istr. Crstcs Blatt. Sonntag den 4. December 1887.
Amts- und Anzcigcblatt für den Kreis Gießen.
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' Schulstraße 7. Erschein, .-.glich mU des ML7MTg-?°i-r' WFLMK.
Amtlicher Hheil.
Gefunden: 1 Handschuh, 1 Taille, 1 Fensterladen, 1 Stüü Eisen, 2 Armbänder, 1 Taschentuch, 1 Milchkanne, 1 Pfeifenrohr, 1 Bell, 1 Portemonnaie, 1 Reißzeug, 1 Chorbuch, 1 evang. Gesangbuch, 1 Kapuze, an Geld 3 JC. 50 mehrere Schlüssel und Hundeblechmarken.
Gießen, am 3. Dezember 1887. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Deutscher Reichstage
6. Sitzung vom 2. December 1887.
Die erste Beratung der Getreidezollvorlage wird fortgesetzt.
Aba Lee mann (nl.) befürwortet die Vorlage unter Widerlegung der Be- üfliiBtuna daß Süddeutschland an der Erhöhung der Getreidezölle kein Interesse habe, bezw gar dadurch benachtheiligt werde. Die Erfahrung beweise, daß Zollerhohungen »n den Brodvreisen keineswegs zum vollen Ausdruck gelangen. Durch den jefctgen ^RucE* aanß ber Sepreile würden Tausende von landwirthschaftlichen Arbeitern schwer betroffen. . ---—
Darmstadt, 2. Decbr. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 30. Novbr. den Kreisrath des Kreise» Lauterbach, Karl Theobald Schönfeld, zum Kreisratb de» Kreises Schotten, sowie den Kreisrath des Kreises Schotten, Dr. Karl Wolf, zum Kreisrath des Kreises Lauterbach zu ernennen.
Darmstadt, 2. Dezember. (Aus dem Staatsbudget.) Auf dem letzten Landtage ist gelegentlich der Verhandlungen über eine Petition der akademisch gebildeten Lehrer der höheren Schulen des Landes eine Erhöhung der Gehalte von verschiedenen Seiten betont und befürwortet worden, die Gehalte der akademisch gebildeten Lehrer an den Realschulen, die sich zur Zeit in dem Rahmen von 2000^-3800 M. (Durchschnittsgehalt 2900 M.) bewegen, mit den Gehalten der akademisch gebildelen Lehrer an den Gymnasien und Realgymnasien gleichzustellen, mit anderen Worten auch die Gehalte der erstgenannten Lehrer von 2000—4600 M. (Durchschnittsgehalt 3300 M.) steigen zu lassen. Rach eingehender Prüfung der Frage hat sich die Großherzogliche Negierung für eine solche Gleichstellung entschieden; sie ist dabei insbesondere von der Erwägung geleitet morden, daß es ohne eine solche Gleichstellung nach den gemachten Erfahrungen immer schwieriger wird, besonders tüchtige Kräfte den Realschulen, diesen für weile Kreise der Bevölkerung so wichtigen Lehranstalten zu erhalten. Hierzu kommt, daß die Lehrer an den mit Gymnasien oder Realgymnastum verbundenen Realschulen (Darmstadt, Mainz, Gießen, Offenbach und Worms), auch wenn sie vielleicht gar keinen oder doch nur in sehr geringem Maße Unterricht an dem Gymnasium oder Realgymnasium ertheilcn, jetzt bis zu 4600 M. Gehalt aufsteigen können und daß weiter die Ansprüche an die Lehrer an den verschiedenen höhere» Schulen doch im