Nr. L3S Drittes Blatt. Sonntag den 9. Oktober 1887.
WMer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Lwreairr Schulstraße 7.
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Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Vf. mit Brinaerlobn.
Durch b;e Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hheil» Landesbaugewerkschule in Darmstadt.
Beginn de- neuen Unterrichts-Kursus am 13. November 1887, Dauer desselben bis zum 15. Marz 1888.
Anmeldungen, schriftlich oder mündlich, haben bei dem Bureau der Großh. Centralstelle für die Gewerbe und den Landesgewerbeverein — Neckarstraße Nr. 3 in Darmstadt — und zwar längstens bis zum 31. Oktober zu geschehen. Die Zulassung von Schülern erfolgt nach Maßgabe der Plätze, welche die vorhandenen Unterrichts-Localitäten bieten.
schirm in wasserdichten Zustand zu versetzen; alsdann kann man getrost mit dem „Herrn Vetter" von auswäets oder der „Frau Base", die niemals betm Octoberfeste fehlen, ebenso wenig wie der Regen, sich hinaus auf die Wiese wagen und sich dort in's wilde Leben stürzen des allzeit-lustigen Octoberfestes.
Universität- - Chronik.
Marburg, 6. October. Professor Dr. Wagner ist auf seinen Wunsch von dem Amte eines Prosectors an dem hiesigen anatomischen Institute entbunden und der seitherige Assistent Dr. Strahl als Profector ernannt worden.
— Der Prioatdocent Dr. Hans Strahl wurde zum außerordentlichen Professor der medictnischen Facultät hiesiger Universität befördert.
Das Kinder-Seehospiz in Norderney, bekanntlich von dem unterm Protektorate des deutschen Kronprinzenpaares stehenden „Verein für Kinderheilslatten an den deutschen Seeküsten" errichtet, vermag 270 heil- bedürftigen Kindern in seinen schönen Räumen Unterkunft und Verpflegung, ärztliche Hilfe und erziehliche Leitung zu gewähren.
Kaiser Wilhelm überwies s. Z. für den Bau des Hospizes die hohe Summe von 250,000 .AL, und die Erwartungen, die sich bet all' den hochherzigen Gebern an den durch diese Anstalt zu fördernden Zweck rationeller Kinderpflege knüpften, schienen auch in Erfüllung gehen zu wollen, da während des ganzen Sommers alle Plätze des Hospizes besetzt gewesen sind. Allerdings belehrt uns ein soeben von obengenanntem Verein versandtes Circular, daß das Ziel des Vereins erst dann erreicht werden könne, wenn die öffentliche Meinung mit allem Nachdrucke auf die große Heilkraft hingewiesen wttd, welche bei vielen Krankheitsfällen erfahrungsgemäß der Winteraufenthalt in Norderney auszuüben vermag. Die ausgezeichneten, auf die Winterkur berechneten Einrichtungen des neuen Hospizes verbürgen besonders gute Erfolge. Es heißt in dem erwähnten Circular u. A.:
„Leider begegnet eine Winterkur in Norderney noch immer einem weit verbreiteten Vorurtheil, welches wirksam erst allmählich durch thatsächlich erzielte Kurerfolge bekämpft werden kann. Gelingt es, im nächsten Winter an einer etwas größeren Anzahl von Kindern, welche an Skrophulose oder allgemeinem Schwächezustand leiden, wiederum die außerordentliche Heilkraft eines ausgedehnten Aufenthalts in Norderney festzustellen, so würde damit der gesammten Gesundheitspflege ein folgenschwerer praktischer Dienst geleistet sein. Man würde dann nicht mehr zögern, diejenigen leidenden Kinder, welche bislang mit keinem oder nur sehr geringem Erfolge oft Jahre hindurch in großen städtischen Krankenhäusern verbringen, dem Seehospiz zuzuführen und dadurch dasselbe zum Segen der Kinderwelt seinem eigentlichen großen Zweck dienstbar zu machen.
