Wirtschaft Noth leide, fördere man sie durch Vermehrung der Verkehrsmittel, erlege aber nicht dem ganzen deutschen Volke eine neue Steuer auf.
Abg. Frhr. v. Landsberg-Steinfurt (Centr.) gibt Namens eines großen Theils seiner Fraction die Erklärung ab, daß sie für die Erhöhung der landwtrth- schastlichen Zölle stimmen. Es handle sich um die Erhaltung des gesammten Bauernstandes und auch der Westen sei dabet, wie er entgegengesetzten Behauptungen gegenüber ausdrücklich bemerke, erheblich interessirt.
Die Debatte wird geschlossen.
Abg. Dr. Böckel erklärt, für die Vorlage zu stimmen. Durch den Schluß der Debatte sei er verhindert worden, Diejenigen vorzuführen, durch welche die meisten Subhastationen veranlaßt werden.
Die Vorlage wird an eine 28er-Eommission verwiesen.
Nächste Sitzung Montag 1 Uhr. Unterstützung der Familien der zu Uebungm herangezogenen Reservisten rc., Weinfälschungsgesetz.
Telegraphische Depeschen.
Wolfs'S telegr. Tonesvandenz-Bureau.
Pari-, 2. December. Bei dem Ministerrathe im Elysöe gestern Nach» mittag nach der Vertagung der Kammer forverte Grevy, nachdem Rouoier die Bedeutung des Kammerbeschlusses dargeleat hatte, j.'den Minister zur Asußerung feiner Ansicht auf. Alle Mintster erklärten einstimmig, der unverzögerte Rücktritt Grevy's erscheine ihnen nothivendig. Grevy erwiderte, nicht er, sondern die Kammer sei es, welche die gegenwärtige Lage geschaffen habe; die Kammer müffe also auch die Verantwortung vor der Geschichte tragen. Grevy erklärte sodann, er werde heute demisftoniren. In ParlamentSkreisen gilt es als gewiß, daß die Botschaft Grevy's deffen Demisston enthält. Der Congreß tritt am Samstag zusammen. Die Plenar-Versammlung der Repu'olttaner bleibt auf den Vormittag des Zufammmentritts des Congreffes in Versailles festgesetzt.
— Der gestrige Abend war sehr bewegt, doch sand keine ernstliche Unordnung statt. Zwanzig Personen wurden verhaftet, alsbald aber wieder frei« gelassen. Die Polizei versichert, sie habe Dvroulvde und Louise Michel vorübergehend verhaftet, um dieselben den Feindseligkeiten der Menge zu entziehen. N ch vor Mitternacht hatte Paris die gewohnte Physiognomie. Die Journale meinen, nach dem gestrigen Tage könne Grevy seine Demission nicht mehr hin- aurschieben. Die meisten Journale sprechen ihre volle Billigung der ebenso würdigen rote ruhigen Haltung der Kammern aus. Es sei zu hoffen, daß hieraus eine Einigung der republikanischen Parteien bezüglich der neuen Präsidentenwahl sich entwickele.
— In verschiedenen Punkten der Stadt haben sich Gruppen gebildet, die jedoch meist nur aus Neugierigen bestehen. Eine Gruppe der Manifestanten, darunter die Deputirten Basly und Camclinat und die intransigenten Journa- listen Ducquercy und Ernst Roche, wurde vom Palais Bourbon nach dem Eon- cordietiplatz zurückgedrängt. Als einige Gamins mit Steinen zu werfen begannen, wurde der Platz durch die Polizei zu Pferde gesäubert. Die Manifestanten begaben sich darauf nach dem Rathhaurplatz, den die Polizei gleichfalls säuberte. Basly, Camelinat, Ducquercy und Roche traten in's Rathhaus ein, wo der Municipalcath tagte. Der Letztere beschloß mit 54 von 69 Stimmen, sich nach dem Palais Bourbon zu begeben, um die Kammer zu ersuchen, sich ihm zur Rettung der Republik anzuschließen.
— Louise Michel versuchte heute Nachmittag in's Palais Bourbon zu gelangen, wurde jedoch festgenommen. Em Haufen von Manifestanten begab sich zum Rathhause, um den Municipalratb zu ersuchen, sich ihnen anzuschließen, alsdann zu den Deputirten der äußersten Linken zu gehen und gemeinsam Protest gegen die Candidatur Ferry zu erheben.
