Nr. S3 Freitag oen 8. April 1L^7,
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
«»„«-- 7. Eriche!», täglich mit Ausnahme dktz MontägS. WikW8A?LÄ!>8-N!s»«
Amtlicher Hheil.
Bekanntmachung.
Im Interesse des Publikums macht man noch ausdrücklich darauf aufmerksam, daß Reclamationen gegen Einkommen- und Kapitalrentensteueransätze 1. Abthellung immer, aber auch Remonstrationen gegen Ansätze dieser Abthellung, sowie Reclamationen gegen Einkommen- und Kapitalrentensteueransätze 2. Abthellung möglichst schriftlich und zwar unter genauer Angabe der für eine etwaige Ermäßigung sprechenden Gründe (wenn aber mündlich, nur an den Amtstagen Dienstags und Samstags) während der gesetzlichen Frist bei dem Unterzeichneten vorzubringen sind, damit der Commission das zur Beschlußfassung erforderliche Material demnächst unterbreitet werden kann.
Gießen, den 1. Aprll 1887. Der Vorsitzende:
__Süffert._______
Großherzoglicheö Steuer - Commifsarial Gießen.
Amtstage: Dienstag und SamStag Vormittags von 8—12 Uhr und Nachmittags von 2—4 Uhr.
Politische Ueberficht.
Gießen, 7. April.
Noch vor dem Osterfeste ist die Entscheidung über die künftige Gestaltung der Dinge in Elsaß-Lothringen gefallen. Was bis jetzt hierüber bekannt wird, spricht dafür, daß kein vollständiger Bruch mit dem seitherigen Systeme, sondern nur eine Reihe von Umgestaltungen und Persoual-Verände- rungen beabsichtigt ist, namentlich wird Fürst Hohenlohe auch ferner als Statthalter an der Spitze der reichsländischen Verwaltung verbleiben und dadurch bleibt Elsaß-Lothringen im Wesentlichen sein jetziger staatsrechtlicher Charakter erhalten. Dagegen wird das besondere Staatssecretariat für Elsaß-Lothringen ausgehoben und gehen die Functionen dieses Postens auf den Statthalter selber über, dem es hierdurch ermöglicht ist, in birecter und intensiver Weise sich an der Verwaltungsarbeit zu bethelligen. Ferner sind wichtige Veränderungen im reichsländischen Beamtenkörper zu erwarten und beginnen dieselben bereits in den obersten elsaß-lothringischen Verwaltungs-Refforts, den verschiedenen Unter- Staatssecretariaten. Von den geplanten sachlichen Reformen haben die Einschränkung der Wirksamkeit des Landes-Ausschusses und die Neuregelung der Gemeinoe-Versaffung in den Retchslanden die meiste Bedeutung. Durch erstere Maßregel soll dem Reichstage mehr Einfluß aus die Verwaltung der Reichslande eingeräumt werden, während durch die nach altdeutschem Muster in Aussicht genommene Neuordnung der Gemeinde-Verfassung eine Begrenzung der Gemeinderechte in einem engeren Rahmen, als dies bis jetzt der Fall war, beabsichtigt ist. Schließlich verlautet noch von einer Einführung der deutschen Gewerbeordnung, aus welcher der elsässischen Arbeiter-Bevölkerung mancherlei Vortheile erwachsen würden. Hoffentlich wird es durch die erwähnten Maßregeln gelingen, eine endgültige Lösung der elsässischen Frage herbeizusühren und ein System zu beseitigen, welches, anstatt die Elsaß-Lothringer mit Altdeutschland zu verschmelzen, sie dem alten Mutterlande mehr und mehr zu entfremden droht.
Ein Artikel der „Nordd. Allg. Zeitung", welcher sich mit der angeblichen Verbindung des Militär-Attaches in Paris mit einem wegen Jndis- cretionen entlassenen Beamten des französischen KriegSministertums beschäftigt, macht namentlich durch seine scharfe Sprache in weiteren Kreisen Aussehen. Das osficiöse Blatt weist daraus hin, daß der deutsche Militär-Attache in Paris, v. Huene, von „agents provocateurs* geradezu überlaufen werde, welche ihm irgend eine Aeußerung entlocken wollen, die sich nur Halbwegs zu einer journalistischen Verarbeitung gegen Deutschland eigne. Im Anschlüsse hieran erinnert das Blatt an die eigenthümliche Rolle, welche die französische Regierung im LandeSverraths - Proceß Sarauw gespielt, an die Affatre des Lieutenants Letellier in Karlsruhe u. s. w. und bemerkt, daß man in allen diesen Dingen in Deutschland den Anstand des Jgnorirens Frankreich gegenüber beobachtet habe. Um so befremdlicher sei es, daß sich in französischen Blättern sofortige Anschuldigungen des deutschen Mllilär-Attachss erhoben hätten, und zwar auf bloße Verdachtsgründe hin und daß dies hauptsächlich deshalb erstaunlich sei, weil Die betr. Blätter als bevorzugte Organe des Kriegsministers Boulanger gälten, während die Organe der anderen Mitglieder des Cabinets Goblet den ernstlichen Wunsch zu erkennen gäben, daß die friedlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich erhalten bleiben möchten. — Man hat es hier unzweifelhaft mit einem neuen „kalten Wafferstrahle" zu thun, den die „Nordd. Allg. Zeitung" nach Paris richtet, aber die Wirkung dürste vorerst abzu- ivarten sein.
