Nr. 251 Zweites Blatt Donnerstag den 28. Oktober 1886.
Meßmer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Politische Ueberficht.
GSeßeu, 27. October.
Der Kaiser hat den neuen französischen Botschafter, Herbette, am Samstag Nachmittag in feierlicher Audienz empfangen. Die „Voss. Ztg." bespricht aus diesem Anlaß das Verhältniß zwischen Deutschland und Frankreich und schreibt hierüber u. A.: „Die Einführung Mons. Herbette's aus seinen Berliner Posten fällt mit dem Hervortrten der egyptischen Frage nicht zufällig und nur äußerlich zusammen; mehrfache Anzeichen sprechen dafür, daß der neue Botschafter alsbald nach Erledigung der EmpfangS-Förmlichkeiten in eine für die französischen Interessen sehr bedeutsame Action hier eintreten wird. Die neuliche Unterredung zwischen dem Fürsten Bismarck und dem russischen Botschafter Schuwalow hat dm Letzteren, wie es heißt, zur unverwetlten persönlichen Rücksprache mit dem Czaren und Herrn v. GierS veranlaßt; der Schluß liegt nahe, daß aus dieser Unterredung Dinge zu berichten sind, die dem bisherigen Gange der Politik im Orient möglicher Weise eine Wendung geben könnten. Andererseits weiß man, daß der Reichskanzler nach der Versicherung seiner Presse „mehr als ein Eisen" im Feuer haben soll, eine Aeußerung, die erst jetzt bei dem Hervorholen des egyptischen „Eisens" eine verständlichere Bedeutung erhält." Das Berliner Blatt führt dann weiter aus, daß eine Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich der egyptischen Frage den bedrohlichen Charakter, den sie noch vor 4 Jahren zur Schau trug, entziehe und schließt: „Wie man sieht, bezeichnet der Eintritt des neuen sranzösischen Botschafters in Berlin unter Umständen dm Beginn einer ebenso neuen europäischen Perspective, bis zu deren Endpunkten zwar noch kein Auge reicht, deren Richtung aber nicht nur für Deutschland, sondern auch für Europa in der Linie des Fliedens läge." Hoffentlich entspricht dies auch den Anschauungen der leitenden Pariser Kreise, wenngleich immer wieder betont werden muß, daß gerade in Frankreich die Regierung sich mehr oder weniger der Stimmung der Nation anbequemen muß und diese ist allerdings fortgesetzt deutschfeindlich.
In der Freitagssitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses ist Seitens des Finanzministers Dr. Dunajewski das Budget eingebracht und durch ein ausführliches, von Zahlen wimmelndes Expose erläutert worden. Um gleich das Wichtigste hervorzuheben, so beträgt das Gesammt-Erforderniß für dar Jahr 1887 ca. 522,000,000 Gulden, welches sich nach Abzug außerordentlicher Ausgaben auf ca. 510,000,000 Gulden verringert; die Gesammt'Einnahmen find auf 505 Millionen Gulden veranschlagt und ergiebt stch ein Gesammt- Deficit für 1887 von 4,073,455 Gulden, dessen Deckung aber Herrn Dunajewski selber noch nicht ganz klar zu sein scheint, wenigstens operirt er in dieser Beziehung mit einer Menge von Voraussetzungen und seltsamen Zahlen-Gruppi- rungen, die kein bestimmtes Bild des Deckungs-Vorschlages erkennen lassen. Anerkannt muß jedoch werden, daß sich der Finanzminister, entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, von einer allzu optimistffchen Auffassung der Finanzlage Oesterreichs frei gehalten hat, wenn er auch schließlich die Hoffnung ausspricht, daß sich das Deficit für 1887 auf derselben Linie, wie für das laufende Jahr, bewegen werde, das heißt, daß es sich auf noch nicht zwei Millionen werde herabmindern lassen.
Aus Wien kommt die Nachricht von dem Ableben des Grafm Beust, des ehemaligen österreichischen Reichskanzlers. Graf Beust hat s. Z. als leitender Minister Sachsens eine bedeutende Rolle in der deutschen Politik gespielt; er war es namentlich, der eine antipreußische Haltung der deutschen Mittelstaaten und möglichste Anlehnung derselben an Oesterreich befürwortete, er war es auch, der die wachsende Zwietracht zwischen Preußen und Oesterreich hauptsächlich mit förderte und 1866 das Zusammengehen der deutschen Mittel- staaten mit Oesterreich betrieb. Nach Beendigung des 66er Krieges schied Beust aus den sächsischen Diensten, um die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten Oesterreichs zu übernehmen; sein hervorragendstes Verdienst in dieser Stellung ist der Ausgleich zwischen Oesterreich und Ungarn. Noch im Jahre 1867 wurde Beust dafür vom Kaiser Franz Josef zum Reichskanzler ernannt und im folgenden Jahre in den erblichen Grasenstand erhoben. Bekannt ist, daß Beust in der Leitung der auswärtigen Politik Oesterreichs fortwährend die Rache für 1866 und ein Bündntß zwischen Oesterreich und Frankreich im Auge hatte, doch bewogen ihn die deutschen Siege bei Wörth und Spicheren, sowie auch die drohende Haltung Rußlands, 1870 schließlich eine neutrale Politik zu beobachten. Im November 1871 wurde Gras Beust aus noch nicht ganz aufgeklärten Gründen seiner Stellung als Minister des Auswärtigen enthoben und zum Botschafter Oesterreich-Ungarns in London ernannt, welche Stellung er dann mit dem Botschafterposten in Paris vertauschte. Unzweifelhaft bewirkten die Jntriguen, welche er hier gegen Deutschland spann, seine Zurückberusung und schließlich seine Pensionirung; seitdem gehörte Graf Beust politisch zu den Tobten.
