Nr. S2.
Donnerstag den 3. Marz
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
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Bekanntmachung.
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Auf dem gestern dahier abgehaltenen Viehmarkt sind drei Kälber zurückgeblieben, dessen Eigenthümer sich bis jetzt nicht gemeldet haben. Derieniae .der Ansprüche an dltse Kälber machen zu können glaubt wird aufgefordert, seine Ansprüche binnen 4 Wochen bei der unterzeichneten Behörde vormdrinaen' Mdngenfalls die Kalber als gefundene Gegenstände behandelt werden. } a
Gießen, am 2. März 1887. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
_______ Fres enius.
Politische Keberfkcht.
GLeßen, 2. März.
Die Parteien sind eifrig bemüht, die Gewinne und Verluste Ler Hauptwahlschlacht gegenseitig abzuwägen und selbstverständlich bietet sich da eine ganze Reihe interessanter Einzelheiten dar. Ein vollständiges Facit wird sich aber doch erst nach den Stichwahlen ziehen lassen und daher wird erst zu diesem Zeitpunkte eine erschöpsende Uebersicht über die Ergebnisse der diesmaligen ReichstagÄwahlen möglich sein. Inzwischen hat sich in der Presse bereits eine lebhafte Polemik über die Zusammensetzung des Präsidiums des neuen Reichs- tage- entspannen, da ja die Parteien unter theilweise ganz veränderten Stärkeverhältnissen in das neue Parlament eintreten. Bis jetzt lag bekanntlich das Amt des Präsidenten in den Händen des deutsch'conservativen Herrn v. Wcdell- Piesdors, während die erste Vicepräsidenten-Stelle durch den dem Zentrum angehörigen Fr ei Herrn v. Franckenstein und die zweite Vicepräsidenten-Stelle durch den deutsch.freisinnigen Abg. Hoffmann besetzt war. Diese Vertheilung der drei obersten Ehrenämter des Reichstages entsprach im Allgemeinen den bisherigen parlamentarischen Stärkemrhältniffen, wenngleich das Centrum als die weitaus stärkste Partei gerechten Anspruch auf das Hauptpräsidium gehabt hätte; indessen begnügte sich das Centrum schon feit einer Reihe von Jahren mit der ersten Viceprändenten-Stelle und überließ die Oberleitung der Verhandlungen in dem richtigen Tactgefühle, daß sich für ein überwiegend protestantisches Parlament kein katholischer Präsident paffe, freiwillig den Conservativen. Jetzt treten aber die Nationalliberalen, welche bereits in den Hauptwahlen dem Centrum an Mitgliederzahl nahe gekommen sind, als ernstliche Concurrenten auf und die Sache gestaltet sich da eigenthümlich genug. Mit dem zweiten Vicepräsidentenfitz, auf den die Deutsch-Freisinnigen natürlich verzichten müssen, werden sich die Natio- vslliberalen nicht begnügen, ebenso wenig aber auch das Centrum und soll man vielleicht den Conservativen zumuthen, vom ersten Präsidium auf die dritte Stelle herunterzusteigen? Es handelt sich hier ja eigentlich nur um eine Eüttttensrage, aber doch bieten die Präsidentenwahlen immer die erste Gelegenheit für die Parteien dar, gegenseitig ihre Kräfte zu messen und unter den obwaltenden Verhältnissen wohnt ihnen diesmal eine gewisse Bedeutung inne und darf man daher der Lösung dieser Frage mit Interesse entgegensehen Uebcr die Persönlichkeit, welche die Nationalliberalen ihrerseits für die Präsidentenwahl Vorschlägen werden, ist noch nichts bekannt; jedenfalls wird dies aber weder H.rr v. Bennigsen, noch Herr Dr. Miquel sein, denn keine Partei pflegt für die Präsidenten-Stellen ihre hervorragendsten Führer zu nominiren, da dieselben durch die Leitung der parlamentarischen Geschäfte zu sehr der Leitung der Partei entzogen werden würden.