Die nächste Aufgabe aller Freunde unserer Bestrebungen ist es nun, dahin zu wirken, daß für den kommenden Winter dem Norderneyer Hospiz geeignete kranke Kinder überwiesen werden. Bislang liegen erst wenige Meldungen vor und es soll jetzt der Versuch gemacht werden, größere Geldmittel behufs Unterstützung armer leidender Kinder bei einer Wtnterkur herbeizuschaffen. Es ergeht daher bie herzliche Bitte an alle Freunde des Vereins für Ktnderheilstätten, die unterzeichnete Verwaltung des Seehospizes zu Norderney in der angegebenen Richtung durch Sammlung von Geldern thatkräfiig zu unterstützen. Sollte Jemand größere Mittel zur Verfügung zu stellen geneigt sein, so würde die Verwaltung dem betreffenden Geber gern das Recht zugestehen, derselben die Kinder vorzuschlagen, für welche in erster Reihe die Unterstützung verwendet werden soll."
Beiträge sind an den Director Dr. Borent in Norderney zu senden. Nach der „Anmelde-und Aufnahme-Ordnung", die auf Wunsch vom Curator des Hospizes, Bankdirector Thorade in Oldenburg i. Gr., gern versendet wird, betragen die Verpflegungskosten für jedes Kind 10 X — für bemittelte Kinder 15 JL — pro Woche. Im Verwaltungsgebäude des Hospizes befindet sich ein Pensionat, in welchem zwanzig junge Leute männlichen Geschlechts Aufnahme als Pensionäre finden können.
Möchte vorstehend erwähnter Aufruf dem „Verein für Kinderheilstätten an den deutschen Seeküsten" neue Freunde und reichliche Mittel zur Weiterarbeit in einer wahrhaft gemeinnützigen Sache zuführen.
Landwirthfchaftliche Nachrichten.
(Nachdruck verboten.)
— sDie Kartoffelernte.) Mit dem Herbst naht die Zeit für die Ernte der Spätkartoffeln. Es herrschen nun sehr verschiedene Ansichten darüber, wann die Ernte vorgenommen werden soll. Zunächst gilt für Spät- wie für Frühkartoffeln der Satz, daß die Ernte möglichst bei trockenem Wetter vorgenommen werden soll. Dadurch wird vermieden, daß nasse Erde an den Kartoffeln haften bleibt und ein leichtes Faulen derselben verursacht. Sodann ist nur sehr wenig bekannt, daß^die Kartoffeln noch weiter reifen, wenn auch schon das Kraut vertrocknet und die Samen ausgewachsen sind. Das ist durch zahlreiche Versuche als sicher festgestellt, Herr Kiepert hat z. B. gefunden, daß von einem Feld, das am 31. October abgeerntet wurde, 16 Centner Kartoffeln — und noch dazu von höherem Stärkegehalt — mehr geerntet wurden, als von einem gleich großen Feld von gleicher Beschaffenheit, auf welchem die Kartoffeln zwischen dem 17. bis 19. September geerntet wurden. Dadurch, daß die Kartoffeln länger in der Erde liegen bleiben, wird also nicht nur ein höherer Ertrag erzielt, sondern die Güte und die Haltbarkeit gewinnen ganz bedeutend. Mit der Kartoffelernte soll man also nicht zu eilig sein. Freilich ist damit nicht gesagt, daß die Kartoffeln in jedem Falle möglichst lange im Boden bleiben sollen. Frost dürfen sie, wie jeder Landwirth weiß, nicht bekommen und auch die winterliche Regenzeit, die gewöhnlich im November eintritt, ist ihnen durchaus nicht von Nutzen. Ist der Herbst sehr naß und rauh, so wird man die Kartoffeln früher einbringen als in einem milden, trockenen Herbst, der den baldigen Eintritt des Winters noch nicht befürchten läßt. Wenn Ende October schöne, trockene Witterung herrscht, sollte die Ernte mit allen Kräften vorgenommen werden. Als Regel mag gelten, daß die Kartoffeln 5—6 Wochen nach dem Trocknen des Krautes ihre volle Reife erlangt haben; ist das Wetter günstig, so warte man nicht länger. , „ .. .. m
— sWalzen vor der Saat.) Trotz der unleugbaren Vortheile, sie dle Benutzung der Walzen dem landwtrthschaftlichen Betriebe gewährt, hat dieses nützliche Gerath leider noch nicht die Anerkennung gefunden, die ihm gebührt. Den Werth der Walze zur Feldbearbeitung für den Getreidebau kann jeder Landwirth daran sehen, daß die
Literariscde-.
