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Nr. 147.
Dienstag den 29. Juni
188«
ießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
VreiS vierteljährlich 2 Mark 2H Pf. mtt
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 D
®©m®t VHvlstraße 7.
Erscheint mH SWkchme krt MsntsKs.
Betreffend: Das Ober-Ersatz-Geschäft für 188«.
Bekanntmachung.
Das Ober-Ersatz-Geschäst für 1836 wird im Kreise Gießen
Samstag den 3. Juli im Nathhause zu Lich, Vormittags 9 Uhr,
Montag den 5. Juli in dem alten Rathhause zu Gießen, Vormittags 8 Uhr,
Dienstag den 6. Juli daselbst, Vormittags 8 Uhr,
b Mittwoch den 7. Juli im Gasthaus „Zum Rappen" zu Grüuberg, Vormittags 3 Uhr,
„ . . . M nach Maßgabe der besonders ergehenden Vorladungen an den genannten Tagen vor der Großherzoglichen Obec-Ersatz-Commission im
Bezirk der 49. Jnfantene-Brigade rn sammtlichen Aushebungsorten zu gestellen:
a. die für dauernd untauglich befundenen Militärpflichtigen # r , r r, x . f L
b. die zur Ersatz-Reserve II. Klasse in Vorschlag gebrachten Militärpflichtigen j 'oroeit hen'elben noch eine besondere Ladung zugeht;
e. die zur Ersatz-Reserve I. Klaffe in Vorschlag gebrachten Militärpflichtigen;
d. die von der Ersatz-Commission als tauglich und einstellungsfähig erkannten Mllitärpflichtigen, einschließlich derjenigen aus früheren Jahrgängen'
<?. die von den Truppenteilen zur Disposition der Ersatz-Behörden entlaßenen Soldaten;
t. die von den Truppenteilen abgewiesenen einjährig Freiwilligen.
Bürgermeistereien werden besondere Ladungen für die Militärpflichtigen k. H. zugehen, welche den Betreffenden unverzüglich .zuzustellen sind. Der Vollzug der Ladungen ist innerhalb 8 Tagen anzuzeigen. Die Militärpflichtigen sind außerdem anzuweisen, ihre Loosunasscheiue Wit zur Stelle zu bringen- ö
Die zur Beurtheilung von Reclamationen in Betracht kommenden Personen haben ebenfalls zu erscheinen.
,. SEe eine Ladung nicht vollzogen werden können, so ist der Grund hiervon berichtlich anzuzeigen und ist, wenn ein Militärpflichtiger von seinem bisherigen Wohnorte weggezogen ist, zugleich anzugeben, wohin derselbe verzogen ist.
Die Großherzoglichen Bürgermeister haben bei dem Ober-Ersatzgeschüfte selbst anwesend zu sein und sich darum zu bemühen, daß die Militärpflichtigen rechtzeitig zur Stelle sind. 7 ö
ließen, am 10. Juni 1886. Der Civil-Vorsitzende der Großherzoglichen Ersatz-Commission des Kreises Gießen.
________________ von Bechtold, Reqierunqsrath.
AeutschlanS.
Darmstadt, 26. Juni. Die erste Kammer der Stände erledigte heute in ifrrev- Schlußsitzung mir gewohnter Präcision eine ganze Reihe von Mittheilungen und Vorlagen der zweiten Kammer. Daraus hervorzuheben sind: Die Vorlage, resp. Denkschrift des Großh. Ministeriums der Finanzen, Erhöhung und Verstärkung der Landdämme am Rhein betr.
Hierzu bemerkt der Staatsminister Finger: Noch iw Laufe des Jahres würde dem Hause eine diesbezügliche Vorlage zugehen, nachdem man die Verhältnisse in Baden nach Maßgabe des vorliegenden Materials geprüft. Auch die Reichs-Eommission sei jetzt im Stande, ihre Arbeiten beendigen zu können.
Commercienrath v. Heyl dankt für diese Mittheilungen und weist darauf hin, wie nothwendig eine diesbezügliche Vorlage sei, hauptsächlich zum Schutz für die am Rhein gelegenen und durch die fortwährenden Ueberfluthungen schwer geschädigten Gemeinden.
Ferner Mittheilung der zweiten Kammer über die Vorlage Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, das Civildiener-Wittwen-Jnstitut betr., sowie den Antrag des Abg. Schröder in gleichem Betreff.
Auf Antrag des Fürsten zu Asenburg-Birstein, die ganze Gesetzes-Vorlage nach den Anträgen zweiter Kammer anzunehmen, schließt sich die Kammer diesem Anträge einstimmig an.
Sodann beschließt das Haus nach dem Anträge der zweiten Kammer, den Vor- stellunaen der Großh. Baumeister um Berücksichtigung bei Besetzung technischer Stellen, sowie der Revisions-Buchhaltungs- und Calculaturbeamten der Großh. Oberrechnungskammer 2c., sowie der Main-Neckar-Bahn um Eintheilung ihrer Gehalte nach Dienstaltersklassen keine Folge zu geben.
Hierauf nochmals geheime Sitzung, sodann vertagt sich die Kammer auf un- --bestimmte Zeit.
Bad Nauheim, 26. Juni. Der Erbgroßherzog und die Frau Erbgroßherzoain von Baden sind mit Gefolge zu längerem Kurgebrauche hier eingetrofsen und in der - Villa Wagner abgestiegen.
München, 26. Juni. Der Prinz-Regent Luitpold wird am Montag Mittag im Thronsaale des Residenzschlosses in Gegenwart der Prinzen des königlichen Hauses, der Minister, der Mitglieder des Landtags, des diplomatischen Corps ?c. den verfassungsmäßigen Eid ableisten.
München, 26. Juni. In der heutigen öffentlichen Plenarsitzung der Abgeordnetenkammer sind sämmtliche Minister anwesend. Der Referent, Abg. Bonn, referirt Namens des Specialausschusses über die Regentschaft. Der Ausschuß beantrage, dieselbe zu genehmigen und habe die mündliche Berichterstattung nur beschlossen, um Aufklärung und Beruhigung über das Geschick Ludwig II. zu gewähren. Die Unfähigkeit König Otto's, die Regierung zu übernehmen, sei zweifellos. Im Verlaufe seines Referats zählt der Referent das Untersuchungsmaterial des Ausschusses auf und legt dann den Entwickelungsgang König Ludwigs und die frühe Anlage zur Geisteskrankheit und deren Emporwuchern dar. Redner rühmt die deutsche Politik des Königs nnd erörtert die seit 1876 scharf hervorgetretene Liebe Ludwigs zur Einsamkeit und daß seit 1883 der König nicht mehr mit Gebildeten, sondern nur noch mit Dienern verkehrte. Referent erwähnt hierbei wiederum eingehend die bereits bekannten Krank- Heitserscheinungen.
— Nach dem Referate des Abgeordneten Bonn verlas der Schriftführer des 'Ausschusses, Buhl, das Gutachten der Aerzte. Ministerpräsident Lutz verlas hierauf Sie auf die Ordnung der Cabinetskasse bezüglichen Actenstücke, unter anderem die Maß- rrahmen des Finanzministers im Jahre 1884, das Schreiben deS Ministerpräsidenten an den Verwalter der Cabinetskasse, Hofrath Klua, vom 6. Januar dss. Js. und die Eingabe des Gesammtministeriums vom 5. Mat d. I. Hierauf trat eine einstündige "Pause in der Sitzung ein.
— Die Kammer der Abgeordneten nahm um 3 Uhr ihre Sitzung wieder auf. Stamminger (clerical) constatirt, daß die schließliche Regierungsunfähigkeit König Ludwigs II. feststehe und daß namentlich schon seit 1880 der König unrettbar geisteskrank gewesen sei. Redner wirft dem Ministerium Lutz vor, daß es einestheils zu ispät eingeschritten sei, anderntheils aber dann zu schroff vorgegangen wäre. Die Ab
dankung des Königs wäre vorzuziehen ge.wesen, auch hätte die Heranziehung geistlichen Beistandes das Volk mehr beruhigt. Stamminger spricht sein Vertrauen zu dem Prinz-U.-^Nten aus und schließt seine Rede mit den Worten: „Je bessere Bayern, desto bessere Deutsche/'
Ministerpräsident Lutz wies die von Stamminger gegen das Ministerium erhobenen Vorwürfe zurück und betonte namentlich, daß es unmöglich gewesen wäre, dem Könige die Abdankung nahezulegen.
Nachdem hierauf noch Schauß (liberal), Walter (clerical) und Stauffenberg (liberal) gesprochen, ergriff Referent Bonn zum Schluß das Wort und wies unter lebhaftem Beifall auf das von allen Seiten gehegte Vertrauen zu dem Prinz-Regenten hin. Das Haus nahm sodann die Regentschaft einstimmig an.
— Die Kammer der Abgeordneten wählte noch vor Schluß der heutigen Sitzung einen Ausschuß von 14 Mitgliedern zur Berathung eines vom gesammten Ministerium heute eingebrachten Gesetzentwurfes bezüglich der Umgestaltung der Verfassungsbestimmung über die provisorische Anstellung von Beamten während der Regentschaft. Die Regierung schlägt eine dreijährige provisorische Anstellung der Beamten vor, welche nach Ablauf des Provisoriums definitiv werden solle. — Der Ministerpräsident v. Lutz schloß seine Rede, in der er die Angriffe der Clericalen zurück- wieS, mdem er hervorhob, nur aus Königstreue und opfermüthigem Patriotismus sei das Ministerium auf seinem Posten verblieben.
Karlsruhe, 26. Juni. Der Erbgroßherzog hat sich heute mit Gemahlin nach Bad Nauheim begeben.
Karlsruhe, 26. Juni. Der Staatsminister veröffentlicht ein Schreiben des Erbaroßherzogs, worin dieser in dem Augenblicke, wo er sich nach glücklich überstandener Krankheit zu völliger Wiederherstellung nach Nauheim begibt, für die zahlreichen Beweise der Liebe und Anhänglichkeit während seiner langen Krankheit den herzlichsten Dank ausspricht.
Krankreich.
Paris, 26. Juni. Der Senat hat den Kredit für die Errichtung von Residentschaften auf Madagaskar bewilligt. Freycinet erklärte, daß die Nachrichten aus Madagaskar ausgezeichnete seien und der Senat den Kredit ohne Befürchtung bewilligen könne. Ferner sprach sich derselbe im Laufe der Debatte sehr anerkennend über die Missionäre aus, die der Regierung stets sehr hülsreich zur Seite gestanden hätten.
— In der Deputirtenkarnmer legte der Justizminister Demoll einen Gesetzentwurf über das Verbot des Anschlages und der öffentlichen Auslegung aufrührerischer Schriften vor. Die Strafen sind auf 10 Tage bis zu 1 Monat Gesängniß und von 16 bis 500 Frcs. Geldbuße bemessen, die Vergehen sollen von den Schwurgerichten abgeurtheilt werden. — Der Minister fordert die Dringlichkeit der Berathung. Cassagnac unterstützt diese Forderung und verlangt die sofortige Verhandlung, weil es an der Zeit sei, den Republikanern die liberale Maske abzureißen. Clemenceau bekämpft die sofortige Verhandlung, weil es erforderlich sei, den Gesetzentwurf zu studiren, um die Tragweite desselben kennen zu lernen. Der Justizminister erklärt, daß der Gesetzentwurf durch das Manifest des Grafen von Paris gerechtfertigt fei; die liberale Presse habe keinen Grund, Befürchtungen zu hegen. Die Dringlichkeit wurde nach lebhafter Debatte angenommen.
England.
London, 26. Juni. Die amtliche „London Gazette" veröffetitlicht eine königliche Proklamation, wodurch das Parlament aufgelöst wird.
Manchester, 26. Juni. Gladstone ist Nachmittags nach Liverpool.


