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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Burearrr Schulst raße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

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Politische Übersicht.

Gießen. 28. Februar.

erst die am Freitag in Berlin erfolgte amtliche Zusammenstellung der Gesammtresultate der Wahlen wird die vielfach sich widersprechenden Angaben hierüber berichtigt und das Gesammt-Wahlergebniß nach allen Seiten hin klar gestellt haben. Bi» dahin konnte man ganz verschiedenen Meinungen über die neuen Stürkevcrhältniffe der einzelnen Parteien begegnen und die kun­terbunten Meldungen des osficiösen Telegraphen, der sich ost selbst widersprach, trugen hieran nicht zum wenigsten die Schuld. Erst am Freitag Abend bequemte sich der osficiöse Telegraph zu einer vorläufigen Uebermittelurg der Wahlergebnisse, wobei aber immer noch ein Resultat fehlte. Hiernach waren gewählt 90 Nationalliberale, 72 Deutsch-Conservative, 31 Frei-Conserrative, 90 Klerikale (darunter 4 septennatssreundliche Abgeordnete), 14 Deutsch'Frei- stnnige (darunter 2 septennatssreundliche Abgeordnete), 6 Socialisten, 15 Elsässer, 13 Polen, 2 Welfen, 1 Däne und hätten 61 Stichwahlen staitzufinden.

Einen Beweis, wie unzuverlässig bisweilen die telegraphischen Wahl­berichte waren, bietet auch die Augsburger Wahl dar. Von ihr hieß es ganz bestimmt, daß sie zs Gunsten der Liberalen ausgefallen sei, aber jetzt kommt die Meldung, daß sich das Centrum in Augsburg doch behauptet hat; ähnliche Berichtigungen werden sich wohl verschiedentlich ergeben.

Ueber den von den preußischen Bischöfen zu leistenden Eid ist jüngst eine königliche Verordnung erlassen worden. Danach schwört der Bischof, btm König unterthänig, treu, gehorfam und ergeben zu sein, bei der unter­gebenen Geistlichkeit und den Gemeinden Ehrfurcht und Treue gegen den König und Vaterlandsliebe, sowie Gehorsam gegen die Gesetze zu pflegen und nicht zu dulden, daß die Geistlichkeit im entgegengesetzten Sinne lehre und handle. Der Bischof gelobt ferner, keine Verbindung innerhalb und außerhalb des Lande» zu unterhalten, welche der Sicherheit des Landes gefährlich werden könnte. Die Erdesformel schließt: Ich verspreche dies Alles um so unverbrüchlicher zu halten, als ich gewiß bin, daß ich mich durch den dem Papst und der Kirche geleisteten Eld zu nichts verpflichte, was dem Eide der Treue und Unterthänigkeit gegen den König entgegen fein könnte.

Das preußische Abgeordnetenhaus hat zur Erledigung des Specialetats des Cultusministeriums diesmal noch nicht zwei Sitzungen gebraucht, während sich die Verhandlungen bezüglich des Cultusetats in früheren Fahren oft über eine ganze Reihe von Sitzungen Hinwegspannen. Am Donnerstag wurde auch der Rest des Cultusetats ohne besondere Zwischenfälle erledigt, worauf das Haus noch eine Reihe von Gesetzentwürfen meist untergeordneter Bedeutung erledigte. Am Freitag beschäftigte sich das Haus mit den Vorlagen, betr. die Theilung von Kreisen in Posen und Westpreußen, und betr. Die Kreis- und Provinzial-Ordnung für die Rheinprovinz.

Der französische Chauvinismus beutet den Sieg der Protest- partei im Reichslande ganz gehörig aus und selbst in der anständigeren franzö­sischen Preffe wimmelt es von den seltsamsten und lächerlichsten Betrachtungen über den Ausfall der elsässischen Wahlen. Das opportunistische BlattParis" schreibt z. B., Deutschland könne sich nicht leicht auf Frankreich stürzen, mit einem feindlichen Elsaß im Rücken; es ist wohl unnöthig, aus solch' ungereimtes Zeug zu antworten! Am tollsten geberdet sich jedoch dieRevanche", in deren Redactions-Bureau ein von russischen und französischen Fahnen flankirtes Trans­parent, welches die elsässischen Wahlergebnisse zeigte, errichtet worden war, da» freilich von der Polizei bald beseitigt wurde. Dafür brachte aber da» Blatt derartig chauvinistisch gefärbte Artikel, daß sich die Regierung genüthigt sah, die zeitweilige Verhaftung des Chef-Redacteurs derRevanche", Peyramont, anzu­ordnen, zumal derselbe durchaus einRevanche-Meeting" abhalten wollte. Hoffentlich wird dieser kalte Wasserstrahl aus die Pariser Hetzblätter etwas ernüchternd wirken!

