Ausgabe 
10.7.1887 Erstes Blatt
 
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Ax, 1S7 Blatt. Sonntag dm 10. Juli 1Z87.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Amtlicher Hheit.

Gefunden: 1 Rodhacke, 1 Paar Handschuhe, 1 gold. Siegelring, 2 Taschentücher, 1 Kinderschürze, 1 Pantoffel, 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 kickrkragen, 1 Paar Lederschuhe, mehrere Schlüffel und Hundeblechmarken.

Zugelaufen: 1 Wachtelhund.

Gießen, am 9. Juli 1887. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

M I. V.: Kraemer.

Berlin, 7. Juli. Welche einschneidende Wirkung die Krankenverffche- mg schon jetzt nach kaum dreijährigem Bestehen aus unsere ganze Bevölkerung gM davon giebt Zeugniß die Entwickelung, welche dieselbe in dieser kurzen zriß in Berlin genommen hat. Sämmtliche Berliner Krankenkaffen zählten Gabe 1884 einen Mitgliederstand von 98,000 Personen mit einem Gesammt- W-Lermögen von 631.000 JL, Ende 1886 aber waren bereits 231,000 Anwohner, also aus je 6 einer, Mitglied dieser Kaffen und ihr Gesammtver- Bgen war schon auf über IV2 Mill. gestiegen, zumal das letzte Jahr einen Ueberschuß der Einnahmen über die Ausgaben von rund einer halben Mill. JL ergeben halte. Die Thätigkeit der Kaffen im letzten Jahre erstreckte fich auf 70,967 Krankheitsfälle mit 1,641,599 Krankheitstagen und 2635 Sterbefälle. Lie Ausgaben beliefen stch auf über P/2 Mill. JL Krankengelder, die zwischen 1.20 und 2,40 c4t täglich schwankten, 175,702 <M. Sterbegelder (zwischen 48 und 180 v4L für jeden Fall), 455,000 JL für Arzneien und Heilmittel und 559,000 vH für Krankenhauspflege. An Beiträgen sind von den Kassenmit­gliedern zwischen 22 und 75 wöchentlich zu zahlen. Es ist nicht zu bezwei­feln, daß diese erfreuliche Entwickelung noch weitere günstige Fortschritte machen wirb, je mehr die erste Zeit der Einrichtung überwunden und die Kosten ver- winbert sein werden.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Correspondenr-Brrrearr«

Ems, 8. Juli. Der Kaiser machte gestern nach dem Diner eine Aus* W im offenen Wagen mit dem Prinzen Wilhelm und wohnte Abends der Vorstellung im Kur-Theater bei. Er setzte heute die Kur fort und machte eine Auffahrt mit Graf Lehndorff im offenen Wagen. Am Diner nimmt Prinz Wlaus von Nassau Theil.

Leipzig, 8. Juli. Landesoerrathsproceß. Das Urtheil lautet gegen Klein auf 6 Jahre, Grebert 5 Jahre Zuchthaus; Erhärt wurde freigesprochen.

Klein und Grebert wurden, außer zu den gemeldeten Zuchthausstrafen von 8 Md 5 Jahren, auch zum Verlust der Ehrenrechte auf die Dauer von 10 Jahren verurtheilt.

In den Entscheidungsgründen des vom Reichsgerichte gesprochenen Urtheils wird hervorgehoben, daß die Geständnisse des Angeklagten Klein für glaubhaft zu er­achten seien, zumal unter Berücksichtigung der Umstände, unter denen Klein die Geständ­nisse abgelegt habe. Alles, was Klein an Frankreich verrathen habe, sei zum Wohle des Deutschen Reichs einer fremden Regierung gegenüber unbedingt geheim zu halten gewesen. Klein habe gewußt, daß das französische Kriegsministerium seine Sendungen M Fleuriel und Schnäbele erhalte. Weitere Beweise für Klein's Schuld seien die Bnese Schnäbeles. Grebert anlangend, so sei trotz seines Leugnens die Schuld desselben erwiesen durch die Aussagen Klein's und der anderen Zeugen, ferner auch durch die Ergebnisse der Haussuchungen. Grebert sei im Dienste von Fleureuil und Gerber Agent für die französische Regierung gewesen und habe von dem Treiben Klein's volle «Mtniß gehabt, demselben auch bei den Zeichnungen von den Straßburger Be- Mgungen Beihilfe geleistet, Grebert sei auch für Klein nach Mainz gereist. Die Behauptung Klein's, daß er aus Patriotismus gehandelt habe, verdiene keine Beachtung, An patriotischer Mann verrathe auch nicht ein fremdes Land, das ihm nichts zu Leide yethan M in welchem er Schutz gefunden habe. Bei der Verkündung des Urtheils ewayrte Klein völlige Ruhe, Grebert dagegen verlor alle Fassung.