wesentlichen die gleichen sind. Der sich durch die in Aussicht ge- nommene Maßregel ergebende Mehraufwand wird einschließlich der sonstigen Mehr- fordcrungen für Gymnasien und Realschulen durch die Mehreinnahme an Schulgeld insbesondere durch die Mehreinnahme infolge der in Aussicht genommenen Schulgelderhohung gedeckt Die Gehalte der akademisch gebildeten Lehrer an sämmtlichen Gymnasien, Realgymnasien und Realschulen des Landes werden hiernach für die Folge im Mindestbetrag 2000 M., im Höchstbelrage 4600 M. — Durchschnitlsgehalt 3300M.— betragen; die der seminaristisch gebildeten Lehrer an diesen Schulen im Mtndestbetrage 1500 M„ im höchst- betrage 2700 M. — Durchschntttsgeh«lr 2100 M. In dem aus Anlaß der erwähnten Petition der akademisch gebildeten Lehrer an den höheren Schulen des Landes an den Ausschußreferenten gerichteten Schreiben hatte die Großherzogliche Regierung erklärt, daß wohl zu erwägen sein möchte, ob nicht im Staatsbudget die Mittel vorzusehen seien, um älteren verdienten Lehrern, die trotz langer Dienstzeit nicht eine Direktorstelle erlangt hätten, Gehalte bis zu 5000 Mark zuwetsen zu können. Die Regierung hält diese Frage sehr der Erwägung werth, sie hat jedoch im gegenwärtigen Budget von einer Vorsehung Abstand genommen, weil die neue Gehaltsregulierung der Reallehrer schon einen wesentlichen Mehraufwand für Gehalte erfordert, und das Bedurfnrß jedenfalls auch kein so dringendes ist, daß schon in der Finanzperiode 1888/91 eme Vorsehung getroffen werden müßte. Können in der Folge die Lehrer an der Realschule bis zu 4600 M. im Gehalte aufsteigeu, so muß der Gehalt der Direktoren dieser Anstalten höher wie seither gegriffen, aus 4800 M. festgesetzt werden, was ber der wichtigen und verantwortungsvollen Stellung dieser Direktoren ohnehin in hohem Grade ^^^zer^erscheint^^ ^^elle Mücke der Oberhess. Eisenbahnen^ Die Haltestelle Mücke steht in Bezug auf den Personenverkehr vielen anderen Stationen der Oberhessischen Bahnen voran; in Bezug auf den Güterverkehr nimmt dieselbe die vierte Stelle ein. Die für die Haltestelle gewählte Lage aus der westlichen Seite der Babn ist in jeder Hinsicht ungünstig, die Räume und Einrichtungen sind unzureichend «nd mangelhaft, und der aus einem alten Magazinsgebäude hergestellte an sich un- aenüaende Güterschuppen bedarf der Erneuerung. Eine ordnungsmäßige Verladerampe stir Vieb und Fuhrwerke fehlt gänzlich. Die Dienstwohnung des Stationsbeamten besteht aus zwei kleinen Zimmern und einer Küche Es ist daher beabsichtigtem lieues Stationsgebäude nebst Güterschuppen und Verladerampe auf der östlichen Sette der Bahn zu errichten und ein weiteres Geleise anzulegen, welches die im Interesse des Betriebes dringend zu fordernde Möglichkeit einer Kreuzung an dieser Station bieten soll. An Baukosten hierfür sind in das Staatsbudget eingestellt 57000 Mark.
