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Nr. 224 Zweites Blatt Sonntag den 26. September Eß
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Wochen - Ueberfkcht.
Gießen. 25. September.
Kaiser Wilhelm hat sich tn der herrlichen Luft von Baden-Baden von den aufregenden Tagen seines Aufenthaltes in Straßburg und den Wander- Strapazen wieder vollständig erholt und erfreut sich gegenwärtig des besten Wohlbefindens. Die Rückkehr des Monarchen nach Berlin steht in der ersten Octoberwoche zu erwarten und sieht man zu dieser Zeit auch dem Besuche des Prin-'Regenten Luitpold von Bayern am kaiserlichen Hose entgegen.
Die schönen Kaisertage im Elsaß haben mit dem Besuche des deutschen Kronprinzen in Metz noch einen erhebenden Nachklang gefunden. So kurz bemeffen der Aufenthalt des Kronprinzen auf lothringischem Boden auch gewesen ist, so hat er doch kurz den begeisterten Empfang, welcher dem deutschen Thronfolger als Vertreter seines kaiserlichen Vaters speciell in der Hauptstadt Lothringens selbst zu Theil geworden ist, gezeigt, daß, wie im Elsaß, so auch in Lothringen, der Regermanisirungs-Proceß der Bevölkerung nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich immer weiter sortschreitet und dies wird hoffentlich ein bleibender Gewinn der heurigen Kaisertage im Reichslande bleiben. Von Metz aus hat sich der Kronprinz über Straßburg und Basel direct nach Ober-Italien begeben, um seine hier schon einige Zeit weilende Gemahlin nebst den Prin- zessinnen-Töchtern heimzugeleiten. Ob die kronprinzlichen Herrschaften vor der endgültigen Rückkehr nach Berlin noch einen Aufenthalt tn Wiesbaden nehmen werden, scheint noch nicht ganz sestzustehen.
Die am Montag beendigte Extra-Session des Reichstages mit ihrem einzigen praktischen Ergebnisse, der Verlängerung des deutsch-spanischen Handelsvertrages', bildete auch in dieser Woche das Leitmotiv für die Erörterungen der Presse auf innerpolitischem Gebiete. Eine geeignete Unterlage sanden diese Erörterungen durch die inzwischen eingegangenen überraschenden Meldungen über den Madrider Militärputsch und wenn etwas geeignet war, die Rothwen- digkeit der Einberufung des Reichstages zur raschen Erledigung des Handelsvertrages in das hellste Licht zu setzen, so sind es die beunruhigenden Nachrichten von jenseits der Pyrenäen. Sie lassen wieder einmal erkennen, wie schwankend und unsicher doch die gesammten Verhältnisse in Spanien fortgesetzt sind und daß daher die Reichsregierung aus möglichst schnelle Sicherung des werthoollen spanischen Handelsvertrages bedacht war, erscheint jetzt gegenüber den Vorgängen in Madrid nur zu begreiflich.
Was die ordentliche Winter-Session, die letzte in der gegenwärtigen Legislaturperiode des Reichstages, anbelangt, so verlautet, daß die Eröffnung derselben nicht vor Mitte November stattfinden werde; über die zu machenden Vorlagen herrscht noch vollständige Ungewißheit.
Auf kirchenpolitischem Gebiete ist aus dieser Woche die Inthronisation des neuen Freiburger Erzbischofs Dr. Roos zu verzeichnen. Dieselbe bekundet in ihrem Verlaufe und namentlich durch die friedfertige Rede, welche der neue Erzbischof auf bem stattgehabten Festmahle hielt, daß in Deutschland die Ausgleichung zwischen der staatlichen und kirchlichen Gewalt immer weitere Fortschritte macht. Ferner verdient auch als ein weiteres Friedenszeichen die Begnadigung sämmtlicher, wegen Vergehen gegen die Maigesetze verurtheilten Kleriker der Diöcese Posen-Gnesen registrirt zu werden. Der „Moniteur de Rome", eines der osficiösen vatikanischen Blätter, nimmt hiervon mit dem Bemerken Act, daß das Werk des Friedens also täglich ernstere Fortschritte mache.
Der Reichstags-Abgeordnete für Mannheim, Köpfer (Volks- partei), hat krankheitshalber sein Mandat niedergelegt.
