Ausgabe 
31.1.1886 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

-rr. 26. Drittes Blatt Sonntag den 31. Januar 1886

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. ewtwtt Schulkraße 7. tLalich mit Ausnahme brt Montag». die^Post^bqo^en Rerteljührllch

Amtlicher Hheil.

Bekanntmachung.

Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz hat genehmigt, daß mit dem diesjährigen Friedberger Frühjahrs- und Herbst-Pferdemarkt je eine Berloosung von Pferden und sonstigen Gegenständen verbunden wird. Bei dem Krühjahrsmarkte dürfen höchstens 8.000 Loose ä 1 jt 50 H ausgegeben und müssen 7320 «X zum Ankäufe von Gewinngegenständen verwendet werden; bei dem HerbÜmarkte darf die Zahl von 12.000 Loosen (ä 1 JL 50 nicht überschritten werden und sind 11.000 «X für den Ankauf von Gewinngegenständen zu verausgaben. Der Verkauf der Loose ist im Großherzogthum gestattet worden.

Es wird dies mit dem Anfügen zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß insoweit die Loose nicht vollständig abgesetzt werden sollten, eine verhält- nißmäßige Verminderung der Ausgaben für Gewinngegenstände eintreten kann.

Gießen, am 29. Januar 1886. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann. ________ __________

Gesunken: 1 Halstuch, 1 Perlenkettchen, 1 Kinder-Boa, 1 Eiszeichen, 1 Messer, 1 Brille.

Gießen, am 30. Januar 1886. Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fr e senius.

Bekanntmachung.

Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Großh Ministerium des Innern und der Justiz dem Stadtvorstande zu Lauterbach die Erlaubniß ertheilt hat, mit dem am 20. Mai l. I. daselbst abzuhaltenden Prämien - Viehmarkte eine Verloosung von Vieh, landwirthschaftlichen und Hauö- Geräthen zu veranstalten Höchstens 8000 Loose ä 60 Pf. dürfen abgegeben werden und mindestens 65% des Bruttoerlöses aus denselben sind zum An­käufen von Gewinngegenständen zu verwenden.

Der Verkauf der Loose in der Provinz Oberhessen ist gestattet worden.

Gießen, den 29. Januar 1886. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

und Landwehueute einzustellen. Die Kommission hat beschlossen, die verbündeten Re­gierungen baldmöglichsten Vorlegung eines Gesetzentwurfs, der diese Materie regeln soll,'aufzufordern

Die Abstimmung hierüber findet in der dritten Lesung statt.

Ueber die nächste Sitzung entspinnt sich eine lange Geschäftsordnungsdebatte, als deren Resultat die Festsetzung derselben für morgen 12 Uhr heroorgeht. (Antrag Ackermann und Genossen.)

Telegraphische Depeschen.

telegr. Eorrefpondenz - Burearr.

Berlin, 29. Januar. Abgeordnetenhaus. Fortsetzung der Berathung des An­trages Achenbach und Genossen. Nachdem Stablewsky als unbewiesen und un­beweisbar bezeichnet hatte, daß die Polen gewaltsam die Grenzen Preußens verrücken wollten, aber auf die Hoffnung der Wiederherstellung des polnischen Reiches nicht ver­zichteten, erklärte Staatsminister v. Put tkame r, wenn preußische Polen die Wieder­herstellung des polnischen Reiches anstrebten, so heiße das Abtrennung preußischer Landestheile von dem Königreich Preußen; dies sei ein landesoerrätherisches Unter­nehmen. Man wolle weder der Sprache noch der Religion der Polen zu nahe treten, wolle vielmehr lediglich eine gefährliche Agitation beseitigen, sich gegen die enormen Fortschritte der Polonisiruvg in Posen, Oberschlesien und Ostpreußen wahren. Fürst Bismarck widerlegte die gestrigen Ausführungen Windthorst's und betont namentlich, daß die Herstellung eines polnischen Reiches auf gesetzlichem Wege unmög­lich ist. Der Abg. Richter solle gestern im Reichstage gesagt haben, der Kanzler drohe einen Staatsstreich an, wenn der Reichstag das Branntweinmonopol ablehne. Wenn das gesagt worden, so sei es eine Unwahrheit. Wenn der Reichstag das Monopol ablehne, werde die Regierung die Branntweinsteuer durch die Landesgesetzgebung ein­träglich zu machen haben; bezüglich des Monopols denke er nicht einwal an eine Auf­lösung des Reichstags. Der Präsident des Hauses verlas sodann den soeben einge­gangenen Antrag der deutsch-freisinnigen Partei, der die sorgfältigste Prüfung aller die Pflege und Erhaltung der deutschen Bevölkerung an den Ostgrenzen betreffenden Vorlagen verlangt. Hierauf wurde die weitere Debatte auf morgen vertagt.

