Ausgabe 
28.3.1886 Drittes Blatt
 
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Nr. 74.. Drittes NSiatt Sonntag dcir -58. Marz L88V

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Vvw-mr Schulstraße 7.

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Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit ärtageridfa 2)urch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mar? 50 P'.

Erscheint täglich mit Ausnahme de- MsntcrgH.

Bekanntmachung.

Betreff: Die Eintheilung der Kaminfegerbezirke.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß vom 1. April 1886 an auf die Dauer von zwei Jahren der I. Kaminfegerbezirk dem Kamin­feger Karl Awesch dahier und der II. Kaminfegerbezirk dem Kaminfeger Franz Nebl dahier zugewiesen ist.

Der I. Bezirk besteht:

a. aus dem Theile der Stadt Gießen, welcher von Frankfurt aus gerechnet, rechts der Straße von Frankfurt nach Marburg gelegen ist, ein­schließlich der Gemarkung Schiffenberg;

b. aus den Orten: Mach, Allendors a. d. Lahn, Burkhardsfelden, Garbenteich, Groß-Linden, Hausen, Heuchelheim, Klein-Linden, Lang-Göns, Leihgestern, Oppenrod, Steinbach und Watzenborn-Steinberg.

\\ > Der II. Bezirk umfaßt:

a. den l nks der Frankfurt-Marburger Straße gelegenen Theil der Stadt Gießen, sowie

b. die Orte: Alten-Buseck, Annerod, Bersrod, Beuern, Daubringen mit Heibertshausen, Großen-Buseck, Lollar, Mainzlar, Reiskirchen, Rödgen, Ruttershausen mit Kirchberg, Staufenberg mit Friedelhausen, Trohe, Wieseck und Winnerod.

Gießen, am 12. März 1886. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Bekanntmachung.

Im Interesse des Publikums macht man noch ausdrücklich daraus aufmerksam, daß Reclamationen gegen Einkommen- und Kapitalrentensteueransätze 1. Abtheilung immer, aber auch Remonstrationen gegen Ansätze dieser Abtheilung, sowie Reclamationen gegen Einkommen- und Kapitalrentensteueransätze 2. Abtheilung möglichst schriftlich und zwar unter genauer Angabe der für eine etwaige Ermäßigung sprechenden Gründe (wenn aber mündlich, nuc an den Amtstagen: Dienstags und Samstags) bei dem Unterzeichneten vorzubringen sind, damit der Commission das zur Beschlußfassung erforder­liche Material demnächst unterbreitet werden kann.

Gießen, 27. März 1886. Der Vorsitzende.

__Süfsert.___

Großherzogliches Steuer-Commissariat Gießen.

Amtstage: Dienstag und Samstag Vormittags von 812 Uhr und Nachmittags von 24 Uhr.

Der Trieb, arm ?u werden.

Das wunderbare Fatum, das geheimnißooll über dem Millionenbcsitz waltet, das Mysterium vom Entstehen und Vergehen der großen Vermögen ist noch nie ganz erforscht worden. Der Konkurs eines Fürstlichen Hauses in Wien, der Wittwe eines reichen und generösen Fürsten, der Tochter und Erbin eines der bedeutendsten Wiener Groß-Kapitalisten, reizt einen Feuilletonisten derN. Fr. Pr." zu einem Versuch, jeues Mhsel zu lösen.Der Trieb, arm zu werden", betitelt sich der interessante Artikel, in welchem es u. A. heißt:

Waren es sieben Millionen oder zehn, fünfzehn, zwanzig oder noch mehr,- gleichviel! Der Sturm blies eines Morgens, und die Millionen flatterten nach allen Winden. Das ist ein altbekanntes Schauspiel, das sich hienieden jeden Augenblick ivicderholt und so oft es neu gespielt wird, hört mau dieselben Ausrufe der Ver­wunderung. Wie, ein so reicher Mann, und plötzlich so arm geworden! Ist es denn möglich, daß die Millionen so vergänglich sind, daß sie einander hassen und verab­scheuen und danach streben, von einander zu gehen?

