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Samstag den 30. October

1886.

Nr. 2SS

Erscheint täglich mit Ausnahme de« MoniagS.

Bureau r Schulstraße?.

Erzherzog Karl Ludwig, Bruder des österreichischen Kaisers, feierte am Dienstag sein 25jährigeS Jubiläum als Chef des ostpreußischen Ulanen* Regiments Nr. 8, aus welchem Anlasse der Erzherzog am Dienstag eine Depu­tation des genannten Regiments empfing.

Die Nachricht von dem Ableben des früheren sächsischen Mini­sterpräsidenten und nachmaligen österreichischen Reichskanzlers, des Grafen Beust, frischt nochmals die Erinnerung an diesen Staatsmann auf, nachdem derselbe schon feit einer Reihe von Jahren vom politischen Schauplatze abge» treten war. Mit dem Grasen Beust ist ein Diplomat noch aus der alten Schule, die es als ihre Hauptausgabe betrachtete, mit allerhand Jntriguen und politischen Hausmittelchen zu arbeiten, heimgegangen und in dieser Kunst war Graf Beust unbestritten Meister. Dieses Jntriguenspiel tritt namentlich in seiner fast 17jährigen Thätigkeit als leitender Minister Sachsens hervor, deren Grundzug der Hoß gegen Preußen und das Bestreben bildete, durch eine Ver­einigung der deutschen Mittelstaaten ein Gegengewicht zu dem Einfluffe Preußens, aber auch Oesterreichs herzustellen, die sog. Trias-Joee. Nach dem Kriege von 1866 trat bekanntlich Beust in österreichische Dienste, wo er den für die öster­reichischen Verhältnisse eigenartigen Posten eines Reichskanzlers bekleidete, der ihn in mehrfache Conflicte mit seinen Wiener Minister-Collegen brachte. Trotz­dem gelang ihm das größte Werk seiner staatsmännischen Thätigkeit, die Ein- sührung des Dualismus im habsburgischen Kaiserstaate und hiermit zusammen­hängend der Ausgleich zwischen Oesterreich und Ungarn; nach Außen hin erscheinen die Beseitigung des Concordats mit Rom und die Ausgabe der tra­ditionellen Politik Oesterreichs als Anwalts der Pforte als bemerkenswerthe pofitive Leistung der ministeriellen Thätigkeit Beust's. Noch vor Ausbruch des deutsch-französtschen Krieges von 1870 arbeitete Graf Beust eifrig daran, die deutschen Südstaaten zum Lossagen von den geheimen Verträgen mit Preußen zu bewegen, wie er denn überhaupt fortgesetzt gegen Preußen intriguirte. Diese Haltung behielt Graf Beust auch bei, als er im November 1871, wohl haupt­sächlich wegen der vielen inneren Conflicte, zu denen sein Regiment als Reichs- ka^ler geführt hatte, dieser Stellung plötzlich enthoben wurde und als Bot­schafter Oesterreichs zuerst nach London, dann nach Paris ging; sein stetes Jntriguiren gegen das deutsch - österreichische Bündniß führte schließlich zu seiner Pensionirung. Seitdem es geschah dies im Mai 1882 lebte Gras Beust auf seinem Gute Altenberg bei Wien, wo er am Sonntag im Alter von 77 Jahren einem Schlagflusse erlegen ist.

DiePolemik zwischen derLondoner und Pariser osficiösen Presse über die egyptische Frage nimmt ihren ungestörten Fortgang. Gegen­über den jüngsten Ausfällen Der Pariser Blätter spricht jetzt dieTimes" den Franzosen kurzer Hand jedes Recht ab, sich in die egyptischen Angelegenheiten zu mischen und hofft, gegebenen Falles werde Lord Jddesleigh dem Vertreter Frankreichs erklären, wann England den Zeitpunkt bestimmen werde, zu dem es seine Ausgabe in Egypten als gelöst erachte. Da bis jetzt nichts bekannt geworden ist, daß der französische Botschafter, Herr Waddington, vom Londoner Cabinet bestimmte Erklärungen über die Zeitdauer der englischen Occupation Egyptens verlangt hat, so entbehrt die ganze Preßfehde zwffchen London und Paris noch einer sicheren Unterlage.

Die diplomatischen Beziehungen zwischen Bulgarien und Ser­bien sind nunmehr durch die Entsendung des Dr. Stransky, als Vertreters Bulgariens bei der serbischen Regierung, in aller Form wieder ausgenommen woroen. In der gegenwärtig in Risch tagenden serbischen Skupschtina wurd die Mitthellung des Minister-Präsidenten von der Wiederherstellung der freund­schaftlichen Beziehungen zu Serbien mit lautem Beifall ausgenommen.