— Die altbewährte ^Jllustrirte Frairen-Zeitung", welche sich seit März d. I. unter dem Titel „Die illuftrrrte Zert" mehr dem aUgemetnen Interesse der Famrlre zugewandt hatte, widmet sich auf vielseitigen Wunsch der Leserinnen von nun ab wieder lediglich den Frauen und hat dementsprechend auch ihren früheren Titel wieder angenommen. Das empfehlenswerthe Blatt dient bereits vierzehn Jahre lang den Interessen der Frauen mit immer wachsendem Erfolge und hat durch die Vielseitigkeit und Gediegenheit seines Inhalts unter den belletristischen Zeitschriften Deutschlands eine angesehene Stellung errungen. Der Unterhaltungstheil bringt sorgfältig ausgewählte Erzählungen, fesselnde Plaudereien und zahlreiche, durch instructive Abbildungen, erläuterte Rubriken, in welchen insbesondere die mannigfaltigen practischen Bedürfnisse des Hauses und der Familie behandelt werden: Hauswirthschaft, Gärtnerei, Mode, Handarbeiten, Erzeugnisse des Kunstgewerbes und andere in den Wirkungsbereich der Frauen fallende Gebiete erfahren die eingehendste Berücksichtigung. Der technische Theil enthält, wie bisher, den vollen Umfang der „Modenwelt". Außerdem werden der durch kunstvoll ausgeführte Illustrationen reich ausgestatteten Zeitschrift noch farbige Modenbilder und ebensolche Stickmuster-Vorlagen, sowie Stickmuster-Beilagen („Exlra- blätter") beigegeben.
— 3ur lOOjährigen JirbilLrrmS-Feier von Mozarts »Don Jrran" rüstet sich bic ganze musikalische Well. Mit Spannung sieht man Den Festoorstellungen entgegen, welche von den meisten größeren Bübnen in Scene gesetzt werden. Eine sehr interessante Festgabe bringt die Tong er'sche »Neue Musik-Zeitung" in ihrer soeben erschienenen Nummer (19), die sich zu einer reichhallrgen, mit gutem Geschmack zu- sarnmengestellten Mozart-Nummer gestaltet. Gleich auf der ersten Seite grüßt uns das wohlgetroffene Portrait des unsterblichen Meisters, begleitet von einer inhaltlich wie formell gleich vollendeten Biographie aus der Feder der bekannten Musikschriftstellerin La Mara. Aus der Fülle der weiteren Artikel heben wir nur folgende hervor: Wie Mozarts Don Juan entstand, Gedenkdlatt von L. Erbach. — Berliner Kritik über die erste Aufführung des Don Juan. — Die italienische Textdichtung des Mozarl'scken Don Juan. — Mozart in Berlin, von A. v. W. — Mozarts Don Juan 1877—1887. — Das einhändige Klavierspiel, Plauderei von Otto B. Weiß. — Die verfehlte Visite. — Ein kleines Kapellmeister-Abenteuer, von M. Knauff. — Dom Kroll-Engel, Humoreske. — Eine Mozart-Reliquie. — Anekdoten, musikalische Neuigkeiten und Vermischtes rc. — Abbildungen von Mozarts Geburts- und Wohnhaus in Salzburg, sowie endlich eine Musikbeilage; dieselbe enthält ein reizendes Melodien- sträußchen aus Mozarts beliebtesten Opern, für Klavier von H. Häßner.
