isi Donnerstag bat 7. Juli 1887.
Hichener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
' ” r - ze .. ar » c k a Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Vf. mit Bringerlohn.
Britta«: Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2Mark50 Pf.
Amtlicher Hheil.
Nr. 22 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 1. d. Mts., enthält:
(Nr. 1728.) Gesetz, betreffend den Verkehr mit blei- und zinkhaltigen Gegenständen. Vom 25. Juli 1887.
(Nr. 1729.) Gesetz zur Ergänzung des Gesetzes, betreffend Postdampfschiffverbindungen mit überseeischen Ländern vom 6. April 1885. Vom 2L Juni 1887. "
(Nr. 1730.) Gesetz, betreffend die Abänderung des Gesetzes über den Verkehr mit Nahrungsmitteln, Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen vom 14. Mai 1879 (Reichs-Gesetzbl. S. 145.) Vom 29. Juni 1887.
Gießen, den 5. Juli 1887. Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann. __________
Politische Ueberflcht.
Gießen, 6. Juli.
Mit der herannahenden hochsommerlichen Zeit tauchen auch wieder allerlei S rächte über Mintsterbegegnungen auf, unter denen namentlich eine Lieblich im August bevorstehende Zusammenkunft unter den Leitern der aus- Bärtigen Angelegenheiten der drei Kaisermächte eine Hauptrolle spielt. Es mag ja nun zugegeben werden, daß die sich wiederum verwickelnde Lage auf der Manhaldinsel in Berlin wie in Wien und Petersburg den Gedanken an eine zusammenkunst der drei leitenden Staatsmänner behufs eines persönlichen Mei- mgs-Austausches über die politische Situation hat auskeimen laffen. Die be* pichen Meldungen dürsten aber vorerst nur den Charakter diplomatischer Mer haben und ist jedenfalls die ganze Sache noch so unreif, daß man das ßritere abzuwarten hat. Eber hat da das anderweitige Gerücht über eine Begebung nur zwischen v m Fürsten Bismarck und dem Grafen Kalnoky Wahr- j^nlichkeit für sich, wenngleich über Zeit und Ort derselben durchaus noch vihl» feststeht. Vorläufig scheint unser Reichskanzler überhaupt noch keine Lust |u haben, so bald aus seine Villeggiatur in Friedrichsruhe zu verzichten, dessen Gliche Stille nach privaten Meldungen auf das Befinden des Fürsten einen außerordentlich günstigen Einfluß ausüben soll; ei müssen daher alle Mitthei- kragen über die bevorstehende Abreise des Fürsten Bismarck nach Kisfingen als verrühr betrachtet werden.
Unter den vom Bundesrathe aus die lange Bank geschobenen, vom Reichstage bereits genehmigten Vorlagen befindet sich auch die Kunstbutter- Liorlage. Dieselbe ist bekanntlich in einer von dem ursprünglichen RegierungS- foitrourfe nicht unerheblichen abweichenden Fassung vom Reichstage genehmigt Derben, namentlich was das Verbot der Mischbutter anbelangt. Staatssecretär v. Bötticher wandte sich wiederholt in entschiedener Weise gegen diese agrarische ftorrberung und nur mit Mühe und Roth vermochten es die Gegner der Agrarier burchzusetzen, daß schließlich ein lOproceutiger Zusatz von Buttersett zu dem Mschproduct gestattet, resp. der Vertrieb der Milchbutter unter dieser Bell» gung genehmigt wurde. Aber auch selbst mit dieser Milderung ist die Vor- lase in ihrer vom Reichstage beschlossenen Fassung noch nicht geeignet, die Jn- tewssen der Confumenten voll zu wahren und vernimmt man, daß die Amchrregierung noch immer gegen die von der agrarischen Reichstags-Mehrheit beliebten Abänderungen der Kunstbutter-Vorlage ist. Wenn trotzdem schließlich t dir preußischen Vertreter im Bundesrathe für den Entwurf in seiner gegen» Bärtigen Gestalt stimmen werden, so geschieht dies nur, wie osficiös versichert ffrb, um den Consumenten so bald als möglich den von der Vorlage verheißenen Schutz angedeihen zu lassen. Die Praxis dürfte um so eher darthun, wie dir: beschlossenen Abänderungen in Wahrheit keine Verbesserung der Vorlage bedeuten und an der Hand der Erfahrungen ihre Correctur in Gemäßheit der lnlprünglichen Fassung finden werden.
