Ur. IM Drittes glatt Donntag den 27 Juni LS8«
reßener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher HHeil.
Betreffend: Die Prüfung der Bewerber um die Berechtigung zum einjährig freiwilligen^Militärdienst im Herbst 1886.
Bekanntmachung.
Diejenigen jungen Leute, welche beabsichtigen, sich der im Herbst 1886 stattfindenden rubr. Prüfung zu unterziehen, werden hierdurch aufgefordert, ihre deßfallsigen Gesuche um Zulassung bei Meldung des Ausschlusses von dieser Prüfung
spätestens bis zum 1. August 1886
bei der unterzeichneten Commission einzureichen.
Hinsichtlich der Anbringung der Gesuche wird im Speciellen das Folgende bemerkt:
1. Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüflings 'Commission mir dann anzubringen, wenn der sich Meldende im Großherzogthum Hessen seinen dauernden Aufenthaltsort hat.
2. Die' Zulassung zur Prüfung kann nicht vor vollendetem 17. Lebens- jahr erfolgen.
3. Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein. Auch erscheint es zweckdienlich, wenn stets die nähere Adresse angegeben wird.
4. Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:
a. Geburtszeugniß;
b. Cinwilligungs - Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über dessen Bereitwilligkeit und Fähigkeit, den Freiwilligen während einer einjährigen activem Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten und zu verpflegen.
lieber die Anforderungen, welche an die zu Prüfenden gestellt werden, Ordn. v. 28. Septbr. 187.5 — Reg.-Bl Nr. 55 von 1875) Aufschluß.
Bezüglich des Prüfungs-Termins, sowie des Locals, in welchem die s kann nicht gerechnet werdend
Darmstadt, den 17. Juni !886.
In diesem Attest darf die Erklärung des Vaters oder Vormundes, daß er in der Lage sei, den Freiwilligen während des einjährigen Dienstes unterhalten zu können, nicht fehlen, auch muß die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt sein.
c. ein Unbefcholtenheitszeugniß, welches von der Polizei-Obrigkeit oder der vorgesetzten Dienstbehörde auszustellen ist;
d. ein selbstgeschriebener Lebenslauf.
5. In dem Gesuche ist außerdem anzugeben, in welchen zwei fremden Sprachen (Französisch, Englisch, Lateinisch oder Griechisch) der sich Meldende geprüft sein will.
6. Ist bereits früher ein Gesuch um Zulassung zur Prüfung eingereicht worden, so bleibt dem erneuten Gesuche nur ein Unbescholtenheils' zeugniß beizulegen.
gibt die Prüfungs-Ordnung (Anl. 2 zur Ersatz-Ordn. — I. Theil der Wehr- lrKfung stattfindet, erfolgt ev. weitere Bekanntmachung; auf specielle Ladung Großh. Prüfungs-Commission für einjährig Freiwillige.
Der Vorsitzende: Ur. Zeller.
Ein armer König.
Ein Gedenkblatt auf die Gruft Ludwig II.
Quand on a tont perdu, quand on n’a plus d’espoir, La vie est un opprobre, la mort un devoir.
Voltaire.
lieber einem müden König hat sich in Bayerns Hauptstadt die Gruft geschlossen — ein armes, vielbedrängtes Herz, das aufhörte zu schlagen in den kühlen Wogen des Starnberger Sees, es hat Ruhe für immer und braucht sich nicht mehr zu grämen über die Kurzsichtigkeit des engherzigen, realistischen Menschengeschlechts.
Ein König und Selbstmörder!
Es liegt eine furchtbare Tragik in diesem seit Menschen leben und von Königen regiert werden, unerhörten Vorfall, eine Tragik, die, mit Romantik gepaart, uns gewöhnliche Menschenkinder, die im täglichen Kampfe mit den Mühen und Trübsalen des Lebens den Sinn und das Verständniß für wahre Romantik, für kühnen Geistesflug und idealen Schwung der Gedanken fast eingebüßt haben, erschüttert, die uns mit mächtiger Gemüthsbewegung packt, die uns mit jenem Weh ergreift, das die Offenbarung des ganzen Jammers der Menschheit stets mit sich bringt.
So wie den ersten Pfingstfeiertag dieses Jahres hat Bayerns braves Volk nie einen gesehen, wird es mit Gottes Hülfe feinen wiedersehen!
