Ausgabe 
6.9.1887
 
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Mr. 206 Dienstag den 6. September 1887.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Vurcaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlobn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher HHeil.

Nr. 35 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 1. d. M«, enthält:

(Nr. 1746.) Allerhöchster Erlaß, betreffend die Instruction zur Ausführung des Gesetzes über die Naturalleistungen für die bewaffnete Mackt int Erichen vom 13. Fibruar 1875 und der dazu ergangenen abändernden Bestimmungen des Gesetzes vom 21. Juni 1887. Vom 30. August 1887.

y Gießen, am 3. September 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Politische Ueberstcht.

Bietzen, 5. September.

Wie dieNeue Stett. Zkz." hört, wird auch der Reichskanzler Fürst Blsmarck zu dem Kaisermanöver in Stettin eintreffen. Derselbe wird im «Mause daselbst Wohnung nehmen, wo acht Zimmer für ihn bereit gehalten werden.

Der deutsche Geschäftsträger in Madrid, Gras Tattenbach, hat der spanischen Regierung, wie derTimes" aus San Sebastian gemeldet mb, eine Depesche mitgetheilt, in welcher Fürst Bismarck im Auftrag des Küfers die spanische Regierung wegen des erfolgreichen jüngsten Vorgehens in Sulu beglückwünscht und den Autoritäten aus den Philippinen Dank für die |$n Deutschen im östlichen Archipel gewährten Schutz ausspricht.

Die signalisirte Begegnung zwischen Kaiser Wilhelm und Kaiser Alexander HL ist zwar noch nicht absolut stcher, doch sprechen verschiedene llnzeichen dafür, daß dieselbe zu Stande kommen und in Stettin stattfinden wird. Mn wird gut thun, die Bedeutung dieser Zwei-Kaiser-Begegnung in feurigem [Optimismus nicht allzusehr zu überschätzen aber wenn man erwägt, daß wir liirher mit unserer Friedens-Sehnsucht gezwungen waren, von der Hand in den Mund zu leben, so wird man diese Zwei-Kaiser-Begegnung nach allem Borge- ixUenen wohl als ein Symvtom dafür betrachten dürfen, daß die Gefahr eines Krieges nach zwei Fronten hin mindestens auf ein Jahr gebannt erscheint. Wir (gaben Seit dem Frankfurter Frieden, das heißt also feit mehr als 16 Jahren, lin ähnlicher Weife von Jahr zu Jahr eine Verlängerung der europäischen Waffenruhe erlebt und genoffen, da selbst der bewaffnete Friede, da er ein Friede ist, einem kriegerischen Zusammenstöße mit allen seinen nur möglichen Wechselfällen vorzuziehen bleibt, so haben wir gewiß alle Ursache, uns einer Wendung zu freuen, welche mit den Verstimmungen der letzten Monate in so uugensälligem Gegensätze steht. Freilich wird man dabei nicht vergessen dürfen, nach'der Theorie des Fürsten Bismarck der politische Friedenszustand feines* Args auch den wirthschaftlichen Frieden in stch schließt, indessen ist die Sicherung ersteren doch jedenfalls das Wichtigere und in diesem Sinne ist die fignali- firte Kaiser-Zusammenkunft von Stettin nur freudig zu begrüßen. Einiger­maßen gespannt darf man sein, wie die franzöfische Presse und speciell die Hauvinistischen Organe, die Stettiner Zusammenkunft commentiren wird, denn sMverständlich würde dieselbe dem Programme der Politiker vom Schlage der Boulanger und Döroulöde durchaus nicht passend kommen. Zum Mindesten müßten sie alsdann einsehen, daß di^Phantafiegestalt des vielgenannten rujstfch- faanzöstschen Bündnisses eben nirgend anderswo als in ihren Köpfen existirt.

