gegen der Betroffene Widerspruch erhob. Nun kam die Sache vor das Schöffengericht. Bei der Verhandlung wurde indessen durch Zeugen bewiesen, daß der Stall, in dem der Ruhestörer campirte, vorschriftsmäßig verwahrt war, und weiter wurde in Betracht gezogen, daß das Krähen „in der Natur des Hahnes" liege. Der Vertheidiger des Angeklagten sprach sich u. A. dahin aus, er wisse bis jetzt nur von zwei Menschen, welche das Krähen des Hahnes nicht leiden konnten: dies seien Napoleon I. und der Kläger. Der Angeklagte wurde freigesprochen.
Moskau. Die in Rußland unter dem Namen das „Goldhändchen" bekannte Diebin Sophie Bluwstein, welche kürzlich vom hiesigen Gerichte abgeurtheilt wurde, ist auf ihrem Bestimmungsorte, der Insel Sachalin, mit dem sie begleitenden Zuge von 150 weiblichen Sträflingen angelangt. Sophie Bluwstein, welche im Alter von 40 Jahren steht, ist noch immer eine stattliche Erscheinung, und selbst im Arrestantenkittel macht sich der fein geschnittene orientalische Kopf, die hellblitzenden Augen und das schwarzgelockte glänzende Haar noch immer vortheilhaft bemerkbar. Sie verstand es meisterlich, sich die Herzen der Männer zu erobern, und besser als Alles spricht hierfür der Umstand, daß sie sechzehnmal mit Männern verschiedenster Nation und Con- fession verheirathet war. Auch im Auslande übte sie ihre Thätigkeit aus, und zweimal verschwand sie unter Mitnahme der kostbarsten Habseligkeiten ihrer Männer aus Frankreich, dreimal aus Deutschland. In Wien hielt sie sich, natürlich unter falschem Namen, int Jahre 1878 auf. Das ihren Männern gestohlene Gut betrug mehr als 300,000 Rubel. Dennoch scheint es dieser Dame, die stets auf größtem Fuße lebte und immer auf ihren Fahrten die erste Classe benutzte, nicht genügt zu haben. Auf ihren Vergnügungsfahrten knüpfte sie gewöhnlich interessante Bekanntschaften an, welche den damit beehrten Herren gerade nicht billig zu stehen kamen und gewöhnlich mit dem Verschwinden von Brieftaschen, Diamantringen und Goldketten ihr rasches Ende fanden. Sibirien, ihr jetziger Aufenthaltsort, ist ihr nicht mehr unbekannt, denn schon einmal ist sie vom Moskauer Gerichtshöfe dahin geschickt worden. Jedoch kaum daselbst angelangt, hatte sie sich die Neigung des Gefängnißobersten zu erwerben gewußt; nach rasch erfolgter Heirath verschwand das saubere Pärchen und lebte kurze Zeit in Konstantinopel. Selbstverständlich verließ die Neuvermählte auch diesen Gatten und kehrte nach Rußland zurück, wo sie, jedoch erst nach zwei Jahren, in die Hände der Behörden siel. Ihr Gemahl, der, auf der Suche nach seinem Weibe, ebenfalls das russische Gebiet betrat, wurde ergriffen und harrt noch im Gefängnisse von Moskau des ihn treffenden Nichter- spruchs. Sophie Bluwstein spricht fließend Russisch, Deutsch, Französisch, Englisch und Rumänisch unD ist im Ausüben von allerlei Gaunerstückchcn äußerst gewandt. Dazu besitzt sie genügend Geist und Humor, was ihr bei Ausübung ihres Gewerbes von nicht geringem Nutzen war. Die Lust zu heiteren Stückchen ist ihr auch im Gefäng-' Nisse nicht ganz geschwunden. Als kurz vor der öffentlichen Verhandlung ihr Ver- thetdiger sich mit ihr berieth, dankte sie diesem in beredten Worten und überreichte ihm als Anerkennung seiner Mühe eine goldene Uhr und Kette. Dem Vertheidiger schien dieselbe bekannt; er griff in die Tasche — es war die seine. Wird der Humor die wackere Dame nicht verlassen, wenn sie die ihr vom Moskauer Gerichtshöfe zugesprochenen 80 Peitschenhiebe erhalten wird? Das „Goldhändchen" wurde zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurtheilt.
