Ausgabe 
29.8.1886 Zweites Blatt
 
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Nr. 200, Zweites Blatt Sonntag den 29. August 188tz.

ich en er Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

StttMIt: Schvlstraße 7. Erscheint ttglich mit »«Sncchme deS Montags. JE vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brin-erlobn.

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Woche« - Ueberficht.

Gieße«, 28.' August.

Alle Welt steht noch unter dem Eindrücke der sich überstürzen­den allarmirenden Nachrichten aus Bulgarien und müffen wir deshalb in der Wochen« Chronik den Begebenheiten auf innerpolitischem Gebiete diesmal einen kleineren Raum zumeffen, was allerdings um so leichter ist, als in dieser Be­ziehung nur wenig von Belang vorliegt. Zunächst ist vom kaiserlichen Hofe zu melden, daß sich Kaiser Wilhelm des besten Wohlbefindens erfreut und erweist sich allem Anscheine nach der ländliche Aufenthalt auf Schloß Babelsberg als vortrefflich geeignet, die Wirkungen der Badekuren von Ems und Gastein für den greisen Monarchen zu verlängern. Der Kaiser hat durch seine körperliche und geistige Frische auch in der jüngsten Zeit die Bewunderung seiner Umgebung und der zahlreichen Gäste des kaiserlichen Hoflagers erregt und der Umstand, daß der hohe Herr in den letzten Tagen den Uebungen des Garde-Corps tro( der ungewöhnlich heißen Witterung regelmäßig mehrere Stunden beiwohnte, zeugt wohl am besten für die Rüstigkeit des Monarchen. Am Donnerstag be­grüßte Kaiser Wilhelm einen erlauchten Gast an seinem Hoflager, den König Lutz (Ludwig) von Portugal, welcher auf seiner Rundreise durch Europa an dem genannten Tage in der deutschen Reichshauptstadt eingetroffen ist und meh­rere Tage am kaiserlichen Hofe zu wellen gedenkt.

Kaiser Wilhelm hat dem von seinem Berliner Posten scheidenden französischen Botschafter, Baron de Courcel, den Schwarzen Aoler-Orden verliehen eine Auszeichnung, die seither nur wenigen Vertretern der fremden Mächte am Berliner Hose zu Theil geworden ist.

Der Reichskanzler Fürst Bismarck hat Anfang» dieser Woche seine vom besten Erfolge gekrönte Gasteiner Nachkur beendigt und in Begleitung seiner Gemahlin am Dienstag die Rückreise angetreten. Am Abend des ge­nannten Tages traf das sürstltchs Paar in Salzburg ein und übernachtete im Hötel de l'Europe; am nächsten Tage setzte der Reichskanzler die Reise über München-Regensburg nach Franzensbad fort, wo eine Zusammenkunft zwischen dem Fürsten Bismarck und dem russischen Ministerpräsidenten Herrn v. Giers stattgefunden hat; bemerkenswerth erscheint dabei, daß am Mittwoch der russische Botschafter in London, Staat, und der russische Geschäftsträger in Wien, Kan- takuzenos, in Franzensbad eingetroffen sind und jedenfalls an den Besprechungen Theil genommen haben.

Die Reichstagr-Nachwahlen in Lauenburg und Bromberg machen die Vornahme von Stichwahlen nothmendig. In Lauenburg findet die­selbe zwischen dem freisinnigen Candidaten, Berling, und dem sreiconservativen Candidaten, Grafen Bernstorff, in Bromberg zwischen dem conservativen Can­didaten Hempel und dem Candidaten der Polen, v. Komierowski, statt. In ersterem Falle gilt die Wahl des sreisinnigen, in letzterem diejenige des conser­vativen Candidaten als gewiß.

In der altehrwürdigen Kathedrale von Metz fand am Mitt­woch die feierliche Beisetzung der Leiche des Bischofs Dupont des Loge« statt. Dem Trauergottesdienste wohnten u. A. der Großherzog von Baden, der Statt­halter Fürst Hohenlohe, der Staatsminister v. Hofmann, sowie zehn auswärtige Erzbischöfe und Bischöfe bei.

