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geboren, ist also jetzt gerade 50 Jahre alt. Trotz dieser verhältnißmäßigeu Jugend hat Sadi Carnot schon eine beträchtliche Strecke politischer und staats­männischer Laufbahn hinter sich. Er ist von Beruf ei« Ingenieur. Er trat 1857 tu die polytechnische Schule ein, besuchte später dieEcole des ponts et chauss^es*, wardSecretär des »Conseil des ponts et chaussöes*' und wurde ipäter zum Staat-Ingenieur in Annecy ernannt. Nach dem Sturz de« Kaiserreichs stellte er sich der Nationalvertheidtgung zur Verfügung; Gambetta ernavnte ihn zum Präfekten bei Departements Seine-inferieure und übertrug ihm die Orgsuisatton der nationalen Vertheidtgung in der Normandie. Am 8. Februar 1871 wurde er vom Dopartement Cüte d'Or in die Nationalversammlung gewählt, in der er sich der republikanischen Linken anschloß. Nach Auflösung der Nationalver­sammlung wurde er in die Kammer gewählt, deren Mitglied er bisher gewesen ist; er gehörte dem Bureau der Kammer als Secretär an und war mehrere Male Mitglied und Berichterstatter der Budget'Commission. Al« Grevy am 30. Januar 1879 Präsident wurde und da- Ministerium Waddington bildete, wurde Sadi Carnet Untcrstaat-secretär des Ministers der öffentlichen Arbeiten, Freycinet, und behielt diese Stelle auch, als Freycinet im Decbr. 1879 Premier­minister wurde und da- Ministerium der öffentlichen Arbeiten an Barroy abgab. Nach dem Sturz des ersten Ministeriums Freycinet im September 1880 über­nahm Sadi Carnot tm ersten Ministerium Ferry da- Ministerium der öffent­lichen Arbeiten und trat im November 1881, nach den allgemeinen Wahlen, mit seinen Collegen zurück, um dem sog.Großen Ministerium" Gambetta'« Platz zu machen. Er machte sich als Arbeitsmintster namentlich um die Durchführung des großen Freycinet'lchrn Bautenplanc« verdient. Nach dem Sturze des zweiten Ministeriums Ferry trat Sadi Earnot wieder al- Arbeitsminister in da- am 6. April 1885 gebildete Ministerium Brisson-Freycinet, gab er aber bald an Dantrerme ab und übernahm an des unfähigen Ctomageran Stelle sie Finanzen. Auch unter dem folgenden Ministerium, dem dritten Freycinet'schen, war er Finanzmiuister. Als solcher war er nicht auf Rosen gebeitet; die fetten Jahre waren vorbei, die Anforderungen wuchsen, die Kammer becrctkte immer neue Ausgaben, und nun sollte der Finanzminister da- Kunststück machen, bei be­schränkteren Einnahmen ohne Anleihe und ohne neue Steuern au-zukommen. Am 3. Decbr. war es gerade ein Jahr, daß das 3. Ministerium Freycinet abdankte und Sadi Carnot in Dauphin einen Nachfolger erhielt, der freilich nicht glücklicher war als er. Aber ein Verdienst Sadi Carnot's überlebte seinen Rücktritt vom Finanzministerium: Er hielt die Hand fest am Staatssäckel und zeigte sich den Beeinflussungen der Comgagnie Grevy-Wilson unzugänglich. Den Anspruch des Grevy'schen Klienten Dreifus auf Erstattung von 150,000 Francs Sporteln hat er abgewiesen. Als Rouvier diese Thatsache vor drei Wochen in der Kammer erwähnte, erhielt Sadi Carnot von der gejammten Kammer eine stürmische Ovation. Das lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn, und gegenüber dem schmählichen Handel, der überall mit Staatrgeldern und Staats­einfluß getrieben wurde, erschien er, der sparsame und unbeugsame Finanz­minister , wie eine Zuflucht der beleidigten Moral, wie ein Retter aus der Noth des Skandals. Dieser Umstand, der ihn, und nicht mit Unrecht, zum Gegenbild des Wilson-Grevy'schen Paares machte, hat offenbar viel dazu bei­getragen, ihn auf den höchsten Posten der Republik zu bringen. Sadi Carnot's Auftreten ist beinahe ein bescheidenes; sein voller schwarzer Bart umrahmt ein ernstes, fast trauriges Gesicht. In einem ArtikelLes fulurs bals de lElysöe* hat kürzlich derFigaro" die Aussichten erörtert, welche die einzelnen Kandidaten den vergnügungslustigen Parisern bieten, und von Sadi Carnot Folgendes geschrieben:Er ist ein Polytechniker wie Freycinet und auch ein Haushammel wie Freycinet; er ist fein Präsident für die große Welt, ob­gleich seine liebenswürdige Frau, die Tochter des Nationalökonomen Dupont- White, viele Familienbeziehungen zu der höheren Klaffe des Bürgerthums unterhält. Auf feinen Bällen, mitten unter den exotischen Zierpflanzen, wird er die Trauerweide repräfentiren. Ihr Pariser Kaufleute, freut euch nicht auf die Feste Sadi Carnots!" Das wird wohl nicht so arg sein, denn der Figaro" hätte am liebsten einen König ober Kaiser im Elysöe. Die Haupt­sache ist, daß Sadi Carnot als Mensch, als Politiker, als ehrenhafter und unbestechlicher Charakter die allgemeine Achtung genießt. Davon giebt seine Wahl ein sprechendes Zeugniß. Unter ihm werden Leute wie die Limousin und die Ratazzi keine Rolle in der Geschichte spielen. Wenn er kein Genie ist, so ist das kein Unglück, weder für ihn, noch für die Republik. Wenn es ihm nur gelingt, den Frieden zu erhalten, und die allgemeine Wohlfahrt zu fördern, so weit er dies als Präsident zu thun vermag, so ist dies schon ge­nug. Sowohl Frankreich wie die Republik können ohne geniale Thaten leben und gedeihen, und auch das übrige Europa ist auf solche nicht sehr be­gierig________________________________________________ Franks. Ztg.

