berathung der Prinzen-Vorlage hatte zur Folge, daß die Ausweisungs-Maßregeln gegen die Prinzen die Billigung des Senats gefunden haben. Das Ausweisungs-Gesetz ist gestern veröffentlicht worden un) sämmtliche davon betroffene Prinzen haben Frankreich bereits verlassen.
Am kommenden Freitag wird in England der Schluß des Parlamentes erfolgen, woran sich am nächsten Tage die Auflösung des erst im vorigen Herbste neu gewählten Unterhauses schließt. Die Auflösung des letzteren geht diesmal bereits mitten unter den Wogen des Wahlkampfes vor sich und überall sind die Vorbereitungen zu den Neuwahlen schon so weit vorgeschritten, daß die Regierung der Auflösung des Unterhauses eigentlich die Vornahme der Neuwahlen sosor^ folgen lassen könnte, wenn eben nicht der von der Verfassung vorgeschriebene Zwischenraum zwischen beiden Terminen innegehalten werden müßte. Fast jeder Tag bringt von jenseits des Kanals neue Wahlreden und neue Wahlmanifeste und anscheinend hat die Wahlbewegung noch immer nicht ihren Höhepunkt erreicht. Eine beme^kenswerthe Zwischen-Episode in derselben bildet Die lebhafte Anteilnahme der amerikanisch-irischen Nationalisten, welche Mr. Parnell, dem Ches der irischen National-Partei, 20,000 Dollars zu Wahlzwecken übermittelt haben. Gegenüber den Ungeheuern Geldmitteln, mit denen die conservativen und unionistisch-liberalen Gegner der irischen Partei im Allgemeinen operiren können, will die genannte Summe freilich herzlich wenig bedeuten.
Bezüglich der Hebriden-Frage ist noch nichts Neues zu verzeichnen. In der Montagssitzung des Unterhauses erklärte Unterstaatssecretär Bryce, daß er feinen letzten Mittheilungen hinsichtlich der Neuen Hebriden nichts Neues hinzuzufügen habe, die englische Regierung könne sich nicht über die Haltung der französischen Regierung in dieser Angelegenheit beklagen, beide Regierungen hätten bie Übereinkommen aus den Jahren 1878 und 1883 als bindend anerkannt.
Der russische Minister des Auswärtigen, Herr v. Giers, wird am 6. Juli zum Kurgebrauch in Franzensbad eintreffen und darf man diese Badereise des leitenden russischen Ministers wohl als ein weiteres beruhigendes Symptom für die Orientlage auffaffen. Ob Herr v. Giers vor seinem Eintreffen in Franzensbad dem deutschen Reichskanzler den schon mehrfach angekündigten Besuch abstatten wird, ist zu bezweifeln, einfach aus dem Grunde, weil sich Fürst Bismarck zu diesem Zeitpunkte schon in Kissingen befinden dürste. Wahrscheinlich wird aber Herr v. Giers nach Beendigung seiner Franzensbader Kur Zeit und Gelegenheit zu einer Zusammenkunft mit dem Fürsten Bismarck wahrnehmen.
Die Vertagung der griechischen Deputirtenkammer bis zum 4. November ist geeignet, die Zuversicht auf den Bestand des Friedens im Orient ungemein zu erhöhen und darf nunmehr bie Gefahr, daß Griechenland in abermalige chauvinistische Anwandlungen zurückfallen werde, als gänzlich beseitigt betrachtet werden.
Telegraphische Depesche«.
wolss'S telegr. Lorrespo«-e«r - Bvreav.
EmS, 23. Juni. Seine Majestät der Kaiser machte gestern Nachmittag eine Ausfahrt. Heute früh fand nach der Trinkkur die Promenade statt, dann wurden Vor-» träge Perponcher's und Wilmowsky's erledigt. Gegen 1 Uhr Mittags wird der Besuch der Kaiserin aus Coblenz erwartet.
Berlin, 23. Juni. Fürst Bismarck ist heute Morgen nach Varzin ab- gcreist.
Berlin, 23. Juni. Der Bundesrath überwies die Vorlage in Betreff der Veranstaltung einer allgemeinen deutschen Industrie-Ausstellung zu Berlin im Jahre 1888 den Ausschüssen für Handel und Rechnungswesen. Dem Entwürfe einer Verordnung zu dem Gesetze über die Ausdehnung der Kranken- und Unfallversicherung vom 28. Mai 1885 wurde die Zustimmung ertheilt. Ein Antrag Sachsens wegen erneuter Anordnungen auf Grund des Gesetzes gegen die Socialdemokratie (Kleiner Belagerungszustand in Leipzig) und ein Ausschußbericht über den Gesetzentwurf in Betreff der Fürsorge für Wittwen und Waisen der Angehörigen des Reichsheeres und der Marine wurden angenommen.