Im Park des Schlosses Berg ergehen sich der kranke König und der Irrenarzt, der trotz seiner erprobten Kunst in der Behandlung Geisteskranker sich täuschen ließ über tfen wahren Zustand des Kranken. Sie nähern sich dem Ufer des Sees und da geschieht das Entsetzliche.
Lichtete sich in diesem Augenblick die Nacht des Wahnsinns, die über den be- klagenswerthesten aller Monarchen ihre schwarzem Fittiche ausgebreitet hielt, für einen Augenblick? Fuhr ein Blitz des Erkenntnisses durch sie hin und zeigte dem Aermsten in greller Beleuchtung das Demüthigende seiner Lage? Oder brach sich der Wahnwitz in einem schrecklichen Wuthausbruche Bahn, der den König vor nichts mehr zurückschrecken, der ihn selbst zum Mörder werden ließ?! —
Wir wissen es nicht und werden es nie erfahren. Wir wissen nur, daß in den Fluthen des Sees zwei Männer rangen, daß sie einen Kampf kämpften auf Leben und Tod, dem der an den Stufen des Greisenalters stehende Arzt bald erliegen mußte.
Es ist eine furchtbare Scene gewesen. Wohl kein menschliches Auge hat sie gesehen, fein menschliches Ohr hat die erstickten Hülserufe gehört, nur der Himmel schaute in ewiger starrer Ruhe hernieder, nur die tobte Umgebung sah ein Ereigniß, das in seiner Furchtbarkeit feines Gleichen sucht, so lange die Erde steht, so lange die ewigen Gesetze der Natur in immer gleicher Folge sich vollziehen. Und bann wurde der Widerstand des einen der Ringenden schwächer und schwächer; gurgelnde Wellen umspielen sein Antlitz, das sich im Todeskampfe verfärbt.
Die erste Hälfte der Katastrophe war vorüber, wenige Minuten später auch die zweite. Weiter hinaus in den See, wo er tiefer abfällt und seine Fluth dunkelt, stirbt Bayerns irrer König. Bald umfangen die Wogen auch fein Haupt, sein brechendes Äuge schaut zum letzten Mal die heißgeliebten Berge, deren schneebedeckte, hochragende Häupter auf den See herniederschauen. Seine Lieblinge waren es gewesen durch sein ganzes,-nur zu kurzes Leben. Sie standen seinem Herzen näher als alle feine Mitmenschen, mögen sie es nun treu oder falsch mit ihm gemeint haben. Ihre dunklen Wälder sahen ihn oftmals, inmitten ihrer schweigsamen Einsamkeit träumte er Gedanken, zu deren Höhe wir uns nicht aufzuschwingen vermögen: dort wandelte fein Fuß hoch über dem Hasten und Drängen des Menschen, die nach vergänglichen Erfolgen jagen, dort schwang sich sein Geist zu den idealen, lichtbestrahtten Höhen göttlicher Kunst, zu denen nur Auserwählte aufsteigen, zu denen der Anderen blödes Auge nicht zu dringen vermag.
Dann zogen die Wellen des Sees immer weitere Kreise. Sie plätscherten zurück an's Ufer und flüsterten die schreckliche Kunde des Geschehenen dem hohen Schilfgras zu, das leise im Abendwind rauscht — und dann kam die Nacht.
Stunden sind vergangen, bis sie ihren König vermissen, bis sie seine Leiche fanden und diejenige des treuen Arztes, dem Pflichterfüllung näher stand, als das
Leben und dessen Namen mit demjenigen seines Königs und seinem schrecklichen Ende für immerdar fest verknüpft und der Vergessenheit entrissen sein wird. Dann trug der Telegraph die Schreckenskunde in alle Welt! Wir konnten es anfänglich nicht glauben, konnten nicht fassen was geschehen war, zu unerwartet traf uns die Nachricht vom freiwilligen Tode eines Königs.