Drei- vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringei

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 60

Politische Ueberskcht.

Gießen, 29. October.

Kaiser Wilhelm ist am Dienstag Nachmittag im besten Wohlsein von seinem Jagdausfluge nach Blankenburg am Harz wieder nach Berlin zurück« gekehrt. Da dieser erste Ausflug der begonnenen Jagdzeit dem greisen Monarchen trotz der rauhen Witterung so vortrefflich bekommen ist, so steht zu hoffen, daß er auch den am nächsten Samstag in der Schorfhaide stattfindenden Hofjagden wird beiwohnen können. Als ein erfreulicher Beweis für die Rüstigkeit des Kaisers ist es zu betrachten, daß der hohe Herr am Sonntag Abend in Blan- renburg nach der Theater-Vorstellung mit dem Prinzen Heinrich, seinem Enkel, und dem Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt noch eine ganze Weile Billard spielte; der Prinz-Regent Albrecht hatte hierbei das Markiren übernommen.

General-Feldmarschall Gras Moltke vollendete am vergangnen Dienstag sein 8 6. Lebensjahr in erfreulichster geistiger Frische und körper­licher Rüstigkeit. Wie immer, so hatte es der Chef unseres Heereswesens auch diesmal vorgezogen, seinen Geburtstag in der ländlichen Abgeschlossenheit seines Gutes R reif au in Schlesien zu feiern.

Die Antritts-Audienz des neuen französischen Botschaf­ters beim Kaiser beherrscht noch immer die diplomatischen und politischen Kreise der Reichshauptstadt. Die Ansprache des Herrn Herbette, in welcher derselbe auf die vielen, Deutschland und Frankreich gemeinsamen, Jntereffen hinwieS, soll auf den kaiserlichen Herrn einen äußerst günstigen Eindruck gemacht haben, der ja auch schon aus der besonders warmen und herzlichen Weise erhellt, in welcher das Reichsoberhaupt die Ansprache des neuen Vertreters der französi­schen Republik beantwortete. Allseitig ist man daher in der Berliner politischen Welt darüber einig, daß dem Empfange des Herrn Herbette eine besondere Be­deutung innewohne, die namentlich aus der Aeußerung des Botschafters hervor- klingt, es sei ihm die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich als erreichenswerthes Ziel fest vorgezeichnet. Es darf angenommen werden, daß Herr Herbette die Meinung der leitenden Pariser Kreise wiedergegeben hat und somit nimmt die Sendung desselben unter den günstigsten Auspicien ihren Anfang; hoffentlich wird auch ihr Fortgang den zwischen dem Kaiser und dem Vertreter Frankreichs gewechselten Reden entsprechen.

Ueber die Aufgaben der herannahenden Reichstags- Session verlautet außer dem Wenigen, was hierüber schon bekannt geworden ist, noch immer nichts Weiteres, so daß die Tagespreffe einstweilen mit der Er­örterung anderer schwebender Fragen ihre Spalten ausfüllen muß. Hierbei nehmen fortgesetzt allerlei parteipolitische Betrachtungen die erste Stelle mit ein und namentlich die schon so oft erörterte Frage des Zusammenschlusses aller ge- mäßigten und wirklich national gesinnten Elemente wird gegenwärtig wieder eifrig besprochen. DieConservative Correspondenz", das osficielle Organ der conservativen Partei, ist neuerdings mit dem Vorschlag aus den Plan getreten, daß sich die conservativen und nationalliberalen Parteileitungen jedesmal bei Beginn eines neuen Abschnittes der parlamentarischen Thätigkeit mit der Regie­rung wie unter einander verständigen möchten, über welche Punkte des jeweiligen parlamentarischen Arbeitsprogrammes eine Vereinbarung zwischen den genannten Faktoren zu erzielen wäre. Als solche Punkte, die zunächst in Betracht kämen, bezeichnet dieSonf. Corresp." die Sicherstellung unseres Heereswesens, die Her­beiführung eines festen Zusammenschlusses gegenüber der Socialdemokratie, als Vorbedingung die Inangriffnahme eines weiteren Stückes positiver Social- Reform genannt wird, und Steuerfragen, fpeciell die Regelung der Branntwein­steuer-Frage. Das genannte Blatt fetzt hierbei voraus, daß die Regierung zu diesen Fragen in ganz bestimmter Weife Stellung nehme und hier liegt der eigentliche Kern der Sache verborgen, denn bislang hat ja die Regierung immer erklären lassen, daß sie sich nicht von den Parteien regieren taffen könne. Jeden­falls wird man zunächst die Aeußerungen der osficiösen Blätter über das hier c'nservativerseits vorgeschlagene mittelpartelliche Actionsprogramm abzuwarten haben. , _ , ,

