Nr. 178
Donnerstag den 29. Juli
1886
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
'Weiteres
DrsiS »isrteljkhrNch Durch tts Arst
Erscheint tch-söch *r6t SS«v»ch»« M M-ntchgO.
Betreffend: Das Feldstrafgesetz und die Instruction für die Feldschützen.
Gr eß en, am 26. Juli 1886.
Gießen, am 28. Juli 1886.
5437
hauend
idi-11
Art 9tl'
Nr 1(U
>el.
ilter
* 5100 l;501X
rd-
■still
5398-
clkitungs-
Gange sein. Dagegen dürften die dortigen Centrumswähler für den polnischen Candtdaten stimmen; wenigstens bringt die „Germania" eine Auslassung, in welcher eine Verständigung zwischen den deutschen und den polnischen Katholiken des Wahlkreises als im Zuge befindlich verkündigt und Herr Hobrecht als „Culturkämpfer" und Polenfeind hingestellt wird.
Unter den bevorstehenden Personal-Veränderungen im diplomatischen auswärtigen Dienste des deutschen Reiches wird vielfach auch die angebliche Neubesetzung des Pariser Botschafterpostens genannt. Der gegenwärtige Inhaber desselben, Graf Münster, soll den entschiedenen Wunsch geäußert haben, den Londoner Botschasterposten wieder übernehmen zu dürfen, andernfalls hätte er seinen Rücktritt in Ausficht gestellt. Bis jetzt liegt jedoch keine Bestätigung dieser Nachricht vor und dürfte letztere um so mehr zu bezweifeln sein, als doch offenbar diejenigen Gründe, welche für Uebernahme des Pariser Postens durch den Grafen Münster maßgebend waren, noch sortwirken.
In Italien beschäftigt die öffentliche Meinung die Doppelwahl des Galeeren'Sträflings Cipriani in Ravenna und Forli zur Deputirtenkammer noch immer. Mit Recht bezeichnet die gemäßigte Presse diese Verirrung der Wähler von Ravenna und Forli als ein erschreckendes Zeichen der Entfittlichung und diese Anschauung kann durch die Art und Weise, in welcher die radikalen Blätter die Wahl Cipriani'S feiern, nur verstärkt werden. Freilich wird der Cynismus der radikalen Presse durch das Gebühren der Wähler Cipriani'S nur unterstützt, denn diese haben durch die Vorsitzenden von 35 Wahlkollegien der Romagna ein Schreiben an den Minister des Innern gerichtet, in welchem in drohendem Tone die Anerkennung der Wahl Cipriani'S gefordert wird. Einem solchen Acte müßte die Begnadigung Cipriani'S vorhergehen, aber daß der König einen wegen gemeiner Verbrechen zur Galeere Verurtheilten begnadigen sollte, blos, damit derselbe seinen Sitz in der Deputirtenkammer einnehmen kann, ist undenkbar und die Begnadigung wird um so weniger erfolgen, als es in Forli wegen der Wahl Cipriani'S bereits zu ernsten Ruhestörungen Seitens der Rothen gekommen ist; ein Nachgeben der Regierung würde in diesem Falle als eine unverzeihliche Schwäche erscheinen. Jedenfalls beweist aber die Affaire Cipriani, wie nothwendig es für die italienische Regierung ist, in Zukunst ähnlichen Verirrungen des Volksbewußtseins durch scharfe Gesetzes-Bestimmungen vorzubeugen.
Rußland arbeitet mit bemerkenswerthem Eifer an der Vergrößerung seiner Kriegsflotte Eine Petersburger Depesche melvet, daß am Samstag in Gegenwart des kaiserlichen Paares der Stapellauf des Torpedo-Kreuzers „Lieutenant Iljin" und die Kiellegung zweier neuer Panzerschiffe stattgesunden habe. Offenbar ist Rußland entschlossen, auch seine Kriegsflotte in der Ostsee auf einen Achtung gebietenden Stand zu bringen, wie ihm dies mit seiner Schwarzen Meerflotille gelungen ist und so wird denn die russische Ostse.flotte vielleicht schon binnen wenigen Jahren ein ganz anderes Aussehen haben, als dies zur Zeit des Krimkrieges der Fall war.
Der Präsident des dänischen Folkethings, Berg, zugleich einer der Führer der radikalen Partei Dänemarks, ist am Samstag nach sechs- monatlicher Haft, die er wegen Majestätsbeleidigung verbüßte, aus dem Gefäng- niß entlassen worden. Die Radikalen wollten aus diesem Anlasse eine große Kundgebung für Berg veranstalten, die jedoch — wenigstens für die Hauptstadt
, _ Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz dem Vorstand der Gewerbehalle M Darmstadt die Erlaubniß zur Abhaltung einer Verloosung von Jndustriegegenständen im Monat December d. I. auf Grund des vorgelegten Verloosunas- Plans unter der Bedingung ertheilt hat, daß höchstens 15 OOO Loose a 1 ausgegeben und mindestens 65% des Bruttoerlöses hieraus zum Ankäufe -von Gewrnngegenständen verwendet werden.
Der Vertrieb der Loose im Großherzogthum ist gestattet worden.
Gießen, am 27. Juli 1886. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
. ______________________ Dr. Boekmann.
iooceri,
50 Pf
Heben. 1
Großherzogliche Staatsanwaltschaft. Zimmermann.
Politische Ueberficht.
„ „ . , Gießen, 28. Juli.
Nach dreitägigem Aufenthalte hat Graf Kalnoky Kissingen am Samstag Abend wieder verlassen und sich nach Wien zurückbegeben. Die Besprechungen, welche zwischen dem österreichischen Minister und dem Fürsten Bismarck in dem unterfränkischen Badeorte gepflogen worden sind, entziehen sich zwar der Kenntniß weiterer Kreise, aber sie lassen sich doch errathen und daß es sich da in erster Linie um die Erneuerung des Bündniß- und Freundschafts- Vertrages zwischen Deutschland und Oesterreich gehanoelt hat, erscheint als gewiß. Bekanntlich ist die deutsch-österreichische Allianz im Jahre 1884 aus Zwei Jahre verlängert worden, der Vertrag wäre demnach in diesem Jahre abgelaufen, doch umerliegt es — wie schon angedeutet — keinem Zweifel, daß er in, Kissingen soeben seine Verlängerung auf weitere zwei Jahre erfahren hat. Es ist schon verschiedentlich über diesen „Freundschafts-Vertrag auf Kündigung" gespöttelt worden; aber Kaiser Wilhelm selbst soll unter Hinweis aus sein hohes Alter gewünscht haben, daß der Vertrag mit Oesterreich immer nur aus diese verhältnißmäßig kurze Zett hinaus verlängert werde und daß letzterer durch seine sich immer wiederholende Erneuerung an innerer Kraft und Stärke nicht das Geringste einbüßt, dürste allseitig klar sein. Nicht ohne Bedeutung erscheint es, daß die Besprechungen zwischen dem Fürsten Bismarck und dem Grasen Kalnoky noch vor dem Eintreffen des Herrn v. Giers in Kissingen stattgefunden haben, man kann hieraus den Schluß ziehen, daß zwischen den Cabineten von Berlin und Wien eine Verständigung erzielt worden ist, ehe Fürst Bismarck durch Herrn v. Giers mit dem Petersburger Cabinet in Fühlung tritt. Als selbstverständlich ist es indessen zu betrachten, daß in biefer Verständigung keinerlei Mißtrauen Deutschlands und Oesterreichs gegen Rußland zum Ausdruck gelangt, vielmehr werden die Conferenzen auch zwischen dem Reichskanzler und dem russischen Staatsmanne nur dazu beitragen, das freund- schastliche Verhältniß des Czarenreiches zu den beiden mitteleuropäischen Kaiserreichen von Neuem in Hellem Lichte erscheinen zu lassen.
Die kaiserliche Cabinetsordre über die Beschränkung der Theil- nahme der Officiere an öffentlichen Rennen liegt jetzt in ihrem Wortlaute vor. Besonders bemerkenswerth find die Bestimmungen, wonach es den Officieren künftig verboten ist, mit Jokeys oder mit Herren, die nach dem 1. Juli 1886 in Deutschland mit Jokeys geritten haben, zu concurriren, Geldentschädigungen — gleichviel in welcher Form — anzunehmen, mit Buchmachern oder sonstigen nicht standesgemäßen Personen zu wetten u. s. w.
Unter den Nach- und Ersatzwahlen zum Reichstage, die sich in den nächsten Wochen nothwendig machen, beansprucht die im Wahlkreise Graudenz - Straßburg für den verstorbenen Abg. v. Lyrkowrky (Pole) stattfindende Ersatzwahl ein besonderes Interesse. Der Wahlkreis war bis-1884 immer In den Händen der Nationalliberalen; im genannten Jahre gelang es der polnischen Partei, den Wahlkreis zu erobern. Die Nationalliberalen machen nun jetzt den Versuch, den Wahlkreis zurückzugewinnen und haben sie als Candidaten Herrn Hobrecht aufgestellt. Der Sieg Hobrecht'S ist fast gewiß, wenn die Candidatur von dm freisinnigen Wählern des Kreises unterstützt wird und sollen erfreulicher Weise in dieser Beziehung auch Unterhandlungen zwischen den Nationalliberalen und den Deutsch-Freisinnigen in Graudenz - Straßburg im
Steckbrief.
Ju der Nacht vom 20 /21. l. M. sind aus hiesigem Provinzial-Arresthause entsprungen:
Wmann, Ferdinand, von Stumpertenrod, Maschineningenieur, 25 Jahre alt, 1,68 m groß, mit blonden Haaren und blondem Vollbart, und Muller, Hemrrch VI., von Weitershain, Baumgärtner, 28 Jahre alt, 1,67 m groß, mit blonden Haaren, bartlos.
Dieselben sollen sich in den Wäldern bei Weitershain aufhalten und wird gebeten, nach ihnen recherchiren und sie im Betretungsfalle verhaften und uns zuführen zu lassen.
vvrt-eikr wünscht Bietzen inlichkeit rten, wel- on
roßgen
rekt «■
t. Ebiffre Erved. d.
5400
-urek finden hohem Lohn- renneister- mg- Wenveg
t für DdhelNl- jnjJiBi*
zeigen.
Hrgemeistcrei ispange abge- fann dieselbe ijeralgebühren n.
^er 1. August Wt 32. blirt oder un- blolkstraße 2.
leiiL
«rthe von: zwei mal «• s. w, 10 Pf. -! beziehen in ger*, Schal-
5262
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
. Wir schärfen Ihnen pünktlichste Erledigung unserer Verfügung vom 30. Juni l. 3., betr. Dienstweisungen über die Anwendung des S 361 Nr 9 'des Strafgesetzbuchs (Anzeiger Nr. 151) bis spätestens zum 1. August l. I. ein.
___________ Dr. Boekmann.