Es ist ein beinahe tragischer Zug, der jedem großen Besitze anhaftet, die Sehn­sucht nach Selbstzerstörung schlummert iu ihm, und wie starr und fest er auch zusammen- ;uhalten scheint, so schlägt ihm doch über Kurz oder Lang die Stunde, wo seine Eohäsionskrast schwächer und schwächer wird. Das -Erystall geht wieder in Flüssigkeit über, der theilende Geist tritt wieder in -sein Recht. Ein ungemein schlauer Kumpan ift er, dessen Anwesenheit die Menschen bisweilen gar nicht spüren. Er schleicht sich in das Haus der Reichen, ohne daß die Herren es ahnen. Unser Graeeo-Maccdonier war ein arbeitsamer, sparsamer, haushälterischer Mann, gefeit gegen den Verschwendungs- geist; aber wer weiß, vielleicht hockte dieser Geist in irgend einem verborgenen Winkel feines Hauses und lauerte aus seine Zeit. Er ist geduldig und versteht zn warten. Manchmal regiert er schon im zweiten ©liebe, gleich nach dem Tode des Mannes, der »en Besitz gegründet hat, manchmal erst nach Jahrhunderten, im fünften, sechsten, im zehnten Gliede. Was der Sohn nicht thut, der Enkel thut's mehr ober weniger, ber llrenkel ganz gewiß.

In jeber Generation verminbert sich bie Erwerbskraft; man hat es ja nicht Whig, man wächst in Wohlleben unb Ueberfluß auf, man wirb zum Gelbausgeber erzogen. Der Marschall Richelieu schenkte seinem Enkel eine Börse voll Golb, er möge sich einen guten Tag machen. Der junge Mann brachte Abenbs bie Hälfte bavon zurück. Wüthenb riß ber Großvater bas Fenster auf unb warf ben Rest auf bie Gasse, kin junger Ebelmann, ber nicht im Stanbe war, ein paar hunbert Louisb'or auf einen Sitz zu verjubeln, welche Schmach! Aber auch sparsame reiche Väter, bie ihren Löhnen bas Beispiel haushälterischer Genauigkeit geben, kommen am Enbe boch zu demselben Schlüsse. Man kennt bie Anekbote vom alten Sina, ber einem Fiaker- kutscher für eine Fahrt von Hietzing nach Wien brei Gulben gab.Ihr Sohn giebt mir fünf", sagte ber unjufriebene Kutscher, worauf ber Alte unwirsch entgegnete: ,Mein Sohn kann's thun, ber hat einen reichen Vater." Also auch bieser große jiechenmeister ließ ben Grunbsatz gelten, baß bie folgenbe Generation mehr ausgeben dürfe, als bie vorhergehenbe.

Mein Sahn kann's thun" unb ber Sohn thut's, benn er steht unter bem Zwange bes anbern Geistes unb bas ist ein Glück für bie Menschheit, benn jetzt Serben ben gefesselten Reichthümern bie Ketten abgenommen unb ber Mammon zinst fortan ben Armen unb Nothleibenbeii, ben Künsten unb Wissenschaften, ben höchsten Gütern ber Menschheit. Die guten wie bie schlimmen Eigenschaften eines Mannes weiß sich jener onbere Geist zu Nutzen zn machen. Er zieht Vortheil aus seiner Gut- rnüthigkeit, seiner Opferwilligkeit, seinem barmherzigen Sinne, seiner Nächstenliebe, Kiner Vergnügungssucht, unb am liebsten hält er sich an bie Eitelkeit ber Menschen. Stenn man reich ist, lechzt man nach Titeln unb Ehren, man will zum Minbesten Laron werben, unb ist man Baron geworben, ober gar als solcher auf bie Welt ge­nuinen, so will man mit Fürsten unb Herzögen sich verschwägern. Hat man Töchter,

so sucht man ihnen burchlauchtigste Schwiegersöhne, unb manche bavon stehen vielleicht im Banne jenes anberen Geistes, ber Alles theilt. Er liebt ja ganz besonbers bie jungen Männer, bie ein flottes Cavaliersleben führen, bie nicht rechnen gelernt haben unb bie Nächte hinter bem Spieltische verbringen. Der Spieltrieb, welchen er ben Menschen eingepflanzt hat, ist seine stärkste Waffe, die größten Reichthümer vermögen ihm kaum zu wiberstehen.