Die Eröffnung des Reichstages am morgigen Donnerstag wird, wenn irgend möglich, durch den Kaiser in Person vollzogen werden, während der Reichskanzler die Thronrede verliest. Nur wenn es der Gesundheitszustand des Kaisers nicht gestattet, daß der Monarch im Reichstage erscheint, soll die Eröffnung durch den Kronprinzen erfolgen.
Aus Corsica, der Wiege des Bonapartismus, ist ein bonapart i- stischer Putsch inscenirt worden. In Sartöne stellte sich ein fanatischer Anhänger des Kaiserreichs, der Advocat Leandrie, welcher kürzlich einen revolutionären Aufruf veröffentlicht hatte, an die Spitze eines bewaffneten Volkshaufens Mld zog gegen das Präfecturgebäude. Von Ajaccio aus wurden 2 Compagnien Infanterie nach Sarlöne entsandt, denen die Wiederherstellung der Ordnung gelungen fein dürfte.
Die italienische Minister krisis wird zu einem chronischen liebel. Jetzt hat auch Gras Robilant die Neubildung des Ministeriums abgelehnt und nun ist guter Rath theuer. Soll sich König Humbert nun doch an die Oppo- sttionsführer CriSpi und Cairoli als Retter in der Noth wenden, da nun einmal in den Rechen der Regierungspartei Niemand vorhanden zu sein scheint, der Depreiis und Robilant auch nur Halbwegs ersetzen könnte? CriSpi und Cairoli gelten aber doch als Gegner eines festen Zusammengehens Italiens mit Deutschland und Oesterreich, während König Humbert erklärt haben soll, daß eins derartige Politik dis Richtschnur auch für das neue Cabinet zu bilden habe — wie wurde sich da eine Berufung dreier Männer in das Ministerium mit einer auswärtigen Politik vertragen, die sie tadeln? Jedenfalls ist die italienische Ministerkrisis eine schwere Calamität nicht nur für den Apenninenstaat selber, sondern sie droht auch bei längerer Dauer zu einem Factor zu werden, der möglicher Weise auf die europäische Friedens-Constellation ungünstig einwirken wird.
Deutschland.
Darmstadt, 1. März. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Mergnädigst geruht:
Am 19. Februar den Lehrer am Gymnasium zu Büdingen. Dr. Theodor Walter, zum Lehrer am Ludwig-Georgs-Gymnasium zu Darmstadt, mit Wirkung vom 1. April d. Js. an, zu ernennen.
Berlin, 1. März. Der Kaiser empfing Vormittags eine Reihe militärischer Meldungen, sowie die Vorträge Albeoyll's und Caprio/s und machte Nachmittags eine Ausfahrt.
— Der Congreß deutscher Landwirthe nahm einstimmig eine Resolution an, welche sich gegen eine Einschränkung der Production uno für eine anpe« meffene Erhöhung der landwirthschaftlichen Schutzzölle ausspricht, welche unbeschadet anderer volkswirthschaftlicher Maßnahmen wesentlich zur Hchung der landwirthschaftlichen Krisis beitragen werde.
England.
London, 1. März. Unterhaus. Ferguffon erklärt, über gewiss: Punkte an der afghanischen Grenze von Zulfikar nach dem Oxus zu werde noch verhandelt. Ais diese Angelegenheit geordnet sei, erscheine eine weitere Vorlage von Schriftstücken nicht erwünscht. Howell beantragte Untersuchung wegen her gegen den Londoner Munizipalrath erhobenen Beschuldigung unerlaubter Verausgabung öffentlicher Gelder, welche behuss Beeinflussung der Unterhaus- beschlüffe über die Reform des Londoner Munizipalraths stattgefunden hätte. Smith sagte Einleitung der Untersuchung zu, sobald Howell seine Anklagen genügend begründet hätte. Die Regierung habe die Angelegenheit erwogen, er werde morgen den Beschluß der Regierung mittheilen.
