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Nr. 9. Mittwoch den 12. Januar 1887

ilntdnir

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Vrtrearrr Schul st raße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierlkljährUck 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

<urd) die Pott bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheil.

Betreffend: Da- Ersatz.Geschäft für 1887.

Gießen, am 3. Januar 1S87.

Großherzrgliches Kreisamt Gieße«. Dr. Boekmann.

E Bezug auf die Bestimmungen der Deutschen Wehr-Ordnung fordern wir alle im Jahr 1867 geborenen Militärpflichtigen, sowie die in früheren 2rojrtl\8e&a>ienex nicht zur Musterung gestellt haben, oder welche hinsichtlich ihrer Verpflichtung zum Eintritt oder ihrer Befreiura vom

Militärdienste noch keine definitive Entscheidung erhalten, und entweder im Kreise Gießen ihren dauernden Aufenthalt haben oder in demselben ura menfthntm"SWmge Lehranstalten, oder als Haus- und Wirthschastsbeamte, Handlungsdiener, Lehrlinge,' Handwerksgesellen Lebrburschen' Dienstboten, Fabnkarbeiter oder m ähnlicher Eigenschaft stch anfhalten, hiermit auf, sich behufs Eintragung ihrer Namen in die Stammrolle in der zeit £5'?x[U0nb?J Am ,L Februar l. I bei der Bürgermeisterei ihres Wohnortes, beziehungsweise ihres Aufenthaltsortes, zu melden und dabei "orzulegen " bW 9eboten fbtb' Geburtsschein und wenn sie sich bereits bei einer früheren Musterung gestellt haben, ihren Loosungs-Schein

qn ,®tr zugleich darauf aufmerksam, daß Diejenigen, welche die Anmeldung Unterlasten, zu gewärtigen haben, baß sie mit einer Strafe bi« m 3 9' V0" bet ^n'hme an der Loosung ausgeschlossen und ihre? etwaigen Ansprüche !auf ZEstLung £

Anmeldun^e^9°e?pflichte? Mllitärpflichtigen, welche zur Zeit abwesend find, sind deren Eltern, Vormünder, Lehr-, Brod- und Fabrikherrn zu diesen bekannt i?achen^zu^affe°/^°" Bürgermeistereien des Kreises werden beauftragt, Vorstehendes in ihren Gemeinden noch besonders auf ortsübliche Weife

Politische Ueberfkcht.

Gießen, 11. Januar.

Der Kaiser erwiderte in seinem Dankschreiben auf das Neujahrs­schreiben des Vereins zum Rothen Kreuz: Er lebe der Hoffnung, daß die Be­mühungen, welche dem deutschen Volke die Segnungen des Friedens erhalten sollen, nicht vergeblich sein werden. Mit dieser von so hoher Seite aus geäußerten Friedens-Zuversicht stehen in jüngster Zeit aufgetauchte Gerüchte im Änklang, welche bestimmt wissen wollen, daß die zwischen Berlin und Peters­burg eine Zeit lang tatsächlich bestandene Spannung nunmehr vollständig gehoben, sei. Außerdem schreiben diese Gerüchte aber dem russtschen Kaiser die Absicht zu, zum bevorstehenden 90. Geburtstage Kaiser Wilhelms nach Berlin zu kommen. Der Besuch des Czaren am Berliner Hose wäre gewiß als ein eminentes Friedenszeichen zu betrachten, aber es muß vorläufig bezweifelt wer­den, ob Alexander III. wirklich eine derartige Absicht hegt, schon deshalb, well ein solcher Besuch bei der kleinen, aber gerade gegenwärtig sehr einflußreichen altrussischen Partei, als deren Haupt der bekannte Herausgeber der ,,Moskauer Zeitung", Katkow, anzusehen ist, einen ungünstigen Eindruck machen würde.

Selten ist wohl dem Ausgange der Reichstags-Verhandlungen über eine RegterungS.Vorlage allseitig mit so viel Spannung entgegengesehen worden, als es jetzt bezüglich der Militär-Vorlage der Fall ist. Nachdem auch die so gut wie ergebnißlos verlaufene zweite Lesung des Septennatr-Sesetzes in der Commission keinerlei Entscheidung gebracht hat, hängt Alles von dem Aus­falls der weiteren Plenar-Berathungen über die Militär-Vorlage ab. Nach den bis jetzt getroffenen Dispositionen soll die zweite Plenarlesung an diesem Dienstag beginnen und hofft man, daß die dritte Lesung und mit ihr die entscheidende Endabstimmung sich vielleicht noch am nächsten Samstag werde ermöglichen lassen. Zu diesen Verhandlungen steht man auch der Theilnahme des Reichs­kanzlers entgegen. Es ist höchst wahrscheinlich, daß sich bei den bevorstehenden Verhandlungen des Plenums die Erörterungen und Gegensätze von dem technisch­militärischen Theile der Frage der Heeres-Verstärkung mehr nach dem politisch- constitutionellen Gebiete hinüberspielen werden und um so mehr werden die ferneren Entscheidungen von den Entschließungen des leitenden Staatsmannes selber abhängen. Nach wie vor herrscht in den parlamentarischen Kreisen die Anschauung vor, daß die Regierung in keinem principiellen Punkte nachgeben werde, zumal sich ja auch der preußische Kriegsminister in seiner Antwort auf ein aus Nordhausen etngegangenes Zustimmungs-Telegramm dahin geäußert hat, daß die verbündeten Regierungen unbedingt an der ursprünglichen Militär-Vor­lage fefthalten werden. Die Mtlitär-Commisston hielt am Freitag ihre Schluß­sitzung ab, in welcher Referent v. Huene den sehr umfangreichen Bericht verlas. Vorher hatte Abg. Dr. Buhl Bericht über die eingegangenen Petitionen zur Mtlitär-Vorlage erstattet, von denen sich 16 gegen und 170 für die Regie- rungs-Vorlage aussprechen; zwei Drittel der letzteren sind allein aus Württem- berg eingegangen. Es wurde beschlossen, dem Plenum vorzuschlagen, die Petitionen durch die Besprechung in der Commission als erledigt zu erklären.

