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Mittwoch den 9. Februar

Nr. 33

1887

icßener Anzeiger

Amts- und Anzeigtblatt für den Kreis Gießen.

Bureaur Schulstraße 7.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Politische Ueberficht.

Gießen, 8. Februar.

Heber die so viel erörterte siqnalisirte Kundgebung des Papste- in Sachen der deutschen Reichstags wählen findet sich endlich in einer Depesche des inzwischen zurückgetretenen Cardinal - Staatsscoretärs Jakobini, baiirt vom 21. Januar, an den päpstlichen Nuntius Di Ptetro in Wien Näheres vor. Die Depesche, welche von der osficiöfenPolit. Corresp." veröffentlicht wird, ist die Antwort aus ein Schreiben des Freiherrn v. Franckenstein, des ersten Vice- prästdenten des bisherigen Reichstages und Führers der bayerischen Centrums­partei, in welchem Herr v. Franckenstein vom heiligen Stuhl zu erfahren wünscht, ob derselbe den ferneren Bestand des Centrums im Reichstage noch für noch- wendig erachte, oder nicht; in letzterem Falle, erklärt Herr v. Franckenstein, würden er und die Mehrheit seiner Fraktions» Genoffen auf ihre Mandate ver­zichten. Die Depesche versichert nun, daß der Papst die Verdienste des Centrums unverändert anerkenne und er damit einverstanden sei, daß zum Schutze der religiösen Jntereffen der Katholiken aus die gänzliche Beseitigung der Maigesetze hinzuwirken sei- Offen spricht es die päpstliche Kundgebung aus, daß in einem gemischt - religiösen Lande, wie Deutschland, die Katholiken stets Veranlassung finden würden, für die Besserung ihrer Lage und zu Gunsten des bedrängten Papstlhums einzutreten. Dann erklärt jedoch die Depesche Jakobini's, daß dem Centrum als politische Partei zwar immer unbeschränkte Actionsfreiheit einge­räumt gewesen sei, aber wenn es sich um die Jntereffen der Kirche handle, könne es dieselben nicht aus eigener Anschauung vertreten. Der heilige Vater habe deshalb geglaubt, dem Centrum seine Wünsche hinsichtlich des Septennats darlegen zu sollen, weil diese Frage mit Fragen religiöser und moralischer Be­deutung Zusammenhänge. Deutlich weist die Depesche darauf hin, daß die preußische Regierung durch eine zustimmende Haltung des Centrums in der Septennats-Angelegenheit jedenfalls zu einer endgiltigen Revision der Maigefetze veranlaßt worden wäre und würde dann der heilige Stuhl durch die Vermitte­lung des Centrums auf die Erhaltung des Friedens hingearbeitet, sich so die preußische Regierung verpflichtet und dieselbe somit günstig für das Centrum und freundlich für die Katholiken gestimmt haben. Weiter wird erklärt, daß der heilige Stuhl mit den hinsichtlich des Septennats ertheilten Rathschlägen eine neue Gelegenheit habe herbeiführen wollen, sich dem Kaiser und Bismarck angenehm zu machen. Außerdem könne der heilige Stuhl vom Standpunkte der eigenen Interessen aus, die mit denen der Katholiken identisch feien, sich nicht die Gelegenheit entgehen lassen, wodurch er das mächtige deutsche Reich für die Verbesserung seiner künftigen Lage günstig stimmen könnte. Die Depesche schließt mit der Bemerkung, daß die vorstehenden Betrachtungen, welche sich aus die religiösen und moralischen Fragen, die nach der Anschauungsweise des heiligen Stuhles mit dem Septennats zufammeNhingen, bezögen, den heiligen Vater zur Kundgebung feiner Wünsche an das Centrum veranlaßt hätten. Hier hat man es ganz unzweifelhaft mit den Aeußerungen der Papstes zu thun, auf welche sich Fürst Bismarck in der entscheidenden Militärdebatte im Reichstage bezog. Die Depesche datirt, wie schon erwähnt, vom 21. Januar; da sie erst jetzt zur Veröffentlichung gelangt, so scheinen in der Zwischenzeit mancherlei eigenthüm- liche Vorgänge gespielt zu haben, die indessen der vollendeten Thatsache gegen­über nicht mehr in's Gewicht fallen. Die in der Jakobinischen Depesche nieder­gelegten Anschauungen des Papstes charakterisiren sich als ein entschiedener Tadel der Haltung der Centrumspartei in der Militärfrage seitens des Oberhauptes der katholischen Christenheit- Auch die Anerkennung der Verdienste des Cen­trums um die Interessen der deutschen Katholiken wie des Vatikans vermag nichts an der Thatsache zu ändern, daß der Papst in kaum verhüllter Weise seine Mißbilligung der Abstimmung des Centrums über die Heeresvorlage aus­spricht und in der Depesche wird sogar ausdrücklich hervorgehoben, daß der Papst Die Militärfrage als eine neue Gelegenheit habe ergreifen wollen, sich dem Kaiser und dem Fürsten Bismarck angenehm zu machen, allerdings in der Erwartung gewisser Gegenleistungen von Seiten Deutschlands. Interessant ist auch, wie die Kundgebung betont, .das Centrum habe in Angelegenheiten, bei denen kirchliche Jntereffen in's Spiel kämen, durchaus nicht eigene Politik zu treiben und scharf wird hierbei heroorgehoben, daß die Septennats« Angelegenheit auch auf die endgiltige Revision der Maigefctze zurückwirke. Auf die Aufnahme, welche dieses hochwichtige Actenstück in den Kreisen der katholischen Wählerschaft finden wird, darf man gespannt fein. .

