Nr. S«
Samstag den 12. Februar
1667
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Amtlicher HHeil. Bekanntmachung.
Betr.: Die Reichstag-Wahlen.
Nachdem der Unterzeichnete für die bevorstehenden Reichstagswahlen zum Wahlkommissär des ersten Wahlkreises des GroßherzogthumS, bestehend au»: 1. Kreis Gießen.
2. Aus dem Kreise Al-feld die Gemarkungen:
1. Atzenhain, 2. BernsfeLd, 3. Ermenrod, 4. Flensungen, 5. Ilsdorf, 6. Kirschgarten, 7. Lehnheim, 8. Merlau, S- Nieder- Ohmen, 10. Ober-Ohmen, 11. Ruppertenrod, 12. Wettsaasen, 13. Zeilbach.
3. Aus dem Kreise Schotten die Gemarkungen:
1. Eichelsdorf, 2. Gedern, 3. Glashütten, 4. Groß-Eichen, 5. Klein-Eichen, 6. Mittel-Seemen, 7. Nieder-Seemen, 8. Ober-Lais, V. Ober-Seemen, 10. Ober-Schmitten, 11. Steinberg, 12. Unter-Seipertenrod, 13. Volkartshain.
4. Aus dem Kreise Büdingen die Gemarkungen:
1. Bellmuth, 2. Bergheim, 3. Berstadt, 4. Bingenheim, 5. Bisses, 6. Berstädter-Markwald, 7. Bleichenbach, 8. Blofeld, 9. Reichelsheimer Antheil an Bingenheimer Mark, 10. Babenhausen 1., 11. Borsdorf, 12. Dauernheim, 13. Dauernheimer Hof, 14. Schleifeld, 15 Echzell, 16. Echzeller Markwald, 17. Eckardsborn, 18. Effolderbach, 19. Fauerbach, 20. Geis-Nidda, 21./22. Gelnhaar (Jsenb. u. Doman.), 23. Gettenau, 24. Heuchelheim, 25. Hirzenhain, 26. Kohden, 27. Harbwald, 28. Leidhecken, 29. Lißberg, 30. Michelnau, 31. Nidda, 32. Ober-Widdersheim, 33. Ortenberg, 34. Ranstadt, 35. Schwickartshausen, 36. Selters, 37. Conradsdorf, 38. Unter-Schmitten, 39. Unter-Widdersheim, 40. Grund-Schwalheim, 41. Usenborn, 42. Wallernhausen, 43. Wippenbach.
ernannt worden ist, bringt derselbe hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß
Freitag den 23. Februar 1S87, Vormittags 11 Uhr
in dem Sitzungssaal des Regierungsgebäudes zu Gießen die Protokolle über die Wahlen in den einzelnen Wahlbezirken durchgesehen und die Resultate der Wahlen zusammengestellt werden sollen- Das Ergebniß wird sodann verkündigt werden.
Der Zutritt zu dem Local steht jebem Wähler frei.
Gießen, den 10. Februar 1887. Der Wahlcommissär:
______________________________________________________Dr. Boekmann, Provinzialdirector.__
Bekanntmachung.
Unter Bezugnahme auf unsere Bekanntmachung vom 3. l. Mts. (Anzeiger Nr. 31) bringen wir hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß dem 2. Wahlbezirk der Stadt Gießen noch die Bewohner der Sonnenstraße zugetheilt worden sind.
Gießen, den 11. Februar 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
vr. B o e k m a n n.
—M ■X.V,..!. MSm—BM m !■! Illliniin nimm Illi IIMHW»—BH—■Hirn—ruBM—m
Politische Ueberstcht.
Gießen, 11. Februar.
Die Ergebnisse der am 21. d. Mts. stattfindenden Neuwahlen zum deutschen Reichstage «erden von Den Wahlcommissaren in der bei frühern gleichen Anlässen beobachteten Weise dem Relchsamte Des Innern telegraphisch gemeldet werden. Sowohl für die Annahme der abzusendenden Telegramme, als auch für die Niederschrift der angekommenen Telegramme kommt das vom Reichspostamt gegebene Muster zur Anwendung. Letzteres hat an und für sich gegen früher eine Abänderung nur insofern erfahren, als demselben eine zweite Bemerkung hinzugefügt worden ist, welche sich aus Fälle bezieht, in welchen die erste Wahl zu keinem endgiltigen Ergebnisse geführt hat. Sämmtliche Telegraphenanstalten, welche bei der Beförderung von Wahl-Telegrammen betheiligt sind, müssen sowohl am Tage der Wahlen als auch am Tage der Ermittelung des endgiltigen Wahlergebnisses bis 10 Uhr Abends, beziehentlich bis zur erfolgten Abtelegraphirung der Wahltelegramme im Dienst bleiben. Die ertheil- ten Bestimmungen gelten auch für die Beförderung der bei etwaigen Nachwahlen zur Aufgabe gelangenden Wahltelegramme.
Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte in seiner Dienstags- sitzung den ganzen Etat de» Ministeriums des Innern in der Specialberathung. Die Einnahmen wurden überhaupt debattelos genehmigt, dagegen kam es bei Tit. 1 der dauernden Ausgaben (Ministergehalt) über die feiner Zeit vielbesprochene Glocken - Affaire in Rheinbrohl zu einer ausgedehnten Discusston, wobei namentlich das Verhalten des Bürgermeister» Conrad und de» Landrath» v. Runkel erörtert wurde. Die höchst unfruchtbare Debatte hierüber beschäftigte das Haus fast zwei Stunden lang, worauf noch eine ebenso unfruchtbare Auseinandersetzung zwischen dem CentrumS-Abgeordneten Rintelen und mehreren nationalliberalen und conservativen Abgeordneten über die früheren liberalen Grundsätze des genannten Herrn folgte. Im weiteren Fortgänge der Verhandlungen gelangten noch eine ganze Reihe von Beschwerden und Wünschen von den verschiedensten Seiten des Hauses zur Sprache, während die einzelnen Positionen selbst durchgehends Genehmigung fanden. Am Mittwoch hielt da» Haus wieder einen „Schwerinstag" ab.
lieber den Wiederzusammentritt des Herrenhauses verlautet noch immer nicht» Bestimmter und nur so viel soll gewiß sein, daß die neue kirchenpolitische Vorlage da» Herrenhaus zunächst noch nicht beschäftigen wird.
Die belgische Regierung hat nun doch die Vorlage über Bewilligung eines außerordentlichen Credits in der Deputirtenkammer eingebracht; die Brüsseler Privat-Meldungen, denen zufolge die Regierung wegen beruhigender | Versicherungen fetten» Deutschland» von der Einbringung der genannten Vorlage vorläufig wieder Abstand genommen haben sollte, find demnach unzutreffend ge-
} wesen. In dem Entwürfe werden die außerordentlichen Ausgaben für da» laufende Jahr auf 50 Mill. Frcs. festgestellt, wovon 20 Millionen allein auf das Kriegsministerium, die übrigen 30 Millionen auf die andern Ministerien entfallen. Nach den Erklärungen des Minister-Präsidenten und Finanzminister» Bernaert soll der außerordentliche Credit mit zur Erneuerung der Infanterie- Waffen und zum Umbau, resp. zur Erweiterung der Befestigungen von Lüttich und Namur verwendet werden. Doch will die Regierung für dieses Jahr nur den dritten Theil des Credit» bewilligt haben und versicherte schließlich der Minister, daß die belgischen Staatsfinanzen es gestatteten, diese schweren Lasten aus sich zu nehmen. Die Motive sollen der Kammer demnächst dargelegt werden.
Die französische Deputirtenkammer hat am Dienstag ohne jede Debatte den außerordentlichen, von der Regierung für Zwecke de» Heere» und der Marine geforderten Credit von 116 Mill. Frc». einstimmig bewilligt. Bon den 116 Millionen entfallen 86 auf das Krieg-Ministerium und 30 auf das Marineministerium und die Herren Boulanger und Aube können sich gratn- liren, daß ihnen diese bedeutenden Mehrforderungen so ganz unbeanstandet bewilligt worden sind; ihren Minister-Collegen wird e» bei der Weiterberathung de» Etat» wohl nicht so gut werden!
Die Adreßberathung im englischen Unterhause spinnt sich von einem Tag zum andern fort, ohne daß ein Ende dieser langathmigen Erörterungen abzusehen wäre. Am Montag wurde die Eintönigkeit der Verhandlungen in etwas unterbrochen, indem Parnell sein Amendement zur Adresse ein* brachte, welches Reformen in Irland im Sinne der Landliga verlangt. In der Debatte hierüber erklärte der Regierungs-Vertreter, daß die Regierung zuerst Gesetz und Ordnung in Irland wieder zur Geltung bringen und dann erst mit den von ihr für nöthig erachteten Reformen vorgehen werde, während Parnell erklärte, daß nur Selbstverwaltung die irische Bevölkerung befriedigen würde.
Das Londoner Cabinet veröffentlicht ein Blaubuch über die Verschwörung gegen den Fürsten Alexander von Bulgarien, welches indessen über diese Vorgänge nicht» wesentlich Neues enthält. Es sind zwischen London und Petersburg gewechselte Noten über die bulgarische Affaire, in denen die beiderseitigen Regierungen ihre friedlichen Absichten hinsichtlich der Lösung der Krisis befeuern.
Das europäische Rüstungssieber hat jetzt sogar die nordamerikanische Union erfaßt. Wie au» Washington berichtet wird, nahm der Senat zwei Bill» an, welche Der Regierung einen Credit von 21 Mill. Dollar» behuf» Unterstützung der Stahlsabrication für Zwecke der militärischen Ausrüstung der Kriegsmarine und der Küstenvertheidigung bewilligen.
Die Niederlage Der Italiener durch Die aoyfsinijchen Waffen hat nun doch den Rücktritt de» Ministerium» Depreti« nachgezogen.


