Ausgabe 
3.4.1887 Drittes Blatt
 
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M. Drittes Blatt. Sonntag den 3. April 18L7

Meßmer Anzeiger

Amts- und Anzeigkblatt für den Kreis Gießen.

DreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. nrtt

Durch die Pott bezogen viertelMrlich 2 Mark 50 Pf.

Erscheint täqlickr mit Ausnahme des Montags.

SHtreattt Schulstraße 7.

Zolterung eines Deutschen iu Peru.

(Originalbericht aus Aquitos vom 2. Januar.)

Um Nachdruck wird gebeten.

Seit Jahren Leser desExports", welcher mir meines wechselnden Aufenthaltes halber durch meine deutschen Freunde stets nachgesandt wird, so schreibt ein Deutscher dem genannten Blatte, erlaube ich mir Ihnen über einen Vorfall zu berichten, welcher vor kurzer Zeit sich hier ereignet hat und dessen Darstellung gerade für Ihr geschätztes Blatt, das sich die Förderung deutscher Interessen im Auslande zur Aufgabe gestellt hat, von Wichtigkeit sein nnrb«f

Ein Deutscher wurde hier in Dquitos (Peru) gefoltert! Kaum glaublich, aber wahr! Ich werde mir erlauben, Ihnen in Folgendem einen Auszug der Anklage, wie dieselbe dem Generalcousul nach Lima gesandt ist, zuzuftellen. Herr S. (den Warnen will ich vorläufig seiner in Deutschland lebenden Familie halber verschweigen) hatte einem anderen, mittellosen Deutschen die Ueberfahrt auf einem Dampfer von hiernach einem anderen Punkte verschafft. Der letztere Deutsche schuldete jedoch einem Kaufmann Namens Waesche noch eine Summe, wodurch dieser sich veranlaßt fühlte, die Abfahrt des Deutschen polizeilich zu vereiteln.

Am Abend des Tages, als Herr S. jenem mittellosen Deutschen behufs dessen Abreise behilflich gewesen war, saß er mit einem Landsmanne, Herrn Erker, auf einer vor dem Hotel eines Chinesen befindlichen Bank, als Waesche, nebenbei gesagt eine übelberüchtigte Persönlichkeit, auf beide zutrat und sofort das Gespräch über den er­wähnten Deutschen mit dem Bemerken eröffnete, daß er denselben nicht fortlasse. Ein Wort gab das andere und der Streit erreichte seinen Höhepunkt, als Herr S. auf eine piguirte Antwort des Herrn W. erwiderte:(Sic sind ein ausgemachter Schurke, einen kranken Menschen nicht fortzulassen!" (Der betr. Deutsche ist krank.)So einen Schurken, wie Sie, bin ich im Stande niederzuschießen'" Jedoch kam es zu keinen Thätlichkeiten; beide Herren waren ohne Waffen. S. stand hiernach auf und trat in das Speisezimmer des Hotels; damit war der ganze Vorgang erledigt.

Am anderen Tage jedoch,^früh 9 Uhr, wurde Herr S. auf Requisition des Waesche durch 1 Offizier und 4 Soldaten in seiner Wohnung verhaftet und nach dem hiesigen Cuartcl abgeführt, unter dem Vorwande, daß der Subpräfect Melena ihn sprechen wolle. Bei der Ankunft bei demselben wurde ihm eröffnet, daß er Arrestant sei; dann wurde er in eine Zelle eingesperrt und folgendermaßen gefoltert:

Der Commandanl Biliamar trat mit 6 Soldaten in die Zelle, ließ Herrn S. die Daumen mit Bindfaden zusammenbinden, die so feftgebundencn Hände auf die Schienbeine legen und ein Gewehr unter die Knie und über die Ellbogengelenke durch­schieben und ein zweites Gewehr von vorn nach hinten über dem ersten zwischen den Beinen durchstecken. Es ist dies eine Stellung, in welcher ein Mensch weder liegen, noch sitzen, noch stehen Fann, oder er müßte sich die Daumen ausreißen. In hiesiger Landessprache heißt diese Tortur Lollar, eine der größten Folterqualen, welche man kennt und welche öfters sogar schon den Tod herbeigeführt hat. Diese Tortur ist nach peruanischem Gesetz verboten.