DiePost" bementirt die auch von uns mitgetheilte Nachricht des Standard" betr. die Aeußerung Sr. Majestät des Kaisers beim Empfang der Generale- Se. Majestät soll nur erklärt haben,die Einberufung der Reserven bedeute nicht den Krieg".

Diebevorstehende außerordentliche Session der österreichisch-unga- rischen Delegationen wird in der Preffe des Kaiserstaates noch an erster Stelle erörtert. Von ofpclöfer Seite bemüht man sich, den Eindruck der Beun­ruhigung, den die außergewöhnliche Einberufung der Delegationen macht, mög­lichst abzuschwächen und zu versichern, daß die Einberufung nur erfolgt sei, um die Credite für die schon erwähnten militärischen Maßnahmen her österreiwsich- ungarischen Regierung zu genehmigen. Außerdem wird hierbei auch auf mehrere beruhigende Bemerkungen hingewiesen, welche Kaiser Franz Joses auf dem kürzlich stattgefundenen Balle der Wiener Großindustriellen fallen ließ. So soll der Monarch auf einen Hinweis des Weingroßhändlers Schlumberger auf die

drohende Kriegsgefahr fast wörtlich geäußert haben:Es muß ja kein Krieg werben. Wrr haben in den letzten Jahren sehr gespart und muffen jetzt An­schaffungen machen, damit wir mit den andern Mächten auf ein gleiches Niveau gelangen." Die allgemeine Lage ist nun auch im österreichischen Abgeordne­tenhause Gegenstand einer Interpellation geworden, welche der Abg. Mauthner eingebracht hatte.

Auch in der französischen Deputirtenkarnmer sollte die allge­meine Lage durch eine Interpellation des radikalen Deputirten Lacroix aufs Tapet gebracht werden. Die ganze Sache ist aber schon vorher sozusagen ganz privatim abgemacht worden, indem der genannte Deputirte in den Couloirs der Deputirtenkarnmer am Freitag dem Ministerpräsidenten Goblet Mittheilung von dieser seiner Absicht machte. Goblet erwiderte, daß er nach den wiederholreu Erklärungen Freycinet's über die friedliche Politik Frankreichs eine bezügliche Kammerdebatte für Überflüssig halte und wenn eine solche Erklärung vom polt» tischen Gesichtspunkte aus nicht nöthig sei, so sei sie es auch nicht vom finan­ziellen. Goblet sprach hierbei seine Ueberzeugung aus, daß die jüngste Börsen- panik lediglich das Werk von Speculanten sei, er habe dafür sichere Beweise. Lacroix verzichtete hieraus auf die beabsichtigte Interpellation.

