1887
ießener Anzeiger
Nr. 31. Sonntag den 6. Februar
Amts- und Anzcigeblatt für den Kreis Gießen.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Bureau: S ch u l st r a ß e 7.
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1 Metermaaß.
Gießen, am 5. Februar 1887.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
___________F r e s enius.
Deutschland.
Berlin, 4. Febr. Abgeordnetenhaus. Bei Berathung der Eisenbahn-Eiat« erklärte Minister Maybach gegenüber den Ausführungen Meyer«, das Land möge Geduld haben sowohl bezüglich der Ausdauer rote der Erweiterung der E senbayn Netze« al» auch bezüglich des Tarifwesens. Die Eisenbahn-V-rwaltung habe kein Deficit, sondern einen Ueberschuß. Daß nicht alle« zu Amortisat wendet würde, habe seinen Grund lediglich in ^uBeRufnfi Un,
Ressort«. Behuf« Feststellung von Mitteln zur mögt chsten ZrhMn^»«^ glücksfällen sänden Conferenzen von Eisenbahn-Technikern uno « t
Wochen -Ueberficht.
Gießen, 5. Februar.
Die Kunde von dem freudigen Familien-Ereignisse in unserem erhabenen Karserhause — der Geburt des vierten Urenkels des Kaisers — leitete aus der vorigen Woche in die jetzige hinüber und hat in allen deutschen Landen die herzlichste Theilnahme an dem srohen Ereignisse erweckt. Am Dienstag nahm der Kaiser die Glückwünsche des Präsidiums des preußischen Abgeordnetenhauses entgegen, tu Verbindung mit der üblichen osficiellen ^Vorstellung des Präsidiums, Die jedesmal zu Beginn einer neuen Session stattstndet. Nur hatte sich diesmal der Empsang des Präsidiums merkwürdig verzögert, ober nur — wie der Kaiser selbst den Herren v. Köller, v. Heeremann und v. Benda lachend mittheilte — weil das erste EinladungS'Schreiben verlegt -worden war und auch trotz aller Mühe nicht wieder ausgefunden werden konnte. Die Audienz währte nur einige Minuten. Erfreulich ist es, zu vernehmen, daß der hohe Herr sehr wohl aussah unb in allen seinen Bewegungen und seinem ganzen Auftreten eine überraschende Frische und Rüstigkeit bekundete.
Auch die abgelaufene Woche erhielt ihre Physiognomie vorwiegend durch die Wahlbewegung und schwillt der Strom der Wahlnachrichten immer mächtiger an. Aus ihnen erhellt, daß alle Parteien sich in Bearbeitung der Wählermasien den Rang abzulausen suchen und das Bestreben der einzelnen Parteien, ihre Halrung zu der die Wahlen beherrschenden Septennatssrage in einem möglichst günstigen Lichte erscheinen zu lassen, resp. die Haltung den Wäh- lern möglichst plausibel zu machen, erscheint ganz begreiflich. — Ein besonderes — und man muß gestehen, nicht uninteressantes — Moment spielt in der gegenwärtigen Wahtbewegung die schon längst signalisirte Kundgebung des Papstes an die Centrumswähler. Es unterliegt keinem Zweifel mehr, daß eine derartige Aeußerung des Papstes existtrt und daß Fürst Bismarck im Besitze derselben ist, nur über Werth und Bedeutung des betr. Actenstückes gehen bte Meinungen auseinander. Vielleicht in Hinblick aus oasselbe wird jetzt officiöser- seits geschrieben, daß in der kirchenpolitischen Frage zwischen Preußen und dem Vatikan völliges Einvernehmen herrsche und daß die Verhandlungen zu einer Vereinbarung gesührt hätten, deren Inhalt den freundschaftlichen Beziehungen zwischen der preußischen Regierung und der päpstlichen Kurie durchaus entspreche. Diese Mittheilung scheint die Einbringung des neuen KirchengesetzsS im preußischen Herrenhause vorzubereiten und zu diesem Zeitpunkte dürfte man wohl auch der endlichen Veröffentlichung des päpstlichen Schriftstückes entgegensetzen. (Siehe Depeschen.)
