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Nr. 171

Dienstag den 27. Juli

1886.

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Amtlicher Theis.

Nr- 24 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 23. d. M., enthält:

^r- 1677.) Verordnung, betreffend die Errichtung einer besonderen Commission für die Herstellung des Nord-Ostsee-Kanals. Vom 17. Juli 1886» Gießen, am 26. Juli 1886. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann. ^lwi!!!........IUI I* »I* I JBMMIilBMWiMMirimill |,|, | IM

Politische Ueberfkcht.

Gießen, 26. Juli.

Der österreichische Minister des Auswärtigen, Gras Kal- no?y, ist am verflossenen Donnerstag Mittag in Kisfingen eingetroffen unö au dem Bahnhofe vom Fürsten Bismarck empfangen worden. Die Begrüßung zwischen den beiden Staatsmännern trug den Charakter großer Herzlichkeit, lieber den Aufenthalt des österreichischen Ministers in dem unterfränktschen Badeorte lauten die Angaben noch verschieden, nach der einen Meldung beab­sichtigte er bis zum Sonntag, nach einer anderen Mittheilung sogar acht Tage in Kissingen zu verweilen. Jedenfalls ist es keiner der gewöhnlichen kurzen Diplomaten-Besuche, welchen Gras Kalnoky dem deutschen Reichskanzler gegen­wärtig abstattet, denn die mehrtägigen Besprechungen beider Staatsmänner sind offenbar von europäischer Bedeutung, lieber ihren muthmaßlichen Charakter giebt eine osficiöse, von Wien aus ergangene Notiz eine bemerkenswerthe An­deutung. Ihr zufolge dürsten auf den Kissinger Conferenzen die seit der vor­jährigen Zusammenkunft zwischen Fürst Bismarck und Graf Kalnoky auf der Balkan-Halbinsel eingetretenen Veränderungen und ebenso die von Rußland ver­fügte Aushebung des Freihafens von Batum zur Sprache kommen. Im Weitern betonte die Notiz die gemeinsame Politik der Cabinete von Wien und Berlin in allen diesen Angelegenheiten und weist darauf hin, daß der Stand der erwähnten Fragen gerade augenblicklich kein solcher sei, um besondere Ent­schlüsse nothwendig zu machen. Letzteres stimmt lediglich mit der allgemeinen Auffassung überein, wonach die Kissinger Entrevue als ein eminentes Friedens- Symptom betrachtet wird und die in wenig Wochen folgende Kaiser-Zusammen­kunft in Gastein kann nur geeignet sein, diese Anschauung zu verstärken. Der Friedens-Charakter der Kissinger Minister-Begegnung würde sich aber noch weit deutlicher ausprägen, wenn, wie dieFranks. Zeitung" zu melden weiß, Herr v. Giers, der leitende Minister Rußlands, dessen Eintreffen in Franzensbad für die nächsten Tage in Aussicht gestellt ist, sich ebenfalls nach Kissingen zum Be­suche des Reichskanzlers begeben würde. Die friedliche Bedeutung einer Unter­redung auch zwischen dem Fürsten Bismarck und Herrn v. Giers läge zu sehr auf der Hand, als daß dieselbe noch einer besonderen Beweisführung bedürfte. In unverkennbarem Zusammenhänge mit den Kissinger Minister-Conferenzen steht auch die Nachricht, daß sich der österreichische Erzherzog Karl Ludwig nebst Gemahlin zum Besuche der russischen Kaiserfamilie demnächst nach Peterhof begeben werde. Der Erzherzog ist der älteste Bruder des Kaisers Franz Josef und weilte vor einigen Tagen incognito in Berlin, von wo aus er dem Kron­prinzen in Potsdam einen einstündigen Besuch abstattete. Es ist jedenfalls nicht ohne Bedeutung, daß der angekündigte Besuch Des Erzherzogs bei der russischen Kaisersamilie erst nach den Unterredungen des deutschen Reichskanzlers und des Grafen Kalnoky erfolgen soll.