— Die Vorlesung der Botschaft in den Kammern wurde unter allgemeiner Stille angehört. In der Nähe des Palais Bourbon stehen vereinzelte Gruppen; im Allgemeinen ist die Physiognomie der Gegend eine ruhiae.
— General Boulanger hat sich heute früh auf seinen Posten nach Clermont- Ferrand zurückbegeben.
Dublin, 2. December. Thimotby und Hartington, Secretäre der National-Liga, wurden gestern in ihren Bureaux wegen des gleichen Vergehens wie Sullivan verhaftet.
Madrid, 2. December. Die Thronrede zur Eröffnung der Cortes constatirt, daß der innere Friede gesichert und die äußeren Beziehungen Spaniens herzliche feien. Der Sultan von Marokko suchte eine neue Conferenz nach zur Prüfung der Convention von 1860. Die Thronrede sagt, die spanische Flagge werde in den Kolonien überall behauptet werden.
Lokale-.
Gießen, 3. December. Am 30. November d. I. waren es 25 Jahre, daß der Director bei städtischen Gas und Wasserwerks, Herr Bergen, beim Betrieb unserer hiesigen Gasanstalt als technischer Beamter thätig ist und — da er schon als junger
Mann den im Jahre 1856 stattgehabten Bau derselben mitgemacht und während einer 4jährigen Thätigkeit auf dem technischen Bureau des bekannten Gasindustriellcn Riedinger in Augsburg seine Vorbildung genossen hatte — 30 Jahre, daß er seinem lichtspendenden Beruf überhaupt angehört.
Wenngleich Herr Bergen beabsichtigte, sich dieses Gedenktages nur in Mer Weise zu erinnern, so 'daß er selbst seinen nächsten Angehörigen gegenüber desselben erst am betr. Tage erwähMe, so dachten die Beaniten des Gaswerks und seine Mitarbeiter doch anders, indem sie ihrem Vorstande am Jubiläumstage in ebenso herzlicher als feierlicher Weise chre Glückwünsche aussprachen und der Hoffnung Ausdruck verliehen, es möge Herrn Bergen noch abermals so lange Jahre vergönnt sein, seine ersprießlichen Dienste dem Gaswerk und der seit einiger Zeit damit verbundenen Schwesteranstalt, dem Wasserwerk, widmen zu können. Der Beglückwünschte dankte mit herzlichen Worten für die treue Gesinnung seiner Mitarbeiter, sie alle mahnend, ihm wie seither, so auch fernerhin in dem schönen aber auch wichtigen und mit der Ausdehnung beider Anlagen immer arbeits- und verantwortungsvoller werdenden Beruf mit Umsicht und Pflichtgefühl beseelt, als geschätzte Genossen treu zur Seite zu stehen.
Den Wünschen des Geschäftspersonals aber'schließen sich hiermit auch Freunde des allgeschätzten Jubilars gerne an. . •
— Interessenten werden auch an dieser Stelle auf die Erfolge des hier anwesenden Kalligraphen Herrn G. Gottlieb aufmerksam gemacht; die im Anzeigentheil veröffentlichten Zeugnisse sind weitere sprechende Beweise für die Dortrefflichkeit seines Unterrichtes.
Gießen, 4. December. sTheater.j Allen Freunden der heiteren Muse wird der heutige Sonntag eine willkommene Abwechselung bieten, beim es gelangt eine ber lustigsten Possen zur Aufführung, welche je geschrieben worden ist, nämlich Jacobsen's „@in gemachter Mann". Die Posse ist mit den neuesten Couplets und mit Ballet glänzend ausgestattet und wird unseren Gesangskräften zum ersten Mal Gelegenheit bieten, sich auch beim Publikum einzuführen.
Mit gespanntem Interesse sieht man in unseren kunstliebenden Kreisen der Montags- Aufführung des berühmten Gutzkow'schen Lustspiels „Der Königslieutenant" entgegen. Das herrliche Werk, welches in poetischen Zügen die Freundschaft des jungen Goethe zum Grafen Thorane und seine erste Liebe zu der französischen Schauspielerin Belinde schildert, ist längst Lieblingsstück aller Geblldeten geworden. In der Rolle des Königslieutenant wird Herr Rudolph zum ersten Male vor unserem Publikum erscheinen.
Verwischtes.
