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Ur. 261. Mittwoch den 9. November 1887.

Gießener KWger

Amts- und Anzeigkblatt für den Kreis Gießen.

Vureaur Schulstraße 7. taMgMBgWTTn- llllll! II 11 IliHH

Erscheint täglich mit Ausnahme des MoniagS

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brinqerlobn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Politische Ueberfkcht.

Gießen, 8. November.

Die Besserung im Befinden unseres Kaisers ist nunmehr sowei vorgeschritten, daß der erlauchte Patient den größten Theil des Tages außer­halb des Bettes zuzubringen vermag, wie er denn auch die Vorträge des Militär- und Civtl-Cabincrs wieder im vollen Umfange entgegennimmt. Bis auf Weiteres ist indessen noch nicht daran zu denken, daß der Kaiser demnächst wieder seine Ausfahrten würde aufnehmen können, die Lerzte rathen dringend noch größte Schonung an, um jeden Rückfall zu verhüten und der greise Herrscher selbst soll entschiedenes Bedürsniß nach Ruhe empfinden.

Der deutsche Kronprinz und seine Familie Haden, wie angekündigt, in voriger Woche ihre Uebersiedelung von Baveno am Lago Maggiore nach dem weltberühmten Wintercurort San Remo an der Riviera bewerkstelligt. Von dem milden und gleichmäßigen Klima dieses Ortes steht zu erwarten, daß es die endliche völlige Wiedergenesung des hohen Herrn von seinem Halsleiden be­günstigen wird.

Der Bundesrath erledigte in seiner Wochen-Plenarfitzung vom Don­nerstag eine sehr reichhaltige Tagesordnung, auf welcher fich jedoch meist kleinere Sachen befanden. Speciell ist nur hervorzuheben, daß der Bundesrath die Er­gänzung der vorläufigen Ausführungs-Bestimmungen zum Branntweinsteuer-Gesetz nach den Vorschlägen der Ausschüsse, sowie die Ausführungs-Bestimmungen zum Kunstbutter-Gesetz genehmigte, den Gesetzentwurf, betr. die Heimschaffung von 'Hinterbliebenen der im Auslande angestellten Reichsbeamten den zuständigen Ausschüssen überwies und schließlich die Vorlagen, betr. den Verkehr mit Wein und betr. die landesrechtliche Anwendung des Reichrbeamten-Gesetzes in Elfaß- Lothrinqen, annahm.

Kaum mehr als zwei Wochen trennen uns noch von dem Zusammentritt des Reichstages und es erklärt fich, wenn nun die öffentliche Drscusston über das, was die neue Sesfion in ihrem Schooße birgt, immer größere Kreise zieht. Obwohl das den Reichstag bei seiner Eröffnung erwartende Arbeits-Material noch kein besonders reichliches sein wird, da verschiedene, in Vorbereitung befind­liche Vorlagen dem Hause erst nach Neujahr zugehen werden, so läßt fich der Berathungsstoff des Reichstages doch schon einigermaßen Überblicken. Es wären da, um nur die Hauptpunkte hervorzuheben, zu erwähnen der Etat, der die Thätigkeit des Hauses in dem Sessions-Abschnitte bis Weihnachten im Wesent­lichen in Anspruch nehmen wird, dann die Getreidezoll-Erhöhung, Die Alters­versorgung der Arbeiter, die Verlängerung der Legislatur-Perioden und des Socialisten-Gesetzes, die weitere Ausbildung unseres Colonialrechtes und etwa noch die Erneuerung unseres handelspolitischen Verhältnisses zu Oesterreich- Ungarn. Von all' diesen Fragen nimmt zunächst die angekündigte weitere Er­höhung der Getreidezölle das meiste Interesse in Anspruch, da verfichert wird, daß der Reichstag einen bezügl. Gesetzentwurf gleich bei seinem Zusammentritte vorfinden werde. Bereits jetzt mehren sich die Kundgebungen für und wider diese Maßregel und daß jene fast nur aus landwirthschastlichen Kreisen und von der lediglich die agrarischen Interessen vertretenden Presse ausgehen, erscheint ganz natürlich. Einen gewissen Rückhalt hat die Agitation für die fernere Er­höhung der Getreidezölle an dem vorige Woche in Berlin abgehaltenen deutschen Landwirthschastsrathe gesunden. Die genannte Körperschaft nahm in ihrer Freitagssitzung in provis. Abstimmung die Getreidezölle an, und zwar Roggen und Weizen aus 6, Hafer und Gerste aus 3, Buchweizen, Hülsensrüchte, sowie verschiedene andere Getreidearten auf 2 alles per 100 Kilo, erhöht. In