In diesem Zustande wurde der bedauernswerthe Mann beinahe eine Stunde gelassen, bis er ohnmächtig keuchend zusammenbrach, ohne jedoch in dieser Stellung fallen zu können. Jetzt trat der Eommandant mit den Soldaten zum zweiten Male ein, ließ den Mann losbindeu und in Eisen schmieden.

Auf Anfragen des S. an den Commandanten, weshalb er hier gefoltert werde, entgegnete der Eommandant:Entschuldigen Sie, ich kann nicht dafür, es geschieht auf höheren Befehl." Auf weiteres Bitten, ihm diesen Befehl vorzuzeigen, holte der Eommandant ein Schriftstück hervor es war ein Verhaftungsbefehl, unterschrieben H. Waesche worin gesagt wurde, daß S. den H. Waesche mit dem Leben bedroht habe und deshalb zu zweimaliger solcher Folter verurtheilt sei.

Nachdem S. 24 Stunden in Eisen geschmiedet gesessen, wurden ihm dieselben abgenommen und er zum Subprafecten Melena geführt. Hier sah er denselben zum ersten Male, im Beisein des Waesche und des Commandanten. Der Subpräfect erklärte hier dem S., er sei frei; das Geschehene möge er entschuldigen, da er (der Subpräfect) ihn nicht gekannt habe; die Strafe sei zwar sehr hart gewesen, das sei aber Landessitte u. s. w.

Auf eine Anfrage des Herrn S. an Herrn Waesche, weshalb er ihn habe ver­haften und maltraitiren lassen, entgegnete Waesche, er habe Angst gehabt, habe aber den Subpräfecten gebeten, ihn (S.) gut zu behandeln.

Wie also die Sache liegt, wurde S. auf Requisition eines Kaufmannes verhaftet, gefoltert, in Eisen geschmiedet und nach 24 Stunden mit Entschuldigungen freigelassen, ohne nur einen Richter gesehen zu haben.

Heute noch klagt der Mann über Schmerzen in den Rückenwirbeln und in der Brust, die von der überftanbenen Folter herrühren.

Wie ich Ihnen bereits oben mitgetheilt, hat S. sich sofort um Schutz unb Genugtuung an den deutschen Oeneralconsul nach Lima gewandt (ein weiter Weg!). Als der Subpräfect dies erfuhr, wandte sich derselbe an hiesige deutsche Kaufleute, Gebr. Kahn und G. Schermuly, sie bittend, ihren Einfluß bei S. dahin geltend zu machen, daß derselbe sich nicht bei der deutschen Regierung beschwere; er habe ihn nicht gefannt, nicht gewußt, daß er ein ordentlicher Mann sei u. s. w.

S. war Soldat und hat 1870/71 den Krieg mit Auszeichnung mitgemacht, wofür er mit dem Eisernen Kreuze becortrt wurde. Sicher wird das deutsche Vater­land feine Söhne, welche mitgeholfen zu seiner jetzigen Größe, nicht im Auslande, und Noch dazu ohne jeglichen Grund, foltern lassen. E. H. Schinkoth.

Die Wahrheit des oben Gesagten bezeugen

C. Victor. Josef Erker. Oskar Heller, Apotheker.

Aquitos, ein Ort von ca. 10000 Einwohnern, am oberen Lauft des Amazonas -gelegen, beherrscht mit seinem lebhaften Handel das ganze obere Flußgebiet desselben. Industrie und Handel befinden sich zum größten Theile in deutschen Händen, und es ift nicht zu hoch gegriffen, das hier verwendete deutsche Kapital auf 20 000 000 Mark zu schätzen.

Kautschuk ist das Hauptproduct, welches massenhait in den hiesigen Wäldern gefunden unb ausgeführt wirb. Nach Angabe des Zollamtes Monavs (Brasilien) betrug die Ausfuhr von Aquitos 1885: 300 000 Arrodas (zu 14,688 k) im Werthe von 18 Millionen Mark. Die Ausfuhr von 1886 wird die von 1885 bei Weitem übersteigen.

Mit der Bitte, für die möglichst große Veröffentlichung der geschilderten Schand- khat Sorge tragen lassen zu wollen, zeichne ich mit der größten Hochachtung

C. H. Schinkoth.

Dieser Bitte kommen wir unsererseits hiermit nach und ersuchen die deutsche Presse gleichzeitig, die obige Darstellung auch ihrerseits baldigst veröffentlichen und so dazu beitragen zu wollen, da solche Vorkommnisse nicht unbeachtet und unbestraft der Vergessenheit anheimfallen. Die Rcbaction b. Exp.

