München, 9. Februar. Die „Allg. Ztg." veröffentlicht den italienischen Wortlaut des dem bereits bekannten Schreiben Jacobini's vom 21. Januar vorausgegangenen ersten Schreibens Jacobini's an den hiesigen Nuntius vom 3. Januar nehft folgender Übersetzung: Hochwürdigster Herr! Aus meinem Telegramm vom 1. Januar haben Sie ersehen, daß allernächftens ein Entwurf zur schließlichen Neotsion der preußischen kirchenpolitischen Gesetze vorgelegt werden wird. Man hat darüber ganz kürzlich formale Zusicherungen erhalten, welche die früheren dem heiligen Stuhle zugegangenen Nachrichten bestätigen. Sie können somit Windthorst in dieser Hinsicht beruhigen und dre Zweifel, welche derselbe in seinem Ihrem letzten geschätzten Berichte beigefügten Schreiben ausgesprochen hat, zurückweisen. Im Hinblick auf diese nahe bevorstehende Revision der Kirchengesetze, welche — wie Grund ist anzunehmen — befriedigend aus- fallen wird, wünscht der bl. Vater, daß das Eentrum die Vorlage des militärischen Septenuats in jeder demselben möglichen Weise begünstige. Etz ist hinlänglich bekannt, daß die Regierung auf die Annahme dieses Gesetzes den größten Werth legt. Wenn cs nun in Folge dessen gelingen sollte, die Gefahr eines nahen Krieges zu beseitigen, so würde das Eentrum sich sehr verdient gemacht haben um das Vaterland, um die Humanität, um Europa. Im entgegensetzten Falle würde man nicht verfehlen, ein feindseliges Verhalten des Eentrums als unpatriotisch zu betrachten; eine Auflösung des Reichstags würde auch dem Centrum nicht unerhebliche Verlegenheiten und Unsicherheiten bereiten. Durch die Zustimmung des CentrumS zu der Septennatsvorlage würde aber die Regierung den Katholiken wie auch dem hl. Stuhle immer geneigter werden. Auf die Fortdauer der friedlichen, gegenseitig vertrauensvollen Beziehungen zu der Berliner Regierung legt der hl. Stuhl keinen geringen Werth. Sie wollen daher die Führer des Centrums auf's Lebhafteste dafür tnteressiren, daß sie ihren ganzen Einfluß bei ihren Collegen anwenden und dieselben versichern, daß sie durch Unterstützung des Septennats dem hl. Vater eine große Freude bereiten und daß das für die Sache der Katholiken sehr vorthcilhaft sein wird. Wenn diese Letzteren auch in Folge der neuen Militärgesctze immerhin neuen Lasten und Beschwerlichkeiten entgegengehen, so werden sie andererseits entschädigt werden durch einen vollständigen religiösen Frieden, welcher doch das Höchste aller Güter ist. Indem ich vorstehende Betrachtungen Ihrem Takte und Ihrer Umsicht anoertraue, bin ich überzeugt, daß Sie den in Betracht zu ziehenden Personen und Verhältnissen gegenüber davon Gebrauch machen werden. Gezeichnet Cardinal Jacobini.
Bukarest, 9. Februar. Der britische Gesandte Lascelles ist heute hier ein- getroffen.
Eine Mahnung ?ur Einigkeit Mischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.
In einem angesehenen Fachjournale der amerikanischen Handelswelt, der Brad- street'schen Handelszeitung, findet sich eine höchst lehrreiche imb zu ernstem Nachdenken anregende statistische Uebcrsicht der im vergangenen Jahre in den Vereinigten Staaten stattgefundenen zahlreichen Arbeitseinstellungen und der hieraus resultirenden schweren wirthschaftltcken Schädigungen. Eine Wiedergabe der hervorragendsten Stellen des Aufsatzes dürfte um so gerechtfertigter erscheinen, als ja auch in der Arbeiterwelt Deutschlands die StrikeS mehr und mehr zu einer stehenden Erscheinung geworden sind, obgleich sie bei uns — glücklicher Weise — noch lange nicht in den geradezu riesenhaften Verhältnissen auftreten wie jenseits des Oceans. Die unten mitgetheilten Zahlen werden dem nur Halbwegs vernünftig urteilenden Arbeiter zeigen, daß Arbeitseinstellungen unter allen Umständen zweischneidige Maßregeln sind, deren Wirkungen sich nur zu ost gegen die Sinkenden selbst kehren und eine unsagbare Menge von Elend, Nolh und Sorge im Gefolge haben.
Die genannte Zeitschrift berechnet die Zahl der durch die Arbeitseinstellungen des vorigen Jahres zum Feiern gezwungenen Arbeiter der Vereinigten Staaten, soweit es sich um die hauptsächlichsten Großbetriebe und wichtigsten gewerblichen Zweige handelt, wie folgt:
Januar..... 47,200
Februar 10,700
März 50,200
April 22,600
Mat 216,200
Juni......16,000
Juli . . August September October . November Tecember
. 10,700 . 13,700 . 3,400
. 23,500 . 20,000 . 10,000
Diese 444,200 Arbeiter betheiligten sich an zusammen 69 größeren Striks, die theils zur Erlangung höheren Lohnes, theils behufs Verkürzung der Arbeitszeit in- scenirt waren. Aber 33 dieser Strikes, also fast die Hälfte der Gesammtsumme, endete mit der totalen Niederlage der Arbeiter und nur fünfzehnmal gelang es ihnen, ihre Forderungen erfolgreich durchzusetzen, während die übrigen 21 Strikes durch Com- promisse zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern endeten.