Der bulgarische Justizminister, Herr ^toiloss, ist während seines Wiener Ausenthaltes am Sonntag vom Mir er desAeußerrr, Grasen Kalnoky, empfangen worden und hatten die beiden Staatsmänner eine lange Unterredung mit einander. Wie Privatberichte aus Wien zu melden wissen, soll Graf Kalnoky auf die eingehenden Mittheilungen Stoiloff's geantwortet Cn, daß Oesterreich-Ungarn nach wie vor mit den Bestrebungen Bulgariens «athisire, sich aber in dessen innere Angelegenheiten, als welche Kalnoky auch die Fürstenwahl bezeichnete, nicht einmengen werde, und nur erwarte, Bulgarien werde nichts gegen die bestehenden Verträge thun, die Ordnung im Lande aufrecht erhalten und die Rathschläge der Mächte beherzigen. Aus die Bemerkung Stoiloff's, wenn sich die Fürstenwahl als unmöglich herausstelle, werde die Regent- Ichast genöthigt sein, sich eine Erweiterung und dauernde Festsetzung ihrer Voll
machten von der Sobranje zu erbitten, wiederholte Kalnoky seine Versicherung, daß sich Oesterreich-Ungarn einer Einmischung in die inneren Angelegenheiten Bulgariens enthalte. — Im Grunde genommen, scheint der Besuch Stoiloff's in Wien ein Fühler gewesen zu sein, wie sich die österreichische Regierung zu einem entschlosseneren Auftreten der bulgarischen Regentschaft stellen würde und die Antwort des Grasen Kalnoky klingt für die bulgarischen Bestrebungen nicht abweisend. Ueber die angeblich am Dienstag erfolgte Weiterreise Stoiloff's nach Berlin liegt noch keine bestätigende Meldung vor.
Schon wieder wird eine neue italienische Ministerliste bekannt gegeben. Dieselbe lautet: Depretis Präsidium und Aeußeres, CriSpi Inneres, Zanardelli Justiz, Bertole Viale Krieg, Briu Marine, Magliani Finanzen, Saracco öffentliche Arbeiten, Grimaldi Ackerbau und Coppino Unterricht. Die amtliche Veröffentlichung der neuen Zusammensetzung des neuen Cabinets soll unmittelbar bevorstehen; das Bemerkenswertheste an demselben ist das Ausscheiden des Grafen Robilant, dessen Functionen als Minister des Aeußern der CabinetS'Ches Depretis mit übernommen hat. Es muß hieraus gefolgert werden, daß sich kein Ausgleich in den vorhandenen Meinungs-Verschiedenheiten zwischen dem Grasen Robilant und den neuen Cabinets-Mitgliedern hat Herstellen lassen und da ein Ministerium Depretis-Robilant in der bisherigen Zusammensetzung als nicht lebensfähig erschien, so sah sich Depretis genöthigt, Robilant den Führern der Linken, Crispi und Zanardelli, zu opfern. Das Ausscheiden Robilant's aus dem römischen Cabinet wird indessen die auswärtige Politik Italiens nicht im Mindesten beeinflussen und wird sie auch unter der Leitung Depretis' bestrebt fein, in engster Fühlung mit Deutschland und Oesterreich zu bleiben. — Die neuen Minister legten bereits am Montag den Eid in die Hände des Königs ab. In einer am Nachmittag des genannten Tages stattgesundenen Mimstersttzung wurde beschlossen, die Deputirtenkammer auf den 18. d. Mts. wieder einzuberufen; im weiteren Verlaufe der Berathung wurde die Reihenfolge der parlamentarischen Arbeiten festgestellt.
Für die Gefangennahme der Expedition Salimbeni durch die Abyssinler hat jetzt Italien Repressalien ausgeübt. Eine Depesche ans Massauah besagt, daß General Gens die aus der Reise nach Abyssinien begriffenen Oberen des abysfinischen Instituts in Jerusalem bei ihrer Ankunft in Massauah gefangen nehmen und aus den KrtegSdampser „Garibaldi" bringen ließ. Wahrscheinlich beabsichtigt Genö hierdurch, die Auslieferung des letzten noch in abysssnifcher Gefangenschaft befindlichen Mitgliedes der Expedition Salim- bent, Savotreux, zu erwirken.
Darmstadt, 6. April. Se. Königl. Hoheit Prinz Heinrich von Preußen sind heute Morgen 8 Uhr 53 Mtn. in Begleitung des Kapitän- Lieutenants v. Usedom hier wieder eingetroffen.
Darmstadt, 5. April. Der Abg. Wylz hat bei der Zweiten Kammer folgenden Antrag eingebracht:
„Die Großh. Kreisbauämter gehen dermalen aller Orten mit der Anpflanzung von Obstbäumen auf den Staatsstraßen vor. In Gemarkungen, in welchen die Besitzer der an die Straßen grenzenden Grundstücke schon Bäurre längs der Straßen gepflanzt haben oder alsbalo zu pflanzen beabsichtigen, wird diese Parallel-Pflanzung des Fiskus wegen des den angrenzenden Grundstücken durch die Wurzeln und den Schatten der Chaussee-Bäume unausbleiblich erwachsenden Schadens mit großer Unzufriedenheit gesehen. In späteren Jahren, wenn die Bäume des Fiskus und die Bäume der Bauern mit Den Besten ine n- anderwachsen werden, wird es darob viele Streitigkeiten geben. Ich beantrag deshalb: Hohe Kammer wolle an Großh. Regierung das Ersuchen richten, in Gemarkungen, woselbst die Landwirthe selbst längs der Straßen Obstbäume gepflanzt haben oder demnächst zu pflanzen beabsichtigen, das Anpflanzen von Obstbäumen auf diesen Straßenstrecken nicht aussühren zu lassen. — Ich beantrage zugleich die Dringlichkeit." _____
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Correspondenz-Bnrearr.
Berlin, 6. Avril. Seine Majestät der Kaiser nahm
Anzahl militärischer Meldungen, darauf einen Vortrag Wllmowskis entgegen, empfing


