Nr. @99 Samstag den 28. August
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Politische Ueberficht.
Gießen, 27. August.
Der König von Portugal nebst Gefolge ist am Donnerstag Nachmittag, von Travemünde kommend, in Berlin eingetroffen und wurde bereits aus dem Lehrter Bahnhose vom Kaiser, den königlichen Prinzen u. s. w. begrüßt. Im königlichen Schlöffe sand alsdann die Begrüßung zwischen dex Kaiserin und dem hohen Gaste statt. Zum Ehrendienst für König Ludwig stnd der General der Kavallerie, v. Rauch, und der Oberstlieutenant von und zu Schachten befohlen.
Marquis Tseng, welcher sich sowohl aus der Hinreise nach Petersburg, wie auch auf der Rückreise von der nordischen Hauptstadt nach seiner fernen Heimath in Berlin Seitens der höchsten Kreise — in erster Linie der kaiserlichen Majestäten selbst — der größten Aufmerksamkeit zu erfreuen hatte, ist am Montag definitiv von Berlin abgereist. An diesem Tag- stattete Marquis Tseng noch verschiedene Abschiedsbesuche ab, u. A. dem Unterstaatssecretär im auswärtigen Amte, Grafen Berchem, woselbst der chinesische Staatsmann über eine Stunde weilte und nahm derselbe hierbei Gelegenheit, dem Vertreter unseres auswärtigen Amtes seinen lebhaften Dank für die auszeichnende Aufnahme, die ihm, dem Marquis, in Deutschland zu Theil geworden, auszusprechen. Marquis Tseng hat sich zunächst nach Chemnitz zur Besichtigung der Hartmann'- schen Maschinen'Fabrik und von da am Mittwoch nach Buckau bei Magdeburg Hur Besichtigung der Gruson'schen Werke begeben. Am Donnerstag beabsichtigte der chinesische Diplomat, welcher das lebhafteste Jntereffe für die deutsche Jndustrie-Thätigkeit bekundet, in Effen einzutceffen, um die Kruppschen Fabrikanlagen zu besichtigen und auch noch einigen anderen rheinisch-westfälischen Etablissements einen Besuch abzustatten, worauf die Weiterreise nach England erfolgt.
Der künftige Erbe des sächsischen Königsthrones, Prinz Friedrich August, welcher sich unter dem Namen eines Grafen v. Weesen- stein schon seit längerer Zeit aus einer Rundreise durch Europa befindet, traf am Mittwoch in WilhelmShasen ein, um die dortigen Marine-Etablissements in Augenschein zu nehmen. Der Prinz hat beim Chef der Marinestation der Nordsee, Viceadmrral Grafen v. Monts, Absteigequartier genommen.
Die Reichstagswahlen in Lauenburg und Bromberg haben kein definitives Resultat ergeben, da sich dort wie hier eine Stichwahl noth- wendig macht. Da in Lauenburg die ca. 660 socialdemokratischen Stimmen den Ausschlag geben, so erscheint im zweiten Wahlgange die Wahl des sreistnni- gen Cand-.daten, Kammerraths Berling, gegenüber seinem conservatioen Mitbewerber, Grasen Bernstorff, säst als gewiß. In Bromberg hat die Stichwahl dagegen zwischen dem conservativen Candidaten Hahn und dem Candidaten der Polen, v. Komierowski, stattgefunden; hoffentlich machen hierbei die deutschen Wähler gemeinsam gegen den Polen Front.
