Ausgabe 
9.7.1887
 
Einzelbild herunterladen

Alk. LS6

1887.

Samstag dm 9. Juli

Anzei

Anüs- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Onreairr Schnlstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. :Q$®i&ÄSiEiS2sÄ

Amtlicher Hheil.

Bekanntmachung.

Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Fräulein Louise Schimmel sich in Heuchelheim als Privathebamme nieder­gelassen hat und von der Direction der Großherzoglichen Entbindungsanstalt Gießen für sehr gut befähigt zur Ausübung der Praxis einer Hebamme erklärt wurde.

Gießen, den 5. Juli 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

___Dr. Boekmann.

Gießen, am 5. Juli 1887.

Betreffend: Gesetz vom 14. Mai 1879 über den Verkehr mit Nahrungsmitteln und Gebrauchsgegenständen; hier insbesondere die Auslegung der Bestimmungen tu den §§ 10 ff. in der gerichtlichen Praxis.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 20. Februar 1886 Anzeigeblatt Nr. 46 noch nicht entsprochen haben, werden an umgehende Erledigung derselben und zwar längstens binnen 8 Tagen hierdurch erinnert.

__Dr. Boekmann.___________________________________________________

Betreffend: Maßregeln zur Unterdrückung des Milzbrandes in der Wetterau. Gießen, am 5. Juli 1887.

Das Großherzogkiche Kreisamt Gießen

an die Großherzoglicherr Bürgermeistereien Bellersheim, Hungen, Inheiden, Langd, Obbornhofen, Rodheim, Steinheim, Trais-Horloff und Utphe.

Nach dem Wegzuge des practischen Thierarztes Dr. Knüll von Hungen haben wir die demselben übertragen gewesenen Verrichtungen nach dem Milzbrandregulative, sowie die Beschau kranker, oder bei der Schlachtung krank befundener Thiere

1) in den Gemarkungen Bellersheim, Inheiden, Rodheim, Steinheim, Trais-Horloff und Utphe dem practischen Thierarzt Dr. Kreuder zu Lich;

2) in den Gemarkungen Hungen, Langd und Obbornhofen dem Großherzoglichen Kreisveterinärarzte Dr. May in Nidda zugetheilt.

Dr. Boekmann.

Politische Uebersicht.

Gießen, 8. Juli.

Kaiser Wilhelm hat nunmehr seine Sommerreisen angetreten und ist er am Dienstag Vormittag in erfreulichstem Wohlsein in dem von ihm so bevorzugten Ems eingefroffen, von einer zahllosen Menschenmenge begeistert begrüßt. Der Kaiser wohnt in seinem alten Quartiere, dem Kurhause; auch sonst ist für den Emser Aufenthalt des hohen Herrn Alles in der seit langen Jahren gewohnten Weise geregelt. Bereits am Dienstag Nachmittag kam die Kaiserin von ihrer Sommer-Residenz Koblenz zur Begrüßung des erlauchten Gemahles nach Ems herüber, begleitet von Prinz und Prinzessin Wilhelm von Preußen, welche seit der Rückkehr von den Londoner Jubiläums-Festlichkeiten ebensalls in Koblenz Aufenthalt genommen hatten; das prinzliche Paar reiste am Mittwoch nach Berlin zurück, lieber die Dauer der Emser Kur des Kaisers liegen noch keine endgiltigen Nachrichten vor.

Aus London laufen fortgesetzt befriedigende Meldungen über das Be- stnden des deutschen Kronprinzen ein; die Erkältung, welche er sich als­bald nach seiner Ankunft in England zugezogen, hat auf seinen Gesundheits­zustand in keiner Weise ungünstig eingewirkt und ebensowenig scheint die jüngste von Dr. Mackenzie vorgenommene Operation bedenkliche Nachwehen bei dem kronprinzlichen Herrn hinterlaffen zu haben. Wie lange der Aufenthalt des Kronprinzen und seiner Familie jmseits des Kanals dauern wird, ist noch durch­aus unbekannt.