Paris, 8. Juli. Boulanger ist Abends 8 Uhr nach Clermont abge- Dor dem Hütel Du Louvre, von wo Boulanger nach dem Bahnhose fuhr, yatte eive größere Menschenmenge sich angesammelt, welche ihn mit Hochrufen empfing unb bis zum Bahnhofe begleitete. Aus dem Bahnhose waren die Depu- 2 l und Laguerre zur Begrüßung da. Die Polizei bereitete der Kundgebung kein Hinderniß.

g. Vari-, 8. Juli. Deputirtenkammer. DÄiffe griff den Minister des ^wattigen, Flourens, an, weil dieser verspätet von der Veröffentlichung des G^tzes über die Erhöhung der Prämie für die Ausfuhr von Alkohol Merrichtel worden fei. Flourens erwiderte, der officielle Text des Gesetzes fei

27: v. Mts. veröffentlicht worden, am 29. v. Mts. nach Paris gelangt und «n andern Tage den zuständigen Behörden mitgetheilt worden. Der Zwischen- M war damit geschlossen.

v, 3n der Budget-Commission theilte der Conseil-Präsident Rouvier mit, daß / obere Eisenbahn-Commission dem Entwurse einer versuchsweisen Mobllistrung sei $orp5 abMeigt gegenüberstehe, well Die Zeit hierzu unzureichend 'S, Deputirtenkreisen glaubt man, der Entwurf werde vertagt werden.

äußerste Linke beschloß, die Regierung über die allgemeine Politik zu rpelluen. Rouvier erklärte sich bereit, die Interpellation am Montag ent* Segenzunehmen.

-London, 8. Juli. Die Morgenblätter besprechen die Wahl des Prinzen bäh , urg &um Fürsten von Bulgarien in beifälligem Sinne. DieTimes" LOhVz r ausgemacht, daß England, Italien und wahrscheinlich auch die Türkei ,nen Einspruch gegen die Wahl erheben werden.

In Rorth Paddington wurde der Conservative Aird mit 418 Stim­men Mehrheit gegen den Liberalen Routbledge zum Deputirten gewählt.

Rom, 8. Juli. Das amtliche Blatt veröffentlicht ein Dekret, welchem für Schiffe, die aus den Häfen Rocella, Jonica und Catania, wo die Gesund* heitsverhältniffe verdächtig sind, in anderen italienischen Häfen eintreffen, ärzt- liche Untersuchung anordnet.

Depretis reiste heute Nacht nach Stradella ab. Die Minister, viele Senatoren, Deputirte und höhere Beamte geleiteten denselben nach dem Bahnhofe.

Sofia, 8. Juli. (Meldung derAgence Havas"). Die aus Bulga­rien geflüchteten, in Konstantinopel befindlichen Anhänger Zankow's zeigten der Regierung an, daß sie den von der Sobranje einstimmig gewählten Fürsten auch ihrerseits annehmen würden.

Konstantinopel, 8. Juli. Drummond Wolff theilte dem Groß- wefsier mit, er werde nicht über den 10. Juli hinaus in Konstantinopel verweilen.

Lokales.