Aba Singer (Soc.): Die durch diese Vorlage in Aussicht genommene Der- j theuerung der Lebensmittel müsse von agitatorischer Wirkung sein. Die Vorlage sei . ein Angriff auf die wahre Mehrheit des Volkes. Abg. Gehlert, der etnen der ärmsten Wahlkreise vertrete, habe es über sich gewonnen, für die Vertheuerung zu sprechen- Gerade die ärmste Bevölkerung werde durch die Brodvertheuerung schwer getroffen. \ Durch die Erhöhung werde die Industrie auf das Aeußerste geschädigt; nicht nur Würden durch die Steigerung der Lebensmittelpreise die Arbeitskräfte vertheuert.es i merde auch das Ausland zu Repressivmaßregeln veranlaßt. Die Erfüllung der agrarischen Begehrlichkeiten sei eine unheilvolle Politik; aber die Stunde der Vergeltung roCrbC Abg"vr. o. Frege (cons.): Die Erhebung der progressiven Einkommensteuer in Sachsen habe den Nachweis ergeben, daß die Landwirthschaft in in ihren Einkommensverhältniffen zurückgegangen. Er könne nur wünschen, daß auch
andere Länder zu diesem Steuersystem übergehen möchten; es werde sich dann der Rückgang auch ziffermässig sesfftellen lassen. Es handle sich bet dieser Vorlage um die Erhaltung des mittleren Grundbesitzes, um die Erhaltung der landwirthschaftlichen Arbeiter und um die nationale Landwirthschaft überhaupt. In England sind im Vorjahre allein 140,000 landwirthschaftltche Arbeiter entlassen worden unter der Wirkung der überseeischen Eoncurrenz, die fortgesetzt steigt. Redner vergleicht dann die Produktionskosten in Deutschland mit denen in Amerika und Rußland und kommt daraus zu dem Schlüsse, daß unter solchen Umständen Deutschland unmöglich concurriren könne, die deutsche Landwirthschaft untergehen müsse, wenn ihr nicht ein ausreichender Schutz zu Theil werde, den diese Vorlage jetzt, in letzter Stunde, bringe. Rußland sei fast ausschließlich auf den deutschen Markt angewiesen; um sich denselben zu erhalten, müsse es seine Preise um den Betrag des Zolles herabsetzen. Dringend wünschens- werth wäre eine ernstere Form für die Productenbörse, um dem herrschenden Unfug der Speculation ein Ende zu machen. Er bitte, die Vorlage nicht erst an eine Commission zu verweisen, wodurch die Angelegenheit nur verschleppt werde. Redner widerspricht der Behauptung, daß der kleinere Landwirth keinen Nutzen von den landwirth- schastltchen Zöllen habe, unter Anziehung eines Beispiels aus dem praktischen Leben, bei welchem der Besitzer eines Gutes von 5 Hektaren, das er allein mit seiner Familie bewirthschaftete, in Folge der Preisrückgänge mit einem Minus von 210 im Jahre gegen früher abschließt. Unsere nationale Unabhängigkeit erfordere, daß der Landwirthschaft in dieser Stunde beigesprungen werd«. Bei der jetzigen Lage zögen die besten landwirthschastlichen Arbeiter nach der Stadt, wo sie versiechten; und was komme dafür aus der Stadt? Gefährliche Existenzen, als Güterschlächter rc. Besonders schädlich sei der Terminhandel. Mit der Ablehnung dieser Vorlage werde eine furchtbare Verantwortung übernommen. Der Vater aller Schutzzölle in Deutschland sei eigentlich Dr. ibirger, denn seit wir Goldwährung haben, sei die Nothwendigkeit der Schutzzölle gebieterisch an uns herangetreten. (Beifall.)
Abg. vr. Barth (frs.): Selbst wenn er einen Nothstand der Landwirthschaft anerkennen könnte, so würde er es doch nicht für berechtigt halten, die Abstellung diese» Nothstandes auf Kosten Anderer zu fordern. Aber er vermöge einen solchen Nothstand im Allgemeinen auch nicht anzuerkennen. Der Nachweis für einen solchen sei auch vom Herrn Minister nicht erbracht worden. Die Produktionskosten seien überall verschieden und in einem beständigen Flusse; man könne sie gar nicht allgemein feststellen: damit falle auch die Behauptung, daß der landwirthschaftliche Betrieb nicht mehr die Produktionskosten decke. Die Erhöhung der Zölle würde nur zu einer Erhöhung der Grundstückspreise führen. Da die Rente zu den Produktionskosten geschlagen werde, so würden diese damit wieder gesteigert. Die einfache Formel für alle Ausführungen zu Gunsten der Getreidezollerhöhung sei: Ein Theil der Bevölkerung soll umsonst arbeiten, damit ein anderer Theil, der sein Kapital in ländlichen Grundbesitz angelegt hat, einen höheren Zinsgenuß erhalte. Der Arbeiter müsse 10 Tage im Jahre umsonst arbeiten, um dem ländlichen Grundbesitzer eine höhere Rente zu verschaffen. Für den Getreidebau sei der Preis von Grund und Boden einflußlos. Der Pächter, der tüchtige Landwirth, der sich selbst gern ankaufen möchte, Beide hätten gar kein Interesse daran, daß der Grund und Boden recht theuer sei, im Gegentheil! Die Freihändler wollen, daß den Arbeitern das zufalle, was ihnen durch unsere ganze culturelle Entwickelung zusteht und sie sich erringen; dieser Proceß solle durch Maßregeln, wie die hier vorgeschlagene, unterbrochen werden. Der oorgeschlagene exorbitante Zoll könne in Zeiten von Mißernten nicht aufrechterhalten werden, er werde fallen vor der allgemeinen Entrüstung; dann aber werde ein Zusammensturz des ganzen landwirth- fchaftlichen Grundbesitzes die Folge fein. Seine Freunde würden es für gewissenlos halten, wenn sie nicht Alles aufbieten wollten, die Getreidezölle wieder zu Fall zu bringen. (Beifall links.) m .