DieNordd. Allg. Zeitung" äußert sich jetzt in einem anscheinend hochosficiösen Artikel über die Ablehnung der Einladung des Pesther Magistrats au das Münchener Gemeinderaths-Collegium und den Berliner Magistrat betreffs Thellnahme an der Ofener Jubelfeier. Das Blatt schreibt: Die höfliche Berliner wie die unhöfliche Münchener Art der Ablehnung zeuge von gleichem Mangel an politischem Tact. Sie, dieNordd. Allg. Zeitung", verstehe es gern, daß das Gefühl der Deutschen durch die Behandlung der Brüder in Sie­benbürgen Seitens der Ungarn verletzt sei, aber unsere Beziehungen zu Ungarn seien derart, daß wir bester thun würden, uns der Punkte zu erinnern, die uns mit Ungarn vereinen, als derer, die uns von ihm trennen. Bei den ausge­zeichneten osficiellen Beziehungen zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn erscheint diese Stellungnahme des Berliner Regierungs-Organs nur selbstver­ständlich ; indessen, das deutsche Volk hat der Auffassung des Berliner Magistrats, wie des Münchener Gemeinderaths-Collegiums in der vorliegenden Frage längst recht gegeben und kümmert sich herzlich wenig um die mehr oder minder höf­liche Form, in welcher die Ablehnung erfolgt ist.

Die Thronentsetzung des Fürsten Alexander von Bul­garien und die sich hieran knüpfenden Vorgänge beherrschten in dieser Woche die öffentliche Meinung Europas vollständig und das Interesse an den bul­garischen Ereignissen , steigert sich um so mehr, als inzwischen in Sofia ein vollständiger Sceneriewechsel eingetreten ist. Die provisorische Regierung mit dem Metropoliten Clement an der Spitze ist gestürzt und sind ihre Mit­glieder verhaftet worden. An ihrer Stelle hat einstweilen wiederum das bis­herige Ministerium Karaweloff die Zügel der Regierung ergriffen und aus allen Theilen Bulgariens und Ostrumeliens laufen Berichte über lebhafte Sympathiekundgebungen der Bevölkerung wie des Militärs für den abgesetzten Herrscher ein, namentlich in Ostrumelien ist die Stimmung entschieden für Fürst Alexander und sind alle Regimenter von Begeisterung erfüllt. In Tir- nowa, der alten Krönungsstadt der bulgarischen Herrscher, hat sich bereits eine neue provisorische Regierung mit dem Kammerpräsidenten Stambulow als Ches geblldet. Von letzterem ist eine Proklamation erlassen worden, welche erklärt, daß Stambulow einstwellen die Regierung übernehme und Oberst

Mutkuroff , den Commandanten der ostrumelischen Milizen, zum General- Commandirenden mit unbeschränkten Vollmachten ernannt habe. Im Uebrigen fordert die Proklamation zum unverbrüchlichen Festhalten am Fürsten Alexander auf. Es ist nun die Frage, ob sich das Ministerium Karaweloff Herrn Stambulow unterordnen wird; wenn dies nicht geschieht, so ist natürlich die Zwietracht in der neuen provisorischen Regierung Bulgariens fertig. Jeden­falls ist die Lage im Fürstenthum trotz der sich zu Gunsten des Fürsten Alexander geltend machenden Reaction eine sehr schwankende, zumal da e& noch nicht gewiß ist, ob Fürst Alexander, der am Freitag in Lemberg angelangtist, vorläufig nach Bulgarien zurückzukehren gedenke. Wie sich nun die Mächte und besonders Rußland zu der bulga­rischen Gegenrevolution stellen werden, ist noch durchaus in de» Schleier der Ungewißheit gehüllt. Zwar plaidiren einige russische Blätter für eine Intervention Rußlands in Bulgarien, aber leitenden Orts in Petersburg wird man sich hüten, diesem Verlangen sofort zu entsprechen^ allerdings ist auch die LondonerMorningpost" der Meinung, daß die Mächte .bald zwischen einer russischen und einer türkischen Intervention zu wählen haben würden. In der Thal trifft die Türkei schon allerhand militärische Vorbereitungen, um auf alle Fälle nicht überrascht zu werden. Weitergehende Entschließungen in der bulgarischen Angelegenheit wird aber die Pforte, ehe sie.nicht Kenntniß von den Anschauungen der Mächte erlangt hat, nicht fassen und sie thut sehr wohl daran, sich in den bulgarisch - rumelischen Nesseln nicht die Finger zu verbrennen. Was schließlich die bereits aufgetauchten Can- didaturen für den bulgarischen Thron anbelangt, so dürste es sich empfehlen, den betreffenden Gerüchten bis auf Weiteres keinen sonderlichen Werth bei» zumeffen. Die weiteren über die Ereignisse in Bulgarien eingelaufenen Meldungen sind zum Theil geeignet, die Situation nur noch verworrener er­scheinen zu lassen. Offenbar ist zum Mindesten die Hälfte von dem, was jetzt täglich über die Vorgänge in Sofia depeschirt wird, ungenau oder einfach nicht den thatsächlichen Verhältnissen entsprechend und darf man wirklich begierig fein, wie sich dieses seltsame Chaos von einander direct widersprechenden Nach^ richten losen wird.