Berlin, 29. Januar. Der Subicriptionsball im Opernhause verlief glanzend. Demselben wohnten der Kaiser, die Kaiserin, der Kronprinz, die Kronprinzessin, Prinz und Prinzessin Wilhelm, die Prinzen Heinrich und Albrecht, der Erbprinz und die Erbprinzessin von Meiningen bei. Der Hof machte einen zweimaligen Rundgang durch den Saal, wobei der Kaiser die Kronprinzessin, der Kronprinz die Prinzessin Wilhelm führte. Die Kaiserin blieb während des Rundganges in ihrer Loge. Der Kaiser war äußerst frisch und munter und zeichnete viele Anwesende durch seine Begrüß­ung aus. Rach dem Rundgang suchte er die in den Logen sitzenden Botschafterinnen und andere distinguirte Damen auf und pflog mit denselben eine lebhafte Kon­versation. , . r , . «X

Breslau, 29. Januar. Die hiesige Universität überreichte heute unter Be- tbeiligung sämmtlicher Facultäten dem Senior des Professoren-Collegiums, Geheimen Negierungsrath Dr. Elvenich, anläßlich dessen 90. Geburtstages eine Adresse.

Breslau, 29. Januar. In dem Diätenproceß gegen Kräcker beschloß das Oberlandesgericht Beweiserhebung durch Vernehmung mehrerer Zeugen.

Paris, 29. Januar. Die Abendblätter melden die Ernennung des General- Eonsuls Dillon in Tientsin zum Residenten in Huö und des Fregatten - Capitans Pauli» V^ zu^Residenten ^^Abendblätter melden die Annahme des Demissions- aesuchs des Eabinets Salisbury durch die Königin. Bis Nachmittags 3 Uhr war rn- deß die Berufung Gladstone's zur Königin noch nicht erfolgt.

London, 29. Januar. Lord Salisbury kehrt heute nach London äuruck und gleichzeitig dürfte derjenige Staatsmann nach OSborne berufen werden we cher em neues Cabinet bilden soll. DerTimes" zufolge kann diesGladstone sem -die Berufung Salisbury's nach Osborne scheine anzudeuten, daß die Demission nicht ohne einro' Journal d- St P-t-rsbourg" sagt anläßlich

der Mittheilungen v»n Wiener und Berliner Zeitungen über angeb,ch ,n ^tmäburg stattgehabtc Verhaftungen, es sei kein Komplott entdeckt, weder R-volper noch Bomben seien saisirt worden und die geheime Druckerei sei ein Product der Phantastc der Correspondenten, also auch die nusrührer,scheu ProklamatiAicn, welche daraus herior- gegangen wären.

Reichstag.

E. R. Berlin, 28. Januar 1886.

Das Haus war heute wegen der Polendebatte im preußischen Abgeordnetenhause sehr spärlich besucht.

Auf der Tagesordnung steht der Antrag Junggreen, die Gleichberechtigung der dänischen und der deutschen Sprache als Gerichtssprache in gewissen Districten des Herzogthums Schleswig betreffend.

Abg. Junggreen bezieht sich in ausführlicher Erörterung auf seine im vorigen Jahre und auch früher vorgeführten Motive; er erwartet von der Gerechtigkeit des Hauses, daß sein Antrag diesmal eine freundlichere Beachtung finden möge als früher.

