srr. 2T Freitag den 29. Januar 1866
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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PoHtifche Ueberficht.
Gieße«, 28. Januar.
Bei den kaiserlichen Majestäten findet an diesem Donnerstag große Defilir-Cour nebst daraus folgendem Concert statt, womit die Reihe der größeren Winter-Festlichkeiten am Berliner Hose eingeleitet wird. — Der Herzog von Edinburgh, der dritte Sohn der Königin von England, weilt augenblicklich als Gast seiner fürstlichen Verwandten, der kronprinzlichen Familie, in Berlin. Derselbe stattete im Laufe des Sonntags mehrere Besuche ab; u. A. fuhr der Prinz auch beim Reichskanzler und beim General-Feldmarschall Grafen Moltke vor.
Die Polenfrage behauptet fich in der vordersten Reihe der unsere innere Politik bewegenden Tagessragen. Wie vorauszusehen war, gelangten die Ausweisungen nunmehr auch im preußischen Abgeordnetenhause zur Besprechung, wo aber, im Gegensätze zum Reichstage, die Anregung hierzu von den nicht- oppolltionellen Parteien ausgegangen ist. Wie bekannt, ist im Abgeordnetenhause von Seiten der Nationalliberalen und der beiden conservativen Parteien ein Antrag eingebracht worden, welcher die Stellung der Mehrheit der preußischen Volksvertretung in der Ausweisungs-Angelegenheit klar und offen darlegt. Als hauptsächlichste Maßnahmen zur Kräftigung der nationalen Interessen in den östlichen Grenzprovinzen bezeichnet der Antrag Hebung des deutschen Schulwesens und Förderung der Anfiedelungen deutscher Bauern und Landwirthe, und die fignalifirten Vorlagen der Regierung im preußischen Landtage werden sich jedenfalls auch nach dieser Richtung hin bewegen. Der Antrag hat 246 Unterschriften und demnach die entschiedene Mehrheit des Abgeordnetenhauses hinter sich. Von den Conservativen fehlen indessen die Vertreter der äußersten Rechten, wie v. Hammerstein, Stöcker, Kropatscheck u. s. w., offenbar aus Rücksicht auf das Centrum. — Gerade jetzt beginnt auch die „Nordd. Allg. Ztg." mit der Veröffentlichung von diplomatischen Schriftstücken zur Polenfrage. Dieselben datiren aus der Zeit des letzten polnischen Ausstandes und gewähren, schon nach dem ersten Schriftstücke zu schließen — dem Schreiben eines hochgestellten Diplomaten vom 8. Juni 1863 — interessante Einblicke in die eigentlichen Ziele der polnischen Bewegung.
Die Ausschuß-Berathungen im Bundesrathe über die BranNt- wein-Monopol'Vorlage dürften zur Stunde begonnen haben. Daß sie einen glatten und raschen Verlaus nehmen werden, bezweifelt man allseitig, besonders da verschiedene Bundesstaaten ihre schweren Bedenken gegen das Monopol nicht verhehlt haben. Im Uebrigen schwillt die Bewegung gegen das Branntwein- Monopol immer mehr an und in Anbetracht der stattlichen Reihe von Kundgebungen, welche gegen das Monopol bereits vorliegen, verschwinden die wenigen süddeutschen Stimmen, die sich zu Gunsten des Projectes ausgesprochen haben. .Das Letztere ist sogar in der zu Berlin stattgefundenen General-Versammlung der deutschen Spiritus-Industriellen auf vielfachen Widerspruch gestoßen und das ist mit kennzeichnend für die schwachen Aussichten des Branntwein- Monopols.
