-immer des Entschlafenen ausgebahrt, der Sarg reich geschmückt. Auch der Kaiser, die Kaiserin und die Großherzogin von Baden hatten Kränze gesandt. Unter den Anwesenden bemerkte man außer den Familienmitgliedern den Cultus- mmister, den Rector der Universität Berlin, Kleinert, den Dekan der philoso- vhischen Fakultät, Scherer, den Adjutanten des Prinzen Albrecht und Andere. Nach einem einleitenden Choralgesang hielt der älteste Sohn des Entschlafenen, Pfarrer Otto Ranke, die Trauerrede, in welcher er Psalm 126, welchen der Verstorbene noch an seinen letzten Lebenstagen sich hatte vorlesen lasten, zu Grunde legte uud namentlich das häusliche Leben des Verstorbenen schilderte. Gesang schloß die ergreifende Feier. Morgen Nachmittag findet unter Betheiligung dec gelehrten Körperschaften und der Studentenschaft die feierliche Heber* führung der Leiche nach der Sophienkirche statt, von wo die Beerdigung erfolgt.
— Das Gesetz, betr. die Abänderung der kirchenpolitischen Gesetze, ist heute veröffentlicht worden.
Karlsruhe, 25. Mai. Der Elbgroßherzog, der sich von Tag zu Tag sichtlich erholt, wird im Laufe des kommenden Monats eine längere Badekur in Bad Nauheim unter Leitung des dortigen Arztes Dr. Grödel beginnen.
Arankreich.
Paris, 25. Mai. Dem „Journal des Döbalö" zufolge herrschen Meinungsverschiedenheiten im Ministerium über die Ausweisung der Prinzen. Frey- cinet ist der Ansicht, daß es nicht angezeigt sei, eine derartige Maßregel eintreten zu lasten. ____________________
Reichstag.
E. R. Berlin, 25. Mai 1886.
Die Berathung der Branntweinsteuer-Vorlage wird fortgesetzt.
Abg. Dr. Delbrück (Reichsp.) ist der Meinung des Abg. Windthorst, zunächst ein Nothsteuergesetz herzustellen und die endgiltige Erledigung der Branntweinsteuer bis zum Herbst zu vertagen. Die höheren Consumsteuerstufen von 80 und 120 Pfg. müßten gestrichen und die niedrigste vorgeschlagene Stufe von 40 Pfg. auf 30 Pfg. ermäßigt werden.
Hiergegen wendet sich Preuß. Finanzminister v. Scholz in lebhafter Abwehr. Wer soll denn bei uns zu dem ©einigen kommen, wenn die Consumsteuer nur 30 Pfg. beträgt. Der Minister rühmt das Entgegenkommen des Abg. Windthorst in dessen gestriger Rede und den ernsten Willen desselben, der Finanznoth des Reichs und der Einzelftaaten Abhülfe zu schaffen, die weiter abzuleugnen nur noch der Abg. Richter den Muth habe. In heftiger Weise polemisirt der Minister gegen Richters gestrige Rede und behauptet unter dem lauten Widerspruch der Linken, daß die dem Abg. Richter nahestehende Zeitung nur geschaffen sei, um der Regierung Schwierigkeiten zu bereiten.
Abg. Bock (Socdem.): Die Steuern müssen im Verhältniß zum Einkommen aufgebracht werden. Wenn der Minister von den großen Bedürfnissen im Reiche, von dem Rothstand der Communen und der Erhöhung der Gehälter, und wenn der Abg. Oechelhäuser dem gegenüber von Socialreform gesprochen habe, so sei das pure Heuchelei. (Der Redner erhält für diese Bemerkung einen Ordnungsruf.) Der Arbeiter bedarf des Branntweins. Wisfen denn die Herren, daß es viele Tausende von Arbeitern gibt, die täglich nur 45 Pfg. verdienen. Das frühere Patrimonium der Enterbten roch nach Tabak, das uns heute vorliegende riecht nach Fusel. Mit solcher Socialreform verschonen Sie uns. Wir werden die Vorlage ablehnen.
Abg. Zorn v. Bulach (Elsässer): In Elsaß-Lothringcn sei man für eine höhere Besteuerung des Branntweins, da seit Einführung des Branntweinsteuergesetzes her Alkoholismus in Elsaß-Lothringen bedeutend um sich gegriffen habe; feine Freunde und er treten für die Verbrauchsabgaben ein und wünschen, daß die Besteuerung beim Detaillisten und beim Schankwirth stattfinde; seine Freunde seien für die Berathung in einer Commission. .