Abg. v. Kar dorff (Reichsp.): Dieselben Argumente, welche der Vorredner hier anführe, seien schon bei der Einführung der Schutzzölle angeführt worden; sie hätten sich nicht als richtig ergeben. Die Landwirthschaft habe durch die Preisrückgänge der letzten Jahre Hunderte von Millionen verloren. Welcher Nachweise bedarf es Angesichts dieser Thatsache noch für die Nothlage der Landwirthschaft. Unser Staat sei nicht nur Industrie-, sondern zugleich ackerbauender Staat. Wenn wir bezüglich unserer Brodversorgung in die Abhängigkeit des Auslandes gerathen, dann werden wir auch unsere politische Selbstständigkeit nicht auf die Dauer behaupten können Die Freisinnigen dringen auf einen Besitzwechsel der ländlichen Guter. Es sinken sich aber keine anderen Käufer als in England, die Großkapitalisten, welche den landwlrthschaft- lichen Grund und Boden in Jagdgründe umwandeln; was unter solchen Verhältnissen aus unserer Wehrkraft werden follte, bleibe dahingestellt. Die Hauptschuld an der Nothlage der Landwirthschaft trage das Währungssystem; hier follte man Abhulfe suchen. Er habe manche Bedenken gegen die Vorlage; er würde von der Aufhebung des Identitätsnachweises mehr Erfolg erwarten, als von diesen hohen Zollsätzen; aber er sei vor die Frage gestellt, ob er die Verantwortung für diese Vorlage übernehmen wolle. Diese Verantwortung könne er nicht übernehmen, da die Vorlage doch wenigstens eine augenblickliche Hülfe bringe. Er sei immer für das Zusammengehen der Conser- vativen und der gemäßigt Liberalen gewesen; wenn es sich aber um so wichtige Interessen als die der Landwirthschaft handle, dann muffe das politische Interesse zurucklretm. (^effaL) Lucius: Seitens der Gegner der Vorlage seien feine anderen Argumente angeführt worden als s. Z. gegen dm Zolltarif4879. Daß es sich nicht um eine einseitige Förderung der Interessen des Großgrundbesches Hand beweisen die eingegangenen Petitionen zu Gunsten derZollerhohung. Die Productions^ kosten seien keineswegs so wenig variabel als Dr. Barth behauptete. Die vorgeschlagenM Zollsätze entsprechen den anderwärts eingefuhrten Schutzzöllen Es fei besser spa er die Zölle wieder herabzusetzen, als sie so zu normiren, daß sie sAer «be:rmals^erhöht werden müssen, wodurch nur Beunruhigung geschaffen werde Er bitte d Vorlage nicht dilatorisch zu behandeln. Das würde geschehe», wenn in der ^ommm ons- berathung andere Fragen mit berührt würden, so.die Aufhebung des Jdentitats-Rach- wetses und die Wahrungsfrage. Rücksicht auf die zu erwartenden Repressalien
des Auslandes auf industriellem Gebiet gegen die ,L^nützen° könne Dieselbe wurde der Industrie mehr schaden als sie der Landwirthschaft nutzen rönne, -wo ore loud-