Ich bin kein Arzt. Ich kann dem Leser keine Erklärungen geben über „Paranoia" oder „originären Wahnsinn". Das mögen Berufene thun und es ist im Laufe der letzten Tage vielfach und von den besten Psychiatern unserer Tage der Versuch gemacht worden, die räthselhaften, unerforschlichen Motive, die zur Katastrophe geführt, auf Grund ihrer Forschungen und Beobachtungen über die Umnachtung des menschlichen Geistes klarzulegen. Meine Leser werden mir zustimmen, wenn ich der Krankheit des unglücklichen Bayernkömgs einen anderen, faßlicheren Namen beilege, wenn ich sie hochgradiges Herzweh nenne, entsprungen aus dem trostlosen Gefühle gänzlicher geistiger Vereinsamung, immerwährendem Mißverstandenwerden, das schließlich zum Trübsinn, zum grimmigsten Menschenhaß führen mußte — und dann ist das Gespenst des Wahnsinns nimmer weit----
Auf hoher Bahre ruhte dann der Leichnam des Königs in der Hauptstadt des Reiches, die der Monarch im Leben so oft gemieden. Aber darum waren ihm die Herzen seines Volkes nicht gram geworden und die tausendköpfige Menge drängte sich um den Sarg, der Andrang wollte fein Ende nehmen, aus allen Theilen des Reiches, vom Oberland bis zu der sonnigen Pfalz waren sie gekommen, ihrem todten König noch einmal in das blasse Antlitz zu sehen, dessen Zügen der Tod nichts Abschreckendes aufzuprägen vermocht Halle. Leises Weinen um ihn scholl aus her Menge, vermischte sich mit den Gebeten um das Heil seiner Seele und legte beredtes Zeugniß ab von der Liebe eines Volkes zu feinem Herrscher.
Dann trugen sie ihn zu Grabe und als sich die Gruft über ihm geschlossen, da war der Vorhang über dem letzten Act einer Tragödie gefallen, die lange nachflingen wird in den Herzen der Menschen.
Wie in einer Märchenwelt lebte und webte König Ludwig II. von Bayern, aber nicht wie ein schwächlicher Phantast ist er aus der Welt geschieden, nein, wie ein echter tragischer Held verließ er sie.
Während er seiner Eigenart, unbekümmert um die Anforderungen der Welt, in königlicher Freiheit jeden Zügel schießen ließ, gerieft) er in schweren Conflict mit der unerbittlichen Nothwendigkeit der Verhältnisse und mußte an sich erfahren, daß der Einzelne, und sei er selbst ein König, machtlos ist, gegen den Strom der Allgemeinheit zu schwimmen. Man wollte ihm seine schöne Einsamkeit von jeher nicht gönnen, doch erst als der Geist des Königs in diesem ewigen Aufsichselbstbesinnen sich verwirrt batte und die Aeußerungen seiner Willkür gefährlich zu werden begannen für seine nähere und fernere Umgebung, da erst entschloß man sich, der Freiheit des Königs Schranken zu ziehen, wie sie das Wohl des Ganzen und Einzelnen dringend erheischten. So bildete sich in König Ludwig vielleicht die Wahnvorstellung aus, daß er das Opfer ränkesüchtiger Verfolgung sei und, wie ein gehetztes Wild, eilte er lieber freiwillig in den Tod, als daß er sich in den Netzen der Jäger verfangen wollte und befolgte in Wirklichkeit jene Worte in Voltaires „Merop.e", welche einst Friedrich II. nach der Schlacht bei Collin äußerte, die ich als Einleitung dieser Zeilen benutzt habe und die in deutscher Uebersehung lauten:
„Wenn Alles ist verloren, wenn selbst die Hoffnung bricht, Ist leben eine Schande und Sterben wird uns Pflicht."
Otto Fr. Koch.
B t t m i f t t $
Berlin, 19. Juni. Unter der eigenartigen Adresse „An den Medicinalpsuscher William Becker" wurde die gerichtliche Vorladung dem „Naturheilkünstler" jenes Namens zugeschickt. Es ist dies derselbe Becker, welcher vor mehreren Monaten wegen mehrfacher Heilschwindeleien zu einem Jahre Gefängniß verurtheilt, aber gegen eine Caution von 10,000 JL vorläufig auf freiem Fuß belassen worden ist. Diesmal sollte er sich vor der Berufungskammer wegen unbefugten Verkaufs von Arznei verantworten. Der vielseitige Herr „Doctor" hielt es aber für angezeigt, dem deutschen Vaterlande