Lokales.

Gießen, 5. December. Samstag den 10. l. M., Vormittags 9 Uhr, findet im Rcgierungsgedäude hier eine öffentliche Sitzung des Provinzialausschusses statt, in welcher folgende Gegenstände zur Verhandlung kommen:

1. Beanstandung der Bürgermeifterwahl zu Treis a. d. Lda. durch Großh. Kreisamt Gießen.

2. Recurs der Stadt Büdingen gegen die Erklärung einer Straßenstrecke als Ortsdurchfahrt durch den Kreisausschuß Büdingen.

3. Recurs des Franz Gärtner zu Gießen wegen verweigerter Erlaubniß zum Branntweinausschank.

4. Recurs des Johannes Hainbach in Gießen wegen verweigerter Erlaubniß zum Branntweinverkauf.

Gießen, 5. December. sDas zweite Concert des Gießener Eoncert- vereins.s Die Palme des gestrigen Concertabends gebührt der vortrefflichen und liebenswürdigen Sängerin Fräulein Hermine Spies aus Wiesbaden, welche zu ihren ungezählten Triumphen einen neuen htnzugefügt hat. Die zahlreichen Vorzüge ihrer metallreichen Stimme sind ost gerühmt und allgemein bekannt, ihr tadelloser Ansatz, ihr wunderbares Piano, und die vollendete Weise, wie sie ihre Töne ausklingen läßt, haben auch gestern wieder ihren Zauber auf das zahlreich versammelte Publikum ausgeübt. Die Wiedergabe der gewählten Gesangescomposittonen war geradezu aus­gezeichnet,La emortina, lombardisches Volkslied, wurde stürmisch da capo verlangt, und die kleine reizende Zugabe (Der Schmetterling" von d'Albert), mit welcher Fraulein Spies das dankbare Auditorium erfreute, wurde wie im vergangenen Jahre mit rauschendem Beifall ausgenommen.

Herr Dr. K. Walther, der die Begleitung der Lieder übernommen hatte, verstand es in seiner feinsinnigen und wahrhaft künstlerischen Art auf die Intentionen der Sängerin und der Componisten einzugehen.