Die Etats-Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses vom Montag unb Dienstag waren im Allgemeinen nicht geeignet, eine besondere Aufmerksamkeit zu erregen. Rur an letztgenanntem Tage kam e» beim Etat der Justizverwaltung zu einer längeren und ziemlich animirten Erörterung über die Mängel im gegenwärtigen Prüsungsverfahren für Juristen und im Weiteren über die Reform des juristischen Studiums. Daß in Preußen eine solche nüthig sei, wurde von allen Seiten zugegeben, aber über die Wege zu dieser Reform gingen die Meinungen weit auseinander und so wird denn in dieser Frage vorläufig noch Alles beim Alten bleiben. ,
Die Einziehung von 72,000 Mann Reservisten wird schon in dm nächsten Tagen zur Thatsache werden. Wie aber schon wiederholt hervor- aehoben worden ist, trägt diese Maßregel keinerlei beunruhigenden Charakter, sondern es handelt sich einfach darum, die Reseroe'Mannschasten derjenigen deutschen Armee-Corps, welche bereits mit dem Repetirgewehr versehen sind, im Gebrauche der neuen Waffe einzuüben unb wird diese Hebung einen Zeitraum von 12 Tagen umfassen. Die Einziehung der Reservisten zudem gedachten Zweck war bereits in dem Entwurf des Etatsgesetzes für 1887/88, welcher dem aufgelösten Reichstage vorgelegen, vorgesehen; wegen der Auflösung beß Reichstages konnte die betr. Position nicht zur Erledigung gelangen und auch hieraus erhellt hinlänglich, daß der Maßregel keinerlei außergewöhnlicher Charakter zuzu- fchreiben^ist^ QUj die allgemeine Lage trug die Woche ein Janusgesicht zur Schau" — auf der einen Seite mehr kriegerisch, aus der andern Seite mehr friedenszuversichtlich. Das kriegerische Gesicht wurde durch die nicht aushörenden beunruhigenden Gerüchte über die militärischen Vorkehrungen Frank- reichs an seiner Ostgrenze repräsentat, Gerüchte, die leider einer gewissen be* S&oTU entbehren. Denn es steht jetzt sest, daßTruppenoer- schiebungen nach den französischen Grenz-SperrfortS stattfinden und dab in der That die viel erwähnten Baracken gebaut werben, um die betr. Truppenthette aufzunehmen. Außerdem find auch die militärischen MaßregA Oesierreich- ' Ungarns, wie sie in oen jüngsten Wiener Minister.Conferenzen beschlossen worden sind, ein keineswegs günstiges Symptom unb ebensowenig klmlzen Aus laffungen Tiszas im ungarischen Abgeorbnetenhause über die^allgemein- Lage Lesonbers vertrauenerweckend. Andererseits läßt sich über dieselbe das „Journal
de St. Pötersbourg" wieder zuversichtlicher oerneh-nen und giebt es den Zeitungen die Schuld an den Kriegsbesorgniffen. Merkwürdiger Weise äußert sich zu gleicher Zeit ein einflußreiche« Pariser Blatt, die „France", in ähnlichem Sinne. Er schreibt in einem als von der Regierung inspirirt geltenden Entre- filet: Nichts In den Beziehungen der Mächte zu Frankreich rechtsertige die gegenwärtig herrschenden Beunruhigungen; alle Gerüchte über Meinungsverschiedenheiten im Ministerium Gablet seien unbegründet.
Das kleine Belgien will jetzt der drohenden Weltlage durch entsprechende Vorkehrungen Rechnung tragen. Die Regierung gedenkt in kürzeste: Frist von der Deputirtenkammer einen Credit von 50 Mill. Frcs. für die Armee, sowie die Besestigungs-Arbeiten um Antwerpen und zwischen der Saniere und der Maas zu beanspruchen; die Vorlage dürste zu heftigen Debatten führen.