Deutschland.

Friedberg. 26. Februar. Die in Folge der Ablehnung des Mandat» für den zweiten hessischen Wahlkreis Seitens des Ober-Bürgermeisters Miquel nothwendige Nachwahl ist auf Mittwoch den 9. März anberaumt worden.

J[ Darmstadt, 27. Februar. Ueber das Befinden des an den Blat­tern erkrankten Fürsten Alexander sind gestern und heute keine Bülletins ausgegeben worden. Wie wir aus zuverlässigster Quelle erfahren, hat der Aus­schlag d n Höhepunkt überschritten und das Befinden schreitet langsam in der Besserung fort.

Anläßlich der zum 1. April d. I«. bevorstehenden militärischen Neusormationen wird von der Großh.Hess. (25.) Division ein Infanterie- Bataillon ausgestellt werden, welches das erste Bataillon des 138. Infanterie- Regiments bilden wird. Zu diesem Zweck giebt jedes der vier Großh. Infan­terie-Regimenter eine Compagnie ab, die dann wieder aus dem alten Regiment von Neuem zusammengestellt wird. Um die aus diese Weise im Stammregiment entstehenden Manquements zu decken, wird eine entsprechende Zahl Dispositions- Urlauber eingezogen werden. Außerdem erhält jedes Bataillon ca. 32 Rekruten, die vom 1. April ab ausgebildet werden. Da» oben erwähnte neu zu bildende 138. Infanterie-Regiment, dessen erste» Bataillon also ein vollständig hessisches sein wird, kommt nach Straßburg i. E. In Garnison zu liegen.

Berlin, 26. Februar. Der Kaiser nahm Vormittags militärische Mel­dungen entgegen, hörte später den Vortrag Albedyll's und machte Nachmittag» eine Ausfahrt.

Das Abgeordnetenhaus erledigte nach unerheblicher Debatte die zweite Lesung de» Etats nach den Anträgen der Commission, ebenso die Etatsgesetze und überwies das Gesetz, betr. die Feststellung der Leistungen für die Volks­schulen einer Commission von 21 Mitgliedern. Montag Consolidationsgesetz für Wiesbaden.

Berlin, 26. Februar. In Gegenwart des Legattonsraths Kayser als Com- missars des Reichskanzlers fand heute Mittag im Reichstagsgebäude die constituirende Versammlung der deutsch - ostafrikanischen Gesellschaft statt. Zum Vorsitzenden des etnundzwanziggltederigen Dircctionsrathes wurde v. d. Heydt (Elberfeld), zu Stell­vertretern wurden Delbrück (Berlin) und Langen (Köln) gewählt.

DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: Die dritte päpstliche Kundgebung besteht nicht in einem neuen Schreiben, sondern in einem Ende Januar an den Nuntius zu München gerichteten Telegramm, das wiederholt verschärft, bet dem Eentrum darauf zu dringen, daß dasselbe zur Durchführung des Septcnnats alle Kräfte aufbtete. Inwieweit die Centrumsleitung in vollständigem Widerspruche mit der päpstlichen Weisung gehandelt hat, ist aus den Wahlergebnissen bekannt.

Telegraphische Depeschen.

Wolffs telegr. Corresponderrz-Brrreair*

Berlin, 27. Februar. Seine Majestät der Kaiser nahm Vormittags mehrere Vorträge entgegen, ertheilte Nachmittags dem Kammerherrn v. Mohl Audienz, welcher sich auf mehrere Jahre nach Japan begibt und machte dann eine Spazierfahrt. Nach der Rückkehr hatte Staatssecretär Graf Bismarck Vortrag.

Auf der Tagesordnung der morgigen Bundesrathssitzung befinden sich An­träge wegen Wiedervorlegung des Gesetzentwurfs über die Friedenspräsenzstärke des Heeres; ferner Anträge, betr. die unter Ausschluß der Oestentlichkeit stattfindenden Gerichtsverhandlungen, sowie über den Servicetarif, endlich über den Etatsentwurf und die Anleiheaufnahme für Zwecke des Heeres und der Marine rc. zur Beschluß­fassung des Reichstags.

Pari», 27. Februar. Der Senat hat das Budget entsprechend den gestern von der Deputirtenkammer beschlossenen Abänderungen in einer heute Vormittag abge­haltenen Sitzung genehmigt und sich darauf bis zum 7. März vertagt.

Nach einem Telegramm aus Ajaccio sind heute Vormittag 2 Compagnien Infanterie nach Sartene abgegangen, wo der Bonapartist Leandri, welcher kürzlich einen aufrührerischen Aufruf erließ, an der Spitze eines bewaffneten Volkshaufens erschienen sein soll.

