Ar. SS Freitag den 11. Februar ISST
Meßmer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Politisch- Uebergcht.
Gietze«. 10. Februar.
Anläßlich de« bevorstehenden 90. Geburtstages des Kaisers war von den verschiedensten Seiten her die Darbringung persönlicher Huldigungen an den greisen Monarchen geplant. Wie nun aber ein Erlaß der Reichtkanzler« im „Reichs-Anzeiger" besagt, hat der Kaiser e» dankend abgelehnt, derartige Beweise von Theilnahme entgegenzunehmen, und zwar sind hierbei lediglich Rücksichten auf seinen Gesundhetttzustand maßgebend gewesen. Die Feier feine« 90. Geburtstage« wird für den Kaiser allerdings ohnehin mit verschiedenen, nicht zu vermeidenden Anstrengungen verknüpft sein und er erscheint daher be- »reiflich daß Alle« vermieden werden soll, war geeignet sein.könnte, diese Anstrengungen noch zu vermehren. Alle Vereine, Corporationen u. s. w., welche etwa beabsichtigten, zum 22. März dem Kaiser persönlich zu huldigen, seien daher aus den erwähnten Erlaß aufmerksam gemacht.
Dar Schreiben de» Cardinal-Staatrsecretärr Jakobrnr in Sachen der Septennatrfrage beherrscht augenblicklich noch dar Tager-Jntereffe. Dieses Interesse wird dadurch noch erhöht, daß säst unmittelbar nach der Veröffentlichung des Schreiben« der rheinische Parteitag der Centrumspartei in Köln — am Sonntag — stattgefunden hat, auf welchem Herr Dr. Windlhorst öffentlich Stellung zu der Kundgebung de« Papste« nahm. Der Centrum,führer hielt eine etwa einstündige Rede, welche da, für die Centrumspartei Angenehme in dec Jakobinischen Depesche krästig hervorhebt, dagegen über die w-mger angenehmen Stellen geschickt hinweggleitet. Demgemäß betonte Herr Windlhorst, wie sehr da« Cenlrum Anlaß habe, sich über das Jakobini'sche Schreiben zu freuen, denn in demselben sei vom heiligen Vater nicht nur anerkannt, welch' große Verdienste sich da« Centru» erworben habe, sondern er werde auch da« Fortbestehen der Centrumspartei aurdrücklich als nothwendig bezeichnet. Ebenso werde vom Papste anerkannt, daß das Centrum in weltlichen Dingen nach vollständig freier Erwägung stimmen könne. Daß der Papst den Wunsch ausgesprochen, dar Septennat möchte angenommen werden, sei lediglich durch Zweck- mäßigkeilS-Gründe veranlaßt. Schließlich erklärte Windthorst, daß da, Ceutrum den Wünschen de, Papste» gern entsprochen haben würde, wenn er eben möglich gewesen wäre, aber Unmögliche» könne Niemand leisten; der Papst werde seinen treuen Söhnen gewiß nicht zürnen, wenn er die Gründe de» Centrum« ein- gehend prüfe. — Hiermit ist e« feiten» bet CentrumSleitung offen ausgesprochen worden, daß da« Centrum in dieser Frage dem heiligen Stuhle den Gehorsam verweigert und wenn dies auch Herr Dr. Windthorst in der ihn charakierisiren- den feinen Weise gethan hat, so bleibt seine ablehnende Antwort doch bestehe». Ueber den Umstand, daß der Papst in dem Jakobinischen Schreiben die SeptennatS-Angelegenheit durchaus nicht al, eine rein weltliche, sondern als eine eng mit den kirchlichen Interessen verknüpfte Frage betrachtet, schwieg sich