Abg. Rickert (dfr.): Ich halte dem Fmanzmunfier Manches zu Gute, denn er hat viel Unglück gehabt, nun klammert er sich an den Abg. Oechelhäuser an, nachdem selbst Abg. Delbrück die Vorlage für unannehmbar erklärt hat. Die Erklärung des Abg. Windthorst hat den Minister befriedigt, während dies doch nur die Sprache des Diplomaten in dem Abg. Windthorst war. Unerhört ist die Verdächtigung des Abg. Richter durch den Minister. Solche Sprache sollte doch aus dem Parlament verbannt bleiben. Sollte das etwa heißen, daß die Freisinnige Zeitung bestochen sei, um gegen die Branntweinsteuer zu wirken. Zu solchen Verdächtigungen hat ein Mitglied der Preußischen Regierung gar kein Recht; die Minister arbeiten selbst mit öffentlichem Geld, mit dem Reptilienfond und mit Preßfond. Herr v. Scholz hat seinen Schweinburg, lassen Sie dem Abg. Richter die Freisinnige Zeitung. Die Rede des Ministers wimmelt von mißverständlichen Auffassungen der Rede des Abg. Richter. Wo liegt denn die Dringlichkeit, die der Finanzminister so sehr betont? Die Etats sind festgestellt und die Bedürfnisse sind befriedigt. Abg. Oechelhäuser Hal erklärt, auf die Bedürfnißfrage gründlich eingehen zu wollen, wir wollen diese dann in der Kommission einmal an der Hand von Zahlen prüfen, ich habe nicht den Wunderglauben des Herrn v. Scholz. Der Abg. Delbrück hat uns heute verrathen, daß es sich nur um die Roth der Landwirthfchaft handle. Die Behauptung des Abg. Wedell-Malchow, daß Abg. Richter die Großgrundbesitzer zu ruiniren gedenke, ist doch nicht ernsthaft zu nehmen. Sind die Landwirthe thatsächlich in solchem Noth- stande, dann sollte der Staat lieber eine Summe zur direkten Unterstützung aussetzen. So gern ich den Branntwein durch andere Getränke ersetzt sehen möchte, er ist für die Landarbeiter und auch einem Theil der städtischen nicht zu entbehren. Die Oechel- häuser'sche Finanzpolitik macht ein Zusammengehen mit den Nationalliberalen unmöglich.
Nach einigen Bemerkungen des Abg. Buhl (nat.-lib.) wird die Debatte geschlossen und die Vorlage an eine Kommission von 28 Mitglieder verwiesen.
Nächste Sitzung unbestimmt; jedenfalls nach Pfingsten.
Telegraphische Depeschen.
WoLff'S telrgr. «srresporrderzz - Brrreau.
Erfurt, 25. Mai. In Alkersleben bei Arnstadt hat, wie die „Thüringer Zeitung" meldet, ein gestern niedergegangener Wolkenbruch großen Schaden angerichtet, mehrere Personen sind verunglückt, verschiedene Häuser sind vom Wasser nieder- gerissen, zahlreiche Aecker sind verwüstet. Einige hundert Stück Vieh kamen in dem Wasser um.
London, 25. Mai. Gladstone hat sich nach dem heutigen Cabinetsrath zur Audienz bei der Königin nach Windsor begeben.
Moskau, 25. Mai. Die Majestäten sind heute Vormittag hier eingetroffen und wurden von der Bevölkerung enthusiastisch begrüßt. Der Empfang im Kreml verlief äußerst glänzend.
Catania, 25. Mai. Die Eruptionen des Aetna sind im Steigen begriffen. In der letzten Nacht wurde öfters heftiges unterirdisches Getöse vernommen. Die durch die vereinigten Krater gebildeten Kegel erreichen eine Höhe von 200 Meter, der Durchmesser des Kraters beträgt 250 Meter. Die Lava fließt sehr reichlich und ist nunmehr 5 Kilometer von den Häusern entfernt, die bisherigen Schäden sind un- bettächtlich.
Lokale-.
Gießen, 26. Mai. Samstag den 29. l. M., Vormittags 9 Uhr, findet im Regierungs-Gebäude dahier eine öffentliche Sitzung des Provinzialausschujses statt mit .folgender Tagesordnung:
]. Die Ausführung der Wasserleitung in der Stadt Gießen, hier Ansinnen Großh. Kreisamts Gießen auf veränderte Aufstellung des an der Ecke der Bismarck- und Ludwigstraße errichteten Brunnens.
