Ausgabe 
12.2.1887
 
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welches angeblich wegen derparlamentarischen Situation" seine Entlassung ein- retchte. In Wahrheit ist aber dieser Schritt durch die tiefgehende Erregung der italienischen Nation gegen das Cabinet Depretis hervorgerusen worden, dem letzteren ist es nicht gelungen, sich wegen seiner Schuld an der italienischen Nie- derlage bet Saati zu rechtfertigen und dieses Gefühl dictirte offenbar das Ent« lassungrgesuch. Depretis erntet jetzt nur den Lohn für feine überhastet einge- leitete Colonialpolitik und im Speciellen für seine Vertrauensseligkeit gegenüber dem Freundschaft heuchelnden Negus von Abyssinien und es ist nur zu bedauern, daß die armen italienischen Soldaten diese kurzsichtige Politik bei Saati mit ihrem Leben einbüßen mußten.

Deutschland.

Darmstadt, 9. Februar. Der Finanzausschuß der zweiten Kammer hat wieder zwei Berichte erstattet. Zunächst über die Vorlage des Finanzmini« steriums wegen Bewilligung von 8400 zur Herstellung der Vorrichtungen für Reinigung und Desinsection der Viehwagen nach den Vorschriften des Vun- desraths und der damit in Verbindung zu bringenden Erbauung von Wasch­küchen auf den Stationen der Oberhessischen Bahnen. Der Ausschuß beantragt lautFr. Journ." Verwilligung zu Lasten der Ueberschüsse der laufenden Finanzperiode. Ferner über die Vorlage desselben Ministeriums wegen Bewilli­gung der Mittel für die Beschaffung einer Locomottve für den Dienst auf der Oberhessischen Bahn mit 20,500 JC. Hierzu beantragt der Ausschuß einstimmig, die angesonnene Bewilligung abzulehnen. Hierzu veranlassen ihn weniger die geforderten Anschaffungskosten einer weiteren Personenzugs-Maschine selbst, als die Höhe der durch die geplante Aenderung bedingten Mehrkosten des Betriebs, welche in der Vorlage mit 8000 jährlich angegeben sind. Beide Berichte sind von Abg. Wolfskehl erstattet.

Ein weiterer Bericht, erstattet von dem Abg. Ellenberger, bezieht sich auf den Gesetzentwurf, die Abänderung der Bestimmung des Art. 84 des Volksschul­gesetzes, vom 16. Juni 1874, über die Ausbringung der Reisekosten und Tages­gebühren der Mitglieder der Kreisschulcommission betreffend. Der Ausschuß beantragt einstimmig die Annahme, wonach indessen erst vom 1. April 1888 die Transportkosten und Tagegebühren der Schulinspectoren und der Vor­sitzenden der Kreisschulcommissionen von der Staatskasse, also nicht mehr von der Kreiskaffe, getragen werden. Hierdurch wird indirect eine wesentliche Min­derbelastung ärmerer Gemeinden herbeigesührt.

Berli», 10. Februar. Der Bundesrath hat in seiner heutigen Sitzung auf Antrag der hessischen Regierung den Kleinen Belagerungszustand über Offen­bach und Umgegend verhängt. Die Maßregel ist erfolgt im Anschluß an die Vorgänge in Frankfurt. lieber eine Verhängung de» Belagerungszustandes über Stettin verlautet im Bundesrath noch nichts. Der Bundcsrath nahm ferner ein Gesetz zum Schutze submariner Kabel an, sowie zwei elsaß-lothringische Gesetze, betr. die Pensionirung erkrankter Richter und Bestrafung von Zuwider­handlungen gegen Anordnungen der Feldpolizei. Einem Gesuch des Darmstädter Künstlervereins um Nachlaß der Stempelsteuer für Loose einer Privat-Lotterie wurde aus Billigkeitsgründen stattgegeben. (Fr. Ztg.)

Berlin, 10. Februar. Der Kaiser nahm Mittags längere Vorträge der Kriegsministers und des Chefs des Militär-Cabinets entgegen, empfing Nach­mittags den Besuch des Herzogs und der Herzogin Max Emanuel von Bayern, welche Gäste des Kronprinzenpaares sind und machte hierauf eine Spazierfahrt. Um 4 Uhr erscheint Fürst Bismarck zum Vortrage.

Frankreich.

Paris, 10. Februar. Der Ministerrath beschloß heute, sich dahin zu erklären, daß, falls nach Beendigung der Budgetberathung der Antrag gestellt werde, der Berathung der Militär-Vorlage die Priorität einzuräumen, die Be- rathung der Getreidezölle die Priorität haben solle.

Telegraphische Depeschen.

Wolff*S telegr. Correspondenr - Brrreau.