Berlin, 23. Juni. Das Regulativ für die Jmmediat-Commission zur Ausführung des Ansiedelungsgesetzes erhielt die königliche Genehmigung.
Berlin, 23. Juni. Im Abgeordnetenhause wurde heute die Weichsel-Nothstands- Vorlage in der Fassung der Regierungsvorlage in zweiter Lesung angenommen. Bei der ersten zur Berathung stehenden Petition stellte sich die Beschlußunfähigkeit des Hauses heraus, wetzhalb die Sitzung geschlossen wurde. — Nächste Sitzung Freitag.
Posen, 23. Juni. Der Cultusminister v. Gotzler ist heute, von Danzig kommend, hier eingetroffen. Unter dem Vorsitze v. Gotzler's findet eineEonferenz, betr. das Volksschulwesen, statt.
— Der Cultusminister v. Gotzler stattete dem Erzbischof einen Besuch ab, welchen dieser Nachmittags erwiderte.
Pinneberg, 23. Juni. Im hiesigen Wahlkreise wurde Rechtsanwalt Peters in Kiel (Nationalliberal) ^um Landtagsabgeordneten gewählt.
Prag, 23. Juni. Bei Kozerad schlug gestern beim Ueberfahren über den Sazawa ein Kahn mit 50 Firmlingen um; bisher wurden 25 Leichen herausgezogen.
Paris, 23. Juni. Das „Journal officiell" veröffentlicht das Gesetz über die Ausweitung der Prinzen.
— Der Graf von Paris und sein Sohn reisen morgen von Jreport nach England ab; der Herzog von Aumale begab sich gestern nach Eu; Prinz Napoleon reist heute nach Genf und Prinz Victor nach Brüssel.
— Die republikanischen Blätter sind getheilter Ansicht über die Folgen der Prinzen-Ausweisung; die gemäßigten beharren darauf, die Ausweisung sei ungerechtfertigt; die opportunistischen fordern, die Regierung solle den Intransigenten gegenüber das Visir lüften; die radicalen wünschen eine bestimmtere, republikanische Politik; die monarchistischen meinen, die Revolution steige und die Republik gehe darnieder.
— Heute fand beim Prinzen Victor Empfang statt, wozu zahlreiche hervorragende Persönlichkeiten der bonapartistischen Partei erschienen waren.
— Prinz Victor ist um 6Va Uhr Abends nach Brüssel abgereist. Einige bonapartistische Notabilitäten, darunter der Marquis Lavalette, Levert, Haußmann, geleiteten den Prinzen nach Brüssel. Bei der Abfahrt des Zuges wurde gerufen: „Es lebe der Kaiser, auf Wiedersehen", andererseits auch: „Es lebe die Republik." Vielfach wurde gepfiffen. Einige Verhaftungen fanden auf dem Bahnhofe statt.
— Einem Wiener Telegramm des „Journal des Debats" zufolge gab der französische Botschafter Foucher Decareil seine Demission.
— Der Graf von Paris nimmt in Tunbridgewells (Grafschaft Kent) seinen Wohnsitz.
L ondon, 23. Juni. Gladstone hielt gestern in Glasgow eine Rede und trat sodann die Rückreise nach London an. An allen Bahnhöfen Schottlands wurde er von großen Menschenmengen begeistert begrüßt.
— Lord Hartington beabsichtigt, am Freitag sich nach Glasgow zu begeben und dort in einer großen Versammlung der Unionisten eine Rede zu halten. — John Bright richtete an den liberalen Abgeordneten Eaine, welcher sich in der irischen Frage von Gladstone trennte, ein Schreiben, worin er seinen Wünschen für den Erfolg der Candidatur Caine's bei den nächsten Wahlen Ausdruck gibt.
— Das Oberhaus nahm in dritter Lesung die Wahlbeamtenkostenbill, die Medicinalbill, die Weinzollbill und die Finanzbill an.
Lissabon, 23. Juni. Der König beabsichtigt nach Ems zu zehen.
Rom, 23. Juni. Cholera-Bericht. Vom 22. bis 23. Juni, Mittags, kamen in Venedig 3 Erkrankungen und 2 Todesfälle vor, in Brindisi 18 Erkrankungen und 7 Todesfälle, in Sanvito 4 Erkrankungen und 2 Todesfälle, in Oria 3 Erkankungen und 1 Todesfall, in Latiano 2 Erkrankungen.