2. Recurs der Gemeinde Reinhardshain gegen den Beschluß des Kreisausschusses zu Gießen, betr. Nichtübernahme der Straße Neinhardshain- Wirmerod.
Gießen, 26. Mai. Die Beilage Nr. 14 des Großh. Regierungsblattes enthält eine Uebersicht der für das Etatsjahr 1886-87 von Großb. Ministerium des Innern und der Justiz genehmigten Umlagen zur Bestreitung der Communalbedürfnisse in den Landgemeinden des Kreises Gießen, welcher wir die nachfolgenden Ziffern entnehmen. Es kommen auf 1 JL Normalsteuerkapital in den Gemeinden:
Allertshausen 50V3 A- Climbach 533/,, Burkhardsfelden 40V4 Dorf Gill 441/2 Lindenstruth 4P/, Rödgen 46 H, Rüddmgshausen 422/s H und Watzenborn mit Steinberg 43*/,
Zwischen 30 und 40 H in: Allendorf a. d. Lahn, Beltershain, Daubringen, Garbenteich, Geilshausen, Göbelnrod, Heuchelheim, Kesselbach, Klein-Linden, Lauter, Londorf, Odenhausen, Reiskirchen, Saasen, Stangenrod, Stockhausen, Weickartshain und Weitershain.
Zwischen 20 und 30 in: Alten-Buseck, Annerod, Bettenhausen, Beuern, Birklar, Großen-Buseck, Grüningen, Harbach, Hansen, Holzheim, Hungen, Inheiden, Lollar, Lumda, Muschenheim, Ronnenroth, Obbornhofen, Ober-Bessingen, Ober- Hörgern, Queckborn, Rabertshausen, Reinhardshain, Rodheim, Steinbach, Trais-Horloff,. Trais a. d. £., Trohe, Wieseck.
Zwischen 10 und 20 in: Allendorf a. d. Lda., Bellersheim, Eberstadt, Ettingshausen, Großen-Linden, Grünberg, Langd, Lang-Göns, Leihgestern, Lich, Mainzlar, Münster, Oppenrod, Villingen, Winnerod.
Weniger als 10 H entfallen auf die Gemeinden Hattenrod, .Langsdorf, Rieder- Bessingen, Steinheim und Utphe; die Gemeinden Bersrod, Ruttershausen und Staufenberg sind so glücklich, keine Communalabgaben erheben zu müssen.
Gießen, 26. Mai. Zwei Frauenzimmer, aus einem Dorfe im Kreise Wetzlar gebürtig, welche schon mit dem Zuchthause Bekanntschaft gemacht haben und sich hier in Gießen subsistenzlos aufhielten, verübten eine Reihe von Diebstählen in Wohnungen und Läden. Sie wurden vorgestern verhaftet und sehen demnächst ihrer Bestrafung entgegen. Nähere Mittheilungen über in der letzten Zeit dahier verübte Kleiderund Wäsche-Diebstähle, welche noch nicht zur Anzeige gebracht sind, wären der Polizei erwünscht.
G. Gieße«, 26. Mai. sSterblichkeit in Gießens Die Zahl des Todesfälle in unserer Stadt war in der Woche vom 16. bis 22. Mai ganz dieselbe wie in der unmittelbar vorhergehenden Woche, nämlich 8. Unter den Gestorbenen befanoen sich 3 Kinder, von denen das eine an Stimmritzenkrampf, das zweite an Nhachitis (englische Krankheit), das dritte, im Alter von 3 Jahren, an Lungenschwindsucht starb. Bei den 5 erwachsenen Personen war Todesursache: Nierenentzündung, Herzkrankheit, Lungenschwindsucht, acuter Gelenkrheumatismus, Altersschwäche je einmal.
Gieße«, 26. Mai. Die diesjährige Generalversammlung des Geselligkeilsvereins Gleiberg findet Samstag den 29. ds. Mts. auf der Burg Gleiberg statt. Nach dev Tagesordnung werden neue Statuten zur Berathung kommen, auf Grund deren dem Verein Corporationsrechte verliehen werden sollen. Auch andere mit der Statutenänderung zusammenhängende Anträge, die auf Weiterentwickelung des Geselligkeitsvereins Gleiberg und seiner Unternehmungen gerichtet sind, werden den Mitgliedern zur Beschlußfassung unterbreitet werden. Den letzten Gegenstand der Verhandlungen wird die geplante Uebernahme der Burg Vetzberg bilden.