In Petersburg ist am Sonntag in feierlicher Weise die Enthüllung des Denkmals für die im Kriege 1877/78 Gefallenen begangen worden. — Die ' Presse der Residenz begleitet dieses Sieg-ssest mit begeisterten, der Armee ge- widmeten Leitartikeln. Besonders beachtenswerth erscheinen die Aeußerungen des „Russischen Invaliden", in denen aus die zahlreichen Opfer, welche der Krieg von 1877/78 Rußland gekostet hat, hingewiesen wird. Der betreffende Artikel schließt mit dem Wunsche, daß das Denkmal die Truppen nicht nur an die Mühseligkeiten und Errungenschaften des letzten Krieges, sondern auch an den verewigten obersten Führer und an die heilige Pflicht der russischen Krieger,
auch dem erhabenen Sohne treu zu dienen, wie sie dem Vater treu gedient, erinnern möge.
Die Widerstandskraft der bulgarischen Regierung gegenüber Rußland scheint nun doch zu erlahmen, wenn sie vielleicht auch noch nicht ganz gebrochen ist. Einer Meldung aus Sofia zufolge ist die Eröffnung der Sobranje, welche bekanntlich an diesem Mittwoch in Tirnowa stattfinden sollte, auf Sonntag, den 31. October, verschoben worden. Allerdings find die Mitglieder der Regentschaft, Stambuloff und Mutkuroff, der Minister-Präfident Radoslawoff und mehrere andere Minister bereits nach Tirnowa abgereist, aber dies schließt nicht aus, daß am Ende doch noch die jetzige Sobranje aufgelöst und somit die erste der russischen Forderungen erfüllt werden wird. Was die Thätigkeit des türkischen Commiffars in Sofia, Gadban Effendi, anbelangt, so verlautet, daß derselbe zwar sein Bedauern über die Abreise der Minister nach Tirnowa ausgesprochen, gleichzeitig aber bemerkt habe, daß er auch fernerhin versöhnend und vermittelnd zu wirken bestrebt sein werde. Es klingt dies fast, als ob die einstweilige Vertagung der Sobranje-Eröffnung dem Einflüsse Gadban Paschas zuzuschreiben sei.
Sonst liegt heute zu den bulgarischen Angelegenheiten wenig Neues vor. Die in Petersburg aufgetauchte Nachricht, Rußland werde gegen die Verpflichtung, die Integrität der Türkei aufrecht zu erhalten, eine Insel im Marmara- Meere erhalten, ist noch völlig unverbürgt und trägt den Charakter des Ge- - machten überdies an der Strrn. Eher bemerkenswerth ist da noch die Meldung, daß in den politischen Konstantinopeler Kreisen die Meinung vorherrsche, die Besetzung Bulgariens Seitens Rußlands werde früher oder später doch erfolgen und daß geheime Verhandlungen im Gange wären, wonach in diesem Falle die Türkei ihrerseits Ost-Rumelien besetzen würde. Vorläufig fieht jedoch die Situation nicht danach aus, als ob Rußland überhaupt einen derartigen Schritt nur beabsichtigt und auch all' die sensationellen Meldungen über die fortwährende Krieasbereitschast zweier russischer Divisionen, über die Urlaubsverweigerung für die Officiere und Mannschaften der russischen Schwarze-Meer-Flotte u. s. w. scheinen mehr dem Sensations-Bedürfnisse gewisser Zeitungen, als den thatsäch- lichen Verhältnissen zu entsprechen.__
Vermischte-.