Nach den neuesten Nachrichten aus Bulgarien und Ost- Rumelten ist der Revolution, welche zur Vertreibung des Fürsten Alexander führte, eine Gegenrevolution gefolgt, welche den Fürsten wieder einsetzen will. Die ostrumelische Miliz unter Oberst Mutkuroff sei bereit, nach Sofia zu ziehen und den Fürsten wieder zurückzubringen, und in ähnlicher Weise hatten sich auch die Garnisonen von Tirnowa, Widdin, Schumla und Gurgiew ausgesprochen. Trotz dieser Kundgebungen, welche beweisen, daß der tapfere und hochgesinnte Fürst sich doch auch Freunde und Anhänger in Bulgarien und Ost-Rumelien erworben hat, darf man aber dergleichen militärischen Aufrufen und Putschen keine große Bedeutung beimessen, denn dieselben würden doch nur zu einem bas Land zerfleischenden Bürgerkriege führen und dürsten auch in Hinblick aus die nun einmal an'8 Oberwasser gelangte russische Politik an dem Schicksale Bul- Hariens auch wenig ändern. Es fragt sich auch sehr, ob Fürst Alexander Neigung haben wird, die ihm etwa Seitens der Bulgaren nochmals angeborene Dornenkrone anzunehmen, zumal es Thatsache ist, daß trotz des ruhmreichen Feldzuges des Fürsten gegen Serbien die Schwierigkeiten für seine Regierung unüberwindlich geworden waren. Er hatte bezüglich der Vereinigung Ost-Rume- liens mit Bulgarien weder eine Verständigung mit Rußland, noch mit der Türkei erzielt, England hatte ihn im Stiche gelassen und Deutschland und Oesterreich find nicht in der Lage, sich viel um Bulgarien zu kümmern. Rechnet man dazu, daß dem Fürsten sogar im eigenen Volke eine mächtige Gegenpartei erwuchs, so mußte eben seine Lage unhaltbar erscheinen. Eine Depesche, welche aus Sofia nach Wien gelangt ist, will nun zwar wissen, daß die Gegenrevolution in Bulgarien bereits so mächtig geworden sei, daß sie die provisorische Regierung unter Zankoff wieder gestürzt habe und unter Karaweloff ein Ministerium zu Gunsten des Fürsten wieder eine Regierung gebildet sei. Aber wer möchte aus einem solchen Wirrwarr Hoffnungen für die Zukunft schöpfen und einem Manne wie Karaweloff, der nun binnen einem Jahre an drei Revolutionen betheiligt war, Vertrauen schenken!?
Ein Trost gegenüber diesen fatalen Ereignissen bleibt die hohe Wahrscheinlichkeit, daß das Einvernehmen der Großmächte, resp. der Kaisermächte Deutschland, Oesterreich und Rußland, durch die bulgarischen Händel nicht gestört werden wird, denn alle ossiciösen Stimmen sprechen sich in dieser Hinsicht beruhigend aus. Wahrscheinlich wird Fürst Bismarck auch in Franzensbad mit dem russischen Staatskanzler Herrn v. Giers eine Conserenz haben, welche Entschieden in dem Sinne zu beurtheilen sein wird, daß Rußland im Etnver- fiändniffe mit den übrigen Großmächten die bulgarische Frage gelöst wissen will
und danach dürste der Prinz Alexander von Oldenburg oder der Prinz Nikolaus von Leuchtenberg, die beide Vettern des Kaisers von Rußland sind, bald den bulgarischen Thron besteigen.
Die von der Schweizer Regierung getroffenen Vorbeugungsmaß- regeln gegen die Verschleppung der Cholera von Ober-Italien nach dem schweizerischen Gebiete sind von Erwägungen dictirt worden, welche dem Charakter der Situation durchaus entsprechen. Ihnen liegt in erster Linie die Wahrnehmung zu Grunde, daß die Cholera stetig von der italienischen Provinz Venetien und westwärts durch die Lombardei gegen die Grenze der Eidgenoffenschast vorrückt und zunächst den Kanton Tessin bedroht. Den directen Anstoß zu dem Erlasse der schon vor einigen Tagen signaltsirten Maßregeln des Bundesrathes scheint das Austreten mehrerer aus Verona eingeschleppten Cholerafälle in dem italte- mschen Grenzdorf Porlezza am östlichen Ende des Luganer Sees gegeben zu haben. Da die Schweiz nicht nur als eigenes Staatsganzes, sondern auch als em Hauptanziehungs- und Mittelpunkt des europäischen, ja des universellen * Touristenverkehres in Betracht kommt, so liegt auf der Hand, wie ungemein viel von der sanitären Politik der Schweizer Bundesregierung gegenüber der von Italien her drohenden Choleragefahr abhängt.
Das englische Unterhaus hat sich mit der dem britischen Charakter auch in parlamentarischen Dingen eigenen Zähigkeit in die Avreß-Debatte vertieft, deren Abschluß sich vorläufig noch gar nicht absehen läßt. Aus ihr ist bis jetzt für das Ausland gerade nicht viel Interessantes hervorzuheben, es fei denn die Entschiedenheit, mit welcher die Anhänger Parnell's dem Ministerium Salisbury gegenübertreten; es geht hieraus hervor, daß sie die Rolle der „Unversöhnlichen" sortspielen wollen, gleichviel, ob das Cabtnet Salisbury in Irland eine energische oder eine milde Politik zu befolgen gedenkt.
