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Nr. 284 Dienstag den 6. December 1887.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gietzcn.

Bnrcaur Schulstr-b- 7. Ersch.in. .»sich m«t AuSn-hm- b-s

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Nr. 46 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 30. November, enthält:

(Nr. 1757.) Verordnung, betreffend das Verbot der Einfuhr von Schweinen, Schweinefleisch und Würsten dänischen, schwedischen oder norwegische« Ursprungs. Vom 29. November 1S87.

Gießen, den 3. December 1887. Großherzogliche» Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

][ Darmstadt, 4. Decbr. Se. Königliche Hoheit der Großherzog be­geben sich morgen Vormittag 11 Uhr, einer Einladung des erl. Grafen zu Stolberg folgend, zur Theilnahme an den mehrtägigen Jagden nach Roßla. In der Begleitung Sr. Königlichen Hoheit werden sich dem Vernehmen nach Generaladjutant und Hofmarschall von Westerweller, sowie Hofjägermeister von Werner befinden. Wegen baulicher Veränderungen, insbesondere wegen der zur eventuellen Einführung elektrischer Beleuchtung nöthigen Vorkehrungen residierte der Großherzog bisher nicht im neuen Palais, sondern im Groß­herzoglichen Schlöffe. Nachdem die erwähnten Einrichtungen nunmehr voll­endet worden, wird die Großherzogliche Famllie im Laufe des morgenden Tages wieder in das neue Palais übersiedeln und dort Wohnung nehmen.

Berlin, 3. December. Se. Majestät der Kaiser arbeitete des Vormittags mit dem Chef des Militärcabtnets, v. Albedyll, empfing um 1 Uhr General v. Winterfeld und machte daraus eine Spazierfahrt. Morgen Vormittag findet im kaiserlichen Palais für die Majestäten und deren Gefolge Gottesdienst durch Oberhofpredizer Kögel statt.

Berlin, 3. December. Dem Secretär der Akademie der Wissenschaften, Mommsen, ist die große goldene Medaille für Wissenschaft verliehen worden.

DerReichsanzeiger" meldet, Commerzienrath Frentzel (Berlin), die Ritterguts­besitzer v. Langermann und Erlencamp (Lubin) von Tettenborn und Wolf (Reichen­berg) sind zu Mitgliedern des Volkswirthschaftsraths ernannt worden.

Die Getreidezollcommissson ist aus folgenden Mitgliedern zusammengesetzt: Landsberg (Steinfurt), Vorsitzender, Hammacher, Stellvertreter, Lucius, Geibel, Hoff­mann (sind Schriftführer), Windthorst, Retchensperger, Beckmann, Braubach, Mooren, Pfetten, Broemel, Rickert, Mager, Pfähler, Helldorf, Mirbach, Wedell (Malchow), Frege, Puttkammer-Plauth, DeliuS, Fischer, Leemann, Kardorff, Lohren, Ow, Hoff­mann (Sachsen) und Diffenö.

Die Budgetcommission genehmigte unverändert das Ordinarium und Extra- ordinarium des Marineetats.

Das Hauptintereffe an den politischen Nachrichten concentrirt sich heute auf Frankreich, resp. Paris-Versailles, wo am Samstag Nachmittag der neue Präsident der Republik, Sadi Carnot, gewählt wurde. Wir stellen im Folgenden die darauf bezüglichen Nachrichten zusammen, während an anderer Stelle der Lebenslauf des nunmehr ersten Bürgers der französischen Republik zu finden ist:

Versailles, 5. December. Der Congreß wurde heute Nachmittag 2 Uhr er­öffnet. Der Präsident Leroyer erklärt die Nationalversammlung für constttuirt, um einen Präsidenten der französischen Republik zu wählen. Michelin (Intransigent) bittet um's Wort, um einen Antrag einzubringen. Der Präsident weist denselben zurück, indem er erklärt, die Nationalversammlung sei ausschließlich ein Wahl - Collegium. Cassagnac sagt, die Versammlung sei souverän. Gaulier bestreitet dem Präsidenten das Recht, die Rechte der Versammlung zu beschränken, worauf der Präsident entgegnet, daß er aus dem Boden der Verfassung stehe. Michelin erklärt, er wolle eine Revision der Verfassung beantragen. Der Präsident weist dies zurück. Michelin protestirt da­gegen. Die Abstimmung begann darauf um 2 Uhr 15 Minuten.

Versailles, 3. December. Sitzung des Congresses. In dem ersten Wahlgange des Präsidenten sind 852 Stimmen abgegeben. Hiervon fielen aus Sadi Carnot 303, auf Ferri) 212, auf Saussier 148, auf Freycinet 75, auf Appert 72, auf Brisson 26 Stimmen. Ferner wurden für Floquet 5, für Felix Pyat 2, für de la Forge 2, Pasteur 2 und Spuller 1 Stimme abgegeben. Es ist, da keine absolute Majorität erzielt ist, ein zweiter Wahlgang erforderlich.