Herr Windlhorst völlig au, — e, wäre in der Thal selbst für ihn fchwierig gewesen, über diese bedenkliche Stelle ander« Hinwegzukommen! Die sehr zahlreich besuchte Versammlung stimmte diesen Ausführungen vollkommen bei und gab ihre Einstimmung mit den anderweitigen Auslastungen des Herrn Windthorst zur Wahlbewegung zu erkennen. Schließlich nahm die Versammlung eine sich im Sinne der Windthorst'schen Erklärungen bewegenden Resolution an, welche die Zustimmung zu der Haltung der Eentrums-Abgeordneten in der letzten Reichstags-Session ausspricht und zur Wiederwahl der bisherigen Vertreter der Centrumspartei auffordert. Jetzt ist nun die Reihe wieder an dem heiligen
Stuhle! _ ... , ,
Inzwischen haben es mehrere angesehene Centrums-Organe für gut de- funben, eine veränderte Stellung in der Septennat».Angelegenheit einzunehmen. Der .Wests. Merkur», welcher dem Septennat bislang entschieden feindlich gegenüberstand, erklärt mit einem Male, daß die katholischen Wähler ihren Abgeordneten vollständig freie Hand lasten müßten , wie sie sich in der Militärsrage verhalten wollten und der Stuttgarter „Beobachter , welcher den bisherigen Vertreter eine» katholischen württembergischen Wahlkreise», heftig angriff, weil Gras Adelmann nicht wieder gegen da» Septennat stimme» wollte, signalisirt eine veränderte Stellungnahme zum Septennat in Folge der päpstlichen Kundgebung. Unzweifelhast wird die letztere ihre Wirkungen noch weiter äußern! „ , , . r .
In München kam e» am Sonntag anläßlich de» Vervote» einer socia« listischen Wahlversammlung zu einem größeren Auslaufe auf dem Marrenplatze und mußte die Polizei mit militärischer Hülse die Menge zerstreuen.
Auch in Stettin kam e« am Montag Abend anläßlich der Auflösung einer socialistifchen Wahlversammlung zu ernsten Unruhen und mußte Militär mit ausgepflanztem Seitengewehr einschreiten. Es wurden hierbei meh- rere Personen verwundet, von denen eine schon gestorben sein soll; die Meng, bemolirte da« Wahllocal durch Stetnwürse. .
Der Statthalter von Elsaß-Lothringen, Fürst Hohenlohe, traf am Montag nebst Familie in Metz ein, wo er am Abend auf dem Stadl- Hause einen glänzenden Ball gab. .
Die in den letzten Tagen wieder eingetretene friedlichere Coniunctur hinsichtlich der allgemeinen politischen Lage hält im Westen wie 'm Osten an. Die französische Presse befleißigt sich plötzlich elnes vorsichtigeren Tone», dar große Osficiers-Banket in Pari«, dem Soularger pr^rdiren sollte, ist ver schoben worben und der Kriegsminister selber scheint von seinen Minister-Collegen veranlaßt worden zu sein, sich provocatorischer Maßnahmen zu enthalten. Ja,
der „Figaro" fordert den Ministerpräsidenten Goblet sogar auf, der offenen Erklärung des Fürsten Bismarck, daß Deutschland Frankreich unter keinen Umständen angreifen werde, für Frankreich eine ähnliche Erklärung folgen zu lassen. Freilich, dieser friedliche Wind, der augenblicklich an der Seine weht, kann morgen wieder in das Gegentheil umschlagen und Deutschland wird darum nach wie vor sein Pulver trocken halten.