L o D a I e 4.

Gießen, 2. April. Es verdient wohl bekannt zu werden, daß die Verlags­handlung von Emil Roth zur Feier des 90. Geburtstags des Kaisers dem 2. Großh. Hess. Infanterie-Regiment Nr. 116 2000 Exemplare seines schönen und patriotisch gehaltenenHassia - Kalender" mit sinniger, in drei Farben gedruckter Widmung zum Geschenk gemacht hat. Jeder Soldat konnte auf diese Weise ein werthvolles Geschenk an die seltene Feier erhalten.

Vermischte

"7 lKunftbutter als Volksnahrungsmittel.) Die steigende Bedeutung der Kunst- butter als eines neuen Industriezweiges und besonders als Volksnahrungsmittel hat die Relchsregierung veranlaßt, einen Gesetzentwurf, betreffend bie Regelung des Verkehrs mit Kunstbutter, dem Reichstage vorzulegen.

^tc ^abrifatton der Kunstbutter ist im Laufe der letzten Jahre zu einer beträcht- r? Ausdehnung gelangt. Im Deutschen Reiche bestehen zur Zeit 45 Fabriken, Xi ausschließlich mit der Herstellung dieses Volksnahrungsmittels beschäftigen. Die Gefammtproduction in Deutschland wird auf 15 Mill. Kilogramm zu einem r?lrfau^roert^e Don Etwa 18 Mill. Mark geschäht. Außerdem findet ein nicht unerheb- Itcper 3mp°rt von Kunstbutter statt, insbesondere aus Oesterreich, den Niederlanden und Nordamerika. Ihren Absatz findet die Kunftbutter hauptsächlich in den Städten und tn einzelnen industriellen Districten, namentlich aber auch in den Hafenplätzen behufs Vcrproviantirung der Schiffe. Die Abnehmer gehören, abgesehen von Gewerbe­treibenden, wie Gast- und Speisewirthen, Bäckern, Conditoren u. s. w., zumeist den ärmeren Klassen der Bevölkerung an.

Hinsichtlich ihres Rährwerthes steht die Kunstbutter nicht sehr wesentlich hinter der reinen Milchbutter zurück, nur wird sie als etwas schwerer verdaulich betrachtet. Kunstbutter im Sinne des Gesetzes sind diejenigen der Milchbutter ähnlichen Zu­bereitungen, deren Fettgehalt nicht ausschließlich der Milch entstammt.

Das Hauptaugenmerk des Entwurfes aber ift darauf gerichtet, daß die Kunst­butter unter ihrem wahren Namen in den Verkehr komme. Die Kunstbutterfabrikation scheint noch einer bedeutenden Steigerung fähig zu fein. Durch dieselbe wird einersetts den weniger bemittelten Volksschichten ein wohlfeiler Ersah der Milchbutter geboten, andererseits eine vorthetthafte Derwerthung des Fettes der geschlachteten Thiere herbeigeiührt.

.Die Nachtheile, welche mit dem Kunstbutterhandel verbunden sind, beruhen vor­nehmlich darauf, daß diese Maare nicht unter der ihrem Wesen entsprechenden Be­zeichnung, sondern als Milchbutter in den Handel gelangt.

Hierdurch wird das kaufende Publikum geschädigt, indem es für den Preis der Milchbutter eine Waare von geringerem Werthe erhält. Vor Allem aber erwächst daraus der Landwirthschaft, insbesondere dem Molkereiwesen, eine betrügerische Con- currenj. Dieselbe kann leicht dahin führen, daß der gute Ruf der heimischen Milch­butterfabrikation im Auslande leidet und uns die bisherigen Absatzgebiete verloren gehen. Für die deutsche Molkerei ist der Export aber bereits von großer Bedeutung; in den Jahren 1882/84 belief sich gegenüber einer Gesammteinfuhr von Butter ein­schließlich Kunstbutter im Betrage von 3,343,200 Kgr., die Ausfuhr von Butter auf 37,831,200 Kgr.

Die Herstellungskosten der Kunstbutter werden im Durchschnitt auf 0,80 bis 1,20 JL für das Kilogramm angegeben. Doch gilt dies nur für die besseren Sorten. Schlechtere Waare wird nicht selten schon zu einem Preise von 0,70 JL in den Handel gebracht.