Das Orchester, unter Leitung des Herrn Director Felchner, brachte als erste Nummer die v-äur-Symphonie von Beethoven, deren Larghetto sehr gut zum Vortrag gelangte, darauf in vortrefflicher AusführungReigen seliger Geister und Furientanz" von Gluck, ferner Concert-Ouvertüre von Rietz, deren Wirkung durch die unreinen Tönender Bläser stark beeinträchtigt wurde, endlich die Ouvertüre zur Zauberflöte, deren Wiedergabe uns nicht befriedigen konnte. Dagegen war die Begleitung des

Orchesters zur Arie ausSimson und Delila" von St. Saöns durchaus correct und discret.

Wir können nicht umhin, zu erwähnen, daß die Temperatur im Concertsaal angesichts einer gänzlich fehlenden Ventilation eine unerträglich hohe war, so daß manche« Concertbesucher der Genuß dadurch verkümmert worden ift; hoffentlich läßt sich diesem Uebelstande zukünftig in einer oder der anderen Weise abhelfen.

Gießen, 5. December. Der große Erfolg, welchen die GesangsposseEin gemachter Dlonn* gestern Abend errungen, hat die Dtrection veranlaßt, das lustige Stück am Dienstag Abend nochmals zur Aufführung zu bringen. Das Theater war am Sonntag Abend vollständig besetzt.

Gießen, 5. December. Die heute zur Ausgabe gelangte Nr. 12 der Verwal- tungSblätter hat folgenden Inhalt:

1. Entscheidung Großh. Verwaltungsgerichtshofes, betreffend das Ansinnen des Großh. Kreisamts Schotten an die Gemeinde Eichelsdorf wegen Aufräumung der Bäche.

2. Entscheidung Großh. Verwaltungsgerichtshofes, betreuend den Nachlaß der Wittwe des Hauptmanns Schleuning, Elise geb. Schreger, zu Bessungen.

3. Oeffentliche Sitzung des Provinzialausschusses der Provinz Oberhessen vom 19. November 1887.

4. Bäder in der Schule.

Abonnements auf die Verwaltungsblätter nimmt die Expedition des Gießener Anzeiger entgegen und zwar für die Abonnenten letzteren Blattes zum ermäßigten Preise von 50 H pro Quartal.

In der Nacht vom Samstag zum Sonntag wurde ein junger Mann durch die Schutzmannschast abgefaßt, als er sich das Vergnügen machte, mit seinem Spazier­stock einige Laternenscheiben in der Frankfurterstraße zu zertrümmern.

WerrvischteS.

Mainz, 4. December. Die Krisis unseres Theaters ist noch immer nicht beendigt, der für den Fall der Ablehnung Preymaier's von der städtischen Verwaltung ins Auge gefaßte Director Schirmer hat zwar auf die telegraphische Benachrichtigung der Bürgermeisterei bereits Antwort gegeben, jedoch nur in dem Sinne, daß er dieser Tage hierher kommen werde. Eine bindende Zusage hat Herr Schirmer noch nicht gegeben und erscheint es nach dem Vorhergegangenen auch sehr unwahrscheinlich, daß der genannte Theaterleiter sv ohne Weiteres die von der Stadt noch nachträglich gestellten Bedingungen accepttrt, weshalb eine nochmalige Ausschreibung unseres Theaters nicht zu den Dingen der Unmöglichkeit gehört.

Aus Rheinhessen, 4. December. Der steckbrieflich verfolgte social- demokratische Agitator Töpfermeister Görz von Wörrstadt, der bei der letzten Assisen- session von der Anklage der Brandstiftung freigesprochen, aber nachträglich wieder in Untersuchung gezogen worden ist und deshalb ftüchtig gegangen war, hat sich gestern freiwillig dem Gerichte gestellt. Das durch die Flucht von Görz unterbrochene Ver­fahren gegen denselben ist dermalen in dem Stadium, daß dem Oberlandesgericht in Darmstavl die Beschwerde des Görz gegen den die Wiederaufnahme des Verfahrens verfügenden Beschluß des Landgerichts Mainz eben zur Entscheidung vorliegt.

Wegen der unter der Schuljugend herrschenden DiphlheritiS mußten in Wendelsheim die Volksschulen geschlossen werden.

A Dom Rhein, 4. December. Durch den seit zwei Tagen auf dem Rhein liegenden Nebel ist nunmehr die Schifffahrt total eingestellt, indem es bet dem kleinen Wasserstand selbst die geübtesten Schtffsleute nicht wagen, Fahrten zu unternehmen. Mit Ausnahme der Trajectboote und kleiner Passagierfchiffe liegen alle Fahrzeuge still und bietet der Strom das Bild des vollständigen Winters.