Im österreichischen Abgeordnetenhause ist es neulich zu einer von antisemitischer Seite provocirten großen Scaudalscene gekommen. Es fielen hierbei Schimpsworte, wie man sie vielleicht in einem gewöhnlichen Schanklocale hören kann, die sich aber doch im Abgeordnetenhause, gelinde gesagt, höchst seltsam ausnehmen; es fehlte nicht viel und die betr. Herren Volksvertreter hätten sich gegenseitig mit Ohrseigen tractirt. Der Scandal wird noch ein gerichtliches Nachspiel haben, welches also dem durch solche Vorgänge arg compromittrrten Ansehen des österreichischen Parlamentarismus wieder aufhelsen soll — eine Mar.dats-Niederlegung der betr. Abgeordneten wäre da wohl eher am Platze gewesen! r
Der Zusammentritt der österreichisch-ungarischen Delegationen zu der angekündigten außerordentlichen Session soll erst im März erfolgen. Weiter wird berichtet, daß die seitens der Kriegsverwaltung an die Delegationen zu stellenden Kreditsorderungen kaum die Höhe von 30 Mill. Gulden erreichen dürften, m welchem Betrage die für Nschanschaffungen bereits verausgabte Summe mit inbegriffen wäre.
Deutschland.
Darmstadt, 9. Februar. Se. Königl- Hoheit der Grobherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 2. D. Mts. den Oberförster der Oberförsterei Lindenfels, Forstinspector Jacob Seeger, auf sein Nachsuchen mit Rücksicht auf seine geschwächte Gesundheit mit Wirkung vom 1. April d. Js. an in den Ruhestand zu versetzen.
Berlin, 9. Februar. Der Kaiser ließ sich heute Vormittag un Beisein des Kriegsministers, des Generals Albedyll und des Oberst Winterfeld Mannschaften des Lehr - Infanterie - Bataillons, welche mit dem neuen Gepäck ausgerüstet waren, vorstellen und nahm alsdann noch Vorträge des Kriegsmim- sters und Wilmowski's entgegen. _ru ,
— Das Abgeordnetenhaus genehmigte den Etat der Ansiedelungs-Commission Im Lause der Debatte erklärte Minister Lucius, der Staat verlange von den polnischen Unterthanen bedingungslose Unterwerfung. Wenn die Unter- thanen danach trachten, sich von dem StaatSverbande loszulösen, so sei dies Hochoerrath und Landesverrath. Der Staat sei berechtigt, diese Unterthanen mit geeigneten Gesetzen zu treffen.
Italien.
Rom, 9. Februar. Der König conferirte gestern mit den Präsidenten bet Kammer unb de» Senat». In Deputirtenkreisen verlautet, bie Kammer werbe nach der Genehmigung de» Budget« sich vertagen.
— Der König conferirte gestern Abend außer mit den Präsidenten beider Kammern auch mit dem Vicepräsidenten de» Senat« Saracco, ferner heute mit den Deputirten di Rudini ßDissidcnt), Cairoli und Crirpi und dem Sena- tor 5«™^ ftönigin empfing heute den deutschen Botschafter v. Keudell und G-mahlm.^ $(pef^e be$ @mcra[ä G-nö an den Kriegsminister bezeichnet da« Verhalten der Truppen in den Kämpfen am 25. und 26. Januar al» ein glänzende,. E« sind tobt 23 Offeriere und 407 Soldaten verwundet 1 Dffida unb 81 Solbaten, welche im Hospital zu Massauah sich befinden. Von diese» wird der größere Thetl mit dem Postbampfer nach der H-imath beförbert werden. _________
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. C^rrespondeur-Brrrean.
tlnen ÄÄ-ÄSMÄÄ Mrfe nscht Ewn/ wabem'ben'im ®Sn“be5 SnabSmatSRcretärS Jacobi.,i aU*8'baM« ® «^ruac'Ufkrn SlÄubten hinter dem Justtzpalaste zwei gegen ein (Sitter des benachbarten Polizei-Commissariats geschleuderte Bomben. Der Polizei-
ist erheblich. Don den Thäiern bat man birher keine Spur «nt^ckt^ @MtgeS wurde «wÄte .»■»—«<"**
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Nach dem Schliche der Kundgebung schlug ein nach Osten zieben stellte dir
weg« mehrere Schaufenster ein und plünderte mehrere Laden.
Ordnung wieder her und verhaftete mehrere Personen.