Es dürste unsere Leser schließlich gewiß iäteressiren, zu erfahren, daß die Mozart- Nummer der „Neuen Musik-Zeitung" (80 Pfg. pro Quartal) durch alle Buch- und Musikalienhandlungen gratis zu beziehen ist.
örrmifdbtci.
— (Das Octoberfeft.) Wenn der Herbst mit rauher Hand die Vergnügungen im Freien zum größten Theile von der Festliste des Jahres streicht, dann macht der heitere Kehraus ein großes, süddeutsches Volksfest, das um so einziger in seiner Art oastehl, je rarere Artikel wirkliche Volksfeste jetzt sind: „das Octoberfest" zu München! ~~ Seit dem 12. October 1810, gestiftet zur Feier des Namenstages vom „guten König Ek" (I.), und der Vermählung des Kronprinzen (nachmals König Ludwig I.), erhebt alliahrlich sich — stolz bewimpelt — draußen auf der Fest- oder Theresienwiese, wo me kolossale Statue der Bavaria thront — eine Bretterstadt im Kleinen. Dort lachen und schwatzen, fingen und tanzen, essen, trinken und schauen täglich durchschnittlich ^0- bis 40,000 vergnügte Menschen; Eröffnungstag ist stets der 1. Sonntag im October — nachdem 2 Uhr Nachmittags Kanonenschüsse den Beginn verkünden und der Hof in großer Gala seine Auffahrt hält, denn der Landesherr selbst vertheilt im Aonigszelt die Preise für die centrallandwirlhschastliche Ausstellung. Dieser festliche Akt bildet des Festes Krone, außer dem Wettrennen, bet welchem manch' schlichtes Bäuerlein auf seinem Gaul ganz stolz und glänzend applaudirt, sich seinen Preis erringt. Strömt doch das Land- und Bergvolk zusammen aus allen Gauen Bayerns zum Octoberfeste, zum Theil in den höchst originellen Trachten. — Volksbelustigungen aller Art stempelten von jeher das Octoberfesttreiben zu einem unbeschreiblich buntbelebten. Um Mige Vergnügungen, wie: Kaspcrl-Theater, Schaubuden aller Art, Menagerieen, dressirte Wilde und wilde Thiere, merkwürdige Sehenswürdigkeiten, Gaukler- und andere Vorstellungen, und alle möglichen freien Künste, die nach Brod gehen, verherrlichen das Fest nicht minder als Caroussels, Hirsch- und Scheibenschießen u. s. w. — la, sogar ein „Glückshafen" öffnet verlockend seine gastlichen Pforten für Alle, die oortuna, die launische Glücksgöttin, herausfordern wollen. — Auch Speise und Trank — feilgehalten mit Musik in den verschiedenen Bretterhäuschen, wo man sich häuslich niederlassen kann, — spielen nicht die kleinste Rolle. Im Gegentheil — dem schaumgeborenen Naß des Gambrinus wird mit immer durstigem Sinn gehuldigt und auch des Bachus Quelle nicht verschmäht — den Glanzpunkt aber von sonstigen materiellen Genüssen bildet gegenwärtig ein im Ganzen draußen auf der Festwiese geratener Ochse, 6 Centner 80 Pfund wiegend. — Ein ganz besonderer Reiz des Octoberfestes aber besteht in seiner langen Dauer — währt es doch nicht weniger als « Tage lang, ungerechnet das' Fest vor und das Fest nach dem Feste. — Deßhalb ersetzt es Manchen auch die etwa nicht gehabte Sommerfrische, nur muß man dabei Die Vorsicht gebrauchen, sich vor dem Feste die Stiefel gehörig versohlen und den Regen