Ferry und Freycinet traten zu Gunsten Sadi Carnot's zurück, die Wahl des Letzteren erscheint demnach sicher.

Der Congreß wählte im zweiten Wahlgange mit 616 von 833 abgegebenen. Stimmen Sadi Carnot zum Präsidenten der Republik. General Saussier erhielt 188, Jules Ferry 10, Freycinet 6, General Appert 5 Stimmen; auf Floquet und Felix Pyat fielen je 1 Stimme.

In dem dritten Wahlgange der allgemeinen Versammlung der republikanischen Deputirten und Senatoren sind insgesamml 505 Stimmen abgegeben worden, davon fielen aus Ferry 179, Sadi Carnot 162, Freycinet 109, Brisson 52 Stimmen. Hierauf wurde zum vierten Wahlgange geschritten.

Beim vierten Wahlgang der Versammlung der republikanischen Deputirten und Senatoren stimmten nur 253 Mitglieder; es erhielten Sadi Carnot 185, Ferry 35, Freycinet 23, Brisson 10 Stimmen. Die Rechte soll zwischen de» Generalen Saussier und Appert als Präsidentschafts-Candidaten getheilt sein.

Versailles, 3. December. Gelegentlich der heutigen allgemeinen Versammlung der republikanischen Deputirten und Senatoren sprach Pelletan in der um ihn ver­sammelten Gruppe sich für die Nothwendigkeit aus, die Stimmen für Sadi Carnot abzugeben damit alle republikanischen Stimmen auf einen Candidaten vereinigt wären. Eales und Granet erwiderten, damit würde der Majorität angesonnen, sich der Mino­rität unterzuordnen. Die politische Haltung Brisson's und Sadi Carnot's werde von den Republikanern gemißbtlligt; beide müßten zu Gunsten Freycinet's zurücktreten, der nach Ferry die meisten Stimmen auf sich vereinigte.

Versailles, 3. December. Sofort nach Verlesung des Resultats des ersten Wehlganges erhob sich Ferry und erklärte laut, daß er zu Gunsten Sadi Carnot's auf die Wahl verzichte. So concentrirten sich im zweiten Wahlgange alle republikanischen , Stimmen auf Carnot. Das Resultat derselben ist: 610 Stimmen für Sadi Carnot, , 188 für General Saussier, 5 für Freycinet. Als der Präsident die Sttmmenzahl Carnot's verkündigte, erhob sich die gesammte Linke und applaudirte mit ausgestreckten , Händen der Rechten entgegen. Der Präsident verkündet Sadi Carnot als Präsidenten der Republik. Nochmaliger lauter Beifall. Unter stürmischen RufenVive la rtpu- hligue wird die Sitzung geschloffen.

Nach der Sitzung des Congresses empfing Sadi Carnot die Präsidenten des Senats und die Minister, die ihre Glückwünsche darbrachlen. Der neue Präsident antwortete den Ministern:Ich danke Ihnen für Ihre Glückwünsche und bin erfüllt von Dankbarkeit'gegen die republikanischen Mitglieder des Congresses, die, indem sie mir alle ihre Stimmen gaben, bewiesen, wie lief das Verlangen des Friedens und der Eintracht in Frankreich Wurzel geschlagen. Mein innigster Wunsch ist, daß dieser große Tag in allen Gemüthern gegenwärtig bleibe; er beweist, daß die Vertreter Frank­reichs sich zu einigen wissen. Ihre gemeinsamen Bemühungen müssen die Verfassung befestigen und Frankreich eine Negierung geben, die der Nation mit der Freiheit im Innern und der Würde nach Außen alle Wohlthaten bescheert, die das Land von der Republik erwartet." Hierauf empfing Sadi Carnot die Repräsentanten der repu­blikanischen Presse und forderte sie auf, zum Frieden beizutragen, den das Land wünsche. Um 7Vt Uhr verließ der neue Präsident der sranzösischen Republik daS Palais in Versailles, begleitet von einer Ehrenwache und allen Ministern außer Flou- rens und Ferron. Eine Schwadron Cürassiere ritt dem Wagen des Präsidenten bis zur Bahn voraus. Um 8 Uhr 35 Minuten hielt Sadi Carnot seinen Einzug Ins Elysöe.