Petersburg, 23. Juni. Das „Journal de St. Petersbourg" bezeichnet die Behauptungen der Pariser Journale bezüglich angeblicher Schritte Rußlands in Konstantinopel, die auf Beschleunigung in der Beurlaubuna türkischer Truppen gerichtet wären, als falsch. — Das „Journal" dementirt ferner Die Information der „Polit. Correfp." aus Sofia, daß Nabokow bemüht sei, die Spuren feiner Mitschuld an der sogenannten Verschwörung verschwinden zu machen. Nabokow verlange im Gegen- theile richterliches Verfahren, aber in den legalen Verhältnissen gemäß den Kapitulationen. Diese Genugthuung werde ihm verweigert. Das Blatt wiederholt, die Verschwörung sei eine Fabel.
Petersburg, 23. Juni. Das „Journal de St. Petersbourg" dementirt die Gerüchte über Concentrationen russischer Truppen in Bessarabien und die Sendung, von Verstärkungen an die armenische Grenze seitens der Pforte als den Beziehungen zwischen Rußland und der Türkei nicht entsprechend.
Belgrad, 23. Juni. Die Skupschtina wurde auf den 12. Juli einberufen.
Konstantinopel, 23. Juni, lieber die Provenienzen aus Montenegro wurde eine 5tägige Observation verhängt.
Bukarest, 23. Juni. Gutem Vernehmen nach beschloß der Ministerrath, den Kammern einen Gesetzentwurf vorzulegen, welcher die Regierung ermächtigt, während der Zeit, worin die Kammer nicht versammelt ist, provisorische Abmachungen mit solchen Staaten abzuschließen, welche mit Rumänien in Handelsbeziehungen stehen. Diese Abmachungen sollen auf derselben Grundlage abgeschlossen werden, wie der jüngste schweizerisch-rumänische Handelsvertrag; auch dürfen dieselben provisorisch in Vollzug gesetzt werden, sind aber den Kammern bei deren Wiederzusammentritt zur nachträglichen Genehmigung vorzulegen.
Lokale-.
Gießen, 23. Juni. sSchwurgericht.] Des Verbrechens wider die Sittlichkeit int Sinne des 8 176,1 des R. St. G. B. angeklagt ist heute der ledige Johannes Loth von Rüddingshausen. Die näheren Umstände des Falles entziehen sich der öffentlichen Besprechung; bemerkt fei nur, daß der Angeklagte seine Handlungsweise als eine Züchtigung darzustellen versuchte, welche er, im Zorn über die ihm Seitens der Verletzten widerfahrene Abweisung seiner Heirathsanträge, der Verletzten ertheilt habe. Die Geschworenen pflichteten dieser Darstellung nicht bei, denn sie bejahten die gestellte Schuldfrage und wurde deshalb der Angeklagte in eine Gefängnitzstrafe von 8 Monaten verurtheilt.
Universität- - Ghronik.
Halle a.- <5. Die Zahl der Jmmatriculationen beträgt in diesem Sommersemester hier 1518 (gegen 1498 im Winter-Semester), davon entfallen 616 auf die theologische, 101 auf die juristische, 329 auf die medicinische und 472 auf die philosophische Facultät. Mit dem 1. Juli geht das Rectorat von Prof. Dr. Conrad auf Prof. Dr. Dittenberger über.
Freiburg. Nach dem Adreßbuch der Universität Freiburg i. Br. venheilen sich die 1319 immatriculirten Studenten in folgender Weife auf die vier Facultäten: Theologen 112, Juristen 263, Mediciner und Pharmaceuten 585, Angehörige der philosophischen Facultät 359. Die Zabl der Badener beträgt 303, die der Nicht-Badener 1016. Da zu diesen immatriculirten Studenten noch 85 Hospitanten kommen, so- nehmen an den Vorlesungen im Ganzen 1404 Theil.
— Dr. Wach, Professor des Staatsrechts zu Leipzig, hat einen Rus nach Berlin angenommen.
— Prof. Dr. Lipsius, Mitdirector des philologischen Seminars zu Leipzig, erhielt einen Ruf nach Heidelberg an Stelle des nach Leipzig berufenen Professor Wachsmuth.
— Prof. Dr. v. Pflugk-Harttung zu Tübingen hat einen Ruf als ordentlicher Professor der Geschichte zu Basel an Stelle von I. Burckhardt (und des verstorbenen W. Vischer) angenommen.
— Prof. Dr. Kräpelin, Oberarzt für Geistes-und Nervenkranke am städtischen Krankenhause zu Dresden, hat einen Ruf als ord. Professor der Psychiatrie und Director der psychiatrischen Klinik nach Dorpat angenommen.
Vermischtes.