Berlin, 10. Februar. DieNordd. Allgem. Ztg." weist die Behauptung der Germania", die Jacobini'sche Depesche sei von preußischer Seite veröffentlicht worden, als grobe Lüge zurück.

Weimar, 10. Februar. Das Ministerium erließ eine öffentlich anzuschlageude Bekanntmachung, die es für gänzlich irrthümlich erklärt, daß die Annahme des Sep- tennats die Herbeiführung einer siebenjährigen acttven Dienstzeit der Militärpflichtigen bedeute.

Straßburg, 10. Februar. Der Hauptpassus der Rede dcS Statthalters Fürsten Hohenlohe lautet:Je mehr in mir daS Gefühl der Anhänglichkeit an dieses Land erstarkt, um so inniger ist mein Wunsch, daß Gott dasselbe bewahren möge vor jeg­licher Trübsal, insbesondere vor schrecklichem blutigem Kriege. Wenn ich heute das verhängnißvolle Wort ausspreche, geschieht es nicht, weil ich den Krieg als nahe bevor­stehend ansehe, aber darüber dürfen wir unS keiner Täuschung hingeben: Die Gefahr besteht und wird so lange bestehen, als sich die westlichen Nachbarn nicht an den Ge­danken gewöhnen können, daß der durch den Friedensvertrag geschaffene Rechtszustand rin dauernder ist. Die Gefahr wird sofort uns gegenübertreten, wenn es einer un­ruhigen Minderheit gelingen sollte, daS sonst so friedliche arbeitsame Volk Frankreichs zu Entschlüssen forlzureißcn, die uns nöthigen würden, für unser Siecht mit aller Energie und der ganzen Macht des Reiches in die Schranken zu treten. Ist dem so, dann gewinnt jede öffentliche Kundgebung diesseits der Vogesen, besonders die Wahlen erhöhte Bedeutung, da sie Elsaß - Lothringen die Gelegenheit bieten, seine friedliche Gesinnung zu bethätigen, mitzuarbeiten am Werke der Erhaltung deS Friedens. Nichts wäre geeigneter, die Kampflust der erwähnten Minderheit anzufachen, alS die Wahl von Männern, welche den Zweifel an der Dauer unseres Rechtszustandes theilen oder von Männern, welche sich weigern, dem deutschen Reiche die Mittel zur dauernden Er­haltung eines starken Heeres zu gewähren.

London, 10. Februar. Unterhaus. Tyler fragt an, ob die Gerüchte über die Vorschläge Drummond Wolff's bezüglich Egyptens wahr seien. Ferguffon erklärte, die Regierung halte fest an ihren früheren Erklärungen bezüglich der Politik in Egypten. Ueber die schwebenden Unterhandlungen könne er keine Mittheilungcn machen. Die Darstellungen der Zeitungen über die beabsichtigten Ziele seien indeß ungenau. Fer- gusfon fügt hinzu, Frankreich sei jetzt unter gewissen Bedingungen bereit, den Dekreten deS Khedioe's über die Aufhebung des Frohndienstes seine Zustimmung zu ertheilen. Wenn der Abschluß deS Arrangements in den nächsten Tagen gelingen sollte, werde es noch möglich sein, den thatsächlichen Beginn der Frohnarbeiten zu verhindern. Northcote erklärt, der Eontract über Lieferung einer halben Million Patronen für Queensland sei im Wege deS Zuschlags mit der Firma abgeschlossen, deren Gebot erheblich niedriger fei, alS daS anderer Offerenten. Die Firma, obschon sie die Patronen nach deutschem Patente anfertige, sei eine englische, welche die Hülsen in Birmingham, die Füllung in einer Fabrik zu Millwall anfertige. Auf die Anfrage Hanbury'S, ob die Firma nicht Agent des Fabrikhauses Lorenz in Karlsruhe sei und ob sie Arbeiter in London beschäftige, erklärte Northcote, darüber nicht informirt zu sein, er werde sich erkundigen.

London, 10. Februar. Bei dem gestrigen Jahresbankett der vereinigten Handelskammern in London hielt der UnterstaatSsecretär des Auswärtigen, Fergusson, eine Rede, in welcher er feierlich versicherte, daß die Bemühungen der englischen Re­gierung ernstlich auf die Erhaltung des Friedens gerichtet seien. Niemand wünsche den Frieden sehnlicher alS die Königin selbst. Eine Kriegsgefahr sei allerdings vor­handen, aber die Souveräne Europas seien ohne Ausnahme von dem lebhaften Wunsche beseelt, den Frieden zu erhalten. Alle Minister der europäischen Mächte hätten den Wunsch nach Aufrechterhaltung deS Friedens bekundet. Seit den letzten Erklärungen Lord SaliSbury's und Smith's im Parlamente hätte das Ministerium keine In­formation erhalten, daß ein Krieg wahrscheinlich sei, eS sei vielmehr der ausgesprochene Wunsch vorhanden, die Ursachen der Streitigkeiten zu beseitigen und die europäischen Fragen in billiger und aufrichtiger Weise zu behandeln; es sei weder eine besondere Ursache für einen Krieg vorhanden, noch ein solcher Zustand der Erbitterung und Spannung, welcher einen Krieg entweder unvermeidlich oder selbst wahrscheinlich machen würde.