Die Franzosen können mit den Aufständischen im oberen Tongking noch immer nicht fertig werden. Die aus Tongking einlaufenden Regierungs- Depeschen bemühen sich freilich, die dortige Lage im möglichst harmlosen Lichte darzustellen und noch in den jüngsten Tagen empfing der französische Minister­präsident Freycinet einen Bericht des französischen Ministerpräsidenten für Tong­king , Paul Bert, wonach im Lande Ruhe herrsche und nur an der Grenze einige unbedeutende Scharmützel vorgesallen seien. Gleichzeitig aus Tongking in Paris eingegangene Privat-Depeschen lauten jedoch weniger harmlos, ihnen zu­folge herrscht im ganzen oberen Tongking ein an Anarchie streifender Zustand. Schauren von Freibeutern schwärmen um Langson und zeigen außerordentliche Unternehmungslust. Dieselben bestehen fast ganz aus entlassenen oder desertirten chinesischen Soldaten der regulären Armee und greifen die Franzosen beständig an. Der Verlust der letzteren bei diesen fortgesetzten Plänkeleien ist ein immer­hin nicht unbedeutender, da sie bei solchen Affairen, wie die betr. Privatberichte besagen, stets zwischen 20 und 30 Mann an Tobten und Verwundeten verlieren. Thanmoi, woselbst sich eine schwache französische Besatzung befindet, soll von den Aufständischen gänzlich umzingelt sein und ist der Commandant von Langson, Oberst Serviöres, deshalb zum Entsatz des Ortes aufgebrochen.

Das Czarenreich erfreut sich gegenwärtig der Ehre, von Herrn Paul Döroulüde, dem berühmten Revanche-Dichter der Franzosen, bereist zu werden. Als Zweck dieser Reise verkündigt D^roulede offen, die Vorbereitung eines russisch-französischen Bündnisses und die Gewinnungeinflußreicher und hochge­stellter" Persönlichkeiten für dieseerhabene Idee." Bei dieser Gelegenheit hat derDichter" zugleich sein politisches Programm entwickelt, das in folgenden Sätzen gipfelt:Vergrößerung von Frankreich und Rußland nach Möglichkeit, Zurückdrängung Preußens in seine Grenzen vor 1866, Herstellung des deutschen Bundes, den angeblich alle Kleinstaaten wünschen." Jedenfalls giebt es auch in Rußland eine Menge Leute, denen die Durchführung dieses schönen Programmes ganz recht wäre, aber eben die Durchführung, da hapert's! Dies werden auch dieeinflußreichen und hochgestellten" Personen, die der französische Revanche-

Held'für seineIdee" gewinnen will, empfinden. Vielleicht ist das Dementi welches die russische Regierung den überschwänglichen Commentaren, die von Den französischen Blättern an die Gegenwart des russischen Militärbevollmächtigten General Fredericks bei der Chanzy-Feier in Nouart geknüpft worden waren, hat zugehen lassen, zugleich ein zarter Wink an die Adresse des Herrn Döroulöde und seiner Gesinnungsgenossen gewesen!

An der bosnisch-montenegrinischen Grenze grasstrt noch immer das Räuberunwesen. Fast hat es den Anschein, als ob die Räuber aus mon­tenegrinischem Boden Unterschlupf finden, wenigstens zeigen sich die Behörden des Fürstenthums derSchwarzen Berge" gerade nicht besonders eifrig in der Verfolgung der Banden. Fürst Nikita, welcher zur Zeit noch im Auslande weilt, nimmt die Sache freilich ernsthaft, denn noch jüngst langte von ihm ein Telegramm in Cettinje an, welches befahl, daß die strengsten Maßnahmen gegen die Uebelthäter ergriffen werden sollten. Es wurden denn auch 300 Mann Truppen aufgeboten, welche die Gebirge längs der Grenze durchstreiften, ohne merkwürdiger Weise das geringste Verdächtige zu finden, während doch kurz darauf gleichzeitig mehrere Banden von Montenegro aus in Bosnien einfielen und mehrere Viehheerden mit sich fortschleppten.__

Deutschland.