Zur Lage des Kasseemarlrtes.
Mitgetheilt von Sixtus^Hartung, Frankfurt a. M.
(Schluß.)
In Rio wurden aus dem Innern nach den Verschiffungshäfen zugeführt seit L Juli bis inet. 9. September:
317 000 Ballen gegen 827 000 in 1886/87
in Santos 160000 „ „ 298000 „ 1886/87 $
zusammen 477 000 «allen gegen 1125 000 ui 1886/87 !
Diese Ziffern beweisen-doch am besten, daß die von gewissen Seiten früher ge- \ machten Angaben, daß sich im Innern von Brasilien noch große Lager befänden, in Nichts zusammenfallen; daß man es in Wirklichkeit mit leeren Lagern im Innern und ! mit einer wirklich sehr kleinen neuen Ernte zu thun hat.
Noch interessanter ist aber das Bild der in gleicher Zeit vom 1. Juli bis heute gemachten Verschiffungen aus den brasilianischen Häfen.
Es wurden abgeladen in Rio und Santos:
nach Europa 100 000 Ballen gegen 691 000 in 1886/87
nach Amerika 133 000 „ „ 478 000 „ 1886/87
zusammen also 233 000 Ballen gegen 1 169 000 in 1886/87
Daß diese kleinen Verschiffungen für die nächsten Monate einen ganz bedeutenden Abfall in den Vorräthen von Europa und Amerika gegen voriges Jahr ergeben müssen liegt auf der Hand, und da 'mm in Europa die Zufuhren der übrigen Productions-'' Länder für dieses Jahr sammtl und sonders zum größten Theile herein sind, so wird der Bedarf in den Herbstmonaten sich nur auf die Vorräthe der Seeplätze selbst beschränken müssen und da solche heute nicht groß und davon wieder ein sehr großer Theil auf Termine festgelegt ist, so wird jede Abnahme der Vorrätbe einen immer, festeren und wahrscheinlich höheren Werth des Kaffeemarktes Hervorrufen.
Ich komme nun zum Schlüsse meines Berichtes auf die jetzigen Preise, wie sie- im Handel selbst sich nach und nach herausgebildet haben.
Good ooerage Santos stand am 10. September Fr. 111 per 50 Ko. in Havre oder 91 Pf. pro Pfund in Hamburg, also ungefährer Einstand für den Grossisten 115 Pf. pro Pfd. verzollt. Im vorigen Jahre zu gleicher Zeit Fr. 59,50 oder Einstand 72 Pf. Gut ordinär Java 31V* C. oder Einstand 78 Pf. Anfang September ooriaen Jahres,'kostet heute 54f/2 C. ober Einstand 119 Pf.
Fein blauer Java September 1886 45 C. oder ca. 100 Pf. einstehend; in diesem Jahre 57^—58 C. — 126 Pf.; fein blauer Guatemala in London 1886: 70 Schill = 96 Pf., heute in 1887: 96-97 Schill. = 123 Pf.; fein blauer Plant.-Ceylon ober Neilgherry in 1886: 83 Schill. = 110 Pf., heute in 1887: 103 Schill. = 130 Pf. - Man sieht also, daß gewöhnlicher Santos oder gut ordinär Java dieses Jahr an den Seeplätzen selbst beinahe um das Doppelte gestiegen; dagegen feine Qualitätssorten nur um ca. 25pCt., ganz hochfeine Sorten noch weniger, und wie sieht es mit dem Detailverkauf aus?