Die nächste Zeit wird uns mit den Nachwahlen in Sagan-Sprot- i®u und Merseburg-Quersurt ein Nachspiel zu der heißen Reichstags- v»chl-Campagne dieses Jahres bringen. Dort macht der Tod des freiconferoatioen Vertreters, Abg. Schmidt, hier die Ungültigkeits-Erklärung des Mandats des ebenfalls freieonservativen Vertreters, Abg. Neubarth, für den schließlich das v006 entschied, eine Neuwahl nöthig. Die freisinnige Partei, welche bis zu den letzten Wahlen beide Wahlkreise besaß, macht große Anstrengungen, dieselben letzt wieder zu erobern. Für Sagan-Sprottau wie für Merseburg-Quersurt find mstnuigerseits die früheren Vertreter als Candidaten wieder aufgestellt worden md candidirt demnach in ersterem Wahlkreise von dieser Seite Herr v. Forcken- deck, in letzterem Gutsbesitzer Panse. Auch die Freieonservativen haben hier 9urrn Neubarth wieder ausgestellt, außerdem gehen auch die Nationalliberalen m!) die Socialdemokraten mit eigenen Candidaten vor, so daß im Merseburger Wahlkreise höchst wahrscheinlich eine abermalige Stichwahl nöthig werden wird.
Am Sonntag ist in Frankfurt a. M. das IX. deutsche Bundes» 'Hießen unter großer Betheiligung von Schützen nicht nur aus allen Gauen lls Reiches, sondern auch aus Oesterreich und der Schweiz eröffnet worden. Me wurden beim Einzuge von der Bevölkerung auf das Wärmste begrüßt; die: alte Kaiserstadt selbst trägt ein prächtiges Festgewand bis in die entferntesten bvaßen. Der Festzug vom Sonntag fiel ungemein glänzend aus; an dem sich schließenden Festbanket nahmen ca. 4000 Personen Theil. Oberbürgermeister Miquel brachte den mit Begeisterung ausgenommenen ersten Toast aus den Mer aus und theilte er hierbei mit, daß der Kaiser ein Trinkhorn als Ehren- vrms gestiftet habe. Vom Herzog von Coburg, dem alten Gönner der deutschen Wtzen, lief ein Begrüßungs-Telegramm ein, welche» daraus hinwies, wie alle
bei dem ersten Bundesschieben des Jahres 1862 gehegten nationalen Hoffnungen in so glorreicher Weise in Erfüllung gegangen seien.
Nachdem in Rußland das Verbot der Pferdeaussuhr wieder aufgehoben worden ist, erwägt man auch österreichischerseits die Opportunität der Aufhebung dieses für Oesterreich-Ungarn gleichfalls bislang bestandenen Verbotes. Die am Sonntag in dieser Frage in Wien stattgefundene Berathung des gemeinsamen Ministeriums hat zu dem Beschlüsse geführt, eine Commission aus Vertretern der beteiligten Centralstellen beider Reichshälsten niederzusetzen, welche demnächst im auswärtigen Amte zusammentreten und über Erleichterungen bei der Handhabung des Ausfuhrverbots beraten soll. Es steht demnach auch in Oesterreich-Ungarn wenigstens eine teilweise Aushebung des Pferdeaussuhr^ Verbots bevor und hieraus wie aus der unmittelbar vorangegangenen Sistirung des russischen Pferdeaussuhrverbots darf vielleicht auch ein günstiger Schluß auf die allgemeine Lage gezogen werden.