Der Reichstag setzte am Freitag nach zweitägiger Pause die Special- berathung des Etats bei Cap. 13 (Patentamt) des Etat» des Reichsamtes des Innern fort. In der sich hierüber entwickelnden Debatte wurde neben der in Angriff genommenen Revision des Patentgesetzes auch eine solche des Marken­schutzes von verschiedenen Rednern als nothwendig dargelegt. Nachdem Staats- secretär v. Bötticher erklärt, daß im Bundesrathe die Mängel des Markenschutz- gesetzes zur Zeit bereits einer Prüfung unterzogen würden, wurde das Capitel unverändert genehmigt. Bei Cap. 13a (Reichsoersicherungsamt) wurden vom Abg. Dr. Baumbach verschiedene Wünsche hinsichtlich der Vereinfachungen der Verwaltung der Berufs-Genossenschaften, der Aenderung des schiedsrichterlichen

Verfahrens u. f. w. ausgesprochen und befürwortete er überhaupt eine Revision de« UnfalloerficherungSwesen«, während Staatrsecretär v. Bötticher dem aeaen. über bezweifelte, daß sich schon jetzt eine solche Revision nothwendig mache «eiteren verlause der Dircussion wurden von verschiedenen Seiten noch eine R-ihe anderer Wünsche und zum Theil auch Beschwerden in der Frage der Uniallversicherung vorgebracht, zugleich fehlte es aber nicht an Anerkennungen de. Thätigkett der Reichsversicherungsamtes. Cap. 13a wurde schließlich eben« fall» unverändert genehmigt. Vom socialisiischen Abg. Kayser find zum Etat des auswärtigen Amtes verschiedene Abstriche beantragt worden und zwar sollen 118,800 JC. für Besoldungen der Beamten in den Schutzgebieten und 85 000 JC. al» Zuschuß zu den Verwaltungskosten in Togo, Kamerun u. s. w. aestricken werden. Dieser Antrag ist jedoch abgelehnt worden.

Der frühere Staatssecretär im ReichSschatzamte, Dr. Burchardt ist zum Präsidenten der Seehandlung ernannt worden.

Die Wiederbesetzung de« Postens des russischen Militär« Attachä» in Wien wird mit als ein Symptom der entschiedenen Besserung der politischen Lage betrachtet. In Wiener diplomatischen Kreisen will mau wissen, oaß sich in Petersburg gewichtige Einflüsse, namentlich von panslavisti« scher Seite her, in dem Sinne geltend gemacht hätten, diesen durch den Weggang Kaulbars' erledigten Posten noch länger offen zu lassen. Wenn nun trotzdem die Wiederbesetzung des Postens bekanntlich wurde Oberstlieulenant siouleff hierzu ausersehen nach verhältnißmäßig sehr kurzer Zeit erfolgt ist, so schließt man hieraus, daß in der Umgebung des Czaren die einer versöhnlichen und ruhigen Entwickelung der Dinge geeigneten Elemente über die entgegengesetzten, Einflüsse doch noch gesiegt haben- Hoffentlich bewahrheitet sich diese hoffnungs« volle Auffassung der Stimmung am Czarenhofe.

In Dänemark macht sich wieder einmal der alte Verfassung?« Conflict in voller Schärfe geltend. In der Freitagssitzung der Folkethings erstattete die Finanzkommission Bericht. Die radikal gesinnte Mehrheit lehnt hiernach die provisorischen Maßregeln ab, darunter die Verfügung über Ver­stärkung des Gens'darmerie - Corps; ebenso lehnt die Mehrheit 8 Millionen von den für außerordentliche militärische Zwecke und Befestigungsanlagen geforderten 9Vs Millionen Kronen ab.

Deutschland.

Darmstadt, 8. Januar. Mit Genehmigung Sr. König!. Hoheit des Großherzog« ist der Zweiten Kammer der Stände ein Gesetzentwurf, die Bäche und die nicht ständig fließenden Gewässer betr., zugegangen.

Mit Genehmigung Sr. König!. Hoheit des Großherzogs ist der Zweiten Kammer der Stände ein Gesetzentwurf über die Landeskultur-Genossenschaften zugegangen.

Darmstadt, 8. Januar. Heule ist der Zweiten Kammer der Stände ein Gesetzentwurf mit Motiven, betr. die Besteuerung des Weins, zugegangen.

Berlin, 10. Januar. Der Kaiser arbeitete Vormittags mit dem Chef des Civilkabinets Geh. Rath v. Wilmowrki und empfängt Nachmittags 4 Uhr den Reichskanzler Fürsten Bismarck zum Vortrage.

Die Commission zur Berathung der Grundzüge für ein einheitliches Tonnensystem an den deutschen Küsten beendete heule ihre Berathungen. Die Vertreter der Admiralität, welche den Berathungen beiwohnten, stimmten durch­weg einstimmig den gefaßten Beschlüssen zu.

Heute Nachmittag sand eine abermalige', Sitzung des Staatrministe- riums statt.

Stuttgart, 10. Januar. Ministerpräsident v. Mittnacht ist heute