In Oesterreich wendet sich da« Interesse selbstverständlich den signali- strten Creditvoriagen zu, welche den außerordentlich zuiammenzuberusenden Delegationen gemacht werden sollen. Osficiöserseits wird hierüber geschrieben, daß e« sich um zweierlei Arten von Credite handelt. Durch die einen sollen die Kosten gedeckt werden, welche aus der beschlossenen Neuanschaffung von Montur- und Verpflegungs-Artikeln erwachsen, die andern Credite sind für die Durch, führung des Landsturmgesetzer bestimmt. Endlich ist noch von einer dritten Reihe von Crediten die Rede, welche nur den österreichischen Reichsrath berühren würden und sich speciell auf die Ausrüstung der österreichischen Landwehr be. ziehen sollen. »
„Boulanger geht — Boulanger bleibt! — Dies war die Grundmelodie, nach welcher alle französischen Zeitungsartikel der jüngsten Zeit gestimmt waren. Nun, sollte in der That in Frankreich eine Kammerverschwörung zur Beseitigung des Kriegsministers Boulanger, der allen Parteien über den Kopf zu wachsen droht, existirt haben, so ist sie von Boulanger glänzend besiegt worden, denn heute steht fest, daß er nicht an's Demissioniren denk: und sich nach wie vor als den künfttgen Dictator Frankreichs aufspielt. Zudem versichert ja, wie schon erwähnt, die „France" ganz eigens, daß unter den Mitgliedern des Ministeriums Gablet keinerlei Meinungsverschiedenheiten bestünden, was nichts anders heißen soll, als daß Boulanger seine Minister- Collegen nach wie vor unter dem Daumen hält. — An der Pariser Börse entstand am Dienstag eine heillose Panik, hervorgerufen durch Gerüchte über kriegerische Absichten Deutschlands; hoffentlich werden sich die Börsenmatadoren an der Seine inzwischen wieder beruhigt haben.
Den Italienern ist schlimme Kunde aus rhren Besttzungen am Rothen Meere gekommen. In einem blutigen Treffen mit dm auf Maffauah marschirenden Abessynieru wurde eine italienische Truppmabtherlung zersprengt und hatte sie hierbei zahlreiche Tobte unb Verwundete. Die Abessynier, welche von ihrem Oberseldherrn Rasalula geführt wurden, erlitten allerdings auch starke Verluste und scheinen sie deßhalb den weiteren Vormarsch einst- weilen aufgegeben zu haben. Der italienische Obercommandirende in Maffauah, General Gens, mußte in Folge dieser Niederlage seine Truppen aus mehreren vorgeschobenen Stellungen zurückziehen. — In der italienischen Deputirtenkammer wurde anläßlich dieser Vorgänge seitens der Regierung em außerordentlicher Credit von 5 Millionen verlangt, über dm am Montag beralhm werden soll. Den Italienern scheinen da noch ernste Kämpfe um ihren Colomal- befife g”°nrä^egn,be9 untersagt bis auf Weiteres die Pferde-Aus- suhr über die europäische unb transkaukasische Grenze eine Maßregel, die zwar kaum mehr unerwartet kommt, die aber immerhin mit ihre Bedeutung hat, wenn man die obwaltenben Zeitverhältnisse berücksichtigt.
Rußland verharrt, wie aus einem neuerlichen Artikel der „Nowcye Wremje" hervorgeht, auf seiner Forderung b er Absetzung bet Reg ent» schäft unb ber Wahl einer neuenSobranje als bte unerläßliche Vorbedingung für ein Eintreten Rußlands in Verhandlungen über eine Beilegung der bulgarischen Krisis. Da die Regentschaft aber noch immer keine Lust bezeug, zu demissioniren, so ist ganz unerfindlich, welchen Zweck die fignalisirten Bot- schasterbesprechungen in Konstantinopel haben sollen.