In einem anderen Verhältnisse zeigt sich die obige Zahlengruppirung, wenn man die Zahl der Strikenden in den hauptsächlichsten Jndustriecentren betrachtet; da figurirt Chicago mit der erschreckend hohen Zahl von 98,300 feiernden Arbeitern obenan, dann folgen Newyork mit 78,300, die Kohlengruben im Osten mit 37,600, Cincinnati mit 32,700. die Neu-England-Staaten mit 27,000, Milwaukee mit 17,000, Philadelphia mit 13,600 Strikenden rc.
Vertüeilt man diese Zahlen auf die verschiedenen Gewerbebetriebe, so ergibt sich als größte Zahl der in einem einzelnen Geschäftszweige von den Strikes betroffenen Arbeiter: 87,300 für die Schlächtereien und Pökelanstalten, 51,200 für Webereien, 48,200 für Maschinenbauanstalten, 37,600 für Bergwerksbetrieb, 31,700 für die Baugewerbe, 26,800 für das Transportwesen (Eisenbahnen), 18,600 für das Möbelgeschäft, 17,000 für das Leder- und Schuhgeschäft, 13,500 für Stahl- und Eisenindustrie, 12,000 für Cigarren- unh Tabakfabrikation. Dazu kommen Näherinnen 10,000, Holz- Hof-Arbeiter 10,000, Handschuhmacher 6000, Klavierbauer 3000, Zuckersieder 2,5000, Bierbrauer 2000, Arbeiter in Wäschereien 15,000.
Bedürfen diese Zahlen noch eines Commentars? Sie sprechen ja für sich selbst. Man bedenke nur: 362,400 müssiggehende Arbeiter in den größten Betrieben und hauptsächlichsten gewerblichen Zweigen eines so industriellen Landes, wie es die nord- amerikanische Union ist, — welche Unsumme von Störungen und Verlusten für das wirthschaftliche Leben im Allgemeinen, anderseits aber auch welche zahllose Reihe von bitteren Entbehrungen und Enttäuschungen für die Arbeiter selbst knüpft sich nicht an diese Riesenziffer! Und dabei haben die Strikenden, wie wir sahen, fast bei der Hälfte aller Arbeitseinstellungen ihre Zwecke ganz und gar nicht erreicht; sie mußten, nachdem sie wochen-, ja monatelang auf ihr vermeintliches oder wirkliches Recht gepocht zuletzt unter den alten Bedingungen die Arbeit wieder aufnehmen, und wie viel Millionen allein an Arbeitslöhnen waren nicht in den Zwischenräumen vollständig verloren gegangen!
Was lehren demnach die Ergebnisse der amerikanischen Arbeitseinstellungen? Sie besagen, daß es unter allen Umständen belfer ist, wenn sich Arbeitgeber und Arbeit- nehmer über schwebende Differenzen verständiaen, es kommt hierbei entschieden mehr heraus, als wen» beide Theile mit harten Schädeln gegeneinander rennen und sich beide Theile hierdurch schwer beschädigen. Wird vor Allem der deutsche Arbeiter aus solchen sich mehrenden Vorgängen die richtige Lehre ziehen? Wir wollen es hoffen!
Gießen, 10. Februar. Die Wahlen der Kreistagsabgeordneten durch die Bevollmächtigten der Gemeindeoorstände haben nunmehr ihren Abschluß gefunden; es find weiter gewählt:
Wahlbezirk Großen-Buscck: Gemeindeeinnehmer Lang in Wieseck (neu- gewählt).
„ Eberstadt: Bürgermeister Roth in Muschenheim (wiedergewählt).
„ Lich: Bürgermeister Walz in Lick (wiedergewählt).
„ Londorf: Apotheker Welcker in Allendorf a. d. Lda. (ueu- gcwählt).
„ Staufenberg: Karl Geißler in Lollar (wiedergewählt).
Die Wahl von acht weiteren Kreistagsabgeordneten durch die 50 Höchstbesieuerten findet heute statt.
Vermischte b.