Abg. Dr. Hartmann (cons.) erklärt sich für seine Partei bereit, für Nord­schleswig die nämlichen Concessionen zu gewähren, die in der Eommission für den polnischen Sprachantrag gemacht worden seien.

Abg. Guerber (Elsässer) weiß aus den im Elsaß gesammelten Erfahrungen, wie schwierig und unangenehm die Gerichtsverhandlungen seien, wenn die Parteien mit dem Richter sich nicht direct zu verständigen vermögen und bittet, den Antrag anzunehmen. . .

Abg. Francke (natlib.) ersucht, den Antrag abzulehnen; derselbe fei nicht dringend und entspreche keineswegs den wahren Interessen der Bevölkerung Nord- fchleswigs. ,.

Abg. Dr. v. Graeve (Pole) ergeht sich in längeren Erörterungen über die Zustände in seiner Heimath und beklagte sich darüber, daß den Polen die feierlich ver­sprochenen Garantien nicht gehalten worden seien, seine Partei werde für den Antrag stimmen.

Abg. Richter (zur Geschäftsordnung): Da der Herr Reichskanzler soeben im Abgeordnelenhause ziemlich deutlich mit einem Staatsstreich gegen den Reichstag gedroht hat, sofern derselbe Obstructionspolitik treibt und das Branntweinmonopol ablehnen würde, so beantrage ich im Hinblick auf die wichtige Verhandlung des anderen Hauses die Vertagung der Sitzung. (Bewegung.)

Nachdem der Präsident die Unterstühungsfrage der Vertagung gestellt, zeigt Abg. Richter, um den geringen Besuch des Hauses zu conftatiren, die Beschlußunfähigkeit desselben an. .

Der Namensaufruf ergiebt darauf die Anwesenheit von nur 179 Mitgliedern, die Verhandlung mußte daher abgebrochen werden.

Berlin, 29. Januar.

Die erste Berathung über den Antrag Junggreen betreffend die Gleichbe­rechtigung der dänischen und der deutschen Sprache wird fortgesetzt.

Abg. v. Helldorf Uso-' protestirt gegen die gestrigen heftigen Ausfälle des Abg. v. Graeve bezüglich der Behandlung der Polen durch die preußische Regierung.

Abg. v. Graeve (Pole) erwidert, lediglich seiner Pflicht entsprochen zu haben.

Die Debatte wird geschlossen, auf Wunsch des Antragstellers wird die zweite Berathung im Plenum stattfinden. c ar, , .

Zur Geschäftsordnung bemerkt Abg. v. »Helldorf: Der Abg. Richter hat gestern, von dem Rechte der Geschäftsordnung Gebrauch machend, die Auszahlung des Hauses herbeigesührt; er müsse dagegen protestiren, daß ohne Grund die schwierige Geschäftslage, in der das Haus sich befinde, noch verstärkt werde.

Abg. Dr. Baumbach konstatirt, daß Herr v. Helldorf den Abg. Richter ange­griffen habe, wo dieser verhindert sei, hier im Hause anwesend zu sein. Sicher werde Herr Richter zu passender Zeit die Antwort geben.

Abg. Dr. Bamberger. Der Abg. Richter hat lediglich von dem Rechte der Geschäftsordnung Gebrauch gemacht und Herr v. Helldorf ist zu keiner Kritik in dieser Hinsicht berechtigt. Wer sich für unsere Geschäfte interessirt, weiß, daß es uns bald an Beschäftigung sür's Plenum fehlen wird und daß in den nächsten Wochen an einigen Tagen die Sitzungen sicherlich ausfallen werden. Es ist also eine ganz unbegründete Behauptung, daß die gestrige Vertagung eine vermehrte Geschäftsbelastung herbeige­führt habe^. Berathung des Etats wird fortgesetzt.

Das Kapitel des Etats der Reichsjustiz-Verwaltung, der Reichsschuld und des Reichsschatzamts, welche der Budget-Kommission überwiesen waren, werden nach dem Anträge derselben debattelos bewilligt. . , ,

Beim Etat des Reichsheeres hatte die socialdemokratische Fraktion beantragt, 2 150 000 X zur Unterstützung der Familien der zu Uebungen einberufenen Reservisten