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Nr. 22S Dienstag den 28 September 1886.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hheit.
Die Großherzogliche Districts-Cinnehmerei Grünberg
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien deS Distrietseinnehmerei-BezirkS.
Wir ersuchen Sie in Ihren Gemeinden alsbald bekannt machen zu laffm, daß die Berichtigung der am 30. September 1886 fälligen Domanial- gelber für Holz, Heugras und Waldnebennutzungen, bei Meidung der Mahnung, bilj ztim 25. k. Mts. anher zu erfolgen hat.
Grünberg, den 27. September 1886. Glock.
Deutschland.
Darmstadt, 25. September. Das Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 22 enthält:
Bekanntmachung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, die Verordnung über die Prüfungen der Aspiranten des Gymnasial- und Realschul- Lehramts betreffend.
Dieselbe lautet:
Nachdem Se. Königl. Hoheit der Großherzog durch Allerhöchste Entschließung vom 16. l. Mts. zu verfügen geruht haben, baß an die Stelle der §§ 36, 37 und 38 der Allerhöchsten Verordnung vom 14. März 1876 (Regierungsblatt Nr. 17 von 1876) folgende Bestimmungen zu treten haben:
S 36. Diejenigen Aspiranten, deren philosophische oder pädagogische oder deren sachwiffenschastliche Abhandlung als nicht genügend erachtet worden ist, oder welche die Ablieferungsfrist ohne genügende Entschuldigung verabsäumt haben, werden von der Fortsetzung der Prüfung ausgeschloss.n.
S 37. Als nicht bestanden sind diejenigen zu erklären, welche in der schriftlichen und mündlichen Prüfung für das Hauptfach und zwei nach S 11 damit verbundenen Nebenfächern nicht mindestens für mittlere und untere Klaffen als genügend befähigt erkannt worden sind. (Vergl. S 7.) Eine ohne genügende Entschuldigung abgebrochene Prüfung ist einer nicht bestandenen gleichzuachten.
S 38. Nach S 36 ausgeschlossene ober nach S 37 nicht bestandene Aspiranten dürfen frühestens nach einem halben Jahre ein Gesuch um Zulaffung zu einer neuen Prüfung einreichen, falls nicht von der Commifsion ein längerer Zeitraum dafür bestimmt ist. Wer dreimal in einer Prüfung einer und derselben Kategorie (S 10) ausgeschloffen wurde ober nicht bestand, ist zu einer weiteren nicht zuzulassen.
so wird dies hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht.
Darmstadt, den 17. September 1886.
Berlin, 26. September. Das Befinden des Fürsten Bismarck hat sich, wie Privat'Nachrichten wissen wollen, durch bett Landaufenthalt wesentlich ge- blffert. — Die jedenfalls glaubwürdige Versicherung, daß hinsichtlich der Berufung der ordentlichen Tagung des Reichstages und des Landtages im Großen und Ganzen Die vorjähr gen Fristen innegehalten werden sollen, dient zur Entkräftigung der Nachricht, daß beide Parlamente erst Anfang Januar berufen werden und von Anfang an nebeneinander tagen sollen. Es ist richtig, daß in Regierungskreisen allerdings die Annahme besteht, daß die parlamentarischen Arbeiten durch das Zusammentagen beider Parlamente rascher gefördert würden; indessen werden anderseits auch Ansichten laut, welche die vielen Unzuträglichkeiten des gleichzeitigen Tagens beider Parlamente heworheben und dauernd zu einer Beschränkung dieser Uebelstände aus das kleinstmögliche Maß rathen. Allem Anschein nach werden wir im nächsten Jahre von Januar ab uns wieder in demselben Gedränge parlamentarischer Arbeiten befinden, welches seit geraumer Zeit der Gegenstand allgemeiner und gerechtfertigter Klagen war.
— Es stand schon seit längerer Zeit fest, daß das Gesetz über die Altersversorgung für Arbeiter vorläufig noch in den Hintergrund treten würde. Es scheinen sich den vorhandenen Plänen mannigfache Schwierigkeiten entgegenzustellen; ein Hauptgrund für die Zurückstellung wird in dem Plane gesucht, zunächst Die Unfallversicherungs-Gesetzgebung vollständig zum Abschluß zu bringen.
— Die Ergebnisse der Einnahmen der Reichskasse an Zöllen und Verbrauchssteuern für den bis Ende August b. Js. verlaufenen Theil des Rechnungsjahres gestalten sich nach den „Berl. Polit. Nachr." wie folgt: Die Getränkesteuer und die Salzsteuer, welche zusammen mit rund 39,000,000 gegen die gleichen 5 Monate des Vorjahres einen Mehrertrag von fast 2,000,000 X aufweisen, zeigen, daß der Verbrauch der besteuerten Gegenstände in steigender Entwickelung begriffen ist. Bei den Zöllen ist zwar auch der Reinertrag mit über 88,000.000 JL gegen das Vorjahr um etwa 4V2 Millionen gestiegen, aber es liegt hier die Sache insofern anders, als durch das Zolltarifgesetz vom Mai v. Js. namhafte Erhöhungen der Zollsätze eingeführt sind und der Etatsanschlag darauf rechnete, daß die finanzielle Wirkung dieser Erhöhungen im lausenden Jahre schon voll eintreten werde; nach den vorliegenden Ertrags- ziffern erscheint die Erfüllung dieser Erwartung noch nicht gesichert.