Die öffentliche Meinung Oesterreich-Ungarns stand in dieser Woche ersichtlich unter dem Eindrücke der Auslassungen ungarischer Parlamentarier über die bulgarische Frage, wobei auch das Verhältniß Deutschlands zu Oesterreich-Ungarn mit erörtert worden ist. Diese Auslassungen, zu deren Mundstück sich Graf Appony und Gras Bansfy gemacht haben, spiegeln deutlich die Besorgnisse weiter Volkskceise in Ungarn von dem Wiedererstarken des russischen Einflusses aus der Balkan-Halbinsel wider und unterziehen Den Werth des Bündnisses zwischen Deutschland und Oesterreich einer ernsten Kritik. Die Wiener Osficiösen haben sich beeilt, die ungarischerseits geäußerten Besorgnisse zu zerstreuen, aber das wird nicht hindern, daß in den an diesem Samstag beginnenden eigentlichen Verhandlungen des ungarischen Reichstages die gesammte bulgarische Frage abermals eine hervorragende Rolle spielen wird und daß die bezüglichen Debatten auch in dem am 29. September zusammentretenden österreichischen Reichsrathe ein lebhaftes Echo finden dürsten.
In der französischen auswärtigen Politik accentuirt sich eine immer deutlicher hervortretende Wendung in der Richtung einer Annäherung an Deutschland. Dieselbe giebt sich zunächst in der Entsendung Mr. Herbette's, des neuen französischen Botschafters bei der deutschen Regierung, nach Berlin ; kund, denn was auch sonst über diese Ernennung gefabelt werden mag, so steht doch das Eine fest, daß Mr. Herbette als specieller Vertrauensmann des Ministerpräsidenten Freycinet nach Berlin geht, augenscheinlich, um einen ge- ; Viffen „modus vivendi“ zwischen dem deutschtn Reiche und Frankreich Herzu.stellen. In dieser Richtung bewegen sich auch die Erörterungen der dem Pariser Cabinet nahestehenden Blätter und es kann wohl nicht bezweifelt werden, daß hierdurch die öffentliche Meinung jenseits der Vogesen in einem der geplanten Annäherung zwischen den Cabineten von Paris und Berlin günstigen Sinne beeinflußt werden soll. Ob dies gelingt, muß freilich noch abgewartet werden.
Den Schlüssel zu der neuesten Wendung in der auswärtigen Politik Frankreichs geben dessen wachsende Besorgnisse vor einer dauernden Besetzung Egyptens durch die Engländer; man wünscht sich in Paris die, wenn auch nur moralische Unterstützung Deutschlands gegen England am Nil zu sichern und hofft dadurch die verloren gegangene Stellung Frankreichs im Pharaoner.lande wieder zu gewinnen. Aber auch hier muß abgewartet werden, inwieweit der Calcül der französischen Staatsmänner richtig sein wird. — Die französischen Radikalen haben in dem von ihnen eingeleiteten Feldzuge gegen den Vatikan soeben eine Schlappe erlitten, indem ihr Antrag, den Kredit für die französische Botschaft beim Vatikan zu streichen, von der Budget-Commission der Deputirtenkammer abgelehnt wurde.
Das englische Cabinet Salisbury hat den ersten ernsten parlamentarischen Ansturm der Gladstonianer und Parnelliten siegreich zurückgewiesen. Mit einer Mehrheit von 95 Stimmen lehnte das Unterhaus am Dienstag die regierungsseitig energisch bekämpfte Parnell'sche Bill über die irische Bodenfrage ab, woraus der Schluß zu ziehen ist, daß das Cabinet Salisbury wenigstens in Bezug auf feine irische Politik eine geschloffene Mehrheit hinter sich hat. Bei der gegenwärtig wieder in Irland herrschenden gereizten Stimmung ist es freilich nicht unmöglich, daß die Partei Parnell's die Ablehnung der Bill durch die Anzettelung ernsterer Unruhen beantworten wird. In der Mittwochssitzung des Unterhauses kündigte übrigens die Regierung bedeutende und nothwendige Veränderungen in der Geschäftsordnung an, die sich jedenfalls auf die von der Opposition beliebte Obstructionspolitik beziehen.