Petersburg, 27. Februar. DasJournal de St. Petersbourg" bespricht einen Artikel derNat.-Ztg.". welche dasJournal de St. Petersb." unter die Blätter ein­gereiht hatte, die bei der Beurthellung der Wahlen zum deutschen Reichstage ihre Schlußfolgerungen den dem deutschen Reiche feindlichen Blättern entlehnt hätten. Das Journal de St. Petersbourg" bemerkt dem gegenüber, es habe sich dabei nicht um eine Betheiligung am Kampfe gehandelt; es seien vielmehr nur einige rein nachricht­liche Mittheilungen angeführt worden. Man dürfe indessen derNat.-Ztg." ihren Jrrthum nicht übel nehmen, denn am Tage nach dem Kampfe glaube man mit aller Welt Abrechnung halten zu müssen. Uebrigens sei aus der Erfahrung bekannt, daß man gegenüber Projecten, die Zeitungs-Correspondenten den Regierungen unterlegen, sich nicht allzu sehr aufregen dürfe; ernste Blätter sollten wissen, daß die Beziehungen zwischen den Kaiserreichen, welche durch ein Jahrhundert lange Bande alliirt seien, doch nicht von dem Belieben eines oder mehrerer Correspondenten abhängen, die mehr oder weniger Phantasie besitzen.

Lokales.

Gießen, 28. Februar. fVorträge zum Besten des evang. Kirchbaufonds.^ Der von Herrn Professor Dr. Köstlin aus Friedberg am vergangenen Freitag gehaltene dritte Vortrag behandelte das Thema:Novalis, ein religiöses Charakterbild". Nachdem an einer Reihe von Beispielen die mächtige Einwirkung, welche die religiösen Dichtungen von Novalis auf die verschiedenartigsten Größen geübt, und damit die Bedeutung der religiösen Persönlichkeit Novalis' nachgewiesen wurde, gab der Vortragende ein überaus lebendiges und anziehendes Bild der Entwicklung des Dichters. Friedrich von Harden­berg, der von einer Seitenlinie der Familie den Dichternamen Novalis angenommen, war geboren zu Oberwidderstadt am Harz am 2. Mai 1772. In seinem Elternhause aufgewachsen in der Luft Herrnhutischer, aber nie über einen gewissen trüben Ernst enger Gesetzlichkeit herausgewachsenen Frömmigkeit, erschloß sich Novalis auf der Universität mit voller Luft dem Leben und seinen Eindrücken. Besonders großen Einfluß gewann auf ihn Schiller in Jena, dem er auch die richtige Würdigung eines praktischen Lebensberufes verdankte. So widmete er sich denn dem zuerst nur wider­willig auf Wunsch des Vchitrs ergriffenen Studium der Rechtswissenschaft

in Leipzig und Wittenberg mit einer weit über sein Alter herausgehenden

Energie und Tüchtigkeit. 1794 trat er zu Tennstädt in die chursächsische Verwaltung ein. Mit dem Ernst, mit dem er sich seinem Beruf hingab,

verband sich ein reges geistiges Streben. Entscheidend griff in sein Leben ein die

Liebe zu der liebreizenden erst vierzehnjährigen Sophie von Kühn, die ihm nach kaum einjähriger Verlobung durch den Tod entrisse» wurde. Der Schmerz über diesen herben Verlust brachte eine innere Umwandlung in ihm hervor, für die er in den Hymnen an die Nacht" einen noch vielfach unklaren, aber tiefergretfenden Ausdruck suchte. Aus der krankhaften Todtessehnsucht, die sich darin aussprach, rang sich em sn dem Glauben seiner Kindheit wurzelndes tieferes Glaubensleben empor. Durch den Einfluß dieses Glaubens, dessen Mittelpunkt die dankbare Hingabe an den Herrn Jesus waren, unterstützt durch erneute wissenschaftliche Studien, zu deren Zweck er die Bergakademie Freiberg bezog, gesundete sein tiefverwundetes Herz so weit, daß er sogar wieder die Freudigkeit zu einem neuen Lebensbunde mit Julie von Charpentier, der Tochter seines verehrten Lehrers, gewann. Aber schon waren seine eigenen ^ebens- tage gezählt. Im Begriffe, zur Hochzeit zu reisen, warf ihn ein schweres Brusttewen auf das Krankenlager und raffte in reißend schnellem Fortschreiten ibn am 25. W hinweg, noch nicht 29 Jahre alt. Die zweit« V-rlobungszett bcMne bm 6o6cBuntf seines poetischen Schaffens. Wir erwähnen hier nur seine rm Herbst

Geistlichen Lieder", von denen einige köstliche Perlen (Menn alle untvQiXrfdinU >enn ich ihn nur habe",Was wär ich ohne Dich gewesen") '^den Überschätz unserer Kirche übergegangen sind. Was sie auszeichnet, ist neben einer tiefen Innig-