Nr. ZS8 Freitag den 27. Angust 1886.
Gießener Anzeiger
Amts- Md Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Politische Ueberficht.
Gießen, 26. August.
Der Kaiser hat durch seine körperliche und geistige Frische in den letzten Tagen die Verwunderung seiner Umgebung und der zahlreichen Gäste des kaiserlichen Hoflagers hervorgerufen. Mir der lebhastesten Teilnahme sieht der Kaiser den bevorstehenden Manöoern in den Neichslanden entgegen, wo wiederum die umsaffendsten Vorbereitungen für den Empfang des Monarchen getroffen werden. Wie übrigens nachträglich bekannt wird, hatte sich der Statt« Halter in den Reichslanden, Fürst v. Hohenlohe, in Gastein Seilens des Kaisers wie des Fürsten Bismarck einer überaus lebhaften Anerkennung seiner Verwaltung zu erfreuen. Es ist nicht unbemerkt geblieben, mit welcher Auszeichnung der bisherige Botschafter Frankreichs am diesseitigen Hofe, Baron v. Courcel, von den Majestäten vor seinem Scheiden von seinem jetzigen Posten bedacht worden ist. Der Kaiser hat dem scheidenden Diplomaten den Schwarzen Adler-Orden verliehen, eine Auszeichnung, welche nur wenigen Vorgängern des Botschafters zu Theil wurde. Die deutsche Regierung wollte damit offenbar zu erkennen geben, wie großes Gewicht sie auf die guten Beziehungen mit Frankreich lege, für welche allerdings der bisherige Botschafter mit voller Kraft eingetreten war. Derselbe zieht sich zunächst von dem Schauplatz der öffentlichen Thätigkeit zurück und sein Nachfolger wird Herr Lesebre de Äehaine. Herr Waddington bleibt als Vertreter Frankreichs in London.
Nach den bisher bekannt gewordenen Dispositionen wird Kaiser Wilhelm am 9. September seine Reise zu den Manövern des 15.Armee- Corps nach Straßburg und Metz antreten. Ein glänzender Kreis von Fürstlich« fetten wird den allerhöchsten Kriegsherrn auf seinen bevorstehenden Manöverreisen umgeben und nennt man in dieser Beziehung außer dem Kronprinzen und den Prinzen des preußischen Königshauses den König Albert und den Prinzen Georg von Sachsen, die Großherzöge von Hessen und Baden, den Prinzen Karl von Schweden, den Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt und den Prinzen Wilhelm von Württemberg. Bis zum 19. September dürfte der Kaiser in Straßburg weilen und sich hierauf nach Metz begeben, woselbst ein Aufenthalt bis zum 23. k. Mts. in Aussicht genommen ist. Gleich nach Beendigung der großen Manöver begiebt sich der Kaiser, wie alljährlich um diese Zeit, nach Baden- Baden, um hier noch einige Wochen zuzubringen und wird in Baden-Baden, wie herkömmlich, am 30. September der Geburtstag der Kaiserin im Kreise der grobherzoglich badischen Herrschaften gefeiert werden.
Aus Hamburg geht der „M. Ztg." folgender Bericht ihres Correspon- denten ;u: Die Untersuchung gegen die verhafteten Führer der Socialdemokraten scheint großen Umfang anzunehmen. Man hat anscheinend jetzt die Fäden gefunden, mittelst welcher es voraussichtlich möglich sein wird, einen Einblick in die Organisation der Socialdemokraten nicht blos in Deutschland, sondern auch außerhalb Deutschlands zu erlangen. So viel aus den sehr geheimgesührten Vernehmungen an die Oeffentlichkeit gedrungen ist, war Hamburg die Finanzstelle der socialdemokratischen Bewegung in Deutschland. Es hatten nicht weniger als 17 freie Kaffen für die verschiedenen deutschen Arbeiterzweige ihren Sitz in Hamburg. Mit der Verwaltung der Kaffen war eine weitgehende Agitation in Deutschland verbunden; auch nach der Schweiz sollen namhafte Summen von Hamburg aus abgegangen sein. Im Zusammenhänge mit der in Altona geführten Untersuchung gegen die Socialistensührer soll sowohl die Verhaftung des Nagelschmieds Schlichtwg in Schleswig als die dieser Tage in der Vorstadt St. Pauli vorgenommene Verhaftung von Drei Cigarrenarbeitern stehen. Letztere wurden ebenfalls nach Altona gebracht, während der Führer der Socialdemokraten in Schleswig vorläufig dort vernommen werden wird. Während über die in Schleswig