Das deutsch-englische Abkommen bezüglich Ostafrikas ist nach einer Mtttheilung des Unterstaatssecretärs Ferguffon im englischen Unter- Hause perfect geworden. Die französische Regierung und der Sultan von Zan­zibar haben für diejenigen Theile des Vertrages, welche für Frankreich, refp. Zanzibar von Interesse find, ihre Zustimmung erklärt. Die diplomatische Correspondenz über diese Angelegenheit soll dem englischen Parlamente dem­nächst vorgelegt werden.

Deutschland.

Darmstadt, 7. Februar. Se. König!. Hoheit der Grobherzog haben Allergnädigst geruht:

Am 29. Januar den außerordentlichen Professor bei der philosophischen Fakultät der Landes-Universität Dr. Theodor Nördlinger auf sein Nach­suchen, mit Wirkung vom 1. April d. Js. an, seines Dienstes zu entlassen.

Se. Konigl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Am 29. Januar den Privatdocenten Dr. Hermann Steinbrügge zu Gießen zum außerordentlichen Professor bei der medicinischen Fakultät der LandeS'Universität zu ernennen;

am gleichen Tage den Privatdocenten Dr. Hans Benn ecke zu Marburg zum ordentlichen Professor in der juristischen Fakultät der Landes-Universität mit Wirkung vom 1. April d. Js. an zu ernennen und in gedachter Eigenschaft zu berufen.

Arankreich.

Pari», 7. Februar. Die royalistische Gruppe der Rechten der Kammer berieth über den Credit von 86 Millionen, welcher demnächst von der Kammer für Armeezwecke verlangt werden soll, uns beschloß den Credit zu genehmigen und eine bezügliche Erklärung bei der Abstimmung abzu^eben.

England.

London, 7. Februar. Im Unterhaus kündigt Dixon - Hartland einen Antrag an, betr. die Besteuerung von imporlirten fremden Fabrikaten, welche mit englischen Fabrikaten eoneurriren. Stanhope erklärt, Port Castrie» auf St. Lucia werde als Kohlenstation eingerichtet. Für Ballon-Experimente und Ballonbau find 3000 Pfund im Kriegsbudget ausgeworfen. Ratkes thellt mit, mit der Cunard- und der White Star-Linie feien dreizehnmonatliche Kontrakte vom 1. Mär, ab für die Postbesörderung nach Amerika abgeschloffen worden. Er bleibe jedoch den Briesaufgebern unbenommen, die Briesbesörderung mit einem deutschen Dampfer oder mit der Jnman. Linie zu verlangen. Parnell bringt ein Amendement zur Adreffe ein, worin er derartige Reformen der Ge­setze und des Regierungs-Systems in Irland verlangt, wie sie den Bedürfniffen entsprechen und dar Vertrauen der irischen Volker sichern. Parnell warnt vor den ernsten Folgen einer gewaltsamen Unterdrückung der offenen Agitation; Bloße Zwangrmaßregeln könnten nur immer schlimmere Folgen Hervorrufen: Die Selbstverwaltung Irlands sei dar einzige Mittel zur Beseitigung der bei» stehenden Schwierigkeiten; sobald diese erreicht sei, werde er sich zeigen, daß die Irländer nicht ungehorsam gegen die Gesetze wären.

Flurnamen.

Bukarest, 7. Februar. Die Meldung auswärtiger Blätter, daß Ben- derew und andere bulgarische Officiere in Rumänien verhaftet worden find, ist unbegründet.

Telegraphische Depeschen.

Wolff's telegr. Correspondenz-Bureau.

Berlin, 7. Februar. Seine Majestät der Kaiser empfing Vormittags den Flügeladjutanten Coroettencapitän °. Seckendorf und nahm einens längeren V°rtt°g Wilmowski's entgegen. Nachmittags 4 Uhr erscheint Minister °. Putttamer zum 'B°rtra- An die von einigen Blättern gebrachte Meldung- dab em M-tgUeb ^des Reichsgesundheilsamts mit Untersuchungen über den Fusclgehalt der Vrannt