— Auf unfern Staatsbahnen sind in der letzten Zeit mehrfache Unglücks« fälle vorgekommen, die eine gewisse Beunruhigung in der öffentlichen Meinung hervorzurufen geeignet sind. Das Unglück auf der Potsdamer Bahn, welches für eine Anzahl braver Ulanen verhängnißvoll geworden ist, die nach beendeter Dienstleistung an Hoffnungen reich der Heimath zueilten, hat in Berlin großes Aussehen erregt. Die Eisenbahn-Behörden werden es gewiß nicht daran fehlen
lasen, den Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen, aber über den Einzelfall hiraus sollte die Wiederkehr solcher Unfälle die obern Behörden veranlassen, zu prüfen, ob auch alle Einrichtungen den Anforderungen des stetig sich steigernden Verkehrs gewachsen sind, ob vor Allem nicht etwa in salsch angebrachter Spar- saykeit die Zahl der Beamten dem wachsenden Verkehr gegenüber nicht mehr amreicht und ob nicht deshalb an die angestelllen Beamten im Vergleich zu ihttr Leistungsfähigkeit übergroße Anstrengungen gestellt werden. Die öffentliche Meinung ist berechtigt, auf solche sich aufbrängenbe Fragen ausreichende Antwort zu erhalten. (Man vergleiche hiergegen bett Bahnübergang auf Bahnhof Gießen an her Rüsing'schen Wirthschajt. Red. b. G. A.)
Berlin, 26. September. Die „Germania" veröffentlicht eine ihr vom Staat-minister v. Bötticher in Vertretung be- Reichskanzlers zugegangene Berichtigung, welche die Nachricht ber „Germania", die Entmündigung des Bayernkönigs Ludwig würde schon früher erfolgt fein, wenn nicht der Reichskanzler dem Plane widersprochen hätte, und der Reichskanzler habe in die Einsetzung der Regentschaft gewilligt, nachdem Garantieen geboten worden, daß eine Aenü- rung der Haltung ber bayerischen Regierung dadurch nicht erfolgen würde, —- als jeder thatsächlichen Grundlage entbehrend und auf Erfindung beruhend erklärt. Dies gehe schon daraus hervor, daß von einer Einwilligung des Reichskanzlers in eine ausschließlich innere Angelegenheit Bayerns gar nicht die Rebe fein könne.
... München, 25. September. Der Prinz-Regent ist mit großem militärischem unb Ctvil-Gefolge, dem Minister des Innern und den obersten Hofchargen um 8 Uhr Morgens zum Besuche von Augsburg, Nürnberg, Würzburg und Ansbach abgereist. Das zahlreiche am Bahnhofe anwesende Publikum brachte dem Prinzen lebhafte Hochrufe dar.
Hesterreich.
Wien, 25. September. Cholerabericht. Es erkrankten resp. starben in Triest 2/0, Fiume 1/2, Pesth 38/18 Personen.
England.
London, 25. September. Der „Standard" bespricht nochmals die ori entalische Frage, und tritt hierbei dem Vorwurfe entgegen, daß England keine Opfer bringen wolle, um den Vormarsch Rußlands im Orient auszuhalten. England verlange nicht, daß Andere die Schlachten Englands schlagen; es wolle und könne aber doch nicht Vorkämpfer von Interessen sein, welche alle übrigen Mächte berühren. Wenn Italien oder eine andere Macht ein ernstes Interesse daran habe, eine Schranke zwischen Rußland und Konstantinopel zu errichten, so sollte eine solche Macht zur Erreichung dieses Zweckes das Ihrige dazu beitragen, ohne vorher ein Abkommen für ihren eigenen Vortheil zu treffen.
London, 25. September. Die Rede der Königin bei Vertagung des Parlaments besagt: Die Beziehungen mit den auswärtigen Mächten sind freundliche. Die Meuterei eines Theiles der bulgarischen Armee gab Anlaß zur Abdankung des Fürsten Alexander und wurde hierauf eine Regentschaft etablirt, welche gegenwärtig die Angelegenheiten des Fürstenthums leitet. Bezüglich der gemäß dem Vertrage von Berlin stattzufindenden Wahl des Nachfolgers sind Vorbereitungen im Gange. In Beantwortung der Mittheilung der Pforte an die Signatarmächte habe ich constatirt, daß^ soweit England in Betracht kommt, keine Verletzung der Bulgarien durch die Verträge garantirten Rechte eintreten wird (en ce qui concerne Angleterre sera aucune in- traction conditfons garanties etc.). Aehnliche Versicherungen sind von den anderen Mächten gegeben worden.
— Die Thronrede kündigt ferner die Einsetzung einer Commission an, welche eine Enquete über das System des Lebenswesens und die Landacte in Irland anstellen soll und sie weist auf das hervorgetretene Verlangen hin, die verschiedenen Theile des Reiches fester aneinander zu knüpfen. Das Parlament ist bis zum 11. November vertagt.
Glasgow, 25. September. Mehrere Personen, welche den heute in den Steinbrüchen von Erarac stattgefundenen Sprengungen von einem Dampfer aus beigewohnt hatten, begaben sich darnach in die Sprengungsstelle, um die Zellen zu besichtigen, in welchen der Sprengstoff angebracht war. Von den den Zellen entströmenden Gasen wurden mehrere Personen so betäubt, daß 6 davon sofort starben.
Nelgien.
Charleroi, 25. September- In drei Grubm bes Kohlenbeckens von Charlervi geht wieder eine theilwesse Arbeitseinstellung vor sich. Dis Striken- ben verlangen als Lohnminimum 41/? Francs täglich. Ruhestörungen sind nicht vorgekommen.
Spanien.
Madrid, 24. September. Die Frau und die Töchter bes Generals Villacampa begaben sich zum Ministerprästbenten Sagasta, um besten Fürsprache zu erbitten, würben aber nicht vorgelaffen. Die Zeitung „El Liberal" ist ver-