Da wird leider ruhig noch gebrannter Kaffee, der den Grossisten und Zwischenhändler, vom Seeplatze bezogen, jetzt selbst 148—150 Pf. kostet, und also an Detailleure nicht unter 153—155 Pf. verkauft werden kann, noch mit 140 Pf. pfundweise verkauft!
Welche Qualitäten da nach und nach eingeschoben werden, weiß jeder Fachmann. Daß bei heutiger starker Concurrenz eine Erhöhung der Werthverhältnisse im Detail- handel nur schwer durchzuführen ist, ist eine allbekannte Sache, namentlich wenn sich diese Concurrenz in falsch verstandenem gegenseitigem Interesse bekämpft und derjenige welcher früher einen größeren Posten billiger Waare sich gesichert, seinen Nachbarn zum Aerger ruhig zu altem Preise weiter verkauft, Andere wieder im Interesse der Erhaltung der Kundschaft selbst mit Schaden verkaufen. Daß dadurch aber ein Aufschlag nicht aufgehalten wird und eines Tages bei den anhaltend festeren Märkten für wirkliche Waare ein plötzlich erhöhter Werth von 30-40 Pf. kommen muß, liegt doch auf der Hand und bann wird es sich zeigen, mit welchen Schwierigkeiten ein solcher bei dem kaufenden Publikum durchzusetzen ist.
Schon lange ist es eine stehende Klage, daß der Zwischenhändler jeden neuen Einkauf erst eine Zeitlang auf Lager halten, das heißt verzinsen muß, bis er solchen auf Werth an die kleine Kundschaft bringt; leider ist der Zwischenhändler bis meist selbst schuld daran.
Schon in meinem letzten Berichte im November warrch ich davor, Kaffee, welcher eine größere Wertherhöhung erfahren müsse und jetzt schon also erfahren ha^ an die kleine Kundschaft auf allzu lange Lieferfristen und in zu großen Quantitäten zu verkaufen. Man scheint aber das gerade Gegentheil gethan zu haben und die Folgen sind eben die jetzt stetigen Klagen über verschleuderte Detailverkäufe und nicht weniger solche über schlechten Geldeingang. Niemals waren solche so stark als in der gegenwärtigen Zeit, aber einfach, weil man den Kleinhändlern zu viel Waare aufgeladcn, die fle nicht bezahlen können, wenn sie sich nicht durch Schleuderoerkäufe mit Gewalt Absatz verschaffen.
Dem kaufenden Publikum und den Herren im Detailhandel möchte ich aber im allgemeinen eigenen Interesse rathen, .jetzt bei den enorm gestiegenen Werthen der geringen und geringsten Sorten, bie nur um Weniges gegen früher theuer gewordenen besseren, feinen Qualitäten zu kaufen und zu empfehlen, denn Jedermann, welcher Werth auf eine gute Tasse Kaffee legt, ist es gewiß einleuchtend, für eine gute Tasse einen Viertelpiennig mehr zu zahlen als für eine schlechte.
Nachschrift. Am 17. September trafen in Holland neue Depeschen von Java ""'^uacb die Erträgnisse der Regierungs-Ernte nur auf 290 000 Säcke gegen zuletzt 336 000 (Lacke geschätzt werden könne; desgleichen liegen von sehr gut unterrichteten o?/ Nachrichten vor, wonach Rio und Santos zusammen nur 3 bis
3'/, Millionen Sacke ergeben können, die Zufuhren auch bis zum Jahresschluß klein bleiben wurden. — Daß die gerade bis jetzt wieder von der Baisse-Partei gemachten Anstrengungen und forcirten Verkäufe auf entfernteste Termine nur schlechten Erfolg haben werden, Fann als sicher angenommen werden.
Allgemeiner Anzeiger.
Friedr. Seibel, Giessen.
H. Voelzel II., Wieseck.
Otto Rabenau, Alten-Buseck.
W. Rühl, Grossen-Baseck.
Job. Hess XX., Leihgestern.
Conrad Wenzel IV., Langgöns.
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