.Die sommerliche Stille beginnt ihre Fäden in der inneren Politik zu weben und die schon in Kraft getretenen Sommer-Urlaubsreisen verschiedener Mitglieder des preußischen Staatsministeriums wie der Chefs von neichsressorts kündigen wohl am Besten den Anfang der allsommerlichen politi- chen Ruheperiode an. Da außerdem der Bundesrath. in dieser Woche seine We Plenarsitzung zu halten gedachte, behufs Erledigung der noch aus der Reichstagssession restirenden Gesetze, wie z. B. des Kunstbuttergesetzes, um sich ^sdann zu vertagen, so wird die innere Ruhepause bald noch intensiver heroor- :toten. Auch die Frage der Alters- und Invaliditäts-Versorgung der Arbeiter, welche in letzter Zeit viel von sich reden machte, dürfte in ihrer weiteren Ent­wickelung wohl bis zum Beginne des Herbstes ausgeschoben werden. Zur Zeit Mgen den verbündeten Regierungen hie Grundzüge eines bezüglichen Entwurfes vor, in diesem ersten Stadium wird aber die Altersversorgungs-Vorlage einst­weilen bleiben müffen, bis mit dem Wiederzusammentritte des Bundesrathes Nach den Sommerferien ihre erste Prüfung durch die gesetzgebenden Facloren beginnt. In der Zwischenzeit soll das grundlegende Material den Jnteressen- kireisen der Industrie zur Begutachtung unterbreitet werden und man darf jeden- istlls annchmen, daß bei der ferneren Bearbeitung der Alters- und Jnvalivitäts- Worlage das Gutachten sachverständiger, mitten im praktischen Leben stehender Männer ernstliche Berücksichtigung erfährt.

Die Würzburger Landtags wähl ist noch immer unentschieden. Nutz der am Dienstag vorgenommene sechste Wahlgang hat wiederum Stirn- »

mengleichheit je 45 Stimmen für den klerikalen wie für den liberalen Can- didaten ergeben, es ist daher auf den 11. Juli eine siebente Wahl anberaumt worden. Merkwürdig bleibt, daß die bayerische Wahlgesetzgebung für einen solchen Specialfall, wie er in Würzburg vorgekommen, keine anderweitigen Be­stimmungen getroffen hat.

Die Dinge im Orient beginnen sich jetzt seltsam zu verwickeln, und zwar droht diese Verwickelung von dem diplomatischen Duell, welches sich in Konstantinopel einerseits zwischen England, anderseits zwischen Rußland und Frankreich wegen der egyptischen Frage abspielt, ihren Ausgangspunkt zu nehmen. Der Sultan Abdul Hamid, offenbar durch die russischen und französi­schen Drohungen eingeschüchtert, hat den egyptischen Vertrag mit England bis zur Stunde nicht unterzeichnet und ist deshalb dem außerordentlichen englischen Gesandten in Konstantinopel, Sir Drummond Wolff, nunmehr die Weisung zu­gegangen, die türkische Hauptstadt unverzüglich zu verlassen, falls die Ratification des Vertrages nicht bis Ende der Woche erfolgt sei. Deutet schon letztere Mel­dung auf die sich allmälig zuspitzende politische Situation anläßlich der egypti­schen Frage hin, so erhellt der in derselben hervortretende Jntereffen-Gegensatz noch mehr aus der anderweitigen Nachricht, daß sich Frankreich bemühe, Spanien mit in die egyptischen Händel hineinzuziehen. Es heißt nämlich, daß Italien den Durchzug seiner Truppen durch den Kanal von Suez nach Maffauah zur Theilnahme an der Besetzung Egyptens benützen werde, was als eine Stärkung des italienisch-englischen Einvernehmens im Orient zu deuten sein würde. In Paris macht man aus seiner Verstimmung über dieseEntente" gar kein Hchl und die der Regierung nahestehendenD6bats" bezeichnen die in Aussicht ge­stellte Mttbesetzung Egyptens durch italienische Truppen als geeignet, ernste Ver­wickelungen herbeizusühren. Zugleich weisen dieDsöats" aus Spanien hin, als die einzige Macht, deren beständige Anwesenheit im Kanal von Suez in Anbetracht ihrer Jnteressenlosigkeit an den egyptischen Dingen gutgeheißen wer­den könne. Man darf da in der That auf die weitere Entwickelung der egyp­tischen Frage gespannt sein!

Die bulgarische Sobranje hält sich mit ihren Verhandlungen einstweilen noch etwas im Hintergründe und hat bislang nur eine constituireode Sitzung abgehalten, bei der die Vertreter der Großmächte fehlten, was freilich ziemlich deutlich ist. Zunächst gedenkt die Sobranje über die Ergebnisse her bekannten Rundreise der Drei-Männer-Deputation zu verhandeln. Die Fürstenwahl, von welcher man annahm, daß sie die Sobranje erst später be­schäftigen würde, hat inzwischen stattgefunden. (S. Privat-Depesche).

Die gereizte Stimmung unter der christlichen Bevölkerung Kretas hält an. Es ist daher der Vicepräsident des türkischen Staatsralhes, Mahmud Pascha, nach Kreta entsendet worden, um mit den christlichen Parteiführern zu unterhandeln.