Die Balkan-Krisis droht sich plötzlich wieder zu compliciren. Diesmal erscheint Griechenland als der Störenfried; das Athener Cabinet hat aus die Aufforderung Englands, abzurüsten, in einer Weise ablehnend geantwortet, die kaum einen Zweifel übrig läßt, daß sich Griechenland mit ernsten Absichten gegenüber der Türkei trägt, indem es eventuell durch einen Krieg sich in den Besitz weiterer Theile von Thessalien und dem Epirus zu setzen gedenkt. Die griechische Regierung setzt die Rüstungen zu Wasser und zu Lande mit größtem Eifer fort und die im Piräus, der Hafenstadt von Athen, befindlichen griechischen Kriegsschiffe sind bereits am Sonntag mit versiegelten Ordres nach einem unbekannten Bestimmungsorte abgegangen. Diese ganze Haltung Griechenlands erscheint um so herausfordernder, als die Aufforderung Englands im Ein- vecständnlß mit den übrigen Großmächten erfolgt ist; außerdem wird dem Athener Cabinet in einer Collectivnote kurz und bündig mitzetheilt, daß die Mächte kein Vorgehen Griechenlands zur See gestatten würden. Es sind daher Verhandlungen über eine gemeinsame Flotten - Demonstration der Mächte im Gange; von deutscher Seite soll dem Vernehmen nach das Panzerschiff „Prinz Friedrich Karl" nach dem Piräus geschickt werden, dasselbe wird in Wilhelmshasen schleunigst ausgerüstet. In Athen herrscht selbstverständlich große Errang, die sich in Demonstrationen der Bevölkerung zu Gunsten des Krieges kunögiebt.
In ersreulichem Gegensätze zu der provocirenden Haltung der griechischen Negierung steht die friedliche Strömung, welche in Belgrad unverkennbar Platz gegriffen hat. Dem König Milan sind jetzt von seinen Ministern die Friedensbedingungen vorgeschlagen worden, welche sich auf die bulgarischen Paßschmierigkeiten, die Grenzabsperrung Seitens Bulgariens, die Regelung der Emigrantenfrage und den Abschluß einer Zoll- und Handelr-Convention beziehen. Man hält in serbischen Regierungskreisen bei einigem guten Willen Bulgariens den Friedensschluß für gesichert und diese Hoffnung erscheint um so begründeter, als unter den obigen Bedingungen der ostrumelischen Frage mit keinem Worte gedacht ist. Es spricht dies für die Glaubwürdigkeit der Meldungen, welche eine directe Einigung zwischen der Pforte und dem Fürsten von Bulgarien über Ost-Rumelien als unmittelbar bevorstehend bezeichneten. Ja, wie die „Köln. Zeitung" sich aus Varna unter dem 24. Januar melden läßt, soll diese Verständigung schon erfolgt sein und hätten alle Mächte ihre Bereitwilligkeit erklärt,
bas Ergebniß der directen Verhandlungen zwischen dem Sultan und Bulgarien anzuerkennen.
Das ossiciöse „Journal de St. Pötersbourg" meint, die griechische Regierung werde trotz der ablehnenden Antwort de» Minister-Präsidenten Delyannis den Forderungen der Leidenschaft widerstehen. Dieselben seien um so nutzloser, al» Europa fest entschlossen sei, keine Gebietsveründerungen zu- zulassen, die als Entfernung von den Bestimmungen des Berliner Vertrage» anzusehen wären. Auch die „Times" hoffen, daß die Warnung an Griechenland hinreichen werde, den Frieden aufrecht zu erhalten, andernfalls werde die griechische Regierung bald erfahren, daß die Großmächte nicht mit sich scherzen ließen. — Dies scheint man in Athen allerdings gedacht zu haben, zumal da das bisherige Verhalten der europäischen Dtplomaten gegenüber der Balkankrisi» in der That den Schluß gestatten konnte, es gebe hierüber Meinungs-Verschiedenheiten zwischen den europäischen Cabineten. Sollte indessen Griechenland wirklich aus ernste Differenzen unter den Mächten speculirt haben, so dürste e» bald eine bittere Enttäuschung erfahren.
In der französischen Deputirtenkammer stand am Montag der Antrag mit aus der Tagesordnung, wonach bei den durch den Staat abgeschlossenen Geschäften auswärtige Arbeiter nicht verwendet werden sollen. Der Antrag verdankt seine Entstehung der seinerzeit in der Pariser Arbeiterwelt m Folge der geschäftlichen Krisi» entstandenen Bewegung, aber schon damals machten Stimmen in der französischen Presse darauf aufmerksam, daß eine solche Maßregel sich nicht ohne empfindliche Schädigung der einheimischen Industrie selber durchführen lassen. In der erwähnten Sitzung beantragte nun der Deputirte Deberly die Vertagung des Antrages, indem er darauf hinwie», daß die in ihm enthaltene Bestimmung ernste, öconomische Fragen berühre, die freie Arbeit beeinträchtige und geeignet sei, Repressalien Seitens des Auslandes herbeizusühren. Die Kammer verschloß sich diesem Bedenken nicht und demgemäß wurde die weitere Berathung des Antrages vertagt.
Die französische Hauptstadt beherbergt gegenwärtig einen interessanten Gast: den Fürsten von Montenegro, welcher die hervorragendsten Pariser industriellen Etablissements u. s. w. besichtigen will. Es stimmt dies allerdings mit den Meldungen aus Cettinje überein, wonach die Reise in erster Linie unternommen worden ist, um in Italien, Frankreich, Deutschland, Oesterreich und Rußland Studien darüber zu machen, wie die industrielle und wirth- schastliche Thätigkeit Montenegros zu heben fei, Dabei wird aber zugegeben, daß die Reise des Fürsten Nikolaus auch politische Zwecke verfolge. Es heißt, derselbe wünsche mit den leitenden Staatsmännern der genannten Länder in persönliche Berührung zu treten und sich über die Ansichten der Cabinete über die Balkankrisis aus erster Quelle zu informiren. Den Anfang hat der Fürst bereits mit dem französischen Ministerpräsidenten, Herrn de Freycinet, gemacht, welcher am Sonntag mit dem Beherrscher der „Schwarzen Berge" eine längere Unterredung hatte.
Deutschland.
Darmstadt, 27. Januar. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 18. Januar den ständigen Referenten der akademischen Administra- tions Commission, Geheimen Negierungsrath Dr. Gg. Haberkorn zu Gießen, auf fein Nachsuchen unter Anerkennung seiner langjährigen pflichtgetreuen und ersprießlichen Dienstführung in den Ruhestand zu versetzen.
— Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 18. Januar dem ständigen Referenten der akademischen Administrations-Commission, Geheimen Regierungsrath Dr. Gg. Habe1:korn zu Gießen, die Krone zum Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienst-Ordens Philipps des Groß- müthigen zu verleihen.
Darmstadt, 25. Januar. Der Gesetzentwurf, betr. die Feldbereinigung, wird heute in der „Darmstädter Zeitung" veröffentlicht. Der Hauptinhalt del? 37 langen Artikel ist in Kürze folgender: Art. 1. Die Feldbereinigung erfolgt durch Zusammenlegung der zerstreut liegenden Grundstücke der einzelnen Besitzer in eine für die Bewirtschaftung günstigere Lage, Größe und Form, durch Vornahme zweckmäßiger Anlagen bezüglich Flur- und Gewannwege, Wasserläufe, Cultur- und Gemarkungsgrenzen, gemeinschaftlicher Ent- und Bewässerungs-Anlagen, Bildung von Grundstücken für öffentliche Zwecke rc. Art. 2. In der Regel soll der Bereinigungsbezirk eine Gemarkung umfassen. Art. 3. Die Bereinigung soll nicht blos bei freier Vereinbarung sämmtlicher Grundeigenthümer eintreten, sondern auch dann, wenn die Besitzer von mehr als der Hälfte des Flächeninhalts der zu bereinigenden Grundstücke dieselben beschließen; sie findet nicht statt, im Falle wenigstens Fünfsechstheile der betheiligten Grundeigenthümer widersprechen. Art. 4. Erklärungen und Anträge auf Feldbereinigung müssen schriftlich an das Kreisamt gerichtet werden. Art. 5. Betheiligter Grundeigenthümer ist der, welcher im Grund(Flur)-Buch eingetragen ist. Art. 8. Dem zwangsweisen Beizug sind nicht unterworfen: Hofgütcr, welche in wohlabgerundetem Zusammenhang um das Hofgebäude liegen, Hofraithen, Hausgärten, Parkanlagen, Weinberge und Anlagen, deren Hauptbestimmung die Garteneultur oder die Gewinnung von Obst, Hopfen, Korbweiden bildet, Gruben, Kohlen- und Gypslager, Bauplätze, Friedhöfe, Grundstücke mit Denkmälern oder Familiengräbern und solche mit Mineral- quellen. Die Besitzer dürfen sich jedoch freiwillig an dec Bereinigung betheiligen. Art. 9. Die Leitung des Bereinigungs-Verfahrens lieht einer zu bestellenden Ministerial- Commission zu, die Ausführung erfolgt in jedem einzelnen Falle durch eine Vollzugs- Commission, welche zu bilden ist aus einem von der Minister!«! - Commission zu er-- nennenden Commissär als Vorsitzenden, aus dem Bürgermeister der Commune imb aus drei Sachverständigen, von denen der eine durch den Kreisausschuß, die beiden anderen durch die betheiligten Grundeigenthümer zu wählen sind. Art. 12. Die Feld-