— Gegenüber den gestrigen Meldungen der „Libertö" erfährt das Reu- ter'sche Bureau, daß keine Verhandlungen zwischen Frankreich und England über einen modus vivendi, bei welchem die Interessen aller detheiligten Staaten m Egypten berücksichtigt werden könnten, stattgesunden haben. Solche Verhaut- lungen könnten auch nicht stattfinden, bis England bereit sei, Vorschläge zu for« muliren, welche ganz von den Unterhandlungen Drummond Wolff's wegen Herbeiführung eines definitiven Einvernehmens mit der Pforte abhingen.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Correspondenzo Bureau.
Berlin, 1. März. Heute Nachmittag fand unter dem Vorsitz des Fürsten Bismarck eine Sitzung des Staatsminifteriums statt, worin es sich vermutytlch um die Thronrede zur Reichstagseröffnung handelte.
Berlin, 1. März. In einer am gestrigen Tage unter dem Vorsitze des Staatsmintsters, Staatssecretärs des Innern, v. Bötticher, abgehaltenen Plenarsitzuutr erklärte sich der Bundesrath mit der Wiedervorlegung der Gesetzentwürfe über bie Feststellung des Neichshaushalts - Etats für 1887—88, über die Aufnahme einer Anleihe für Zwecke der Verwaltung des Reichsheeres und der Marine zc., über bie Friedenspräsenzftärke des deutschen Heeres; über die unter Ausschluß der Orffentlichkett- stattfindenden Gerichtsverhandlungen, über den Servicetarif und die KlasseneintheUung der Orte, und über die Fürsorge für die Wittwen und Waisen von Angehörigen der» Reichsheeres und der Marine an den Reichstag einverstanden.
Die vom statistischen Amt aufgestellte Uebersicht der nach der Verfassung unb den Gesetzen des Reiches festzustellenden Bevölkerungszahlen nach der Zählung vom 1. Decembcr 1885, sowie ein Antrag auf strafrechtliches Einschreiten gegen die Presse wurden den zuständigen Ausschüssen überwiesen.
Essen, 1. März. Die „Rhein.-Westf. Ztg." melbet, daß der Minister der öffentlichen Arbeiten ein neues Statut der westfällschen Bergwerkschaftskasse, wonach fie zur zwangsweisen Beschränkung der Kohlenförderung ermächtigt wird, genthmigt.
Dresden, 1. März. Der außerordentliche Landtag trat heute Nachmittag nrr ersten und zweiten Präliminarsitzung zusammen. Es erfolgte die Wahl der Ao- theilungen und des vorigen Directoriums. Diorgen um 2 Uhr findet bie Eröffnung des Landtags durch den Kriegsminister Fabrice statt. Zum Präsidenten der crjitn Kammer wurde v. Zehmm wiederernannt.
Paris, 1. März. Millaud begibt sich heute Abend nach den vom Erdbebe.'r betroffenen Orten.
— In der heutigen Sitzung des Ministerrathes soll Boulanger mitgethestt. haben, daß die auf den Straßen verkaufte Karle der fronzöfisch-deutlchen ©treitfiaf.e nur eine Reproduction einer ungenauen Arbeit eines englischen Blattes sei.
— Hier eingegangenen Meldungen zufolge ging der Dampfer „Valparaiso" aus der Fahrt nach Brasilien bei der Einfahrt in den Hafen von Digio unter. Die Pastu- giere, das Gepäck und die Postsachen wurden geborgen.
Saint Etienne, 1. März. In dem Kohlenschachte von Ehatelus, wo 90 Arbeiter beschäftigt sind, fanden schlagende Wetter statt. 20 Mann retteten sich, 10, darunter 2 Todte und 6 Schwerverwundete, wurden herausgezogen. Man glaubt^ alle Uebrigen seien erstickt.