Immer unb überall sieht man Väter emsig scharren unb schaufeln, ben Gulben zum Gulben legen, ben gesammelten Schatz ängstlich hüten unb meisten unb immer unb überall kommen bann bie Söhne, bie Enkel, bie Urenkel unb zerbröckeln bas väter­liche Erbe. Erst bie Sucht, reich zu werben, bann ber Trieb, arm zu werben. Dieser Trieb arbeitet mit allerhand Sprengstoff, am sichersten mit ben sogenannten Passionen. Nennpferbe, Balletbamen, Wucherer, Spielgenosseu, sie Alle stehen im Dienste bieses luunberbaren Jnstinctes, welcher bem Einzelnen verhängnißvoll wirb, aber ber Allgemein­heit nützlicher ist, als man glauben sollte.

Ja, wir segnen ben unsichtbaren Geist, ber in jebes große Vermögen ben Tobes- keim legt unb Millionen, bie sich fest umschlungen hielten, mit einem Hauche aus- einanberbläft, unb wir theilen auch nicht bie Entrüstung, bie bisweilen gegen ben Enkel laut wirb, welcher fein reiches Erbe verschleubert.

Ihr glaubt, er arbeite nichts? Ach, ber arme Cavalier! Wo gäbe es einen härteren Frohnbienst? Keine Ruh' bei Tag unb Nacht! Die Nacht hindurch muß er hinter bem Spieltisch sitzen, muß mit bebenber Hanb um's Glück würfeln, muß taufenb Mal bie Karten burch bie nervösen Finger gleiten lassen, um schließlich ein Heibengelb zu verlieren. Matt unb mübe fällt er am frühen Morgen auf fein Lager, erwacht nach einigen Stnnben mit wüstem Kopfe, mit ber bohrenben Erinnerung an bie neueste Spielfchulb, unb sein Erstes ist es nun, baß er bas Gelb aufzutreiben sucht unb mit Wucherern feilscht. Das währt bis zum Abenb, bann kommt ein Bischen Ballet unb bann beginnt bie Zwangsarbeit ber Karten unb Würfel aufs Neue. Der Mann ist eher zu bebauern, als zu verbammeu. Er hat habet gute, liebeusmürbige Züge. Er ist gefällig, gutmüthig, wohlthätig, hilft, wo er nur kann. Vor Allem folgt er feinem Schicksal. Sein Vorfahre hat Millionen krystallisirt, er, fein Nachkomme, muß sie wieber auflöfen, in Fluß bringen, er muß! Der alltheileube Geist jagt ihn vor sich her, er gehorcht bem Triebe, arm zu werben.

Lokales.

*** Gießen, 27. März. (Tu a-Concert.) Die zahlreichen gläuzenben Berichte, welche bie Künstlerin Fräulein Teresina Tua begleiten, lassen wohl auf einen höchst genußreichen Abenb schließen unb verfehlen wir baher nicht, auf bas am Donnerstag ben 1. April im Clubsaale ftattfinbenbe Coueert auch au bieser Stelle aufmerksam zu machen.

TieMagbebnrger Zeitung" sagt über Fräulein Tua's kürzlich stattgehabtes Auftreten folgenbes: , . , r

Das Tua-Eoneert vom letzten Montag bebarf keines umstanblichen Nachrufes. Die jugeublich-liebenswürbige Künstlerin besitzt vorzügliche Qualitäten, unb biefe finb so oft unb so berebt gepriesen, baß gewiß nicht jebes neue Auftreten auch eine neue motiüirte Lobpreisung nöthig macht. Dem Zauber ihrer anmuthigen Erscheinung, ihres seelen- unb anmuthsvollen Spieles wirb sich nicht leicht Jemanb entziehen können. Es kann ja babei Täuschung unterlaufen, aber wir hatten biesmal bas Gefühl, als hätten wir nie zuvor von ihr bas Abagio bes Mcnbelsfohn scheu E-moll-6oncertc5 unb bie Cantilene im ersten Allegro mit fo tiefer, keuscher Empfinbung, unb bie buntver- schlungenen Arabesken ber Cabenz unb bes Prestosatzes mit so spielenber Leichtigkeit unb vollenbeter Sauberkeit Dernommen. Ebenso wehte uns aus bem Ehopin'schen Noeturno ber zarte Hauch einer tief elegischen Stimmung entgegen, währenb bie reizenbe Wieniawski'sche Mazurka bie ganze Spielseligkeit wie bie ganze Virtuosität ber hoch­begabten Künstlerin herausgeforbert hatte. Nehmen wir bazu bas Ernst'sche Capriccio