Ausgabe 
8.11.1887 Erstes Blatt
 
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Nr. Ä6«. Dienstag den 8. November 1887.

Amts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gießen.

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Bureau r Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Auömrhme des Morrtags.

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DreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Vf. mit Brinaerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Thril.

Betreffend: Den Rundung der Feldgeschworenen. Gießen, am 3. November 1887.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzherzoglich-n Bürgermeistereien des «reife-.

Wir erinnern Sie an baldige Einsendung des Protokolls über den Rundgang der Feldgeschworenen, insoweit Vorlage noch nicht erfolgt ist.

__Dr. Boekmann.__

Betreffend: Den Wiesengang. Gießen, am 3. November 1887.

Das Großherzogliche Krcisamt Gießen

an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreise-.

Sie werden, insoweit Sie noch rückständig sind, an baldige Einsendung des Protokolles über den Miesenrundgang erinnert.

Dr. Boekmann.

Deutschland.

nn Darmstadt, 5. November. Die Eröffnung des 26. Hess, Land­tages findet bestimmt am 24. November statt. Derselbe wird durch Se. König!. Hoheit den Großherzog persönlich eröffnet werden. Die Sitzungen werden vor- «usfichtlich nur von kurzer Dauer sein und wird fich der Landtag sodann bis hum neuen Jahr vertagen.

Berlin, 5. November. Bei der heutigen definitiven Abstimmung über Erhöhung der Getreide- und Viehzölle im deutschen LandwirthschastSrath wurden l'.ämmtliche Sätze der ersten Lesung unverändert genehmigt, außerdem aber ein Zoll auf Kleie von 0,50 «X mit großer Mehrheit beschlossen. Der Antrag auf Aushebung des Identität--Nachweises wurde wiederum abgelehnt, die Aushebung gemischten Tranfitläger mit dem Zusatz angenommen, den Bundesrath zu ersuchen, die bisher in denselben lagernden Bestände für den bewilligten Zeit­raum darin zu belassen, jedoch gegen nachträgliche Baarzahlung des Zolles und Perne neuen Zufuhren zu gestatten. Die Anträge auf Sperrmaßregeln und auf Dollmachtsertheilung an den Bundesrath in besonderen Zeiten aus die Tarifsätze □on 1885 zurückzugreifen, wurden gemäß der ersten Lesung einstimmig angenommen.

Berlin, 6. November. Der Kaiser hatte eine gute Nacht, keine Schmerzen und zeigte fich bei dem Vorbeiziehen der Wache am Fenster. Vor- mltttags empfing der Kaiser den Prinzen Heinrich und wird Nachmittags den Vortrag des Grafen Bismarck entgegennehmen.

Die Convalescenz Sr. Maj. des Kaisers schreitet regelrecht fort. Der Krästezustand bessert sich langsam, macht aber noch größere Schonung nothwendig.

England.

London, 5. November. Nach einem Telegramm aus Durban erschien der Zuluhäuptling Undabuko gestern vor dem Gouverneur von Natal Havelock in Ekowe; er bestritt den Schutz der Boers gegen die Engländer angerufen zu feaben und entschuldigte fich wegen seiner früheren Weigerung, zu erscheinen. Dinizulu ist bisher nicht erschienen.

Irankreich.

Paris, 5. November. Deputirtenkammer. Bei Berathung des Berichts der Enquete-Commission erklärte Baudry d'Asson, es handle sich nicht um eine Enquete, die der Kammer unterbreitet werden solle, sondern um ein Einschreiten gegen Wilson. Der Mißbrauch mit Siegeln und Stempeln werde sonst mit Gesängniß von sechs Monaten bis zu 3 Jahren bestraft. Baudry d'Asson wünschte sodann jwettere Auf­klärungen hierüber. Der Ministerpräsident Rouvier erwiderte, daß sämmtliche Doku­mente dem Justizminister übergeben worden seien. Hierauf wurde die allgemeine Berathung geschlossen. Eolfavru beantragte eine allgemeine Enquete, die bis zu dem Sturze Thiers' zurückgcht.