Die oppositionelle Haltung, welche die Czechen neuerdings gegen dis Cabinet Taaffe im Allgemeinen und gegen den Unterrichtsminister v. Gautsch iM Spectellen einnehmen, beginnt bereits, ihre Früchte zu tragen. Es sind kämlich In Wien Gerüchte im Umlauf, nach denen eine Veränderung in der Nitung des österreichischen Justizministeriums, dessen Chef gegenwärtig bekannt­lich der Czeche Prazak ist, bevorstehen soll. Es heißt, die Veränderung würde mH vor dem Wiederzusammentritte des Reichsrathes vor sich gehen; ob indessen Nr. Prazak überhaupt aus dem Ministerium ausscheiden wird, wie ein weiteres Gericht behauptet, ist einstweilen noch unbestimmt. Inwieweit die signalisirte Veränderung in der Leitung des Justizministeriums mit dem czechischen Anstürme bgen die Regierung wegen der Mittelschulfrage zusammenhängt, läßt sich zwar Mch nicht nachweisen, es mag aber immerhin möglich sein, daß Dr. Prazak für diis Forderungen seiner speciellen Landsleute Partei genommen hat, wodurch sich mlürlich der Minister in Gegensatz zu dem übrigen Cabinet bringen würde, zollte in der That Dr. Prazak nicht nur das Justizministerium abgeben, son- überhaupt aus der Regierung ausscheiden, so dürsten die Czechen dies Benfalls schmerzlich empfinden, denn ihnen ist ja durch ihrenLandsmann- Mlniüer" gar wacker die Brücke bei der Regierung vertreten worden!

Die Fischer-Unruhen in Ostende scheinen jetzt zu Ende zu sein, haben die dortigen Behörden energische Maßregeln ergriffen, um einer Erneuerung der Ausschreitungen vorzubeugen; der Hasen wird von Gensd'ar- i«rie abpatrouilltrt, lieber den Verlaus der diplomatischen Verhandlungen, »elche wegen der Ostender Vorgänge zwischen Belgien und England angeknüpst vorden sind, hört man noch nichts Genauere», jedensalls wird sich aber Belgien « einer Entschädigung an die englischen Fischer, denen die Ladung verdorben aiurbe, da sie dieselbe in Ostende nicht landen dursten, verstehen müffen.

Deutschland.

Hungen, 3. September. Am 2. September fuhren Se. König!. Hoheit Großherzog um 8 Uhr 3 Min. Vormittags von Gießen nach Hungen. Am "achnhofe daselbst war ein großer Theil der Einwohnerschaft zur festlichen Be­

grüßung versammelt, die Schuljugend, der Kriegervereln und an der Svibe die Gemeindevertretung der Stadl Hungen. Nachdem der Bürgermeister Se Könial Hoheit in einer kurzen Rede begrüßt hatte, brachte der Präsident der dortigen Krtegervereins, Ma,or Becker, ein von allen Anwesenden begeistert aufgenommkne» Se. König!. Hoheit begaben sich alsbald zu Pferde und e» schloffen sich Allerhöchstdemselben Se. Hoheit der Fürst Alexander, Prinz von Battenbera Se. Durch!, der Fürst zu Svlmr-Lich und der Erbprinz zu Solms-Lich an Nachdem man die sestlich geschmückte Stadt passirt hatte, begab man sich im Trabe nach dem eine halbe Stunde westlich in der Richtung nach Bettenhausen gelegenen Uebungiplatz, aus welchem vie 25. Kavallerie-Brigabe Parade-Aus- steuung genommen und dann zum Exercieren überging. Die Hebungen währten zwei Stunden; zum Schluffe wurden Attaquen auf Kavallerie, Artillerie und Infanterie, welche durch kleine Abtheilungen marktrt waren, aurgeführt Um 12 Uhr kam man von der Hebung zurück und geruhten Se. König!. Hoheit einer Einladung der Osficiere der Brigade folgend, im Gasthofsiur Traube« mtt Sr. Hoheit dem Fürsten Alexander, Sr. Durch!, dem Fürsten zu Solms« Lrch und den sämmtlichen Officteren dar Frühstück zu nehmen. Um 1 Hbr geleiteten die beiden Hohen Herren Se. Königl. Hoheit den Großherzog zur Bahn; Die Commandeure der Brigade und Regimenter halten sich auch dorthin begeben. Bet der Abfahrt der Zuge» wurde Sr. Königl. Hoheit von Seiten der zahlreich anwesenden Bevölkerung eine nochmalige Ovation durch dreimaligen Hurrahrus dargebracht.

