Nr. L8S. Mittwoch den 10. August 1887.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureaur Sch ul ft raße 7
iggggM—MMW—
Amtlicher Hheil.
Nr. 32 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 6. d. M., enthält:
(Nr. 1743.) Bekanntmachung, betreffend die einheitliche Bezeichnung der Fahrwasser und Untiefen in den deutschen Küstengewäffern. Vom 31. Juli 1887.
Gießen, den 9. August 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag-
Preiö vierteljährlich 2 Mark 20 Vf. mit Bringerlobn.
Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Aeutschland.
Straßburg, 8. August. Den Gebrüdern Weisbach wurde gestern die Wiedereröffnung ihrer Fabrik in Embermeil gestattet. (Fr. Ztg.)
Metz, 8. August. Gestern Abend 6 Uhr sand die feierliche Einweihung .der Denkmals statt, welches der Turn- und der Kriegerverein den im Jahr 1870 in Metz gestorbenen 283 deutschen Kriegern aus dem Militär-Friedhose errichtet |aben. Alle Militär- und Civilbehörden wohnten der Feier bet.
Hesterreich.
Bad Gastein, 8. August. Kaiser Wilhelm nahm Morgens ein Bad, «achte einen Spaziergang aus der Kaiserpromenade und besuchte die Großher- ilLgin von Weimar, welche um 9 Uhr eingetroffen war, in Straubinger'- Hotel. Sestern Nachmittag besuchte der Kaiser die Gräfinnen Gruenne und Lamberg. Sm Diner nahm Theil der Botschafter Reuß. Abends machte der Kaiser eine Zvazierfahrt nach dem Kötschachthale und nahm den Thee bei der Gräfin Lehn- totff ein.
— Der Kaiser von Oesterreich hat dem Flügeladjutanten des Kaisers Wilhelm, Major v. Bülow, und dem Militär-Attachä bei der Botschaft in Wien, Major v. Deines, den Orden der Eisernen Krone 3. Klasse verliehen. Dem beiderseitigen Gefolge wurden von Setten der Majestäten sehr werthvolle ©rinne» runzs-Geschenke zu Thetl.
Italien.
Rom, 8. August. Die „Risorma" schreibt: Die interimistische Leitung des Ministeriums de» Aeußern werde in den Händen Crispi's verbleiben, bis man hoffentlich in kurzer Zett eine Persönlichkeit gesunden, welche sowohl befähigt wie geneigt fei, den Posten anzunehmen, der in Folge der glücklichen Situation Jta- llieis heute weniger schwierig sei, als er es in der Vergangenheit gewesen. Das Ministerium bleibe, wie es war, sowohl bezüglich der Personen wie des Pro- lgrammes, das es sich gestellt. Das Ministerium könne sich indeß immerhin als «in neuer Cabinet bezeichnen, da der Abgang eines Ministerpräsidenten und der Antritt eines neuen Ministerpräsidenten auf keinen Fall ohne Bedeutung bleiben Ünnlen. Dem neuen Ministerium sei die Ausgabe gestellt, während der Parla- tmentiferien sich zu entwickeln und bei dem Wiederzusammentritt des Parlaments iturch die Thronrede feierlich einzuführen.
— Luzzatti und Ellena reisen am Freitag oder Samstag nach Wien, um dort wegen des Handelsvertrages zu verhandeln. Von Wien begeben sie sich Ende des Monats zu dem gleichen Zwecke nach Paris.
~ Der König ist heute nach Monza abgereist.
Telegraphische Depeschen.
Wolff S telegr. Corresporrdenz-Brrrearr.
.l ,, Göttingen, 8. August. Früh 10V» Uhr fand gestern der Festgottesdienst in er Untversitälskirche statt, nach welchem Prinz Albrecht der Einladung der Stadt- ium Rathhaufe folgte, während die Studentenschaft aus dem Markte sich zum i ppen versammelte. Nachmittags war Volksfest auf Rohns. Abends Zusammen- unu tn der Festhalle. Beidem wohnte Prinz Albrecht bei.
Beim heutigen Festakt in der Universitäts-Aula, welchem der Prinz Albrecht unhh' ^elt der Prorector Ritschl die Festrede über die Frage, ob der Liberalismus n rycf Soctaldemokratie specifische Wirkungen der Reformation seien. Eultusminister öi/iSbkIqS die Glückwünsche des Kaisers und der Kaiserin und überbrachte die nid Mi? des Staatsministeriums. Er übergab ferner die Bildnisse von Gauß ' sowie eine Marmorbüste von Hansen. Hieran schlossen sich zahlreiche tihprr ;2;oncn seitens der Behörden und Körperschaften. Oberbürgermeister Merkel Mächte Namens der Stadt Göttingen das Modell zu einer Broncebüste Btsmarck's. "nem Hoch auf den fürstlichen Rector schloß die Feier.
aut^ndou, 8. August. Der Feuerschaden im Whiteley'schen Waarenmagazin wird halbe MWon Pfund Sterling geschätzt.