Rouvier hält in seiner bereits signalisirten Rede die Untersuchung bezüglich solcher Angelegenheiten, welche unter parlamentarischer Controlle stehen, für überflüssig und bemerkt, daß die übrigen Angelegenheiten vor das Gericht gehören. Er spreche sich gegen den Antrag der Enquete aus, ohne aber die Vertrauensfrage zu stellen. Die Deputirtenkammer nahm den Antrag Colfavru's mit 264 gegen 257 Stimmen an, in Folge dessen die Enquete bis auf den 16. Mai 1877 ausgedehnt werden wird und nicht, wie vorstehend irrthümlich gemeldet war, bis zum Sturze Thiers'.

Die Commission des Senats hat sich für die Annahme der Conversionsvorlage ausgesprochen. Die Berathung wurde auf nächsten Montag festgesetzt.

Paris, 5. November. Der deutsche Botschafter, Graf Münster, stattete gestern dem Mtntster des Auswärtigen, Flourens, einen Besuch ab.

Amerika.

Newyork, 4. November. Nach den aus Chicago vorliegenden Nachrichten wird das Gesängniß, in welchem sich die zum Tode verurtheilten Anarchisten befinden, stark bewacht. Zwei Compagnien Polizeisoldaten, bewaffnet mit Boyonnetgewehren und Revolvern, befinden sich im Innern des Gefängnisses, eine andere Compagnie außer­halb desselben. Weitere Abthetlungen werden in Bereitschaft gehalten. Die Anarchisten Melden, Schwab und Spies haben sich an den Gouverneur gewendet, mit der Bitte, 2as Urthetl abzuändern. Aus allen Theilen des Landes gehen dem Gouverneur von Illinois Petitionen zu, in denen um Milde gebeten wird.

Lokales.

r L November. Am Samstag Abend vereinigte der neu hergerichtete

Saal im Caf6 Leib eine größere Anzahl von Freunden des Hauses zu einem gemüth- ltchen Martmsschmaus. Bei diesem Anlaß nahmen die Gäste Gelegenheit, den nunmehr vollständig fertiggestellten Saal nebst der neu erbauten, eleganten und geräumigen Theaterbühne genauer in Augenschein zu nehmen. Der Saal selbst ist hochfein im Styl der Renaissance ausgemalt. Der Meister, Herr Louis Petri III,, hat hier in ferner Schaffenskunst eine sehr empfehlenswerthe Arbeit geleistet, welche ihm alle Ehre macht. Die Nischen des Saales sind ganz reizend in Oel gemalt und präsentiren sich dem Auge als Glanzpunkte aus Gießens Umgebung. Der Schiffenberg, Gleiberg, Vetzberg, die Badenburg, der Philosopbenwald rc. sind naturgetreu wiedergegeben und zeugen vom Talent des Künstlers. Es wäre jammerschade, würden die Bilder bei ihrer Exponirtheit irgend einen Schaden erleiden. Auch die nunmehr feststehende Bühne Hilst mancher Misdre unseres Theaterlebens ab. Dadurch, daß dieselbe an dm Saal angebaut ist, kann letzterer mehr Personen fassen und braucht nicht die Enge früherer Zetten obzuwalten. Herr Gustav hl Holtz hat sich mit der sehr kostspieligen Neuerung den Dank des Publikums erworben.

In Stein's Saalbau feierte gestern der GesangvereinLiederkranz" den ersten Tag seines 50. Stiftungsfestes unter außerordentlich zahlreicher Theil- nahme der etngeladenm Gäste und seiner Mitglieder. Am heutigen Tage findet Banket und Gesangs-Wettstreit der hiesigen anderen Gesangvereine statt. Es verspricht auch dieser Abend ein recht interessanter und genußreicher zu roerben. Ueber die Einzelheiten der Feier werden wir demnächst eingehender berichten.

Gieße«, 7. November. In der Nacht von Samstag auf Sonntag wurden aus dem Hofraume eines Hauses auf der Ostanlage mehrere Thonröhren hervor­geholt und in den Schoorgraben geworfen. Hoffentlich gelingt es, die Thäter zu ermitteln.