Der Herzog von Edinburg, der zweitälteste Sohn der Königin Victoria, ist in Konstantinopel zum Besuche des Sultans eingetroffen und von dem türkischen Herrscher mit großer Auszeichnung empfangen worden. In Petersburg scheint man hinter dem Besuche des englischen Prinzen in Konstantinopel politische Motive zu wittern und demselben ein Paroli biegen zu wollen, denn es heißt, der Großfürst-Thronfolger beabsichtige gleichfalls, dem Sultan einen Besuch abzustatten.
Der Schluß des englischen Parlaments erfolgt an diesem Samstag.
Das Madrider Pronunciamento zu Gunsten der Republik, von dem der spanische Telegraph in dieser Woche unerwartet Kunde gab, ist ebenso rasch unterdrückt worden, als es zum Ausbruch kam, und scheint demnach dieser neueste Militärputsch für das spanische Königthum keine weitere Folgen haben zu wollen. Immerhin haben sich in Folge dieser Vorgänge noch eine ganze Reihe von Verhaftungen in der spanischen Hauptstadt nothwendig gemacht, deren Gesammtzahl sich bis Dienstag auf 221 belief, von denen dreißig Civil- und 191 Militärpersonen betroffen wurden.
Die russische Presse deutet immer unverhüllter die eigentlichen Ziele Rußlands in Bulgarien an. Die „Moskauer Zeitung" sagt ganz ungeschminkt, daß jetzt ein russischer Commiffar mit dictatorischen Gewalten nach Sofia entsendet werden müsse; auch habe vor der Wahl eines Fürsten oder einem jedem sonstigen Arrangement die Entscheidung darüber stattzufinden, in welcher Weise sich eine europäische Lösung der bulgarischen Frage zu vollziehen habe.
Der russischen Forderung, den Proceß gegen die Theilnehmer des Staatsstreichs von Sofia zu verschieben, hat die bulgarische Regierung insofern nachgegeben, als der Tag der Eröffnung der Proceß-Ver- handlung erst später bekannt gegeben werden soll; auch widerspricht die bulgarische Regierung der Unterschiebung, als ob sie die am Staatsstreiche Betheiligten summarisch aburtheilen lassen wolle.
Die Erderschütterungen im Südosten der Vereinigten Staaten, und speciell in Charleston, haben sich wiederholt und campirt in Folge dessen die Bevölkerung der genannten Stadt im Freien.
UniverfitätS -Chronik.
— Der bisherige Diakonus nn der St. Nikolaikirche zu Stralsund, Lio. E. Bindemann, ist zum ordentlichen Professor der Theologie zu Greifswald ernannt worden. t ,
— Eine für Privatdocenten wichtige Entscheidung hat kürzlich der Königlich preußische Unterrichtsminister gefällt. Die venia legendi verleiht dem Docenten nicht nur Rechte, sondern er übernimmt mit ihr zugleich auch Pflichten. Tritt er demnach eine Beschäftigung an, die ihn nöthigt, die Universitätsstadt als ständigen Wohnort aufzugeben und ihn somit in der Ausübung seiner akademischen Lebrthätigkeit hindert, so erlischt seine Befugniß als „Privatdocenl^.
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Lübeck, 21. September. Heute früh 10 Uhr starb hier an den Folgen einer Blutvergiftung, die er sich bei der Section einer Leiche zugezogen hatte, der Oberarzt am hiesigen Krankenhause Dr. med. Hinckeldeyn. Der Verstorbene erreichte nur ein Alter von 41 Jahren. Er hatte ein vierwöchiges schweres Krankenlager zu überstehen, bevor der Tod ihn von seinen Leiden erlöste. Ein anderer hiesiger Arzt liegt ebenfalls an einer Blutvergiftung darnieder, die er sich bei derselben Section zugezogen hat. Doch hegt man in diesem Fall Hoffnung auf Besserung. .
Stuttgart, 22. September. In Folge eines heftigen Gewitters, das von wolkenbruchartigem Regen begleitet war, ereignete sich gesttrn Nachmittag kurz nach 4 Uhr hier ein schweres Unglück. Zwei in einem Eanalschacht beschastiate Manner wurden durch die plötzlich andrängenden Wassermassen sortgeschwemmt unb durch den Canal dem Neckar zugeführt. Man hat ihre Leichen bis zur Stunde noch nicht auf- sinden können. Die Verunglückten sind der 18 Jahre alte Arbeiter Silber aus Unter- türkheim und der 22jährige Huppenbauer aus Drekendorf.