In Dänemark vollzieht sich gegenwärtig em engerer Zusammenschluß der Oppositionsparteien. Die beiden Fraktionen der Linken des Folkething (Abgeordnetenhauses) haben sich über die Bildung einer Gesammtpartei unter dem officiellen Titel:Linke des Reichstages" geeinigt und erwartet man auch den Beitritt der Linken des Landsthing. Diese Verschmelzung der radikalen Elemente der dänischen Volksvertretung dürste den Kampf zwischen dem Radika­lismus und der Regierung in Dänemark nur verschärfen.

In Oesterreich ist die Frage, an welchem Orte die Delegationen zusammentreten werden, nachgerade zu einer brennenden geworden. Diesmal wäre die ungarische Hauptstaot an der Reihe, aber die österreichischen Delega­tionen wünschen, daß wegen der daselbst herrschenden Cholera-Epidemie vom Zusammentr'tte der Vertreter der beiderseitigen Parlamente in Buda-Pesth ab­gesehen werden und dafür die Einberufung derselben nach Wien erfolgen möge. In den ungarischen Regierungskreisen will man aber nichts von dieser Verlegung wissen, wobei man sich u. A. darauf beruft, daß die gemeinsamen Delegationen 1873 in Wien versammelt gewesen seien, obwohl damals die Cholera in Wien nicht unbedenklich geherrscht habe. In Folge deffen ist die Entscheidung in dieser mit der Cholera fo seltsam verquickten Angelegenheit an den Kaiser gelangt; über dessen Meinung verlautet allerdings noch nichts Näheres, aber der Um­stand daß der kafferliche Hof am Donnerstag nach Ofen, resp. Gödöllö überge­siedelt ist, trotz der Cholera, beutet daraus hin, daß der Zusammentritt der Delegationen doch wohl in Pesth erfolgen wird.

Telegraphische Depeschen.

Wolffs telegr. Correspondenz-Brrreair*

Berlin, 28. October. Se. Majestät der Kaiser empfing Nachmittags V/t Uhr den Vorstand der internationalen Erdmesstmgs-Conferenz, welchen der Cultusminifter vorstellte, und machte später eine Spazierfahrt. Morgen beabsichtigt der Kaiser nach Lmbertusstock zur Jagd zu reifen.

3 Wien, 28. October. DiePresse" meldet: Die griechische Regierung richtete eine Note an die österreichische, worin sie erklärt, sie könne mit Rücksicht der Finanz­lage Zollermäßigungen nicht gewähren, lehne daher den Tarifvertrag und die Vorschläge zur Meistbegünstigung ab.

Paris, 28. October. Nach weiterest Nachrichten ist das ganze Gebiet der Durance überschwemmt. Das Negenwetter dauert fort. Die Umgegend von Tarascon und Arles ist ebenfalls überschwemmt. Die Lage in Avignon ist eine bedrohliche. Die Truppen unterstützen die Einwohner beim Schutze der Dämme.

London, '28. October. Der Ches der City-Polizei, Fraser, richtete an den Secretär der socialdemokratischen Vereinigung ein Schreiben, worin derselben angezeigt wird, daß mit Ausnahme der Lordmayor - Procession keinem Zuge gestattet wird, am 9. November die Straßen der City zu passiren. Die socialdemokrattsche Verewigung soll beabsichtigen, in ihrem Antwortschreiben an Fraser nach den rechtlichen Gründen zu fragen, weßhalb er die von ihr beabsichtigte Kundgebung untcrsagt.

Petersburg, 28. October. DasJournal de St. Petersburg" steht darin, daß die bulgarischen Machthaber doch zögern, die Nationalversammlung zusammentreten zu lassen, sowie in der Zahl der Deputaten, welche sich nach Tirnowa begeben haben, die Anzeichen einer gewissen, wenn auch geringen Nachgiebigkeit und zugleich ein Symptom für den durchaus anormalen Zustand der Dinge in Bulgarien. Dieser Zustand werde noch verschlimmert durch die geringe Sorgfalt der Behörden, dem Völkerrechte Achtung zu verschaffen. Dies sei auch der Grund, welcher die kaiserliche Negierung bestimmt habe, zwei Kriegsschiffe nach Varna zu entsenden.

Nisch, 28. October. Der König empfing gestern Mittag den diplomatischen. Agenten Bulgariens, Dr. Stransky, in feierlicher Audienz.

reyener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.