Einzelbild herunterladen

Nr. 281 Freitag den S. December 1887.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 PH

Durcaur Schul st raße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags«

Politische Ueberflcht.

Gieße«, 1. December.

Der diesmalige Empfang der Reichstags-Präsidium» durch den Kaiser, der am Sonntag Nachmittag stattfand, trug gegen die früheren Empfänge einen erhöhten politischen Anstrich, da der erlauchte Monarch bedeut­same Bemerkungen über Fragen der inneren Politik, wie über die auswärtige Lage fallen ließ. Vorher hatte der Kaiser in bewegten Worten der schweren Krankheit seines Sohne» wie der weitgehendsten Thellnahms gedacht, welche durch die Erkrankung der deutschen Thronfolgers für den hohen Kranken und seine Famllie selbst und für das gesammte kaiserliche Hau» allerorten heroorge- rufen worden ist. Zu dem eigentlich politische» Theile der Audienz übergehend, knüpfte der Kaiser an die Reichstags-Eröffnung an und gab seinem Bedauern Ausdruck, daß er den Eröffnungsact nicht persönlich habe vollziehen können; mit besonderer Betonung, etwas zurückttetend, fügte dann der kaiserliche Herr, nach dem Bericht derPost" hinzu:Ich hätte Ihnen gern persönlich gesagt, daß ich den Friede« will, aber wenn ich angegriffen werde, dann......* Die

hohe Tragweite dieser Worte bedarf wohl keiner besonderen Erläuterung. Mit Befriedigung hob der Kaiser die in der Finanzlage des Reiches eingetretene Besserung hervor und berührte auch Die Militärfrage; unumwunden bezeichnete der greise Monarch die Ablehnung der ersten MUitär-Vorlags durch den Reichstag als einen großen Fehler und sprach es nochmal» aus, wie sehr ihn damals da« Verhalte« der Opposition geschmerzt habe; der neue Reichstag habe glücklicher Werse die Scharte glänzend wieder ausgewetzi. Am Schlüsse seiner politischen Ausführungen gedachte der Kaiser noch mit Bedauern de« Rücktritte» des Prä­sidenten Grövy und wandte sich gegen Ende der Audienz noch mit persönlichen liebenswürdigen Bemerkungen an die drei Herren de« Reichstag« - Präsidium«. Während der ganzen, etwa eine halbe Stunde dauernden Audienz erschien der Kaiser sehr frisch und rüstig und war namentlich seine körperliche Haltung eine bemerkenswerth stramme.

Die Kaiserin ist am Dienstag von ihrem Herbstausenthalta am Rhein wieder nach Berlin zurückgekehrt. Die hohe Frau sühlt sich, wie derReichs« Anzeiger" mittheilt, durch die empfangenen Beweise von Treue und Anhäng­lichkeit anläßlich der Krankheit de« Kronprinzen tief , gerührt und gedenkt namentlich dankbar der ihr in großer Anzahl zugegavgenm Vorschläge zur Hei­lung des Leidens ihres Sohnes. Rach Privatmittheilungen soll das Befinden der Kaiserin noch immer zu wünschen übrig lassen.

Der Kronprinz äußerte am Sonntag Abend zu dm ihn behandelnde« Aerzten, daß er sich selten so wohl gefühlt habe, wie nach dm Ausfahrten der letzten Tags. Es ist dies ein hocherfreulicher Ausspruch, der durch das ganze Aussehen de» erlauchten Patienten befiätigt wird und auch der zuversichtliche« Sprache in dem Dank-Telegramme de» Kronprinzen an den Reichstag durchaus entspricht. Da in San Remo gegenwärttg wieder prachtvolles Wetter herrscht, so unternimmt jetzt der Kronprinz täglich Ausfahrten und Spaziergänge.