Die übrigen politischen Nachrichten auf auswärttgem Gebiete müffen in dieser Woche den Meldungen aus Bulgarien natürlich den Vorrang lassen; auch gibt es in der sonst nicht viel Neues zu berichten. Aus Frankreich dürfte höchstens die Nachricht interessiren, daß Kriegsminister Boulanger in der Budget - Commission einen Credit von 3 Millionen Francs zu verlangen gedenkt, um für jedes Armeecorps das vollständige Material für Luftschifffahrt zu beschaffen. General Boulanger scheint wirklich das Zeug zu einem militärischen Reformator in sich zu fühlen. Das Befinden des Präsidenten Grevy wird von derAgence Havas", entgegen beunruhigenden Gerüchten, als durchaus befriedigend geschfldert.

Die Beziehungen zwischen Rußland und China drohen sich in Folge der Besetzung von Port Lazareff durch die Russen zu verwickeln. Wenig­stens meldet dasReuter'sche Bureau" aus Tientsin, daß der Tsung-li- Damen, das chinesische auswärtige Amt, beschlossen habe, eine Expedition nach Korea zu entsenden, da die dortigen chinesischen Interessen durch das Vorgehen der Russen in Port Lazareff verletzt würden. DieseReuter"-Meldung bedarf freilich noch sehr der Bestätigung.

Universität- - Chronik.

lEine Ehrenpflicht der deutschen akademischen Jugend.^ Seit gerade zehn Jahren ist derAllgemeine deutsche Schulverein zur Erhaltung des Deutschthums im Auslande" bemüht, Mittel zur Unterstützung deutscher Schulen im Auslande auf­zubringen und so werkthätig an der großen Aufgabe, den heutigen Macht- und Geltungsbereich deutscher Sprache und Eultur zu vertheidigen, theilzunehmen. In 230 deutschen Städten arbeiten die Ortsgruppen des Schulvereins, der heute über 20,000 Mitglieder zählt; doch bedeutet dieser Erfolg gegenüber der Größe der gestellten Aufgabe nur einen Anfang. Zwei Fünftel aller Deutschen auf Erden leben im Aus­lande und mindestens die Hälfte von ihnen steht im Kampfe um's nationale Dasein. Soll und darf das Mutterland Deutschlanb sich ihnen gegenüber kühl und teilnahms­los verhalten und sie willenlos preisgeben? Wenn irgend wer, hat vor Allem die studirende Jugend Deutschlands die Ehrenpflicht, das umfassende nationale Unter­nehmen des deutschen Schulvereins durch Beitritt und Propaganda für die Sache zu fördern. In Amerika gründeten wackere deutsche Männer erst kürzlich einen deutschen Eulturverein, weil sie aus der Ferne die Gefahr erkannten, die dem gesammten deutschen Volksthum durch das Vordringen slavischer Massen, durch die Leidenschaftlichkeit von Romanen, Magyaren und anderen Völkerschaften drohen. Sollte an den Brenn­punkten des deutschen Geisteslebens, an den deutschen Hochschulen eine geringere Opfer- willtgkeit, eine schwächlichere nationale Gesinnung gefunden werden? Die deutsche Studentenschaft hielt stets den nationalen deutschen Gedanken hoch, sie that es zu einer Zeit, da es noch gefährlich war, ihn zu bekennen; sie wird ihn darum nicht geringer achten, weil sie ihn heute mit Stolz hochhalten kann. Höchst erfreulich ist, daß an. unseren Hochschulen sich neuerdings eine lebhafte Bewegung zu Gunsten des Anschlusses an den deutschen Schulverein geltend macht; es gibt akademische Ortsgruppen zu Leipzig, Jena, Kiel, Straßburg, eine Reihe von studenttschen Vereinen in Halle, Bres­lau, Tübingen schloß sich dem Schulveretn an; neuerdings hat sich in Berlin eine akademische Ortsgruppe gebildet, die nach kurzer Zeit auf über 300 Mitglieder stieg - vor 14 Tagen etwa entstand die akademische Ortsgruppe Greifswald mit 150 Mit­gliedern. In Bonn, Erlangen, Gießen und Königsberg sollen in kurzer Zeit neue Ortsgruppen erstehen. Um aber den Bestand und das Erblühen dieser Ortsgruppen zu sichern, gilt es, einenKartellverband der dem deutschen Schulverein angehörigen akademischen Vereinigungen" zu schaffen. Die Herren Studenten sind aber ein flüssiges Element; wer heute ein ruhiger Arbeiter für die Interessen des Vereins war, über­siedelt im nächsten Semester vielleicht schon nach einer anderen Universitätsstadt unb