Gießen, 9. Juli. fSitzung der Stadtverordneten vom 7. 3ult.] Anwesend: Herr Bürgermeister Bramm, von Seiten der Stadtverordneten die Herren Georgi, Grüneberg, Dr. Gutfeisch, Haustein, Hoch, Homberger, Jughardt, A^. Roll, Petri, Dr. Ploch, Scheel, Simon, Schopbach, Vogt und Wallen^ fels. Gemäß dem am 28. Juli 1842 errichteten Testament des Herrn Ehr. Gerhard Hast wrrd über die Vertheilung der Zinsen des gestifteten Kapitals von 3000 ft., welche am 28. Juli, Abends 6 Uhr, jeden Jahres stattfinden soll, Beschluß gefaßt und mittelst Stimmzettel diejenigen 10 bedürftigen Armen hiesiger Stadt bestimmt, welche in diesem Jahre die Wohlthat der Stiftung genießen sollen. Der Wirthschaftsplan über die Stadtwaldunaen für 1888 wird genehmigt. Das zum Einschlag vorgesehene Holz­quantum betrügt 9974 Fstm., darunter an Stammholz 1306 Fstm. Eichen, 722 Fstm. Nadeln und 23 Fstm. Buchen. Der Aufwand für Cultur- und Wegebauten beträgt 640 JL Der Einwand eines Mitgliedes des Stadtverordneten-Eollegiums, an den Waldwegebauten könne gespart werden, wenn die Wege weniger breit angelegt würden, wird als nicht zutreffend bezeichnet, die Waldwege müßten die gehörige Breite haben. Neber die gelegentlich des Realschuljubiläums von ehemaligen, in Amerika befindlichen Schülern gestiftete Spende von 1000 Ji. wurde s. Z. beschlossen, das Lehrercollegium dieser Schule um entsprechende Vorschläge über die Verwendung der aus diesem Kapital springenden Zinsen zu ersuchen. Der nunmehr vom Herrn Director der Realschule eingereichte Bericht spricht sich dahin aus, das Kapital verzinslich bei der Stadtkasse anzulegen und die Zinsen zur Anschaffung von Büchern zu verwenden, mit denen brave Schüler alljährlich bei der Schulfeier beschenkt werden sollen. Die Schuldeputation befürwortet diesen Vorschlag zugleich mit demjenigen, welcher dahin geht, die Zinsen aus der Heyer'schen Stiftung, welche seither der Schule im Allgemeinen zuflossen, zu demselben Zweck zu verwenden. Die Versammlung beschließt dementsprechend, und beträgt die Gesammtsumme der jährlich aus den beiden Stieftungen fließenden Zinsen rund 65 JL Das Gesuch des Herrn Architecten Huhn um Erlaubniß zur Er­richtung eines Neubaues in der Dammgasse wird abgelehnt, weil die Bebauung dieser Straße noch nicht vorgesehen ist. Das Bauerlaubnißgesuch des Herrn Schreiner- meister GeorgFranz wird, nachdem dasselbe zweimal abgelehnt und die Baudeputation auch für diesmal Ablehnung beantragt hatte, befürwortet und zwar unter der Be­dingung, daß Gesuchsteller jetzt schon Sicherheit leistet für das Sttaßengelände, welches derselbe unentgeltlich an die Stadt abzutreten verspricht, wenn sein Gesuch befürwortet werde. Der Plan zu dem projectirten Neubau des Herrn K onrad Schmidt (Krof- dorfer Weg) verstößt gegen § 18 der Local-Bauordnung und wird infolge dessen Ab­lehnung des Gesuches beschlossen. Das nicht auf der Tagesordnung stehende Baugesuch des Herrn Gustav Moog soll befürwortet werden, wenn die Eigenthumsverhältnisfe der Wodestraße geregelt sind. Die Beschwerde der Herren Wtlh. Löbe^r VI. und Heinrich Becker über den Wasserzufluß nach ihren Grundstücken in der ^chwarzlach wurde schon in der Sitzung vom 16. Juni behandelt und die gestellten Ansprüche auf Abhülfe abgelehnt. Dies Hal die Petenten veranlaßt, mit Inanspruchnahme der Hülfe höheren Orts zu drohen; die Versammlung beschließt trotzdem, auf ihrem Beschluß vom 16. Juni zu beharren. Die Gesuche der Herren Fabrikant L. Georgi, Agent Jean Bo eck uno Maschinenbändler Theodor Haubach um Wasserabführung aus ihren Grundstücken in städt. Canäle werden widerruflich genehmigt. Herr Hermann Heß, Lumpenhändler, beabsichtigt, neben dem Schlachthaus ein Lagerhaus zu bauen und reflectirt auf das dazu erforderliche Gelände; die Versammlung beschließt indeß, Gelände am Schlachthaus vorerst nicht zu veräußern. Herr Gastwirth Emil Schmoll (Frankfurter Hof) hat sein Gesuch, die Stadt möge die am Schuhmacher Gerhardt'schen Hause angebrachte Laterne in die Zahl der Richtungslaternen aufnehmen, wiederholt. Die Baudeputation beantragt Eingehen auf das Gesuch, wenn Herr Schmall sich bereit erklärt, die Kosten von ca. 38^L, welche eine Richtungslaterne jährlich mehr verursacht, zu tragen. Die Beschlußfassung wird indeß ausgesetzt, da die Herren Stadtverordneten sich von dem Stande der Beleuchtung des Lindenplatzes, der Lindengasse rc. selbst über­zeugen wollen. Zur Anschaffung von Pflänzlingen rc. für die städtischen Anlagen wird Herrn Stadtgärtner Balser ein Credit von 100 JL zur Verfügung gepellt. Hierbei ergreift Herr Schopbach die Gelegenheit, auf die Nothwendigkeit der Er­richtung weiterer Sitzplätze in den Anlagen hinzuweisen, was Herrn Bürgermeister Bramm zu der Erklärung veranlaßt, daß diese Angelegenheit demnächst in der Bau­deputation erörtert würde. Die 9tothwendigkeit des Begießens des Realsaiulhoses hat Baudeputation und Stadtverordnetenversammlung veranlaßt, über die zmeckmatzigfie Art der Begießung zu berathen. Man hatte beabsichtigt, von dem Einfahren eine» Gteßfasses in den Realschulhof abzusehen, dagegen die Verwaltung zu beauftragen, einen Schlauch anzuschaffen und vermittelst des Hydranten das Beaießen leibst vornehmen zu lassen. Die Ausführung dieser Anordnung ist jedoch an den hohen Kosten (circa