weiterer provis. Abstimmung der Landwirthschastsrathes wurden angenommen die Erhöhung der Zölle für Malz aus 6, für Raps aus 5, für Mais auf 3, für Cichorien auf 2, für Mühlenfabrikate auf 12, für Fleisch aus 40, für Oleo- margarin auf 20, für Talg aus 10, für Pferde auf 50, für Füllen und Ponies auf 20, für Schweine auf 10 Inwieweit die Regierungs-Vorlage sich diese, zum Theil nicht unbeträchtlichen Erhöhungen der bisherigen Vieh- und Getreide- Me nach den Vorschlägen der Vertreter der deutschen Landwirthschaft aneignen wird, wird sich bald zeigen.

Zwischen Berlin und Wien hat in letzter Zeit ein Notenwechsel in Betreff der Erneuerung des am 31. December 1887 ablaufenden deutsch- österreichischen Handels-Vertrages stattgefunden. Deutscherseits ist der von der österreichischen Regierung verlangte Abschluß eines Tarifvertrages abgelehnt, dagegen die Bereitwilligkeit ausgesprochen worden, den jetzigen Handels- Vertrag provisorisch auf ein Jahr zu verlängern. Eine Verständigung zwischen beiden Parteien ist noch nicht erfolgt, aber daß eine solche schließlich vor sich geht, kann schwerlich bezweifelt werden, für diese Erwartung spricht schon die zwischen Deutschland und Oesterreich bestehende politische Verbindung.

Der durch die Ernennung des Herrn Dr. Kopp zum Fürstbischof von Breslau erledigte Bischofsstuhl von Fulda ist aus's Neue besetzt, und zwar durch den bisherigen katholischen Stadtpfarrer Prälat Joses Weyland in Wiesbaden. Hoffentlich wird der neue Oberhirt der Fuldaer Diöcese ganz in die versöhnlichen Fußstapfen seines Vorgängers treten.

Die Grundsteinlegung zum neuen Reichsgerichts-Gebäude in Leipzig, welche in diesem Herbst stattsinden sollte, ist auf nächstes Jahr ver­schoben worden.

Zur Angelegenheit der Leipziger Disconto-Gesellschaft ist die Nqchricht zu verzeichnen, daß seitens des Concursverwalters und des Gläubiger-

Ausschusses den Aufflchtsräthen der falliten Gesellschaft die schriftliche Aufforde­rung zugegangen ist, sich innerhalb 8 Tagen zu erklären, ob sie ihre Ver­pflichtung zur Schadloshaltung der Gläubiger anerkennen und ob sie dieselbe Verpflichtung auch den Actionären gegenüber einräumen. Hiermit wird endlich der Aussichtsrath der Disconto'Gesellschaft genöthigt, aus der merkwürdigen Reserve", die er seit dem Eintritt der Katastrophe beobachtet, herauszutreten.

In Belgien zeigen fich unter den Kohlengruben-Arbeitern des Westen» wieder Strikegelüste. In ProduitS-sour-Flenu legten 584 Gruben'Arbeiter die Arbeit nieder, um sie jedoch alsbald wieder aufzunehmen, dagegen feiern in Quareanon und Paturages 470 Arbeiter und verlangen sie eine Lohnerhöhung. Von Störungen der Ordnung durch die Strikenden ist noch nichts bekannt geworden.

Die Abreise des Czaren von Kopenhagen scheint aus's Neue ver­schoben zu sein, so daß die Gerüchte, nach denen jetzt der russische Kaiser selbst an den Masern erkrankt sein soll, eine gewisse Unterlage erfahren. Kopen­hagener Privat-Meldungen wollen dagegen wissen, daß Kaiser Alexander an Appetitlosigkeit leide und die Masern vielleicht erst noch bekommen würde. Ueber die Dispositionen für die Heimreise des Czaren lauten die Mittheilungen nach wie vor fich widersprechend und unbestimmt.

Deutschland.

Berlin, 7. November. Der Kaiser stand nach 1 Uhr auf und nahm um 2 Uhr den Vortrag Wilmowski's entgegen.