Darmstadt, 3. September. (Militärdienst - Nachricht.) E» wurde: v. Wirrmann, General-Major und Commandeur der 1. Garde-Infanterie« Brigade und behufr Vertretung der manquirenden Commandeurr der Großh Heff. (25.) Division nach Darmstadt commandirt, unter gleichzeitiger Entbindung von der ihm übertragenen Wahrnehmung der Geschäfte der Commandanlur von Potsdam, mtt der Führung der Großh. Heff. (25.) Division beauftragt.

Berlin, 3. September. Se. Maj. der Kaiser nahm heute Vormittag eine Reihe militärischer Meldungen entgegen, empfing darauf den General-Feld- marschall Grafen Mollke, später den Kriegrminister und den General v. Albedyll und machte um 2'/, Uhr Nachm. eine Spazierfahrt. Sodann empfängt der Kaiser den Minister v. Puttkamer und den Grafen zu Stolberg-Wernigerode Die Reise nach Königsberg hat Se. Majestät aufgegeben; Se. Königl. Hoheit Prinz Albrecht ist mit der Vertretung des Kaisers beauftragt. Der Kaiser und die Kaiserin beabsichtigen, Montag wieder in Babelsberg Ausenthalt zu nehmen.

ßnglavd.

London, 3. September. Se. K. und K. Hoheit der Kronprinz hat sich heute früh nach Victoria begeben, um die Rückreise nach Deutschland anzutreten.

Belgien.

Brüssel, 3. September. DerNord" sagt, materielle Schwierigkeiten ver­längerten die Dauer der Unterhandlungen bezüglich Bulgariens. Es sei nicht die Rede davon, einen russischen General nach Sofia zu entsenden. Das könnte erst an dem Tage geschehen, wo es der Türket gelungen wäre, eine gesetzmäßige Lage der Dinge gegenüber den Verletzungen des Berliner Vertrags zur Geltung zu bringen.

Bulgarien.

Sofia, 3. September. (Telegramm derAgence Havas".) In dem gestern unter dem Vorsitze des Prinzen von Coburg abgehaltenen Mintsterrathe soll dem Ver­nehmen nach die Anschauung zur Geltung gekommen sein, daß die Mission des Gene­rals Ernroth, selbst wenn dieselbe von den Mächten gebilligt werden sollte, von Bul­garien nicht zugelassen werden dürfe.

Lokales.

Gieße«, 5. September. Die neue Aula und das Laboratorium in der Ludwigs- straße erhallen demnächst auch Wasserleitung und zwar durch Anschluß an die Leitung für die Kliniken bei dem Bahnübergang an der Schiffenbergerstraße. Mit der Röhren­legung an dem von dieser Straße nach der Ludwigstraße führenden Wege ist Ende voriger Woche begonnen worden.

Die Passage in der Ostanlage ist nunmehr wieder vollständig frei, da die Arbeiten an dem Schoorgraben dortselbst am vergangenen Samstag beendigt worden sind. Der Graben ist jetzt gänzlich fertiggestellt.

Gießen, 5. September. Jedenfalls dieselbe Person, welche am Donnerstag voriger Woche beim Versuche eines Diebstahls in einem Laden dahier verhaftet und an dem anderen Tage vom Gericht wieder entlassen worden ist, hat nach einer Notiz desFrankfurter General-Anzeigers" an demselben Tage vorher in Bockenheim unter derselben Manipulation wie hier (nämlich um ein Glas Wasser gebeten, um dadurch die Ladenbesitzer zu entfernen), in einem Posamentierladen die Ladenkasse entleert und sich ungekannt schleunigst entfernt. Die Diebin, angeblich Nähterin Marie Auer aus Wiesbaden, Tochter des Gärtners Jakob Auer dortselbst, ist jedenfalls mit dem in Bockenheim gestohlenen Gelde nach Gießen gefahren, um hier ihr Handwerk weiter zu treiben.