--ingereicht^' 8. August. Der Minister für Colonien, Balaguer, hat seine Demission for^ßeretft*^* * 81 A^ust. Der Botschafter Nelidow ist hier nach Petersburg
8- August. Die „Agence Havas" meldet, die Minister hätten sich auf ^^allung der Regenten nach Rustschuk begeben.
Die Sonnenfinsternis des 19. August 1887.
l^ckiniÄk Morgen des 19. August wird einem Theile von Europa das seltene, aber fflonhfJr* •- Schauspiel einer Sonnenfinsterniß zu Theil. Während eine totale fceit ilPmcr allen Bewohnern jener Erdhälfte sichtbar ist, welche um diese
rüdrt h,r ^ rr u?erc bcm Horizonte haben, ist dies bei einer Sonnenfinsterniß leider ^onnprrRnft tommt es, daß, obwohl auf der Erde überhaupt totale
ttne tntni. 5.au^0er als Mondfinsternisse eintreten, für einen bestimmten Ort 111542 öpi.A» ?nnenAnJtcrni'6 doch eine große Seltenheit ist. So war Wien im Jahre Endens wied ° ^en ^scheinung und wird es erst am Schlüsse des nächsten Jahr-
Es ist allgemein bekannt, daß eine totale Sonnenfinsterniß eintritt, wenn sich der Mond so zwischen Sonne und Erde stellt, daß sein Schatten die Erdkugel erreicht. Eine Sonnenfinsterniß kann demnach nur bei Neumond statlfinden, aber das Umgekehrte' daß bet jedem Neumond eine Sonnenfinsterniß etntritt, ist nicht der Fall. Die Ursache davon liegt tn Folgendem:
Der scheinbare Lauf der Sonne und des Mondes am Himmel ist im Allgemeinen je ein Kreis, in dessen Mittelpunkte wir uns befinden. Würden diese beiden Kreise zusammenfallen, so müßte bet jedem Neumond eine Sonnenfinsterniß stattfinden- nun sind dieselben aber um 5 Grad gegeneinander geneigt und es ist daher notwendig, daß zur Zett des Neumondes der Mond in einem der beiden Durchschnittspunkte oder wenigstens in dessen unmittelbarer Nähe sich befindet. In diesem Falle findet also eine Sonnenfinsterniß statt; damit sie aber total sei, ist noch die Erfüllung einer dritten Bedingung nothwendig. Es muß, von der Erde aus gesehen, die Mondscheibe größer sein als die Sonnenscheibe. Dies ist nicht immer der Fall, denn der Durchmesser der beiden Scheiben ändert sich; sind die beiden Körper am nächsten zur Erde, so erreichen sie ihren größten scheinbaren Durchmesser. Da aber die Durchmesser der beiden Scheiben sehr nahe gleich sind, so kommt es, daß die Sonnenscheibe größer als die Mondscheibe erscheint und weil dann die Mondscheibe die Sonnenscheibe naturgemäß nicht ganz verdecken kann, so bleibt im Momente, wenn sich die Zentra der beiden Scheiben decken, noch ein lichter Sonnensaum übrig und man hat eine ringförmige Ftnsterntß. Am 1. Januar steht die Sonne in der Erdnähe, ihr scheinbarer Durchmesser erreicht seinen größten Werth, während am 2. Juli das Umgekehrte eintritt. Es werden daher Sonnenfinsternisse, die näher am Juli liegen, früher total sein als solche, welche näher am Januar liegen.
Beim Monde treten Erdnähe und Erdferne je einmal im Monate ein, doch so, daß jede folgende Erdnähe oder Erdferne sich gegen den zunächst folgenden Neumond um zwei Tage früher einstellt. So z. B. ist der März-Neumond 1878 mit der Erdferne des Mondes zusammengefallen, während der September-Neumond mit der Erdnähe zusammenfallen wird. Während die ersten zwei Bedingungen maßgebend sind für den Eintritt einer Finsterniß überhaupt, entscheidet Die letztere über die Größe oder, was dasselbe ist, über die Dauer der Totalttät. Die günstigsten Verhältnisse wären demnach, wenn am 2. Juli bei gleichzeitiger Erdnähe des Mondes eine Ftnsterniß stattfände. In diesem Falle könnte die Totalität die Zeitdauer von etwa sechseinhalb Minuten erreichen. Außerdem werden Orte, welche zur Zeit der Totalttät die Sonne im Zenith haben, sich einer längeren Dauer der Totalität erfreuen, als jene Gegenden, wo die Sonne tief steht. Da nun nur in den Tropengegenden die Sonne den Zenith erreichen kann, so werden Finsternisse, welche in solchen Gegenden sich ereignen, die längste Dauer aufzuweisen haben. Die Sonnenfinsterniß am 19. August gehört nicht zu denen längster Dauer, denn in Sibirien, wo die Finisterniß zu Mittag eintritt, beträgt sie nur 3 Minuten 54 Sekunden.