△ Mainz, 2. December. In einer bis zum späten Abend währenden Sitzung der hiesigen Strafkammer fanden heute die zahlreichen Eisenbahndiebstähle, welche im verflossenen Sommer auf der Strecke Mainz—Bingen vorgekommen sind, ein gerichtliches Nachspiel. Während es dem Hauptdieb, einem Unterbeamten Namens Johannes Veit, in dessen Wohnung man ein ganzes Magazin aller möglichen gestohlenen Güter gefunden, gelungen nach Amerika zu flüchten, nahmen die Anklagebank acht Ackersleute, 4 Männer und 4 Frauen von Gaulsheim ein, unter denen nur zwei, der ehemalige Bremser Grünewald und seine Frau des Diebstahls angeschuldigt waren, während sich alle Uebrigen nur wegen Hehlerei zu verantworten hatten. Die sehr umfungreiche Beweisaufnahme ergab, daß sämmtliche Angeschuldigte bis auf zwei der Frauen einen mehr oder minder großen Theil der gestohlenen Gegenstände, wissend, daß solche gestohlen, gekauft haben. Bezüglich Grünewald und dessen Frau konnte ber Beweis, auch an ben Diebstähle» theilgenommen zu haben, nicht erbracht werben, bagegen würben Beibe ber Hehlerei auch überführt. Als am meisten belastet würbe Grünewald erkannt und zu 3 Monat Gefängniß verurtheilt, die übrigen Urtheile lauteten auf 1 Monat, 14 und 7 Tage Gefängniß.
A Mainz, 2. December. Unsere Stadtverordneten haben bei dem am Mittwoch gefaßten Beschluß, das Stadttheater auf 3 Jahre wieder Herrn Director Preymaier zu übertragen, die Rechnung ohne den Wirth bezw. ohne Herrn Preymaier gemacht. In einem Schreiben an die Bürgermeisterei erklärte nämlich heute Herr Preymaier, daß die gestellte Bedingung, eine Entschädigung für das Gas zu leisten, für ihn unannehmbar sei und er darum auf die Direction verzichtete. Die Bürgermeisterei hat sich in Folge dieses Schreibens sofort an Herrn Albert Schirmer (seither in Stettin) gewandt, der von den übrigen Can- didaten um die Directorstelle als am geeignetsten angesehen wird.
A Vom Rhein, 2. December. Der Wasserstand wird für die Schifffahrt von Tag zu Tag kritischer. Nur noch ganz gering befrachtete Fahrzeuge können sich Fortgang verschaffen; überall sieht man Sandbänke zum Vorschein kommen.
Wetzlar, 1. Decbr. Ein Eisenbahmmfall, welcher glücklicher Weise von keinen ernsteren Folgen begleitet war, hat sich heule Mittag in unmittelbarster Nähe der hiesigen Station zugetragen. Wie man uns erzählt, gerieth der Personenzug, welcher um 12 Uhr 18 Minuten Mittags von hier nach Coblenz abzugehen pflegt, wahrscheinlich in Folge falscher Wcichenstellung, auf ein verkehrtes Geleise. Obwohl der Führer desselben sofort nach Wahrnehmung des Versehens nach Kräften bremsen ließ, konnte es doch nicht verhindert werden, daß bet der „Sophiexhütte" eine Earambolage mit mehreren leer dort siebenden Eokeswagen erfolgte. Jndeß sind, wie erwähnt, außer einigen Materialbeschädigungen weitere Unfälle nicht vorgekommen, sodaß der Zug nach Rückkehr in das richtige Geleise alsbald weiterfahren konnte.
Handel und Berkehs.
Gießen, 3. December. Auf dem heutigen Markt kostete: Butter per Pfund M. 1.05—1.10, Hühnereier pr. St. 7—8 H, Enteneier St. 0—0 X Käte vr. St. 4—7 4, Käsematte. 3—0 H, Erbsen pr. Liter 20 H, Linsen 30 H, Tauben per Paar 70 bis 80 H, Hühner per Stück X 0.85—1.50, Hahnen pr. Stück X 050—0.70, Enten per Stück X 1.40—1.80, Gänse per Pfund 40—52 X Ochsenfleisch per Pfund 58 bis 60 H, Kuh- und Rindfleisch 45—50 Schweinefleisch 54—60^, Hammelfleisch 40 btö 60 H, Kalbfleisch 40—48 H, Kartoffeln per 100 Kilo X 4 00—4.50, Milch per Liter 12—18 X Weißkraut Stück 6—11 X Zwiebeln per Gentner X 7.50—.9.00.
Allgemeiner Anzeiger.
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