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6.11.1887 Zweites Blatt
 
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Pr. 259 Zweites Blatt, Sonntag den 6. November 1887.

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

O»r<avr Schulstr«ße 7.

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Woche« * Ueberficht.

Gießen, 5. November.

Die abermalige Erkrankung Kaiser Wilhelm» hat in allen Schichten und Kreisen de» deutschen Volke» die lebhafteste Theilnahme heroor- gerufen und die verhältnißmäßig lange Dauer de» diesmaligen Unwohlsein» de» allgeliebten Monarchen ließ e», zumal bei seinem hohen Alter, begreiflich erschei­nen, wenn in vielen Herzen ernste Besorgnisse aufstiegen. Erfreulicher Weise sind dieselben unbegründet; allerdings steht sich der greise Herrscher genöthigt, da» Bett zu hüten, da namentllch die rheumatischen Schmerzen am Kreuz manchmal noch recht empfindlich hervortreten, aber e» ist doch bereit» eine sichtliche Besserung im Allgemeinbefinden de» allerhöchsten Patienten eingetreten und darf daher die bestimmte Hoffnung auk die baldige völlige Wiederherstellung desselben au»gesprochen werden. Die gegenwärtige Erkrankung de» Kaiser» hat leiver einigen nichtswürdigen Subjecten den Anlaß gegeben, an der Berliner Börse mittelst Rohrpostkarten die deunluhigendsten Nachrichten zu oerbretten, lediglich, um hierdurch einenCourssturz" zu erzielen und denselben zu gewinn­süchtigen Zwecken auszubeuten. Vom Börsen-Commiffariat find 2000* Be­lohnung für die Ermittelung der Thäter, resp. der Thäter» ausgesetzt worden. Merkwürdner Weise hat dar Unwohlsein des Kaisers aus die Gerüchte, denen zufolge anläßlich der Heimreise der Czarenfamilie von Kopenhagen demnächst . doch ein Besuch de» rusfischen Kaisers in Berlin zu erwarten stünde, keinerlei Einfluß ausgeübt. Dieser Besuch wird schon al» ganz selbstverständlich betrachtet und schmückt man ihn sogar mit ollen möglichen Einzelheiten aus; gegenüber dem augenblicklichen Gesundheitszustände Kaiser Wilhelms erscheint e» aber wohl überflüssig, all' biefen Gerüchten ein ernsthaftes Wort zu widmen.

Der Ungewißheit über den Termin für den Reichstags-Zusammen­tritt ist nunmehr ein Ende gemacht worden, indem eine kaiserliche Verordnung den Reichstag auf den 24. November einberuft. Der erste Abschnitt der neuen Session wird demnach nur ein sehr kurzer fein, da zwischen deren Beginn und der Weiynachtspause kaum mehr al» drei Wochen liegen und wenn der Reichstag, abgesehen von einigen Sachen untergeordneten Ranges, in dieser knapp bemessenen Frist den Etat, der ihm beim Zusammentritte vollständig zu­gehen dürste, aufarbeiten will, wird er sich außerordentlich dazu halten müssen. Jedenfalls kommt die gesetzgeberische Hauptarbeit erst nach Neujahr und zu diesem Zeitpunkte wird nun endlich hinsichtlich der für den Reichstag bestimmten größeren Vorlagen vollständige Klarheit herrschen. Bi» jetzt konnte nur der Entwurf über die Alters- und Invalidität».Versicherung der Arbeiter mit einiger Bestimmtheit al» eine der in der neuen Session zu lösenden Aufgaben bezeichnet werden. Nach neuerlichen Mittheilungen au» Berlin ist nun aber an der Einbringung einer abermaligen Getreidezoll'Vorlage kaum mehr zu zweifeln und setzt dieselbe dem Vernehmen nach den Kornzoll aus das Doppelte der bisherigen Höhe fest. Inwieweit die signalisirte Vorlage auf eine Mehrheit im Reichstage zu zählen haben würde, läßt sich jetzt noch nicht beurteilen, da­gegen ist nicht zu verkennen, daß sich in weiten Kreisen des Volke» eine ent­schiedene Bewegung gegen eine abermalige Erhöhung der Getreidezölle kundgiebt; selbst Zeitungen, die mit landwirthschastlichen Kreisen in enger Fühlung stehen, wie die BerlinerPost" und hieSchles. Ztg.", halten mit ernsten Bedenken gegen die angekündigte Maßregel nicht zurück. Vorläufig scheint sich indessen die Regierung durch diese Stimmung in ihrem Vorhaben nicht beirren lassen zu wollen und so wird man abzuwarten haben, was die Reichstags-Verhandlungen über die angedeutete, nach verschiedenen Richtungen hin wichtige Frage bringen werden.