bei mehreren Verdächtigen vorgenommenen Haussuchungen nach socialdemokratischen Schriften nichts Bestimmtes verlautet, soll man in dem nahen Ottensen, wo fich viele socialdemokratische Cigarrenarbeiter aushalten, viele Exemplare des „Socialdemokrat" beschlagnahmt haben. Man geht überhaupt gegen die Tabak- und Cigarrenarbeiter, welche in Altona und Ottensen einen sehr großen Theil der socialdemokratischen Partei bilden, sehr scharf vor. In Folge verschiedener demonstrativer Vorgänge, welche sich in jüngster Zeit bei Begräbnissen von Gesinnungsgenossen breit gemacht haben, waren die Mttglieder des Ottenser Unterstützungsvereins deutscher Tabaksarbeiter aus Anweisung der Regie- rung in Schleswig unter staatliche Controle gestellt worden, welche nach den Reichsgesetzen bekanntlich zulässig, aber bisher noch nicht zur Anwendung gebracht worden ist. Die Mitglieder haben sich darüber beschwert, aber von einer Auflösung des Vereins, über welche die „Kreuz-Ztg." berichtete, ist hier nichts bekannt. Die Beschwerde wird den Mitgliedern wohl wenig nützen. Als ein Redner dieser Tage in einer Versammlung erklärte, die staatliche Ueberwachung sei ein Eingriff in die Coalitionsfreiheit der Arbeiter, löste der überwachende Polizeibeamte die Versammlung auf.
Auch in Frankreich beginnt man höheren Werth aus den Unterricht in den neueren Sprachen zu legen, wie ein an die Rectoren der Facultas des lettres gerichtete Verfügung des Unterrichts-Ministers Ren6 Goblet zeigt. Der Minister ist zwar der Ansicht, daß die Studirenden der neueren Sprachen, welche die vorschriftsmäßigen Studien mit Erfolg durchgemacht haben, durchaus zweckmäßig für ihren Beruf vorbereitet sind — „die Ausbildung würde aber zweifellos eine noch bessere fein, wenn die Studirenden sich längere Zeit in [ Deutschland ober England aufhalten könnten. Sie würden sich dann nicht aiur die Sprache jener Völker besser aneignen, sondern auch die Sitten und Ge- 1
Darmstadt, 25. August. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 25. August dem Staatsminister, Minister des Großherzogl. Hauses und des Aeußern, sowie Minister des Innern und der Justiz, Jakob Finger, das Großkreuz des Verdienst-Ordens Philipps des Großmüthigen und
dem Präsidenten des Ministeriums der Finanzen, August Weber, das Ritterkreuz 1. Klasse des Ludewigs-Ordens zu verleihen.
bräuche, sowie die Culturverhältniffe derselben genauer kennen lernen." Der Minister beabsichtigt daher, diejenigen Studirenden der neueren Sprachen nach dem ersten Jahre ihrer Studien von Juli bis December nach Deutschland und England zu schicken, welche dazu wegen ihres Fleißes und wegen ihrer Fähigkeiten von der Fakultät als geeignet bezeichnet werden. Die Absicht des Ministers sollte schon in diesem Jahre ausgesührt werden, und die Fakultäten werden in der Verfügung ausgesordert, bis zum 1. Juni d. Js. Vorschläge zu machen. Die Kosten der Reise und des Aufenthaltes bestreitet der Staat. Die ausgewählten Studirenden erhalten vom Minister durch Vermittelung des Rectors der Facultds des lettres genauere Anweisung für die Ausnützung ihres Ausent-- Halles im Auslande.
Gegenüber den das allgemeine Interesse beanspruchenden Vorgängen in Bulgarien müssen wir uns Heute in dem Resumö über die anderen politi» schen Begebenheiten des Tages sehr kurz fassen. Die englische Regierung trifft jetzt energische Anstalten zur Niederwerfung der Erhebung in Birma, da binnen Kurzem zu den 17,000 Mann englischer Truppen in Birma 10,000 Mann Verstärkungen stoßen werden. — Die Nachricht, England habe da» Protectorat Über die Ellice-Jnseln Übernommen, ist unbegründet. — Die Cutting-Angelegenheit zwischen Mexiko und Nordamerika wird demnächst ihre Erledigung finden. Die mexikanische Regierung hat den Redacteur Cutting in Freiheit gesetzt, erklärte jedoch zugleich, daß sie das Princip, welches zur Verhaftung Culting's geführt, nicht aufgeben werde.
Mrst Alexander von Bulgarien — frei.
Gießen, 26. August.