Wie uns mitgetheilt wird, entstand vergangene Nacht in einer Hofraithe zu Reiskirchen Feuer, welches rasch um sich griff und zwei Scheuern in Asche legte. Näheres konnten wir bis jetzt nicht erfahren. ö

Vermischte -

nn. Darmstadt, 5. November. Mit dem heutigen Tage hat sich auch hier ein Weltsprachen-Verein gegründet, welcher sich die Aufgabe stellt, die Schreyer'sche WeltspracheVolapük" zu fördern und zu verbreiten. Jede politische und confessionelle Tendenz ist ausgeschlossen. An der Spitze des Vereins stehen die Professoren Lepstus und Mehmke.

nn. Gestern Abend ereignete sich durch die Schuld einiger Schuljungen, sog. Heiner" ein bedauerliches Unglück, dem wahrscheinlich ein blühendes Kind von sechs Jahren zum Opfer fallen wird. Die Knaben neckten in der Ludwigstraße ein vor einen schweren Bierwagen gespanntes Pferd, welches ohne Aufficht auf der Straße stand. Dasselbe ging durch, überfuhr einige Marktstände, sowie zwei dem Kleiderhändler Krause gehörige Kinder. Eins derselben, ein Mädchen von 6 Jahren, wurde hierdurch so schwer verletzt, daß es für todt vom Platze getragen wurde.

A Mainz, 5. November. Vor einigen Tagen haben verschiedene Blätter berichtet, daß die Nebenbahnlinie Osthofen-Westhofen am 1. November eröffnet worden sei und an demselben Tage in Frankfurt bereits ein directes Billet nach Westhofen gelöst worden. Letzteres ist richtig, obgleich die Bahn noch nicht eröffnet ist. Ein Reisender hatte nämlich von der bevorstehenden Eröffnung gelesen und am Billet­schalter in Frankfurt daraufhin ein directes Billet nach Westhofen verlangt. Am Morgen waren solche Billete an die Schalter vertheilt worden und so kam es, daß durch Jrrthum des Beamten eine Karte für die noch nicht eröffnete Sttecke ausgegeben worden.

Mainz, 6. November. Unsere Liedertafel steht im Begriff, sich ein eigenes großartiges Heim zu erbauen. Vorbehaltlich der Genehmigung der Generalversamm­lung hat der Vorstand beschlossen, auf einem Theil der gewesenen Löwenhofskaserne ein Vereinshaus errichten zu lassen, das inclusive dem Geländeerwerb zu 280 000 Jt ver­anschlagt ist. Neben dem Vereinsvermögen sollen zu dem Bau Anteilscheine von 100 JL ausgegeben werden, die eine Verzinsung von 2pCt. finden würden.

A Mainz, 6. November. Auf das Ausschreiben zur Verpachtung unseres Stadttheaters haben sich bis jetzt als Bewerber gemeldet: Director Pollak, Dortmund, Director Schönerstadt in Leipzig, v. Weber in Trier, Schirmer in Stettin, Director Ernst in Köln, Schauspieler Havart in Bremerhaven und Tenorist Scheidtweiler. _ ,ir A Mainz, 6. November. Für das im nächsten Jahre stattfindende 50jährige Jubiläum des Mainzer Carnevals wird lebhaft agitirt, daß die bestimmenden Kreise von einer seither üblichen Tradition abgehen und den berühmten Carnevalszug von dem Montag auf Sonntag verlegen sollen. Es wird diese Aenderung hauptsächlich aus geschäftlichen Gründen befürwortet, indem mit Recht behauptet wird, daß an einem Sonntag die Zahl der zu dem Zug hierher kommenden Fremden begreiflicherweise viel bedeutender sein könne als an einem Werktag. Da durch diese Verlegung das Carnevals- leben an und für sich keinerlei Roth leidet, so sind keine Gründe da, welche das Fest­halten an der seitherigen Tradition rechtfertigen und dürfte darum aller Wahrschein­lichkeit nach von nun an der Carnevalszug statt Montags Sonntags gehen.