Paris, 4. December. Der neu gewählte Präsident Sadi Carnot, der gestern Abend in's Elysöe geführt wurde, verblieb daselbst nur 10 Minuten, stattete alsdann Gröoy einen Besuch ab und begab sich schließlich in seine Prtvatwohnung nach Passy. Die Einwohner des Ortes bereiteten ihm eine Ovation und riefen:Es lebe die Republik!" Sadi Carnot wird morgen im Elysöe Wohnung nehmen. General Brugere wird heute dem neuen Präsidenten die großen Insignien der Ehrenlegion überreichen. General Faidherbe wird bei der Ceremonie den Vorsitz führen. Die Minister werden Abends im Elys-e eine Sitzung abhalten. Die Stadt war gestern sehr belebt; den ganzen Abend wogte eine große Menge in den Straßen, die sich jedoch ruhig verhielt; die Ordnung wurde nirgends gestört. Die Morgenblätter nehmen die Wahl Sadi Carnot's sehr günstig auf und erblicken in derselben ein Anzeichen für die allgemeine Beruhigung. Sämmtliche Depeschen aus der Provinz constatiren gleichfalls eine allgemeine Befriedigung über die Präsidentenwahl. Die Minister werden heute Abend dem neuen Präsidenten der Republik ihre Entlassungsgesuche überreichen.

Der Präsident der Republik, Sadi Carnot, welcher heute Nachmittag im Elysöe Wohnung genommen hat, empfing daselbst Grövy und mehrere politische Persön­lichkeiten, darunter auch den Vorsitzenden der Budget-Commission, Peytral. Sadi Carnot sprach hierbei die Absicht aus, sofort nach der Bildung eines neuen Cabinets bei der Kammer die Votirung der provisorischen Budget-Zwölftel zu beantrage» und die Session am 15. ds. wegen der nahe bevorstehenden Wahlen zum Senat zu schließen.

PakiS, 3. December. Paris war den ganzen Tag über vollkommen ruhig. Jetzt herrscht auf den Boulevards großes Leben. Die Bevölkerung betrachtet die Wahl Sadi Carnot's als Festigung der Republik und entnimmt aus der Vergangenheit Ear- not's die Bürgschaft für die Erhaltung des Friedens. Der neue Präsident war in der Kammer in der Gruppe der Unabhängigen eingeschrieben, hatte aber zahlreiche enge Freunde in der radikalen Partei, während er der Gesinnung nach den gemäßigten Republikanern zugehörte.

Telegraphische Depesche«.

Wolff'S telegr. Csxrefvondeirr-Briieearr.

Rom, 4. December. In Fuscaldo und Bissignano wurden in der Nacht vom Freitag aus Sonnabend zwei heftige Erdstöße verspürt, die in Fuscaldo keinen Schaden anrichteten, in Bissignano jedoch 20 Personen das Leben kosteten. Auch der sonstig« Schaden ist in dem letzteren Orte beträchtlich. Einem Telegramm desPopolo Romano" zufolge wurde Bissignano zerstört und die Ortschaft Roggiano stark beschädigt.

Petersburg, 4. December. Der Kaiser empfing gestern den neu ernannten persischen Gesandten Mirza Mahmud-Khan in Audienz.

Der neue Präsident der französischen Republik.

Marie Francois Sadi Carnot ist der Enkel des Grafen Carnot, des be­rühmten Staatsmänner, Generals und Krigsministers der großen Revolution, des überzeugung-treuen Republikaners, der nach der Rückkehr der Bourbonen verbannt wurde, nach Magdeburg sich begab und dort im Jahre 1823 starb. Dessen Sohn Hippolyte Lazare, geboren 1801, lebte 7 Jahre mit dem Vater in Magdeburg, studirte daselbst deutsche Sprache und Literatur und kehrte 1823 nach dem Tode seine- Vaters in die Heimath zurück, wo er al- Advokat und Journalist wirkte und als Republikaner mit stark socialistischer Färbung in's politische Leben eintrat. Er war wiederholt Deputirter und wurde nach der Februar-Revolution Minister des öffentlichen Unterrichts und de- Cullus. ver­darb es aber bald mit der Nationalversammlung. Nach dem Staatsstreich vom 2. December 1851 wurde er in den Gesetzgebenden Körper gewählt, aber nicht zugelaffen, weil er, wie Cavignac, den vorgeschriebenen Eid der Treue gegen den Kaiser verweigerte. Wiederholt gewählt, bequemte er sich erst 1864, m dem Eide, trat in den Gesetzgebenden Körper und gehörte dort der Opposition an, die den liberalen, parlamentarischen und republikanischen Gedankm lebendig erhielt. Nach dem Sturz des Kaiserreichs wurde er Mitglied Nationalvir- sammlung und 1876 Senator. Er lebt, ein 86jähriger Greis, jetzt noch, »er neue Präsident der französischen Republik ist sein Sohn, der also sozusagen au- altrepublikanischem Adel ist. Er wurde am 11. August 1837 zu Limoges