Der deutsche Landwirthschastsrath ist am Donnerstag in Berlin zusammengetreten. Seine Session hat ihre Einleitung durch einen ausführlichen Geschäftsbericht erhalten, in welchem sich der deutsche Landwirthschastsrath Über eine Reihe landwirtschaftlicher und wirthschaftlicher Fragen zumeist vom agra­rischen Standpunkte ausspricht und in diesem Sinne dürsten auch die eröffneten Verhandlungen der Versammlung sich bewegen.

In Berlin constituirte sich am Dienstag die deutsche Commission für den großen internationalenWettstreit" der Industrie, Wissen­schaft und Kunst zu Brüssel im Jahre 1883 (Allgemeine Weltausstellung.) Der Commission, welcher der Reichstags-Abgeordnete, Mitglied de» preuß. Herren­hauses. Freiherr v. Landsberg-Vehlen zu Steinfurt, präsidirt, gehören zahlreiche Notabilitäten aus commerciellen, wissenschaftlichen und parlamentarischen Kreisen an.

In der Schweiz wurden am Sonntag die Neuwahlen zur Volksver­tretung, dem Nationalrath, vollzogen und haben sie wiederum eine radikal­demokratische Mehrheit für den Nationalrath ergeben. Die Wahlen vollzogen sich ohne besondere Erregung und traten die rein politischen Fragen gegen solche wirtschaftlicher und socialer Natur vollständig zurück.

Ein großer Theil Belgiens wurde Anfangs der Woche von einem furchtbaren, orkanähnlichen Sturm heimgesucht. Derselbe richtete in zahlreichen Orten an Gebäuden, Anlagen, Telegraphen-Linien u. s. w. schwere Beschädt- gungen an und kamen hierbei leider auch eine Anzahl Personen um'» Leben. Der Sturm hat auch nach England hinübergegriffen, wo er ebenfalls beträcht­lichen Schaden verursachte und namentlich auch die Stadt Liverpool stark heimsuchte.

Jenseits der Vogesen ist das allgemeine Interesse fortgesetzt auf die Entwickelung der politischen Krisis gerichtet, welche sich als einen so un-

erwartet ernsten Nachklang zu dem berüchtigten Ordensskandal darstellt. Aller dings stellt sich zur Zeit die Lage nicht mehr so düster dar, wie noch vor einigen Tagen, wo ernstlich vom Rücktritt des Präsidenten Grevy die Rede war. Viele republikanische Deputirte sind nachträglich zu der Erkenntniß gelangt, daß sie nur die Geschäfte der Monarchisten besorgen würden, wenn sie mit der monarchistischerseits geforderten Untersuchungs - Commission durch Dick und Dünn gingen und nimmt man daher an, daß das Plenum der Kammer bei nächster Gelegenheit einlenken werde. Trotzdem sind die Pariser Regierungskreise nicht ohne große Besorgnisse für die nächsten Tage. Einer­seits ist immerhin nicht ausgeschlossen, daß die Beratung des bonapartistischeu Antrages, eine parlamentarische Untersuchung über den Ordensschacher ein­zusetzen, zu bedenklichen Zwischenfällen führen kann, anderseits drohen finanzielle Fragen dem Ministerium Rouvier mit neuen Klippen und politische und parlamentarische Ueberraschungen hat man ja jederzeit aus Frankreich zu gewärtigen.

Die neue italienische Expedition nach Ostafrika wickelt sich in ihrem ersten Stadium, der Ueberführung nach Maffauah, programmgemäß ab. In voriger Woche ging die erste Abteilung, 700 Mann, nebst dem Oberbefehlshaber der Expedition, General Manzow, und dessen Stab, von Neapel nach Maffauah ab. Ihr folgte am Mittwoch die zweite Abteilung, circa 2500 Mann, am Sonntag folgt der dritte Nachschub, am 11. November geht die vierte Abteilung und am 16. d. Mts. der Rest der Expedition ab, deren Gesammtstärke indessen nicht 25,000, sondern nur 20,000 Mann beträgt. In­zwischen ist bereits eine englische Mission, welche noch in letzter Stunde zwischen Italien und Abrffsiriien vermitteln soll, in Maffauah gelandet und zum Negus weitergereist. Der Erfolg der etwas post festum kommendenMutterschaft" Englands bleibt abzuwarten.

Da» Schicksal der zum Tode verurteilten Chicagoer Anarchisten scheint endlich besiegelt zu sein. Ihr Recurs gegen das Todesurtheil ist vom höchsten Gerichtshöfe der Union zurückgewiesen worden und nur noch der Gou­verneur von Illinois kann die Begnadigung aussprechen. Geschieht dies nicht, so werden die anarchistischen Maffenmörder am 11. November die wohlverdiente Strafe am Galgen empfangen.