Der Reichstag hat am Dienrtag seine eigentlichen Arbeiten mit der ersten Lesung des Etat» ausgenommen. Da in der Generaldebatte über den Etat die verschiedensten Fragen erfahrungsmäßig berührt werden, so dürfte sie auch diesmal 2 bi» 3 Tage in Anspruch genommen haben; nach der bisher geübten Praxis wird wohl auch diesmal «ach Schluß der ersten Lösung der Etat in seinen wichtigsten Positionen der Budget-Commission zur Vorberathung überwiesen werden. Zur Ausfüllung der Zeit zwischen der ersten und zweiten Etatslesung steht dem Hause bereit« genügender Material zur Verfügung und wird sich der Reichstag hierbei vermuthlich auch mit der ihm ebenfall» schon zugegangenen K rnzoll-Vorlage beschäftigen. Dieselbe bllbet nächst der Altecs- und Znvaliden-Verstcherung die wichtigste gesetzgeberische Materie der neuen Session, ja, sie würde sogar deren Mittelpunkt bedeuten, fall« sich das hie und da ausgetauchte Gerücht bestätigen sollte, daß der Reichstag in der laufenden Session wahrscheinlich noch nicht zur Brrathung der Alters-Versicherungs- Vorlage gelangen würde. Eine möglichst beschleunigte Erledigung der neuen Getreidezoll-Vorlage wäre schon im Interesse der wirthschaftlichen Beruhigung wie der Verhinderung einer ungesunden Speculation erwünscht, zu welch' letzterer die Bestimmung des Entwurfes, wonach die neuen Zölle, unter Vorbehaltung der Zustimmung des Reichstage«, bereit« vom 26. November an in Kraft ge­treten sind, geeignet erscheint. Uber die Aussichten des Entwürfe« im Reichs­tage läßt sich zwar noch nicht bestimmt urtheilen, immerhin kann man dieselben als keine ungünstigen bezeichnen; den Ausschlag dürfte das Centrum geben, ob dasselbe der neuen Getreidezoll-Erhöhung geneigt ist oder nicht, erscheint aber zur Zeit noch als eine offene Frage.

In einer Unterredung zwischen Floquet und Clemenceau erklärte Ersterer, er sei nicht al» Präsidentschafts-Candidat aufgetreten und müsse seinen Freunden jede Verantwortlichkeit für seine Haltung überlassen. In Folge dieser Erklärung gilt e« für wahrscheinlich, daß die Radikalen auf dem Congreß sofort für Freycinet stimmen werden.

In der italienischen Deputirtenkammer erklärte am Montag der Justizmtnister in Folge gestellter Interpellationen, die Regierung gedenke nicht gegen die Agitation zu Gunsten der Wiederherstellung der weltlichen Papst- Herrschaft einzuschreiten, es sei besser, die gewissen, hierauf dezügl. Schreiben an italien. Bischöfe der allgemeinen Gleichglltigk-it anheim fallen zu lassen. Gewiß weroe aber die Regierung eine Verletzung der italienischen Einheit niemals zugeben. 1

Die Stellung H serbischen Cabinets Ristics gilt al» erschüttert. 114 Abgeordnete haben sich in die Liste des radikalen Skupfchtina-Clubr etnge- zeichnet, die radikale Partei weist fitnil in der Skupschtiua eine überraschende Mehrheit auf, welche gegen Ristics Front machen will.

Deutscher Reichstag:

4. Sitzung vom 30. November 1887.

Die erste Berathung des Reichshaushalts für 1888/89 wirdfoAAtzt.

grßa Graf Behr (Reichsp.): Er hätte gewünscht, daß Rlckert die Frage des Schutzes unserer Landwirthschast ruhiger behandelt 'a!

die"ver- anschttigte Einnahme, andernfalls sei eine anderweite gesetzliche Regelung geboten. Die

Darmstadt, 30. Novbr. Se. König!. Hoheit der Großherzog habe» Mergnädigst geruht:

Am 23. Novbr. dem Leiter de« Proseminars für klassische Philologie an der Landes-Universität, Gymnasiallehrer Dr. Peter Dettweiler zu Gießen, den Charakter als außerordentlicher Professor zu verleihen.

Darmstadt, 30. November. (Militärdienst - Nachricht.) Es wurde Dr. Stamm, Assistenzarzt 1. Klasse der Landwehr vom 1. Bataillon (Gießen) 2. Großh. Hess. Landw.-Regts. Nr. 116, der Abschied bewilligt.

Darmstadt, 29. November, svus dem Staatsbudget.) Für die Landwirth- schaft und die Förderung der Bodenmelioratton sind verschiedene neue Einrichtungen beabsichtigt und weitere Anforderungen gestellt, von denen folgende erwähnenswerth erscheinen:

1) Nachdem die Aushebung der Centralstelle für die Landwirthschast und die landwirthschaftltchen Vereine in ihrer bisherigen Verfassuog angeregt worden ist, nachdem die landwirthschaftlichen Vereine sich für eine veränderte Organi­sation der landwirthschaftltchen Verwaltung ausgesprochen und beide Kammern der Stände den gleichen Wunsch zu erkennen gegeben haben, glaubt die Grotzb. Regierung unter Aushebung der gedachten Centralstelle eine obere landwirthschaftliche Behörde creiren zu sollen, der unter der oberen Leitung des Ministeriums des Innern und der Justiz die Verwaltung der land­wirthschaftltchen Angelegenheiten zu übertragen wäre. Dieselbe hätte auS einem Mitgliede des genannten Ministeriums als Vorsitzenden, einem land- wirthschaftlich technischen und einem kulturtechnischen Mitgliede zu bestehen, denen in den geeigneten Fällen ein juristisches Mitglied beizutreten hätte. Die Behörde hätte die allgemeine Aufgabe, die Landwirthschast und die Landeskultur zu fördern, insoweit der Staat hierzu berufen ist, insbesondere hätte sie die Funktionen einer Landescommission in Feldbereinignngssachen, der fachlichen Centralbehörde nach Maßgabe der Gesetze über die Bäche und die nicht ständig fließenden Gewässer und über die Landeskulturgenossen­schaften zu übernehmen, alle Meliorattonspläne zu prüfen und deren Aus­führung zu überwachen, das Staatsinteresse bet landwirthschaftlichen Vereinen und Genossenschaften zu wahren, das landwirthschaftliche Unterrichts- und Prämtirungswescn zu leiten.

Würde diese Behörde creirt werden, so könnten die Stellen des Generckl- secretärs der landwirthschaftlichen Vereine und des Landeskulturinspektors als solche in Wegfall kommen. Die Landeskulturingenieure würden der Behörde unmittelbar untergeordnet werden.

2) Nachdem die Errichtung einer landwirthschaftlichen Mittelschule angeregt worden ist, soll der Versuch gemacht werden, entsprechenden Fachunterricht in Verbindung mit dem Unterrichte einer der bestehenden Realschulen ein­zuführen und wird hierfür der angeforderte Betrag von 6000 JL erforderlich werden.

3) Die Mittel, welche seitens des Staats und der Vereine zum Zwecke der Hebung der Rindviehzucht verwendet werden konnten, haben zwar manche Besserung herbetgeführt, allein sie haben sich den Anforderungen, die an eine wirklich ersprießliche Rindviehzucht gestellt werden müssen, nicht genügend erwiesen uud stehen nicht im Verhältniß zu den Anforderungen in anderen Staaten. Consequente Züchtung der nämlichen Rassen, Gründung von Zucht- genossenschasten werden nicht möglich werden, wenn nicht weitere Mittel dazu verwendet werden können. Außer zu ausreichender Prämiirung von Rind­vieh bei Ausstellungen wird daher der hier vorgesehene Betrag auch zur Leistung von Unterstützungen zur Gründung von Zuchtgenossenschasten, zu deren Verbreitung und Ausdehnung, sowie zu Beiträgen behufs Einführung und Erhaltung geeigneter Rassen, überhaupt zu allen die Hebung der Rind­viehzucht fördernden Maßregeln zu verwenden sein.

Die Anforderung für jedes Jahr der Finanzperiode beträgt 15,000 Jt, gegen das vorige Staatsbudget mehr 12,000 JL

4) Für Förderung der Bienenzucht sind 500 <X jährlich vorgesehen.

5) Die bezüglich der Reblaus und des Coloradokäfers erlassenen gesetzlichen Bestimmungen legen dem Staate die Pflicht auf, Untersuchungen über das Vorhandensein dieser Insekten anzustellen, Maßnahmen zu treffen und unter Umständen Entschädigungen zu leisten. Wenn auch der letzterwähnte Fall noch nicht eingetreten, so haben doch die namentlich in 1887 in größerem Umfang vorgenommenen Untersuchungen von Reben nicht unbedeutende Kosten erfordert, zu deren Verausgabung ein specieller Credit fehlt. Deßhalb ist in das Staatsbudget ein Betrag von 10,000 eingestellt worden.

6) Gerade in der landwirthschaftltchen Verwaltung treten im Laufe der Jahre mitunter Anforderungen hervor, die nicht vorausgesehen werden konnten und zu deren Befriedigung die zu speciellen anderen Zwecken vorgesehenen Mittel nicht verwendet werden können. Der als Disposittonsfond eingestellte Betrag von 5000 JL jährlich soll der Regierung die Möglichkeit geben, auch in diesen Fällen fördernd etnzutreten. Beispielsweise würde ihr dadurch gestattet werden, Prämien für hervorragende Leistungen, die nicht gerade im Gebiete der Thierzucht liegen, zu ertheilen, z. B. für ganze Wirtschaften, für zweck­mäßige landwirthschaftliche Buchführung u. dgl. mehr. Reffesttpendten an Landwirthschaftslehrer und an junge Landwirthe konnten daraus bestritten, der Fond überhaupt zu solchen landwirthschaftlichen Zwecken verwendet werden, für die specielle andere Mittel nicht gegeben sind.