Wien, 3. December. DieNeue Freie Presse" meldet aus Wiener-Neustadt bei Wien: Heute Vormittag fand in einer bet Wiener-Neustadt gelegenen Sprengstoff- Fabrik eine Explosion statt, in Folge welcher sechs Personen das Leben einge- bützl babcn.____________________

Handel und Verkehr.

Grünberg, 3. December. (Fruchtpreise.) Weizen 16.90, Äorn X 13.40 Herste 13.40, Hafer JL 11.00, Erbsen JL 14.00, Linsen JL 22.00, Lein v* 00 00, Damen 00.00, Kartoffeln JL 0.00, Wicken 11.10.

Frankfurt, 3. December. Auf dem heutigen Markt kosteten: Kartoffeln per Malter JC. 3 403.80, das Gescheid 1012 H, Eier das Hundert Jt 0.000.00, das St. 6-8 H, Butter im Großen JL. 00.0900 00, im Detail das Pfund JL 1.00 bis 1.30, Weißkraut per Stück 1015 H, Rothkraut per Stück 2025 Kohlrabi per Stück 34 H, Ochsenfleisch per Pfund 4570 H, Kuh- u. Rindfleisch 4560 Kalbfleisch 4555 H, Schweinefleisch 6575 Hammelfleisch 4065 H, 1 Hahn Jt 0.70-1.80, 1 Huhn JL 1002.20, 1 Ente 1.503.00, Gans Pfund 6570 H, 1 Taube 35-60 H, Welsche JL 10.0012.00.__

Literarische H.

Im Verlage der I. Ricker'schen Buchhandlung erschien soeben eine Flug­schrift des hessischen Landesveretns des evangelischen Bundes, betitelt: »Die Glaubens- einheit der Evangelischen gegenüber Rom*. Referat bet der großh. hessischen Landesversammlung des evangel. Bundes in Frankfurt a. M. am 15. November 1887 von Dr. I. Gottschick, Professor der Theologie in Gießen.

Temperatur in Gießen.

November 1887.

Niederste....... 13,0 °R.

Mittlere.......+ 2,59

Mittel früherer Jahre.....+ 2,71

Höchste........4- 11,0

Niederschlag an 16 Tagen .... 1,45 Par. Zoll.

, im Mittel früherer Jahre an 16 Tagen 1,97 ____________

Nepertoir der vereinigten Stadttheater zu Jranksurt a. M.

«* Opernhaus.

Dienstag den 6. December: Violetta. Gewöhnliche Preise.

Mittwoch den 7. December: Zweites und letztes Gastspiel des Herrn' Emil Götze. Lohengrin. (Lohcngrin: Herr Emil Götze.) Außer Abonnement. Erhöhte Preise.

Donnerstag den 8. December: Norma. Gewöhnliche Preise.

Freitag den 9. December geschlossen.

Samstag den 10. December: Die Meistersinger. Gewöhnliche Preise.

Sonntag den 11. December: Die Jüdin. Gewöhnliche Preise.

Schauspielhaus.

Dienstag den 6. December: Die Welt in der man sich langweilt. Große Preise.

Mittwoch den 7. December: Georgette. Große Preise.

Donnerstag den 8. December: Der Ducatenprtnz, mit der Einlage Mizekado. Außer Abonnement. Große Preise.

Freitag den 9. December: Der Ducatenprinz und Mizekado. Große Preise.»

Samstag den 10. December: Zum ersten Male: Meeresleuchten. Lust­spiel in 1 Akt von Philippi. Neu einstudirt: Der Vetter. Große Preise.

Sonntag den 11. December: Die Welt in der man sich langweilt. Große Preise.

Montag den 12. December: Georgette. Große Preise.

Kirchliche Anzeigen der mangel Gemeinde.

Heute, Montag, Abend 8 Uhr Bibelstunde in der Kleinkinderschule, Markus Kap. 12, von Vers 28 an, nicht fern vom Reiche Gottes; Davids Sohn und Davids Herr; Schein und Wesen; Pfarrer Dr. Naumann.

Donnerstag, 8. December, Abends 8 Uhr, Adoentsandacht in der Kirche, Pfarrer Dingeldey.