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Beilage ;u Ur. 277 desGießener Anzeiger".

Politische Ueberfkcht.

Gießen, 26. November.

Der Kaiser hat die Nachwirkungen seine« jüngsten Unwohlsein», das sich in einem Katarrh äußerte, der. einige Tage anhielt und dem Vernehmen nach durch zu lang andauernder Sprechen hervorgerufen worden war, zur Zeit völlig überwunden. Am Dienstag unternahm der Kaiser nach mehrtägige Un* terbrechung wieder eine Spazierfahrt, woraus wohl am besten bte völlige Wiederherstellung desselben erhellt. Da der hohe Herr sehr zur Heiserkeit neigt, so ist das Bestreben der ihn besuchenden Aerzte darauf gerichtet, den greisen Monarchen zu bestimmen, die für einen jeden Tag gewährten Audienzen nicht in zu schneller Reihenfolge stattfinden zu lasten, um dadurch ein oft stunden­langes Sprechen zu verhindern und ein lästiges Stehen zu vermeiden. Aus diesem hier angedeuteten Grunde dürste auch die Reichstags-Eröffnung nicht durch den Kaiser selbst vollzogen worden sein, wie es anfänglich der Wunsch des erlauchten Monarchen gewesen ist.

Der Bundesrath hat sich über die wichtigste Vorlage der ReichStagS-Sesfion, diejenige bezüglich der anderweitigen Festsetzung der Friedens- Präsenzstärke de» Reichsheeres, noch vor Eröffnung des Parlaments schlüssig gemacht und damit nur einer allgemeinen Annahme entsprochen. Einstimmig genehmigte der Bundesrath in seiner am Montag abgehaltenen Plenarsitzung die neue Militär-Vorlage und wird demnach der Reichstag dieselbe bei seinem Zusammentritte jedenfalls schon vorgefunden haben. Die Gerüchte über deren Inhalt, wonach in dem neuen Entwürfe eine Feststellung der Heeresflärke aus 1 pCt. der Bevölkerung nach der Volkszählung vom Jahre 1885 mithin eine Erhöhung der bisherigen Friedens,Präsenzstärke um 41,135 Mann und ein abermaliges Septennat vorgeschlagen werde, dürsten inzwischen durch positive Nachrichten überholt worden sein, da die Thronrede über Inhalt und Begrün­dung der Militär-Vorlage Aufschluß geben sollte. Nach Lage der Sache wird die Vorlage gleich in die Generaldebatte über den Etat einbezogen werden können und dieser Umstand wird nicht wenig dazu beitragen, der Etatsberathung im Reichstage noch eine lebhaftere Färbung zu verleihen, als dies bislang schon immer der Fall gewesen ist.

Wie die ofsiciöseAgence Havas" wisten will, sei dem französi­schen Botschafter in Berlin, Herrn Herbette, seitens der Reichsregierung noch keine Mittheilung über eine eventuelle Betheiligung Deutschlands an der Pariser Weltausstellung im Jahre 1889 zugegangen. In Berliner unterrichteten Kreisen bezweifelt man aber nach wie vor, daß sich die Reichsregierung zu einer offi- ciellen Beschickung der Pariser Ausstellung verstehen werde.

Die Gerüchte von einem Wechsel im preußischen Kriegsmini- stertum sind zwar längst officiöserseitS widerlegt worden, aber immerhin ist es bemerkenswerth, daß oerartige Gerüchte überhaupt und noch dazu to kurz vor Eröffnung der ReichltagS'Session austauchen konnten. Selbst in Kreisen, welche der Regierung nahestehen, soll die Möglichkeit einer Ersetzung des Kriegs- Ministers durch den Chef der Admiralität, Generallieutenant v. Caprivi, ernst­

haft erörtert worden sein und daß sich da in allen Volksschichten, in denen man eine ruhige, aber stetige Entwickelung der Dinge in der von der deutschen Politik gleich nach Neugestaltung de» Reiche» eingeschlagenen Richtung wünscht, ein gewiffe» Unbehagen kundgiebt, ist begreiflich. DerKöln. Ztg," zufolge haben die erwähnten Gerüchte schon eine längere Vorgeschichte, denn schon im vergangenen Mai sollen verschiedene Gerüchte im Umlaufe gewesen sein, nach denen beabsichtigt gewesen sei, den preußischen Kriegsminister seiner Stellung zu entbinden und ihm dafür da» Commando de» Garde-CorpS zu übertragen. Auch jetzt wollten gewiffe Blätter Herrn Bronsart v. Schellendorff mit Gewalt zum commandirenden General diesmal des 6. Armee-Corps machen, doch zieht es Herr v. Bronsart offenbar vor, in seiner jetzigen Stellung zu bleiben!

Gerüchtweise verlautet, der Prinz-Regent Luitpold von Bayern werde nunmehr am 9. December am Berliner Hose eintreffen und eine volle Woche daselbst verweilen Bis jetzt haben sich noch alle Miltheilungen über den Zeitpunkt dieses schon so viel erörterten Besuches als mindestens verfrüht erwiesen und auch bezüglich der neuesten Ankündigung wird erst noch eine Be­stätigung abzuwarten fein.

Nachdem sich die Delegationen in Pesth bi» jetzt säst ausschließ­lich mit der hohen Politik beschäftigt, wenden sie sich nun mit verdoppeltem Eifer der Erledigung der Ludgetarbeiten zu. Die österreichische Delegation hat wie im Fluge am Montag die Ordinarien der Heeresbudgets, des Reichsfinanz- Etats und des obersten Rechnungshofes und am Dienstag die Forderungen für die Kriegsmarine einschließlich des Extraordinariums berathen und unverändert genehmigt. Auch in der ungarischen Delegation wickeln sich die Budget- B-rathungen außerordentlich glatt ab und falls sich nicht noch in letzter Stunde unerwartete Schwierigkeiten zwischen beiden Delegationen ergeben, so wird deren Schluß Ende dieses Monats erfolgen können.

Auch in Belgie.n ist man nun der Frage der Leistung der persön­lichen Militärdienstpslicht näher getreten. Dm Dienstag erläuterte in der Deputirtenkammer der klerikale Brüsseler Abg. Oultremont seinen hieraus bezüglichen Antrag, dem der Kriegsminister in verschiedenen Punkten widersprach; trotzdem beschloß die Kammer einstimmig, den Antrag Oultremont in Erwägung zu ziehen. Die ferneren Verhandlungen über diesen Gegenstand versprechen sich sehr interessant zu gestalten, da in der belgischen Deputirtenkammer nicht nur zwischen der liberalen Minderheit und der klerikalen Mehrheit, sondern auch zwischen letzterer und der Regierung selbst tiefgehende Meinungen hinsichtlich der Militär-Reform bestehen, so daß diese Frage möglicher Weise zu einer Cabinet»- Krisis führen wird.

In Gent sand dieser Tage eine große Arbeiterkundgebung statt, die aber nach den bis jetzt vorliegenden Berichten ruhig verlaufen zu sein scheint, denn ein Telegramm au» Gent vom Montag meldet, daß überall Ruhe herrsche und die consignirt gewesene Bürgergarde wieder entlassen worden sei.

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