Die Verhältnisse in Südafrika spitzen sich zusehends zu. Die Zuluhäuptlinge Dinizulu und Undabuko haben es abgelehnt, der Aufforderung Havelocks, des Gouverneurs von Natal, mit ihm in Ekowe zusammenzukommen, Folge zu leisten. Die beiden Häuptlinge sollten sich vor Havelock rechtfertigen, weil sie von den Boers Schutz und Hilfe gegen die Engländer erbaten, sie haben es aber vorgezogen, der Zusammenkunft sernzubleiben. In Folge deffen gingen gegen Dinizulu Truppen von Ekowe ab. Falls die Boern, wie es bei ihrem Haffe gegen die Engländer leicht möglich ist, den Zulus in ihrem Streite mit den Engländern thatkrästige Hilfe leisten, kann die Lage für die letzteren bedenklich werden, denn die Engländer haben schon wiederholt die Tapferkeit und den kriegerischen Muth dieser holländischen Colonisten zur Genüge kennen gelernt.

Die Berichte der Aabrik-Inspertoren.

Da die Berichte, welche die Fabrikinspectoren, Gewerberäthe, über die Ergebnisse ihrer Wirksamkeit erstatteten, zur Beurtheilung der Lage der Arbeiter und der sonstigen industriellen Verhältnisse in Deutschland reiches und wichtiges Material enthalten, so wird ihnen Seitens der Presse eine große Beachtung geschenkt. Insbesondere interefsirt darin alles Dasjenige, was sich aus die Frage der Kinderarbeit in den Fabriken und Handwerksbetrieben bezieht, die neulich auch wieder den Hygiene-Congreß in Wien beschäftigte und im Sinne eines generellen Verbots der Kinderarbeit entschieden worden ist.

Der diesjährige Bericht ergibt zunächst die wenig erfreuliche Thatsache, daß die Verwendung von Kindern in der Zunahme begriffen ist. Seit dem Jahre 1884, für welches die letzten Erhebungen gemacht wurden, hat sich die Zahl der beschäftigten Kinder von 18 882 auf 21053, also um 2171 vermehrt. Die männlichen Kinder nahmen um 13,8 Procent, die weiblichen um 7,5 Procent zu. Männliche waren im Reiche überhaupt beschäftigt 13 519 (gegen 1884 + 1637), weibliche 7514 (4- 524). Dieser Zunahme der Kinderarbeit (im Alter von 1214 Jahren) steht eine Abnahme der Beschäftigung junger Leute gegenüber. Am meisten werden die Kinder in der Textilindustrie beschäftigt, die beinahe die Hälfte aller verwendeten Kinder für sich in Anspruch nimmt. Aber auch in den Etgarrenfabriken, in der Lebensmittelindustrie und sogar in den Steinbrüchen bedient man sich dieser Hilfe. Sachsen allein beschäftigt nahezu 10 000 Kinder, d. h. die Hälfte aller im Reiche zur Jndustriethätigkett heran- gezogenen. Rach den Berichten ist die Beschäftigung der Kinder keineswegs allenthalben eine ihrem Alter und ihrer Leistungsfähigkeit angemessene. In den Eigarrenfabriken des Regierungsbezirks Minden waren allein 1200 Kinder unter 14 Jahren beschäftigt. Rach der Meinung des Aufsichtsbeamten übt die Fabrikarbeit auf die jüngeren Kinder den nachtheiligsten Einfluß auS und würde eine Herabsetzung der täglichen Arbeits­dauer von 6 auf 3 Stunden ohne Schädigung der Industrie durchführbar sein. Auch der Gewerberath für Arnsberg hält die Beschäftigung schulpflichtiger Kinder in solchem Umfange nicht für ein unabweisbares Bedürfniß der Industrie. Anderer Meinung ist der Jnspector für Leipzig; er glaubt, daß den Eltern wie den Kindern von einer Ver­schärfung der gesetzlichen Bestimmungen Nachtheil erwachsen würde. Die Kinder seien in den Fabrtkräumen hinsichtlich der Luft, Beleuchtung und Temperatur vielfach bester aufgehoben als in engen, schlecht gelüfteten Wohnungen oder in Arbeitsstätten der Hausindustrie. . _ ,

Wett schlimmer ist freilich das Loos der Kleinen oft in der Hausindustrie. Wer eine Besserung der Lage der Kinder erstrebt, wird nicht umhin können, hier ein noch energischeres Eingreifen der staatlichen Schutzpfltcht zu erstreben, als in vielen Fabrik­bezirken. BemerkenSwerthe Feststellungen hierüber sind namentlich im Bezirke Plauen gemacht worden, woraus sich ergeben hat, daß bet der Hausindustrie die Inanspruch­nahme von Kindern größtentheils eine beklagenswerthe und nach dem Urtheile der