Der Weg, welchen der Mondschatten auf der Erde zurücklegt, ist ein gerader; verzeichnet man ihn in einer Karte nach Merkator's Projection, dann erscheint er krumm. Der Querschnitt des Schattens bei der diesjährigen Finsterniß ist ein Kreis von 22 Meilen Durchmesser; dadurch aber, daß er in Deutschland schief auffällt, erscheint er auf der Erdoberfläche als ein langgestreckter elliptischer Streifen. Er bewegt sich folgendermaßen über die Erde hinweg: In der Gegend von Göttingen und Nordhausen trifft er in dem Momente die Erde, als die Sonne eben aufgeht, dann zieht er gegen Frankfurt a. d. O., Bromberg, Wilna, Witebsk, Twer, Perm und erreicht bei Tobolsk feinen nördlichsten Punkt, geht dann nach Tomsk, Krasnojarsk und Irkutsk, kreuzt den Baikal - See — hier erreicht die Ftnsterniß ihre größte Dauer — die Mongolei, Mandschurei, die große japanische Insel Nipon und endet 35 Grad östlich von dieser und in 24 Grad nördlicher Breite im Stillen Ocean bei Sonnenuntergang.
Um diesen Weg zurückzulegen, benöthigt der Schatten 2 Stunden 42 Minuten. Außer den Orten, die an der eben marktrten Linie liegen, sehen auch noch alle Orte die Sonne total verfinstert, welche bis 12 Meilen nördlich oder südlich dieser Linie liegen. Die Dauer der Totalität in der Mitte des Schattens beträgt für Deuffchland etwas mehr als zwei Minuten. Je weiter weg von der Centrallinie des Schattens, desto kürzer dauert die Totalttät. So z. B. liegt Gera hart an der bezeichneten Grenze und es wird dort die Totalität nur einen Moment dauern. Königsberg hingegen liegt bereits außerhalb der Totalitätszone. Für alle anderen Gegenden Europas mit Ausnahme des Westens ist die Finsterniß partiell, d. h. der Mond bedeckt nur theil- weise die Sonnenscheibe.
Ist es schon höchst interessant, das Abnehmen der Sonnensichel zu verfolgen, sowie den Eindruck zu beobachten, welchen das langsame Verschwinden des Tageslichtes auf Menschen und die umgebende Thierwelt ausübt, so hält dies alles keinen Vergleich aus mit der Erscheinung der total verfinsterten Sonne. Der Eindruck ist ein so gewaltiger, daß sogar Astronomen, welche weit her gereist kamen, um während der Totalität Beobachtungen anzustellen, sprachlos und unbeweglich blieben und so den Reisezweck verfehlten.
Und wem ist nicht die historische Thatsache geläufig, daß im Alterthum während einer Schlacht eine Ftnsterniß eintrat, welche die kämpfenden Krieger so ergriff, daß die Schlacht aufhörte. Es wird nicht so bald eine Erscheinung geben, welche jo sehr geeignet wäre, Bewunderung und Liebe zur Natur zu erwecken. Es darf daher nicht Wunder nehmen, wenn in Deutschland von verschiedenen Seiten Extrazüge zu dieser Vorstellung des Himmels abgelasjen werden, wobei hauptsächlich gewünscht wird, daß sich die Jugend dabei betheilige.
In dem Augenblicke, wo der letzte Sonnenstrahl verschwunden ist, zeigt sich um den dunklen Mondrand eine glänzende Strahlenkrone, die sogenannte Korona, welche am hellsten am Mondrande strahlt und von da nach und nach schwächer wird, bis ite sich verliert. Zuweilen ist sie sehr regelmäßig, ein andermal stark ausgezackt und an einzelnen Stellen strahlmförmig weit vorschießend. Sieht man mit einem Fernrohre oder auch mit einem Opernglase näher hin, so bemerkt man um den Mondrand einen purpurnen Saum, aus welchem an einzelnen Stellen die wunderbarsten wolkenartigen Gebilde, die Protuberanzen, hervorstrahlen.
Secchi beschreibt in seinem großen Werke über die Sonne eine Finfterniß, der er selbst betgewohnt, folgendermaßen:


