Ausgabe 
10.3.1887 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Ai- Zweites Blatt. Donnerstag d , £0 März 1887.

Amts- und Anzeigeblatt für dm Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags

Vurearrr Schulstraße 7.

PreiS vierieljährlick 2 Mart 20 Pf. nut Bringerlobn- Durch die Post bezogen vierteljähUick 2 Mark 50 Pf.

Politische Uebersicht.

Gießen, 9. März.

Der neue Reichstag bat am Montag seine eigentliche Thätigkeit mit der erfien Verätzung des ihm unverändert wieder vorgelegten Gesetzentwurfes über die Feststellung der FriedenSpräsenzstärke begonnen. Man nimmt allgemein an, daß das Seplenna'Sgesetz noch im Laufe dieser Woche definitiv genehmigt werden wird. Inwieweit es dem Reichstage dann gelingen wird, die Etatrberathung noch bis zum 1. April zu erledigen, bleibt abzuwarten, höchst wahrscheinlich wird aber der Etat in allen seinen Theilen bis zu dem genannten Termine noch nicht fertiggestellt sein und ein Provisorium dürfte darum nicht zu vermeiden sein. Vis zum Eintritt der Osterpause wird der Reichstag jeden­falls die Gesetzentwürfe über den Servistarif und die Klaffeneintheilung der Orte erledigt haben, während die Beratungen über das Militär-Relictengefetz iub de» Entwurf, betr. den Ausschluß der Oeffentlichleit bei Gertchts-Verhand- limgen. wohl erst nach Ostern ihre definitive Beendigung erfahren dürsten.

D.e S t i ch w a h l. E a m p a g n e ist mit einer Entscheidung durch dar Loos beendigt worden, welche fich im Wahlkreise Merseburg. Querfurt näthig machte. Hier hatten bekanntlich der seitherige Vertreter, Gutsbesitzer Panse (freis.) und fein sreicovservativer Gegner, Gutsbesitzer Reubarth, bei der engeren Wahl gleich viel Stimmen erhalten, so daß dar L»os entscheide« mußte. ^Dieses ist nun zu Gunsten des freiconservativen Candidaten ausgefallen, womit fich indessen die Gegner nicht beruhigen «ollen und beabfichtigen ste, die Wahl Neubarth's anzufechten. Außerdem stehen noch Neuwahlen in Friedberg (.Hessen), wo Miquel gewählt wurde, und in Brandenburg - Land, refp. Varel, in welchen beiden Kreisen Herr Rickert gewählt wurde, bevor. Dem Vernehmen nach hat sich Herr Rickert für Brandenburg entschieden, so daß fich die Nachwahl für ihn in Varel nochwendig machen würde und darf man annehmen, daß diese ebenfalls zu Gunsten der Freisinnigen aussallen wird, ^gleichwie die Friedberger Nachwahl zu Gunsten der Nationalliberalen. Jedoch läßt sich auch jetzt eine ganz genaue Uebersicht über die Zusammensetzung des neuen Reichstages noch nicht geben. Zunächst werden über die Parteistellung dieses und jenes Abgeord­neten noch verschiedene Berichtigungen nöthig sein; z. B. wurde vom osficiöse» Telegraphen der in der Stichwahl gewählte Abgeordnete für Norderdithmarschen, Thomson, als nationalliberal aufgesührt, während Herr Thomson, welcher diesen Wahlkreis schon in der vorigen Legislaturperiode im Reichstage vertrat, der freisinnigen Partei angehört. Auch werden zwischen den Nationalliberalen und Freiconservativen noch genauere Unterscheidungen bezüglich der Zugehörigkeit Verschiedener neuer Abgeordneten zu einer der beiden Fraktionen zu machen sein. Schließlich muß noch abgewartet werden, ob einige Abgeordnete, die fich als Hospitant dieser oder jener Fraktion bezeichnen, sich derselben vielleicht nicht noch förmlich anschließen werden; doch sind jedenfalls keine großen Verände­rungen in den schon mitgetheilten provisorischen Urbersichten zu erwarten.

Die Vorarbeiten zur Ausführung der in der Thronrede ange­kündigten Vorlage über die Erweiterung der Jnnungsbesugnisse sind dem Vernehmen nach bereits ausgenommen worden. Zu weitgehende Vorschläge in dieser Beziehung dürsten aber schon im Bundesrathe Schwierigkeiten begegnen, da Bayern und Baden keine erhebliche Einschränkung aus diesem Gebiete wünschen sollen. .

Der französische Ministerpräsident Goület hat es für nöthig gehalten, den Gerüchten über ernste Meinungsverschiedenheiten in seinem Cabinet entgegenzutreten. Er betonte nämlich in der Samstags-Debatte der Kammer über die Erhöhung der Getreidezölle, daß zwar Ouch im Ministerium selbst die Ansichten in dieser Frage verschieden seien, daß es aber seine Einigkeit für noth- wendiger halte, als die Aeußerung einer Ansicht über die Getreidezollsrage. Er geht aus dieser etwas gewundenen Erklärung hervor, daß das Cabinet nicht wünscht, die in ihm bestehenden Differenzen durch eine bestimmte Stellungnahme in der genannten Frage blosgelegt zu sehen. Die eigentlichen Schwierigkeiten liegen aber auf dem Gebiete Der auswärtigen Politik, denn hier find der Mini­ster des Aeußern, Flourens, und der Kriegsminister Boulanger bedenklich zu- fammrngerathen und wenn vielleicht auch der Riß zwischen beiden Ministern wieder üderkleistert worden sein mag, so wird bei dem berrischen Wesen Bou- langer^S Die notdürftig wieder hergestellte Einigkeit im Cabinet doch kaum von längerer Dauer sein.

Der raschen Unterdrückung des jüngsten bulgarischen Militär- Aufstandes ist die ebenso rasche Justiz!firung der vom Rustschuker Kriegsge­richte zum Tode verurtheisten Hauptschuldigen auf dem Fuße nachgefolgt. In Bukarest eingegangenen Nachrichten zufolge wurden die Betreffenden am Sonntag Morgen 5 Uhr hingerichtet, mit Ausnahme zweier Osficiere, von denen der eine, CapUän Belmann, russischer U?.terthan ist. Am Montag sollte das kriegs- gerichtUche Urtheil über die am Ausstand betheiligt gei eam Unterosficiere und Soldaten gesprochen werden. Eine officielle Depesche Sofia vom 7. März thellt mu, daß das Todesurtheil an 8 Osficieren vollstreckt wurde, während Capitän Belmann dem deutschen Generalconsul ausgeliesert wurde. Nach der Vollstreckung des Urtheils reclamirte letzterer noch sieben, mit den Waffen in der Hand gefangen genommene meuterische Osficiere als russische Unterthanen, von denen jedoch auch schon zwei füfilirt worden waren. Die Regentschaft soll hierauf erwidert haben, daß sich mit Ausnahme Belmann's die schuldigen Osfi­ciere sämmtlich in dem Verhör als bulgarische Unterthanen erklärt hätten. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Rußland diese Reclamationen und deren Zurück­

weisung durch die bulgarische Regierung als einen Vorwand nimmt, dieselbe fortgesetzter Vergewaltigungen russischer Unterthanen" zu zeihen und besonders dürste die Hinrichtung der 8 Osficiere ein willkommener Anlaß zu einem acti- oeren Vorgehen Rußlands gegen die bulgarische Regierung sein. Vielleicht, daß darum die Rustschuker Execution das Steinchen bilden wird, welches die Lawinen endlich in's Rällen bringt!

Zur italienischen Ministerkrisis wird gemeldet, daß König Humbert beschlossen habe, die Demission des Cabinets DepreUS nicht anzu­nehmen. Da sich die Unmöglichkeit, das Cabinet Depretis neu zu bilden, zur Evidenz herausgestellt hat, so bleibt auch wirklich kein anderer Ausweg übrig, als dasselbe im Amte zu belassen und dieser Ausweg dürfte durchaus den In­teressen Italiens entsprechen. Die italienischen Oppofitionsparteien haben jeden­falls ihre vollständige Unfähigkeit dewiefen, das von ihnen jo heftig angefemdete Ministerium Depretis-Robilant zu ersetzen.

8 t e ® i f öl t

A Vom Rhein, 7. März. Gestern waren es 100 Jahre, daß in Coblenz die ersten Pioniere in Garnison kamen. Aus diesem Anlaß sanden gestern in Coblenz große Festlichkeiten statt. An dem das Fest verherrlichenden Feftzug nahmen sämmt- liche Coblenzer Vereine mit zahlreichen Musikcorps und Fahnen Theil.

In Caub hat sich ein Comitö gebildet, das zur Erinnerung des denkwürdigen Rheinübergangs des Fürsten Blücher in der Neujahrsnacht 1813 dem wackeren General in Eaub ein Reiterstandbild zu errichten bezweckt. Vorsitzender des Comitös ist der Bürgermeister von Eaub, an welchen Beiträge für das in edler kraftvoller Einfachheit geplante Denkmal zu senden sind.

Ende verflossener Woche wurde in dem Walde in Daxweiler bei Stromberg der Förster der Puricelli'schen Waldungen, auf einem Stein sitzend, tobt aufgefunden. Anfänglich glaubte man es mit einem Verbrechen zu thun zu haben, doch hat die gerichtärztliche Untersuchung ergeben, daß der Förster Flesch an einem Herzschlag gestorben. r t

Heber den Selbstmord des Verwalters der Mumm'schen Guter auf dem Johannisberg, Herrn Merten, wird uns mitgetheilt, daß keineswegs Unregel­mäßigkeiten in der Verwaltung den Unglücklichen zu dem Schritt veranlaßt, sondern daß verschiedene dem feinfühlenden Manne widerfahrene Kränkungen das Motiv zu dem Selbstmord waren.

Der Salmenfang hat bereits seinen Anfang genommen und verspricht derselbe sehr ergiebig zu werden. Am Freitag wurde bei St. Goarshausen em Salm von 36 Pfund gefangen. Unter den Fischern wird indeß sehr über den niederen Preis (1,30-1,40 JC das Pfund) geklagt.__ ri ,

Kastel (bei Mainz), 7. Marz. Die ständige Ausdehnung rote auch die Neuansieoelung der großen industriellen Etablissements und Fabriken auf derAmöne­burg" (bei Biebrich) und der daraus sich entwickelnde lebhafte Geschäftsverkehr mit hier und Mainz läßt eine directe und bequemere Bahnverbindung zwischen hier und dem genannten Fabrikdistrict schon lange als ein dringendes Bedürfniß erscheinen. Dieses Bedürfniß erkennend, hat seiner Zeit die Mainzer Straßenbahn-Gesellschaft von der hessischen Regierung die Concession zur Anlage einer Straßenbahn von Kastel dis zur preußischen Grenze erwirkt, mit der Absicht, später die Bahn bis Biebrich auszudehnen. Da nun aber die beregte Straßenbahngesellschaft die Ausführung dieses Planes trotz mehrfacher Anregung aus unbekannten Gründen sehr lange hinzuziehen trachtet, sind mehrere Industrielle von der Amöneburg zu dem Entschlüsse gekommen, mit Bahn­bauunternehmer in Verbindung zu treten und unter Hebernahme einer bestimmten Garantie den Bau einer Dampfstraßenbahn zwischen hier und der Amöneburg zu ver­anlassen. Um die Anlage möglichst billig zu bewerkstelligen, hat man tm Sinn, die Bahn auf dem ziemlich werthlosen Terrain längs dem Rhein herzusühren und hostt man besonders unter der Berücksichtigung, daß die geplante Bahnanlage auch der Militärbehörde in dem Verkehr mit dem FortGroßherzog von Hessen" sehr zu Statten kommt, leicht die Concession der preußischen und hessischen Staatsregieruug zu erhalten. Auf nächste Tage sollen sämmtliche Interessenten zu einer Besprechung hierher em- gelaben^roerben^^ ^gen bei Cohn!") Der Hamburger Lotterie Collecteur Cohn, bekannt durch vorstehende Devise in seinen Annoncen, wurde zu 6 Jahren Zuchthaus verurteilt, da er die Gewinnlisten gefälscht und zu diesem Zwecke eine eigene Druckerei im Keller eingerichtet hatte. t. l .

sBörsenhumor.) Die Verluste, welche die Besitzer von Actien der Chemischen Fabrik Schering" erleiden, indem der Cours um ungefähr 300 Procent gefallen ist haben den Berliner Börsenhumor zu folgendem Klapphornoers hcrausgefordert:

Zwei Herren saßen am Büffet.

Der eine ein Kotelett, Der andere 'nen Hering Er hatte Schering." r. c . r

Koblenz, 4. März. Aus der Strafanstalt zu Diez sind m einer der letzten Nackte 2 Sträflinge entsprungen, von denen der eine der zu 15 Jahren Zuchthaus verurtheiUe berüchtigte Dieb und Einbrecher Heinrich Glockenheimer, L-chustergeselle aus Albers­weiler (Pfalz) ist. Der geriebene Gauner ist schon einmal aus dem Cantongefangmtz zu Meisenheim ausgebrochen.

DemRheinh. Beobachter" in Ober-Ingelheim ist nachstehender Brief aus Amerika zugegangen: M c ,, ,

Geehrte Redaction!

Nachdem ich die Reise zwischen Amerika und Europa schon mehrmals mit ver­schiedenen Dampfer-Linien gemacht, habe ich diesmal die Red Star Line über Antwerpen gewählt und bin mit dem ganz neuen PostdampferNoordland^ am 22. Januar von Antwerpen nach New-Aork abgereist. . ., rtll6

QU meiner Freude habe ich auf dem Dampfer fast nur deutsche Passagiere aus Bayern, Baden, Oesterreich und Landsleute aus Hessen getroffen, wahrend out den Dampfern anderer Linien immer die Polen, Russen, Ungarn und ähnliche ubir- roiegenb ünb. Generalagent von der Red Star Line in Mainz, besorgte

uns Schtffskarten zu dem möglichst niedrigen^Preise und^-rth-llte unsbereitwM att jede gewünschte Auskunft und besorgte unser Gepäck, so daß wir nicht die gi 81 $iU6C W^°ll° Zwischendecks-Passagiere waren wirklich erstaunend ubernffcht aber di- Reinlichkeit und Ordnung aus dem ganzen^ Dampfer und im Zw ich n° di- ausg-z-ichnct- Einrichtung desselben, über die vorzügliche und reichlich- i-°l