— [Bur Schulkurzsichtigkeit.! Auf den kürzlich auch von uns gebrachten Artikel über die Schulkurzsichtigkeit erwidert ein Leser der „Dresd. Nachr.", in denen u. A. der gedachte Artikel Abdruck gefunden hatte, Folgendes: „In Nr. 281 Ihres Blattes findet sich ein Aufsatz über die in wahrhaft erschreckender Weise zunehmende Kurzsichtigkeit der Kinder. Nach demselben hat man früher die Schulgebäude, welche nicht so viel Luft und Licht wie jetzt gewährten und nicht so hygienisch zweckmäßig, wie in neuerer Zeit, eingerichtet waren, dafür verantwortlich machen wollen. Jener Aufsatz, welcher die Ueberbürdungsfrage durchblicken läßt, legt es den Eltern sehr an's Herz, bei ihren Kindern darauf zu sehen, daß das, was die Schule durch ihre vorzüglichen Einrichtungen erreicht, nicht im Elternhause wieder verdorben würde. Als Vater von 5 Söhnen und 2 Töchtern, von denen die ersteren Gymnasium besuchen, erlaube ich mir, Ihnen eine andere Ansicht zu entwickeln. Meine Kinder haben sämmtlich ganz gesunde und scharfblickende Augen, aber ich bin überzeugt, daß, wenn ich nicht öfters die Taschen derselben durchsucht hatte, eines oder mehrere brillenbedürftig geworden wären. Denn was fand ich gewöhnlich im 10. Lebensjahre? Entweder eine Brille oder einen Klemmer oder ein Lorgnon. Wenn dieselben auch nur Fensterglas oder blos ganz schwaches Nummernglas enthielten, so war doch bei Gebrauch derselben ein Verderben der Augen die natürliche Folge. Ich ließ diese Dinge verschwinden, stellte natürlich meine Kinder zur Rede und machte sie darauf aufmerksam, daß sie Gott nicht genug danken könnten, daß er sie mit gesunden Sinnen ausgestattet habe. Warum hatten sich nun die Kinder solche Dinge verschafft? Der Nachahmungstrieb und die Gefallsucht veranlaßt sie dazu, denn sie bilden sich ein, und es wird ihnen von Bekannten und Verwandten, ja den eigenen Eltern eingeredet, sie sähen viel unternehmender und klüger aus, wenn sie einen Klemmer, resp. Lorgnon trügen. Ja, mir selbst wurde als ca. 14jährigenr Menschen von einer jungen Dame ernstlich zugeredet, daß ich mir einen Klemmer anschaffen müsse, da sehe ich interessanter aus und das stehe mir gewiß. Daß ich dies Ansinnen entschieden zurückwies, wurde mir schwer angerechnet. Also mögen die Eltern und deren Stellvertreter darüber wachen, daß aus einer anfänglichen Spielerei oder geckenhaften Putzsucht nicht später eine unbedingte Nothwendigkeit werde, und erstere im Keime ersticken. Nur nach gründlicher Untersuchung und bezüglicher ausdrücklicher Erklärung eines tüchtigen Augenarztes gestatte man den Kindern das Tragen von Klemmern, Brillen ic. Dadurch werden wir keinen solch' hohen Procentsatz Schwachsichtiger bekommen."
— [Moderne Vestalinnen.! Aus Fünfkirchen berichtet die dortige Zeitung: Acht hiesige Schwestern, alle geistreich, schön, angebetet, geschätzt, gelobten in einer schwachen Stunde, den Freuden des Lebens zu entsagen und nur für einander zu leben. Die ältesten Bewohner der Stadt müssen in ihrer Erinnerung zurückgreifen, um sich der imponirenden Gestalten zu erinnern, um die in üppiger Schönheit strahlenden Geschwister Palfy durch die Straßen wandeln zu sehen, züchtig die Augen niederschlagend, um jedem herausfordernden Blicke auszuweichen. Eine Schwester überstrahlte die andere an Schönheit, auch für Vermögen sorgte der Vater und doch blieben alle Bewerbungen der jungen Leute, die den Mädchen Herz und Hand anboten, erfolglos. So leben die Geschwister nun schon seit sechzig Jahren zurückgezogen, und so lange die früher so feurigen Augen den Dienst nicht versagten, fanden die Mädchen in der Handarbeit eine Zerstreuung, in der dieselben manch vornehme Häuser mit Musterleistungen versorgten. Bloß der Tod konnte diese aus inniger Schwesterliebe gesponnene Kette schwächen und Zweig auf Zweig reißt der Tod Lücken in das Band. Drei Schwestern wanderten nach einander in's Grab und jetzt starb an Altersschwäche in ihrem achtzigsten Lebensjahre Fräulein Theresia Palfy. Die noch lebenden vier Schwestern folgten gramgebeugt der theuren Todten.
— Eine unfreiwillige Schwitzkur machte vor Kurzem eine größere Tafel* gesellschaft, welche von dem Besitzer eines Gutes bei Liegnttz eingeladen war. Er hatte ein prächtiges Diner arrangirt, das auch den Anwesenden sehr zu munden schien. Während man aber noch an der Tafel saß, fingen plötzlich sämmtliche Anwesende heftig zu schwitzen an, derart, daß zuletzt Wirth und Wirthin sich gezwungen sahen, ihre Wäschevorräthe den Gästen behufs Wechselns der Wäsche zur Disposition zu