Wir konnten in gestriger Nummer unserer Blattes bereits melden, daß das bulgarische Volk sich von seiner Ueberrumpelung aufgerafft und die Revolutionäre gefangen gesetzt habe, welche den um das Bulgarenoolk so hoch verdienten Fürsten schmählich behandelt und über die Landesgrenze schaffen ließen. Heute meldet nun der Telegraph, daß Fürst Alexander frei ist und auf dem Wege nach Darmstadt fei. Wir stellen die diesbezüglichen Nachrichten im Nachstehenden zusammen:
Jugenheim, 25. August. Se. Großh. Hoheit Prinz Alexander erhielt heute folgende Nachrichten:
Fürst Alexander mit seinem Bruder Franz Joseph wurde am 24. ds., Abends, in Neni an der Donau, auf russischem Boden, gelandet; der Kapitän des Schiffes wendete sich um weitere Befehle nach Sofia. Da unterdessen die revolutionäre Regierung gestürzt worden war, so erhielt der Kapitän von der neuen fürstlichen Regierung, den Befehl, sofort den Fürsten nach Sivosto in Bulgarien zu bringen.
Darmstadt, 25. August. Die „N. H. V." melden ferner: Nach einem um 5 Uhr in Jugenheim bei dem Prinzen Alexander eingetroffenen Telegramm des Fürsten von Bulgarien ist derselbe in Nisi (Reni?) von dem Kapitän des Schiffes, welches ihn entführt hatte, an's Land gesetzt und russischen Gensdarmen übergeben worden. Aus Petersburg traf hierauf der Befebl ein, den Fürsten frei zu geben. Derselbe reist aus der Lemberger Bahn über Breslau nach Darmstadt. Prinz Ludwig von Battenberg reift heute Abend seinen Brüdern entgegen.
Aus Sofia meldet Cabinetsrath Menges, nachdem der Telegraph wieder freigegeben und die „Revolutions-Regierung", gestürzt, Karawelow, Stambulow und Nikiforow beseitigt.
Neue Negierung bilden Radoslooow, Stoilow, Geschow und Panow. Die ganze Armee ist für den Fürsten. Das Land ist ruhig.
Die neue Regierung für Ostrumelien unter Oberst Mitkouroff ersuchte telegraphisch den Prinzen Alexander, er möge den Fürsten beschwören, in sein Land zurückzukehren, welches ihn mit dem größten Enthusiasmus empfangen werde.
Ebenso gingen aus Tirnowa und aus Philippope! Delegirte ab, welche den Fürsten aufsuchen und mitbringen wollen.
AuS Widdin fuhr eine Deputation gestern die Donau hinab, um den Fürsten abzuholen. Hofprediger Koch begleitet diese Deputation. (N. H. V.)
Wien, 25. August. Die „Pol. Corr." meldet: Die Begegnung Bismarck's mit Giers findet morgen in Franzensbad statt. Der hiesige russische Geschäftsträger, Fürst Cantacuzene, reist heute Abend nach Franzensbad. In hiesigen russischen Kreisen spricht man die bestimmte Ueberzeugung aus, daß Fürst Alexander am Leben ist und seiner persönlichen Sicherheit keine Gefahr droht. Beglaubigte Meldungen über sein Schicksal fehlen immer noch. .
Bukarest, 25. August. Nach hier eingegangenen Mittheilungen hat Major Panow in Sofia einstweilen die Regierungsgewalt übernommen. Der Commandant der Nacht, auf welcher Fürst Alexander sich befand, hatte Befehl, den Fürsten unter allen Umständen in Reni zu lassen, trotzdem der Fürst den Wunsch geäußert hatte, am rumänischen Ufer gelandet zu werden. Nach einem Telegramm aus, Galatz war es dem Fürsten von den russischen Behörden freigestellt, die Reffe m beliebiger Richtung fortzusetzen. Der Fürst, welcher um 2 Uhr Nachmittags sich noch in Renr befand, wartete den nächsten Zug ab, um in der Richtung nach Oesterreich ferne Neffe fortzuichcm^ August, Nachmittags. Fürst Alexander ist gestern in Reni
angelangt und über Wolotschisk nach Oesterreich luellergeretft, jedoch keineswegs als Gefangener. . „
Giurgewo, 25. August. Eine von Tirnowa datirte, von Stambulow als Präsidenten der Volksvertretung und von Mutkurow als General-Commandirenden der Armee unterzeichnete Proclamation lautet: „Im Namen des ffursten Alexander und der Volksvertretung gebe ich kund, daß ich einstweilen die provi orische Regierung in Sofia übernommen habe und Jeden, der sich den Gesetzen nicht fügt, standrechtlich behandeln werde. Ich ernenne Mutkurow zum General-Commandirenden und über-