Berlin, 16. Juni. Das Polizei-Präsidium erläßt folgende Warnung: „Durch - eine hiesige Firma ist ein Taschenfeuerzeug in Form eines Kanonenrohrs angefertigt und in den Handel gebracht worben, bei welchem Demjenigen, welcher dasselbe durch einen Druck auf den Verschlutz zu öffnen versucht, eine Nadel von lf/j Millimeter Länge in den Finger fährt. Der Gebrauch dieser Feuerzeuge erscheint gesundheitsgefährlich , insbesondere dann, wenn die Nadelspitze mit Unreinigkeiten behaftet und dadurch geeignet ist, Entzündungen oder selbst Blutvergiftungen herbeizuführen."
München. sKönig Otto.] Ungefähr zwei Stunden von München auf der Straße nach Starnberg steht das alte, jetzt aber comfortabel umgebaute Jagdschloß Fürstenried. Auf Anordnung des verstorbenen Königs wurde dasselbe vor circa 10 Jahren für den Prinzen Otto total umgebaut und neu hergerichtet. Eine 12 Schuh hohe Mauer umgiebt Garten und Park, in dessen Mitte mit der Front auf eine große Lindenallee das nun prachtvoll hergerichtete Schloßgebäude steht. Zu beiden Seiten lehnen sich Stallgebäude und Dienerwohnungen an dasselbe an. Die Frontseite der Mauer ist links und rechts mit je einem Häuschen versehen, welches die Gensdarmerie und der Hofgärtner bewohnt. Seil der Prinz König geworden, hat auch Fürstenried eine etwas veränderte Gestalt angenommen. Während nämlich früher dortselbst nur eine kleinere Gensdarmeriestation domieilirte, welche dem Landbezirke angehörte, ist dieselbe seit der Proclarnation ziemlich verstärkt worden durch Gensdarmerie aus der Stadt. Die Proclamation, wodurch die bayerische Majestät auf König Otto übertragen wurde, ist ihm durch seine beiden Curatoren, General Freiherr von Prankh- und Obersthofmarschall Freiherr von Massen, überbracht worden. Er weiß davon, daß er König und sein Bruder tobt sei. Die Tobesursache kennt er nicht. König Otto ist schon feit längerer Zeit auf mehrere Zeitungen abonnirt, welche von bemselben mit Vergnügen gelesen werben. In ber letzten Zeit bürsten keine vorgelegt worben sein. König Otto raucht gerne Cigaretten, fährt aber selten aus, will jeboch demnächst in die Stadt fahren, lieber das österreichische Kaiserhaus pflegt derselbe gerne zu sprechen, wie er überhaupt für dasselbe sehr eingenommen zu sein scheint. König Otto kommt selten aus seinem Schlosse ober Schloßparke heraus; man kann sich nur erinnern, daß er im vorigen Herbste einmal in dem nahen Walde Erdbeeren suchte. Das Schloß mit seiner hohen Mauer macht den Totaleindruck eines noblen Gefängnisses und dies umsomehr, als die Bewachung der Gensdarmerie übertragen ist. Die Cavalier-Umgebung des jetzigen Königs von Bayern besteht aus dem Rittmeister Baron Redwitz als funct. Hofmarschall und dem Hauptman-i Baron v. Stengel, bann bem Rittmeister v. Schubart als Begleiter. Die Aerzte, welche monatlich wechseln, sind Assistenzärzte ber hiesigen Irrenanstalt; außerbem sinb 3 Wärter ba, von benen jebesmal einer im schwarzen Anzuge bei ber Spazierfahrt neben bem Kutscher sitzt. Sein alter Kammerdiener Vögele bilbet immer noch ben Chef ber Hausbienerfchaft. In einer Wiener Zeitung werben Aeußerungen eines Arztes des nunmehrigen Königs über den Zustand desselben und über sein Verhältniß zu König Ludwig mitgetheilt. Der erwähnte Arzt war verpflichtet, den Prinzen mit dem Aufgebot seiner ganzen Kunst zu behandeln, aber es blieb ihm verwehrt, in äußersten Fällen auch nur ein einziges der Mittel anzuwenden, welche bie moderne Jrrenheilkunde gestattet uub empfiehlt. Rur mit milbem Zuspruch sollten unb bürsten bie Aerzte dem kranken Bruder des Königs- nahen; schon bie Drohung mit ber Gewalt war ihnen von Lubwig II. strengstens verboten. Wenn Prinz Otto sich schlechterbings nicht mehr fügen wollte, bann wurde als höchste Instanz der König aufgerufen. Mehr als einmal fuhr Ludwig II. dann in Fürstenried ein; am liebsten bei nachtschlafender Zeit. Mehr als einmal trat er denr Tobenden gegenüber. Und mehr als einmal soll Prinz Otto inmitten ber heftigsten