Konstantinopel, 10. Februar. Meldung derAgence Havas".) Bezüglich Egyptens soll England Folgendes vorgeschlagen haben: Autonomie EgyptenS, daS außerdem neutrales Land werden soll; Freiheit des Verkehrs auf dem Suezcanal. Im Falle von Ruhestörungen in Egypten steht England daS Recht zu, daS Land wieder zu besetzen; englische Truppen sollen ferner daS Recht des DurchzugeS durch Egypten haben, sowohl zu Land wie auf dem Canal; die Mehrheit der Ofsiciere der egyptischen Armee muß auS Engländern bestehen.

San Francisco, 10. Februar. Während des gestrigen Eoncerts im Opern­hause schleuderte ein Irrsinniger eine Bombe gegen Adeline Patti. Die Bombe platzte zu früh und verletzte den Irrsinnigen.

Kapstadt, 10. Februar. Meldung desReuter'schen Bureaus".^ AuS dem Innern des Kaplandes eingetroffene Kaufleute bringen das von Eingeborenen verbreitete Gerücht, wonach der Afrikaforscher Holub nebst seiner Gattin und Begleitung ermordet worden ist.

H r a h l

Gießen, 10. Februar. Bei der heutigen Wahl von acht KreiSt ags- abgeordneten haben von den 50 Höchstbesteuerten deS Kreises 36 Theil genommen. Gewählt wurden im ersten Wahlgang:

Georg BuderuS in Lollar mit 36 Stimmen (wiedergew.),

Carl Schlenke auf dem Hardthof mit 34 Stimmen (neugew.),

Adolf v. Rabenau in Friedclhausen mit 31 Stimmen (wiedergew.),

August Heß in Gießen mit 31 Stimmen (wiedergew.),

Rechtsanwalt Hirschhorn in Gießen mit 29 Stimmen (wiedergew.),

Rechtsanwalt Dr. Di ttmar in Gießen mit 28 Stimmen (neugew.),

im zweiten Wahlgang (26 Abstimmende):

Forstmeister Th al er in Gießen mit 19 Stimmen (neugew.),

Prof. Dr. Streng in Gießen mit 12 Stimmen (neugew.).

_ Gießen, 11. Februar. Sicherem Vernehmen nach hat in der gestrigen Sitzung der Stadtverordneten die Wahl eines Beigeordneten für die Stadt Gießen statt­gefunden; dieselbe ergab die einstimmige Wiederwahl des seitherigen Beigeordneten Herrn Wilhelm Keller.

Gießen, 11. Februar. Die Schwurgerichtssitzungen des 1. Quartals 1887 beginnen Montag den 14. März. Den Vorsitz führt Herr Landgerichtsrath Wer le.

Gießen, 10. Februar. [(Soncert.J Das gestrige Kirchenconcert brachte uns Elias", Oratorium von F. Mendelssohn-Bartholdy.

Die Aufführung dieses edlen TonwerkeS hatte sich einer großen Theilnahme seitens des hiesigen wie auswärtigen Publikums zu erfreuen. Diese Thatsache widerlegt, wie uns scheint, wohl am schlagendsten die in den letzten Jahren öfter laut gewordene Ansicht, daS Publikum habe keinen Sinn mehr für Kirchenmusik, diese gehe mit raschen- Schritten ihrem Verfalle entgegen. Allerdings! Was segelt heutzutage nicht Alles unter der Flagge desKirchengeiangs"!

Auch die an sich so erfreulichen Reformbestrebungen auf dem Gebiete der Kirchen­musik gehen vielfach zu weit und bieten dem Publikum zuweilen Leistungen, die, weit entfernt den religiösen Sinn zu heben, vielmehr geeignet scheinen, die Kirchenmusik in Mißcrcdit zu bringen. Allein trotzalledem ist jene Meinung eine oberflächliche und vollends ganz haltlos, wo es sich um die großen Vocal- und Jnftrumentalschöpfungen kirchlichen CharacterS handelt, welche die Altmeister der Musik unS geschenkt. Diese werden, in gediegener Vorführung, stets ein dankbares Publikum finden! Ist es doch für gar Manchen auch eine Art Gottesdienst, ihren weihevollen Klängen zu lauschen und dem Zauber sich zu überlassen, welchen sie stets von Neuem ausüben, und der um so frischer und unwiderstehlicher ist, je seltener sie zu Gehör gebracht werden.