München, 24. Juli. Die Beerdigung Piloty's hat heute Nachmittag unter zahlreicher Betheiligung stattgefunden. Der Prinz-Regent ließ sich durch de . General-Adjutanten, General v. Freyschlag, vertreten. Die Minister v. Lutz und v. Feilitzsch, der Regierungs-Präsident v. Pseuffir und der Bürgermeister wohnten Der Beerdigung persönlich bei, die Kunstakademie, die Universität und andere Lehrinstitute, sowie die Staats- und städtischen Behörden hatten Vertreter entsandt. Der Sarg wurde von Kunstakademikern zum Grabe getragen, die Trauerrede wurde von dem protestantischen Stadtpfarrer Kelber gehalten; nach ihm nahmen der Vicedirector der Kunstakademie, Prof. Widumann, ferner Prof. Thiersch und der Präsident der Künstler-Genoffenschaft, Stieler, zu einem Nach­ruf das Wort. Die Künstler von Berlin, Wien, Stuttgart, Dresden, Düssel­dorf, Karlsruhe und Weimar waren durch Deputirte vertreten, welche Lorbeer­kränze auf den Sarg niederlegten.

Hesterreich.

Bad Gaßern, 25. Juli. Se. Maj. der Kaiser war gestern Abend durch eintretenden Regen an der Ausfahrt behindert und nahm den Thee im Badeschlosse ein. Heute Vormittag 9% Uhr machte Se. Majestät eine Prome­nade aus dem Kaiserwege uno zeichnete dabei den deutschen Consul Hoyock aus Amsterdam durch eine Ansprache aus. Um 11 Uhr wohnte Se. Majestät dem vom Hofprediger Frommel abgehaltenen Gottesdienste bei. Zum Diner sind der Landhofmeister im Königreich Preußen, Graf Dohna-Schlobitten, und der Hofjägermeister, Graf Dohna-Schlobitten, welche hier eingetroffen sind, sowie Hosprediger Frommel geladen. Der Statthalter Graf Thun ist gestern nach Salzburg abgereist.

Dänemark.

Kopenhagen, 24. Juli. Der Präsident des Folkething, Berg, ist heute nach Verbüßung der ihm zuerkannten sechsmonatlichen Gesängnißstrase aus Der Haft entlassen worden. Von dem Comitö, das sich für eine zu Ehren Berg's zu veranstaltende öffentliche Feier gebildet hatte, ist, nachdem die Ver­anstaltung eines solchen Festes sowohl im Thiergarten, wie in Landskrona von ;en Behörden verboten worden war, nunmehr die Abhaltung des Festes in Marienlyst bei Helsingör beschlossen worden.

Telegraphische Depesche«.

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Leipzig, 25. Juli. Der hiesige Ankunfts- und Verkehrsfchuppen der bayerischen Staatsbahn i)t heute durch ein in demselben ausgebrochenes Feuer vollständig in Asche gelegt worden. . y

Triest, 25. Juli. In den letzten 48 Stunden ist keine neue Cholera - Er­krankung vorgekommen, von den früher an der Cholera Erkrankten sind aber zwei gestorben. r ..

Nisch, 25. Juli. Die Skupschtina hat heute der Regierung für die wahrend des Kriegszustandes erlassenen Gesetze und Verordnungen einstimmig Indemnität er; theilt und darauf die Wahlprüfungsdebatte begonnen.

Lokale S.

Gießen, 26. Juli. Herr Securius stieg gestern Abend präcis 6 Uhr aus dem Garten tmWiener Hof" mit seinem Ballon in die luftige Höhe. Zwischen Sicherts­hausen und Frohnhausen kam er wieder zur Erde, so daß er bereits mit dem 8 Uhr-Zug von Frohnhausen in Gießen eintreffen konnte.

.fiert Oberst Bertram, welcher seit dem 17. Jul, vermißt wurde, rst am Samstag in einem Orte im Taunus als geistesgestört aufgefunden und nach einer Anstalt in Frankfurt verbracht worden.