Hesteneich.
Wien, 26. August. Die „Polit. Corr." meldet: Die an dem Complott gegen den Fürsten Alexander betheiligten Militärs sind flüchtig; sie werden auf Befehl der neuen Regierung - verfolgt. Mit Ausnahme von Sofia, wo in den Straßen Kämpfe stattfanden, vollzog sich die Gegenrevolution unblutig. Die Anerkennung der neuen Regierung im Lande scheint vollständig. Ueberall herrscht Ruhe.
Frankreich.
Pari-, 26. August. Der heute unter dem Vorsitze Freycinet's abgehaltene Ministerrath berieth nur über Gegenstände von untergeordneter Bedu- tung. Am nächsten Samstag findet ein Ministerrath unter dem Vorsitze Grevy's statt, welcher morgen hier erwartet wird.
England.
London, 26. August. (Unterhaus.) Ferguffon erklärt, weitere Depeschen aus Sofia bestätigten, daß Karaweloff seine Teilnahme an Der revolutionären Bewegung verweigert habe und an der Spitze einer neuen Regierung stehe, sowie daß die Verschwörer verhaftet seien. Der Fürst habe nach seiner Landung in Reni fich in vollständiger Freiheit befunden und beabsichtigte nach Darmstadt zu geben. Die Ereignisse nach seiner Abreise aus Bulgarien seien dem Fürsten in Reni noch unbekannt gewesen. Der Vater des Fürsten, Prinz Alexander von Hessen, sei telegraphisch aufgesordert worden, den Fürsten zur Rückkehr nach Rumelien zu veranlassen. (Beifall.) Was die Batumsrage anlange, so beabsichtige die Regierung nicht, die Angelegenheit über die Position hinauszuführen, die durch die Depesche Roseberrys hergestellt sei.
— Ferguffon theilte ferner als die wesentlichsten Bestimmungen des am 24. Juli in Peking wegen Birmas unterzeichneten Vertrags mit, daß England hinsichtlich aller Angelegenheiten, die die von England in Birma ausgeübte Autorität und Herrschaft beträfen, freie Hand behalte, daß China den Handel schütze und begünstige, daß eine Grenz-Commission die Grenze zwischen China und Birma abstecke und eine zweite Commission den Grenzhandel regele, daß England von der beabsichtigten Entsendung einer Mission nach Thibet absehe, und dazu China endlich sich verpflichtete, den Handel zwischen Birma und Indien zu fördern.
Telegraphische Depesche«.
Worff'S telegr. «orresvon-enr - Bwrsa«.
Darmstadt, 26. August. Prinz Ludwig von Battenberg, der ältere Bruder des Bulgarenfürsten, ist gestern von hier abgereist; wie es heißt, hätte er sich nach Breslau begeben.
Berlin, 26. August. Der König von Portugal ist Nachmittags 1 Uhr hier eingetroffen. Er wurde von dem Kaiser, dem Kronprinzen und den Prinzen des Königshauses auf dem Bahnhose festlich empfangen und vom Kaiser in vierspännigem Galawagen in das königliche Schloß geleitet, wo die Kaiserin den König begrüßte. Der Kaiser und der König wurden von den Volksmassen auf dem Bahnhofe und in den Straßen mit lebhaften Hochrufen begrüßt.
— Der „Neichsanzeiger" veröffentlicht ein deutsch-englisches Uebereinkommen vom 27. Juli und 2. August 1886 wegen weiterer Abgrenzung der westafrikanischen Schutzgebiete am Guineagolf und Gewährung gegenseitiger Handels- und Verkehrsfreiheit daselbst.
Regensburg, 26. August. Fürst Bismarck ist Vormittags 10y2 U§r mit dem Schnellzuge nach Eger und Franzensbad weitergereist.
FranzenSbad, 26. August. Fürst Bismarck ist heute Nachmittag um 21/* Uhr hier eingetroffen. Am Bahnhofe wurde er von Giers und dessen Familie begrüßt. Bismarck fuhr mit GierS, die Fürstin mit Frau Giers nach dem mit den öfter-