Berlin, 29. März. Die Anhänglichkeit eines Hundes hat den Mertel'schen Eheleuten, welche gestern vor dem Schöffengericht zu erscheinen hatten, eine Anklage wegen Unterschlagung eingebracht. Hektor war jahrelang der treue Hausgenosse der Angeklagten und wurde von denselben mit großer Zuneigung behandelt. Da kamen auch für Hektor schlimme Tage: sein treues Auge wurde immer unsicherer und der Arbeitsverdienst seines Herrn immer geringer, so daß letzterer endlich zu dem Entschluß kam, den Hund zu verschenken. Hektor wechselte denn auch sein Heim, denn er war mitsammt feinem Maulkorbe in den Besitz des Hausdieners Hurtsch übergegangen, der wohl weniger als Ersatz für den Hund als vielmehr für den Maulkorb eine Mark hingegeben hatte. Der neue Gebieter scheint aber Hektor gar nicht gefallen zu haben, denn als die Mertel'schen Eheleute nach kurzer Zeit eines Tages bei ihrem einfachen Mittagsmahl saßen, kratzte es draußen vernehmlich an der Thür, und als man die­selbe öffnete, sprang Hektor mit einem wahren Freudengeheul in's Zimmer und ließ sich auch weder durch Drohungen, noch durch Bitten und listige Ueberredungen dazu bestimmen, dasselbe wieder zu verlassen. Die Anhänglichkeit des Hundes rührte Herrn Mertel dermaßen, daß er beschloß, den Hund nicht wieder fortzulassen, sondern ihn, selbst unter Opfern, zu pflegen. Der neue Herr verstand aber keinen Spaß, er ver­langte dringend die Rückgabe des HundeS von den Eheleuten und als er damit nicht durchdrang, zeigte er dieselben wegen Fundunterschlagung an. Der Gerichtshof erkannte auf Freisprechung. Er nahm an, daß die geopferte Mark nur ein Ersatz für den Maulkorb sein sollte, der Hund aber thatsachlich verschenkt war. Wenn bann die Angeklagten den Hund wieder bei sich behielten, hätten sie damit nur gezeigt, daß sic innerhalb der gesetzlichen Frist von 6 Monaten diese Schenkung wieder rückgängig , machen wollten.

Eine höchst interessante Erfindung wurde von Herrn Theodor Weihe in Herford gemacht; dieselbe ist namentlich für Cigarren Fabrikanten und-Händler werth- voll, dürfte aber gar bald auch den Beifall jedes Rauchers sinden. Durch eine ein­fache, aber höchst sinnreiche Vorrichtung wird mittelst des Weihe'schen Patentverschlusse?^ der mit der Hand angelegt werden kann, das Cigarrenkistchen, ohne daß es der fonfr gebräuchlichen Nagelung bedarf, fester und sicherer als durch diese verschlossen. Mit einem Handgriff ist das Kistchen wieder zu öffnen, wobei ebensowenig wie beim Schließen ein Werkzeug nöthig ist. Der Vortheil für die Fabrikanten besteht darin, daß das zeitraubende Zunageln, bei welchem manches Kistchen beschädigt wurde, voll- tänbig vermieben wird. Tie mit Weihe's Patentoerschluß versehenen Kistchen sehen dabei viel eleganter aus. Für den Raucher wieder ist es angenehm, daß er die gefüUie Kiste ohne jede Beschwerde zu offnen vermag, daß Verletzungen der Hand, zerbrochene Messerklingen und zersplitterte Deckel, wie sie bei dem Oeffnen der genagelten Kisten häufig vorkommen, ganz unmöglich sind. Bleibt im Allgemeinen die angebrochene Kiste geöffnet, so wird es doch in vielen Fällen, auf Reisen, Märschen u. f- w- n.0,V? ein, sie wieder zu verschließen. Bei den Kistchen alter Art hat dies ferne ©cWeng- feiten. Weihe's Patentverschluß erfordert nur einen Handgriff und fcaS J! ift, wie gesagt, wieder fest verschlossen. Der Verschluß ist in Deutschland, 0 Belgien, Schweden, Dänemark und in den Vereinigten Staaten von ) bereits patentirt. «. wi,Sl>r

- Daß die Eifersucht blind macht, ist eine Erfahrung, di-wieder durch eine vor dem Berliner Schöffe,nicrichl «-führte Verhandlung vollkommen bestüttgt ,wurde »uf der Anklagebank saß ein schon dem Lebensmai entflohener Herr «us dem brsf-c,