und kehrte Sonntag früh nach Bregenz zurück.

Bern, 10. October. Im Kurorte Engelsberg sind gestern Nacht 10 Häuser niedergebrannt.

Paris, 10. October. DasJournal des Debats" meldet, die Regierung habe in Folge mehrerer in den Departements allzu leichtfertig und ohne Grund für den Verdacht der Spionage vorgenommenen Verhaftungen von Ausländern den Departements­behörden anempfohlen, bei der Anwendung des Spionagegesetzes künftig mit großer Umsicht au Werke zu gehen und feinerlei Maßregeln zu ergreifen, die der freien Be­wegung der Ausländer auf französischem Gebiete entgegenständen, es sei denn, daß sehr ernste Gründe für eine Schuld der betreffenden Personen vorlägen.

Anläßlich der Einweihung des Lyceums in Chartres hielt der Kriegsminister gestern eine Toastrede. Er betonte, die neuen Gewehre hätten eine weitere Vervoll­kommnung erfahren. Die Herstellung derselben würde keineswegs langsamer betrieben.