Kronprinz Rudolf ist am Samstag Abend in Lemberg, der politi» tischen Hauptstadt Galiziens, eingetroffen unö mit derselben Begeisterung bewillkommnet worden, wie in Krakau. In Lemberg trat neben dem polnischen auch das ruthenische Bevölkerungs-Element hervor und der Enthusiasmus, mit welchem die Ruthenen den Kronprinzen begrüßten, widerlegt am besten die polnischerseits ausgestreuten Verdächtigungen bezüglich der Loyalität der österreichischen Ruthenen.
Ueber die Heimreise König Milan's von Wien nach Belgrad lagen am Montag noch keine Meldungen vor, so daß der serbische Monarch seinen Aufenthalt in der österreichischen Hauptstadt verlängert zu haben scheint. Die vom Anfang an unglaubhaften Gerüchte über die Berufung Milan s zum Regenten Bulgariens werden von Belgrad aus dementirt.
Deutschland.
Berlin, 3. Juli. Eine amtliche Warnung ergeht gegen die Verleitung zur Auswanderung nach Brasilien durch einen Advocaten da Costa Pinta in Rio, der sich gegen die dortige Regierung verpflichtet habe, 5000 nordeuropäische Auswanderer einzuführen. Nach den gleich in Markwährung abgeschlossenen Zahlungs-Bedingungen des Vertrags scheint es vorzugsweise aus Anlockung Deutscher abgesehen zu sein.
Karlsruhe, 5. Juli. Die erste Kammer stimmte gleichfalls der Brannt- weinsteuer-Vorlage zu. Der Landtag wurde darauf geschlossen.
Arankreich.
Paris, 5. Juli. Das „Journal des Däbats" verzeichnet ein Gerücht, wonach Italien den Durchzug seiner Truppen durch den Suezkanal dazu benützen wolle, um an der Besetzung Egyptens theilzunehmen. Ein solches Vorgehen, meint das Blatt, dürfte Verwicklungen, vielleicht sogar Gefahren im Gefolge haben; Italien biete keine Garantie für Unparteilichkeit. Die einzige Macht, deren beständige Anwesenheit im Suezkanale einstimmig gutgeheißen werden könnte, sei Spanien, welches durch seinen eigenen Willen und seine geographische Lage in Wahrheit neutral sei und niemals die geringste Absicht gezeigt habe, sich in die europäischen Händel zu mischen.
— Der Director der Genie-Truppen, General Richard, ist gestorben.
Paris, 5. Juli. Deputirtenkammer. Das vom Ministerpräsidenten Rouvier soeben eingebrachte Budget schlägt weder eine Anleihe, noch eine neue Steuer vor, ebenso hat das Cabinet bei Ausstellung desselben sowohl von einer Zuschlags-Taxe auf Alkohol, wie von einer Besteuerung der beweglichen Werthe abgesehen, wie sie von dem früheren Cabinet vorgeschlagen waren. Das Gleichgewicht zwischen Einnahme und Ausgabe wird lediglich durch Ersparnisse hergestellt, von welchen 89 Millionen auf das ordentliche und 60 Millionen aus das außerordentliche Budget entfallen. — Bei der fortgesetzten Berathung des Mili- tärgesetzes wurde der Artikel desselben, welcher für die Zukunst eine dreijährige Dienstzeit an Stelle der bisherigen fünfjährigen einführt, mit 467 gegen 41 öt. angenommen.
Kugkaud.
London. 5. Juli. Oberhaus. Salisbury -rklätt. -m-Raiincatwn der englisch - türkischen Convention sei nicht erfolgt, aber °°rw g Droumond Wolff fei angewiesen, Konstantinopel im Laufe dieser W w z laffen. Diese Weisung sei nicht abgeändert worden.