Zu diesen Werken zählen wir auchElias". Die Meinungen über den musika­lischen Werth dieses Oratoriums, namentlich im Vergleich zu seinem Vorgänger Paulus", gehen ja sehr auseinander. Der eine fühlt sich mehr ergriffen von der erhabenen Schönheit deS in sich geschlossenen verklärten Lebensbildes des Apostels, auf den anderen übt der gereiftere, kraftvolleElias" mit seiner bunter bewegten, oft zu opernhaft dramatischem Leben sich ausschwingenden Handlung größere Anziehungskraft aus. Alle aber müssen gestehen, daßElias", wiePauluS", unvergängliche Blüthen edlen Gesanges birgt.

Was nun die gestrige Aufführung angeht, so müssen wir bekennen, daß wir uns in unseren Erwartungen nicht getäuscht sahen. Den Löwenantheil an dem Erfolge derselben hatten natürlich die Solisten.

Frau Sophie Haase aus Rotterdam, die durch ihre treffliche Wiedergabe der Sopranpartie in Schumann'sParadies und Peri" bei uns noch in bestem Andenken stand, entzückte wieder durch sinnig edle Auffassung und die leidenschaftliche Hingabe an den Gegenstand. Nur schade, daß eine allzu stark vethätigte Neigung zum Tremolliren die Wirkung ihrer prächtigen Stimme etwas beeinträchtigte. Auf der Bühne lassen sich damit ja ganz schöne Wirkungen erzielen, in der getragenen GesangSweise deS Oratoriums ziehen wir aber den ruhig dahinfluthenden Ton vor.

Auch Fräulein Marie Langsdorfs von hier leistete Treffliches. Entbehrt auch ihr mächtiges, wohlklingendes Organ in der tieferen Lage der Klangfülle, so fesselt sie doch durch lebensvollen, von warmer Empfindung beseelten Vortrag. Wir erinnern hier nur an die Arie:Set stille dem Herrn." Welch tief empfundenen, schlichten und zu Herzen gehenden Ausdruck wußte sie ihr zu leihen!

In Herrn Siegmund Krauß aus Darmstadt lernten wir einen reich talentirten Tenoristen kennen, der mit seiner phänomenalen Stimme noch mehr aus­richten dürfte, wenn sie bei fortgesetzter Schulung erst eine noch größere Ausgleichung und Abrundung erfahren hat.

Herr Adolf Müller «uS Frankfurt verdient ebenfalls volle Anerkennung.. Besonders bewunderten wir die maßvolle Beherrschung seiner reichen Stimmmittel, | deren sympathischer Schmelz in der Arie:Es ist genug" zur vollen Geltung kam.

Die Chöre stellte der Akademische Gesangverein, dem wir namentlich zu dem herrlichen Frauenchor gratulircn. Die vorgetragenen Chöre, die theilweise große An-1 forderungen an die Sänger stellen, verriethen gründliches Studium und sorgfältige l Ausfeilung und zeichneten sich durchweg durch tadellose Reinheit und Präcision aus. j

DaS Orchester entledigte sich seiner Aufgabe mit hingehendem Eifer und ge-? wohntem Geschick. Nur hätte nach unserer Ansicht die Begleitung zu manchen Chören und Sologesängen etwas diskreter gehalten sein dürfen, es wäre daS der glänzenderen Entfaltung der Singstimmen sehr zu gute gekommen.

Wirksam unterstützt ward Chor und Orchester von der Orgelpartie, welche in den Händen deS Herrn Gel haar aus Frankfurt lag.

Der Eindruck, den das ganze Werk in dieser wohlgelungenen Vorführung hinter­ließ, war ein tiefer. Wir zweifeln nicht daran, daß jeder Zuhörer die Kirche verließ mit dem Gefühl der inneren Befriedigung und religiösen Erbauung. Unseren Dank drum für den erhebenden Genuß dem Concertverein und vor Allem dem Dirigenten des Vereins, dessen kundiger Hanv die Leitung der Aufführung anvertraut war! H. D.

Vermischte*.

A Mainz, 10. Februar. Nach einer Kälte von 7 Grad in verflosfiner Nacht ist heute früh wiederum ziemlich heftiger Schneeiall eingetreten, der indeß in Folge steigender Temperatur nicht lange anhielt. Die Schifffahrt aus dem Rhein ist wieder