Es steht sonach zu erwarten, daß sich die Burg Gleiberg am nächsten Samstag des Besuches einer großen Anzahl von Mitgliedern und Freunden des Vereins aus Gießen und Umgegend zu erfreuen haben wird.
Vermischte-.
Reiskirchen, 26. Mai. Am Abend des vorigen Sonntag wurden zivei junge Leute aus Burkhardsfelden auf der Landstraße zwischen hier und Burkhardsfelden von mehreren hiesigen Burschen angefallen und durch Messerstiche verletzt. Die Thäter sind bekannt und ist gegen dieselben gerichtliche Untersuchung eingeleitet.
Marburg, 24. Mai. Heute Morgen früh badeten am Platze der städtischen Schwimmanstalt drei junge Leute, von denen einer, ein hier conditionirender Schriftsetzer, vermuthlich in Folge eines Schlaganfalles, verunglückte; er verschwand vor den Augen seiner Kameraden und konnten ihn dieselben nicht retten, ja nicht einmal die Leiche auffinden.
Wilna, 22. Mai. Der Cirkus Ferroni ist Nachmittags nebst allen Costümen und Requisiten abgebrannt.
— Gast: „Herr Wirth, vor Ihrem Biere läuft ja alles davon!" —' Wirth: „Ja, 's ist aber auch Exportbier!"
Universität- - Chronik.
— Das dem Fortbestände der deutschen Universität zu Dorpat drohende Ver- hängniß schreitet unerbittlich vorwärts. Wie die „Rev. Ztg." hört, werden vom nächsten Sommer an in Dorpat das Examenreglement und die Kurse der russischen Universität eingeführt werden. Damit wird sich eine schwerwiegende Aenderung vollziehen, wenngleich die deutsche Lehrsprache von ihr noch nicht direct betroffen wird. Was die einzelnen Klassen in den Gymnasien, sind die sogenannten Kurse in den russischen Universitäten. Jede Fakultät hat ihre 4 Kurse für jedes Fach und der Student gelangt ans dem einen in den andern nur nach abgelegtem Examen; zugleich schließt der Besuch des einen Kursus in einer Fakultät den Besuch der Kurse anderer Fakultäten aus; es herrscht eine genaue Cvntrole über den Besuch der Kurse, wie etwa über den Schulbesuch 2c. Wie man sieht, ist die Einrichtung der Kurse der spanische Stiefel, in den gesteckt, jede akademische Lehrfreiheit kläglich ersticken muß. Und der Tod derselben in Dorpat, das ist es ja, was die Slamophilen zunächst erstreben; mit dem Reste werden sie dann schon fertig werden.__
Gin gesandr.
Gießen, 26. Mai.
Entgegengesetzt der Ansicht, daß eine lange Eissaison die finanzielle Lage unseres Eisvereins günstiger gestalten müsse, ist die Erfahrung, die dieser Verein gemacht hat. Die Instandhaltung der Eisbahn bei den fortwährenden Schneefällen hat die Mittel des Vereins derart in Anspruch genommen, daß derselbe mit einem Deficit von 400 bis 450 JL. der neuen Eissaison entgegengeht.
Geschichts-Kalender.
27. Mai.
1560. Großer Brand in Gießen; es brannten, durch einen Blitz angezündet, 168 Häuser ohne die Nebengebäude vor dem Wallthor ab und der große freie Platz, der Brand und die Brandgasse tragen den Namen davon.
1703. Peter der Große gründet St. Petersburg.
1822. Joachim Raff geboren.
1832. Das Hambacher Fest.
1840. Niccolo Paganini stirbt.
Weiße und cräme seidene Faille Francaiae, Surah, Satin merveilleux, Damaste, Ripse, Taffete und Atlaffe Mk. 1.25 Pf. per Meter bis Mk. 18.20 vers. in einzelnen Roben und Stucken zollfrei in's Haus das Seidenfabrik - Döptzt 6- Henneberg (K- u. K- Hoflieferant.) Zürich. Muster umgehend. Briefe kosten 20 Pf. Porto. 1197
prakt. u. Specialarzt für Haut-, Frauen - u. Ge* £*- Bchlechtskrankheiten (Syphilis)etc. Frankfurt a M.
" S' tutr. 22. fr. A Ratet. Prn' Antw bri.fl 02
Temperatur der Lahn.
Am 26. Mai, zwischen 11 und 12 Uhr: Wasser 14°, Luft 14° R. im Schatten. i L. Chr. Rübfamen.