Die vierte Sitzung des Landes -Oeconomie- Kollegiums wurde heute durch den Wirkt. Geheimrath Marcard eröffnet; Letzterer wurde zum Vorsitz?n- den, Landrath Hammerstein zum Stellvertreter gewählt. Marcard bedauerte bei Annahme der Wahl, daß das Kollegium diesmal in feiner Mitte nicht wie früher den Kronprinzen begrüßen könne. Auf Anregung Marcard's erhebt sich das Kollegium zu Ehren des Kronprinzen und ersucht den Vorsitzenden, in ge­eigneter Weise dem Kronprinzen diese Gefühle und den Wunsch einer baldigen Rückkehr des Kronprinzen in das Vaterland zu übermitteln.

Das Landes-Oeconomie-Kollegium, zu dessen Verhandlungen auch Mini­ster Dr. Lucius erschienen war, nahm folgende Resolution an:Es erblicke in Ausbreitung der landwirthschastlichen Genossenschaft ein wesentliches Förderungs­mittel der landwirthschastlichen Cultur und des landwirthschastlichen Wohlstände» und ersuche den Minister, die landwirthschastlichen Genossenschaften möglichst zu fördern."

Hesterreich.

Wien, 7. November. DerPolit. Corresp." geht aus Pesth die Mel­dung zu, daß nach den von dem ungarischen Minister für Landesverrheidigung, FHervary, mit dem Reichs-Kriegsministerium geführten Unterhandlungen die Er­richtung einer ungarischen Waffensabrik im Principe beschlossen worden ist.

Amerika.

Chicago, 6. November. Bei einer heute vorgenommenen Untersuchung derjenigen Zellen, in welchen die verurtheilten sieben Anarchisten gefangen ge­halten werden, wurden in der Zelle des Lingg sechs gefüllte Bomben gefunden, welche unter Zeitungsblättern verborgen waren. Diese Nachricht verbreitete sich mit größter Schnelligkeit in der ganzen Stadt und erzeugte große Aufregung. Es sind bereits strengere Maßregeln bezüglich der Zulassung von Besuchen, von Geschenken und der Zustellung von Journalen an die Gefangenen getroffen worden. Der Referent des obersten Gericht» von Illinois hat den Repräsen­tanten der Vereinigten Staaten und den größten Zeitungen Europas den voll­ständigen Text der Verhandlung gegen die Anarchisten vor dem Gerichtshof von Illinois zugestellt, um das betr. Verfahren des Gerichtshofes darzulegen.

Telegraphische Depeschen.

Wolff*S telegr. Eorrespondeirz - Baren«.

Berlin, 7. November. DerReichsanzeiger" meldet: Nach neuerdings hier eingegangenen Nachrichten findet in San Remo in den nächsten Tagen von mehreren Aerzten eine Consultatton über die weitere ärztliche Behandlung des Kronprinzen statt. Se. Majestät der Kaiser beauftragte, um über das Resultat der Berathung nicht nur christliche, sondern auch eingehend mündliche Berichte zu hören, den Prinzen Wilhelm auf einige Tage nach San Remo zu gehen.

Telegramm Mackenzies, San Remo: Das Allgemeinbefinden des Kronprinzen et andauernd vortrefflich, das örtliche Leiden nehme jedoch einen ungünstigen Eharacter an, und obwohl noch ungefährlich, habe er doch die Zuziehung von Specialtsten wie Schröter (Wien) und Krause (Berlin) für nöthig gehalten.

DerReichsanzeiger" meldet:Für die aus allen Theilen meines theueren Vaterlandes, sowie von Nah und Fern, wo Deutsche zur Zett im Auslande weilen, von einzelnen Personen, Vereinen, Versammlungen und Gesellschaften Mir zu Meinem Geburtstage zugegangenen guten Wünsche, nicht minder für die in denselben Angesichts Meiner fortschreitenden Genesung Mir bezeugten, Meinem Herzen wohltuenden, teil­nehmenden Gesinnungen spreche Ich hiermit, bei der Unmöglichkeit, die erhaltenen Briefe und Telegramme einzeln beantworten zu können, Meinen aufrichtigen Dank aus.

Baveno. Friedrich Wilhelm, Kronprinz.

Berlin, 7. November. DieNordd. Allg. Ztg." meldet: Kaiser Alexander wird auf der Rückreise nach Petersburg mit seiner Familie in der nächsten Woche aus Kopenhagen hier etntreffen. Ueber den Tag und die Stunde der Ankunft, sowie über die Dauer des Aufenthaltes ist Näheres noch abzuwarten,