A Mainz, 8. Februar. Unter den hiesigen Socialdemokraten hat sich anläßlich den letzten Stadtverordnetenwahlen eine Spaltung gezeigt, die ihren Grund in einem Streit zwischen de» beiden Führern, Landtagsabgeordneter Jöst und Schneider Leyendecker, fand. Die überwiegende Majorität schloß sich dem Ersteren an, während eine kleine Minorität zu Leyendecker hielt. In einer bei den damaligen Gemeinde- wählen von den Anhängern des Letzteren in die „Stadthalle" einberufenen Volksversammlung ließen die Parteigänger Jöft's Leyendecker nicht zu Wort kommen und mußte der Letztere die Wahrnehmung macken. daß es mit seinem Einfluß in den Arbeilerkrcisen aus sei. Dieser gründliche Absagebrief, den Leyendecker in der damaligen Volksversammlung erhielt, scheint den redelustigen Schneidermeister nicht geheilt zu haben, denn wie verlautet, will derselbe mit seinen wenigen Getreuen vor der Reichstagswahl noch einmal mit einem Manifest beroortreten und neben seinem ehemaligen Freunde Jöst einen zweiten socialdemokratischen Rcichstagscandidaten für den Wahlkreis Mainz-Oppenheim in Vorschlag bringen. Wie die Verhältnisse eben hier liegen, wird dieser zweite socialiftische Kandidat kaum so viel Stimmen erhalten, als die Drucksachen Mark kosten.
Gestern weilte General v. Werther hier und inspicirte die Truppen des 117. und 118. Regiments.
Hier und im Taunus war heute Vormittag heftiger Schneefall.
A Mainz, 9. Februar. In dem Eisweiber der „Rheinischen Brauerei" bei Weisenau sand man gestern einen Drehcrgehülfen von hier erfroren auf. Von einem Geschäfte aus der Brauerei verirrte sich der in dem Gebiete unbekannte Arbeiter und gerieth in den Weiher, aus dem er sich nicht mehr herauszuarbeiten vermochte.
Heber die Panik, die am verflossenen Freitag in dem Klein-Winternheimer Eisenbahntunnel (Strecke Mainz-Alzey) entstanden, ist eine amtliche Untersuchung eine geleitet worden, die ergeben hat, daß bei der Eisglätte der Schienen im Tunnel „Rad- schleifen" entstanden, d. b. die Räder drehten sich, ohne vorwärts zu kommen. Dafür solche Fälle vorgeschriebene Achtungssignal für die Bremser verursachte bei einigen Frauen Schrecken und Hülferufe und dieselben sprangen denn in der That auch aus dem noch nicht vollständig zum Stillstand gekommenen Wagen heraus in den dunkeln Tunnel.
Eingesandt.
Gießen, 10. Februar.
Der Staar, welcher in der Regel erst in der Mitte dieses Monats von seiner Wanderung zu uns zurückkehrt, hat sich vereinzelt schon etwas früher eingestellt und wir hoffen und wünschen, daß derselbe nicht wieder wie im vorigen Jahre, aI5 später «och einmal tiefer Schnee die Erde bedeckte, Mangel und Noth leiden muß. Wiederholt haben wir in Ihrem weitverbreiteten und geschätzten Blatte auf den Nutzen de- Staares aufmerksam gemacht und wir haben dabei sogar mit Zahlen bewiesen, daß der Staar einer der nützlichsten Vögel unserer Gegend ist und also gewiß verdient, bei uns gehegt und gepflegt zu werden. Vor allen Dingen werden wir dafür Sorge tragen müssen, daß der Staar bei seiner Ankunft recht viele Nistkästchen, in denen er so gerne seine Wohnung aufschlägt, bei uns vorfindet, denn je mehr Wohnungen, die ihm behagen, sich demselben an einem Orte barbieten, desto mehr siedelt er sich da an. Der Bau, die innere Einrichtung der Staarenkästchen müssen aber der Art sein, daß sich der Staar darin vor seinen Feinden, den Katzen, Mardern, Raubvögeln u. s. w., ganz sicher fühlt. In einen Kasten, der nicht die gehörige Länge und Breite hat, der mit Riffen behaftet, dessen Flugloch zu weit ist, nistet der Staar sicherlich nicht. Wie und wo benannte Kästchen angebracht werden müssen, dürfen wir wohl als bekannt voraussetzen, da wir ja darüber in diesem Blatte schon mehrfach ganz genaue Andeutungen gegeben haben, und wir möchten nur dringend abrathen, Kästchen an Giebeln anzubringen, weil wir im vorigen Jahre die unangenehme Erfahrung gemacht haben, daß die Staare gerade in diesen auf eine so schlimme Weise von den Thurmfchwalben belästigt worden sind, daß sie die Nester und ihre Jungen, welche natürlich zu Grunde gegangen sind, verlassen mußten. Im Interesse des Staares wollen wir nun noch die Bewohner unserer Stadt, und namentlich die Landbewohner, denen ja der Staar am meisten Nutzen schafft, daraus aufmerksam machen, daß Staarkästchen (50 H per Stuck) bei der hiesigen Firma Andreas Euler zu haben sind. Dieselben sind, was Lange, Breite und Weite des Flugloches anbelangt, ganz genau nach einem Modell gefertigt, das sich vollständig bewährt hat.
In den besten Gesellschaftskreisen wird heute Widtfeldt's beliebter Magenbehagen den renommtrteften Ltqueuren entschieden vorgezogen. Nieder!, u. A. b. Emil Alschbach. 101-
Gottesdienst der israelitischen Religionsgesellschast.
3 U6rffSamltagb^enb'6U^reQm5tafl 8" Uhr, Samstag Nachmitta.
Allgemeiner Anzeiger.
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