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Nr. 19» Dienstag den 24 August 1886.
WWW Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau r Schulstraße 7.
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Erscheint tätlich mit Ausnahme des MontagS.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerloha.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
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Amtlicher Höeil.
BeLr.: Die Wahl des Kreistages des Kreises Gießen durch die 50 Höchstbesteuerten. Gießen, am 21. August 1886.
Das GroßherZogliche Meisamt Gießen
an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Wir beauftragen Sie, uns binnen 14 Tagen ein Verzeichniß derjenigen Höchstbesteuerten nach dem unten stehenden Formulare vorzulegen, welche nach den Communalsteuerkapitalien des vorigen Rechnungsjahres (1885/86) ein Communalsteuerkapital von 2500 und mehr haben.
Bei der Ermittlung der Höchstbesteuerten wird nur die von innerhalb des Kreises gelegenen Immobilien zu entrichtende Grundsteuer, die von innerhalb des Kreises befindlichen Gewerbsanlagen, oder wegen Wohnsitzes innerhalb des Kreises veranlagte Gewerbsteuer, die veranlagte Kapitalrentensteuer unk die bei den Communalumlagen innerhalb des Kreises in Anrechnung kommende Einkommensteuer angerechnet.
Steuerzahlungen der Ehefrau werden mit denjenigen des Ehemannes, Steuerzahlungen minderjähriger, beziehungsweise in väterlicher Gewalt befindlicher Kinder werden mit denjenigen des Vaters zusammen gerechnet. Im übrigen sind aber auch Frauen, Aktiengesellschaften rc. (s. Art. 17 der Kreisordnung) in das Verzeichniß aufzunehmen, da deren Stimmrecht durch Vertreter ausgeübt werden kann.
Wenn jedoch ein Höchstbesteuerter nach Art. 16 und 17 der Kreisordnung nicht stimmberechtigt sein sollte, so wollen Sie dies in der Spalte „Bemerkungen" des Verzeichnisses angeben.
Wie schon bemerkt, kommen Steuerzahlungen nur in den Beträgen zur Anrechnung, welche im vorigen Rechnungsjahre entrichtet worden sind, es sei denn, daß sie auf Objecten haften, welche im Erbgang erworben sind.
Wenn sich unter den Höchstbesteuerten solche befinden, die noch in anderen Gemeinden oder Gemarkungen des Kreises besteuert sind, so wollen Sie sich von den Gr. Bürgermeistereien dieser Gemeinden oder Gemarkungen den Betrag dieser weiteren Communalsteuerkapitalien mittheilen lassen und solches in dem Verzeichniß unter Namhaftmachung dieser anderen Gemarkungen noch beifügen. Diejenigen Gr. Bürgermeistereien, in deren Gemarkungen sich keine Höchst- besteuerten mit einem Communalsteuerkapital von 2500 und darüber befinden, oder im Rechnungsjahr 1885/86 keine Communalsteuern erhoben worden sind, wollen dies kurz berichtlich anzeigen.
Im einzelnen verweisen wir Sie noch auf Art. 14—18 der Kreisordnung und Art. 4 des Gesetzes vom 15. Mai 1885 (Regier.-Bl. S. 95).
I. V.: v. Bechtold.
Verzeichniß -er Höchstbesteuerten der Gemeinde . . . .
Ord.-Nr.
Des Höchstbesteuerten Vor- und Zuname mit etwaiger Beinummer.
Sein Wohnort.
am Wohnort.
Seine Communalsteuerkapitalien
in den weiteren Gemarkungeni
im Ganzen.
Bemerkungen.
Nr. 28 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 18. d. M., enthält:
(Nr. 1682.) Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und dem Sultan von Zanzibar. Vom 20. December 1885.
(Nr. 1683.) Bekanntmachung, betreffend die Ermäßigung des in dem Handelsverträge mit Zanzibar erwähnten, in Zanzibar vom Tabak zu erhebenden Zolles. Vom 11. August 1886.
Nr. 29 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 21. d. M., enthält:
(Nr. 1684.) Allerhöchster Erlaß, betreffend die Abänderung des Zinsfußes für die auf Grund des Allerhöchsten Erlasses vom 30. März 1885 aufzunehmende Neichsanleihe. Vom 4. Juni 1886.
Gießen, am 23. August 1886. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I V.: v. Bechtold.
Politische Neberst-cht.
Meßen, 23. August.
Der deutsche Kronprinz wird am 4. September in Augsburg erwartet, von wo aus er sich nach dem Lechselde begiebt, wo Heuer wiederum Manöver der bayerischen Truppen stattfinden. Der hohe Herr gedenkt nach den Manövern auch der Königin-Mutter von Bayern in Hohenschwangau einen Besuch abzustatten.
Die Meldungen über die Neubesetzung des wichtigen Postens eines Militärbevollmächtigten bei der deutschen Botschaft in Petersburg lauten noch sehr widersprechend, so daß es am besten erscheint, die verschiedenen Namen, die bereits genannt worden sind, einstweilen bei Seite zu lassen. Auch die von Berliner Blättern mit einer gewissen Bestimmtheit gebrachte Nachricht, daß Oberstlieutenant Gras v. Wedel, Flügeladjutant des Kaisers, als welcher er jedoch niemals persönliche Dienste geleistet hat, zum Nachfolger des Generals v. Werder designirt sei, entbehrt noch der authentischen Bestätigung.
Ueber die Anwendung des Socialistengesetzes bezüglich der socialdemokratischen Druckschriften und Vereine sind in einer soeben erschienenen, vom Polizeisecretär Atzrott in amtlichem Auftrage verfaßten Broschüre folgende Angaben enthalten. Seit Erlaß des Socialistengesetzes bis zum 1. Juni d. Js. sind durch Bekanntmachung im „Reichs-Anz." 984 Druckschriften verboten, 246 Vereine geschlossen worden. Von den verbotenen Druckschriften gehören 792 der Kategorie der Broschüren, Flugblätter rc. an, während 83 in Deutschland und 41 im Auslände erschienene Zeitungen unterdrückt wurden; außerdem wurden 32 einzelne Nummern verschiedener Zeitungen aus Grund des Socialistengesetzes confiscirt. Der größte Theil der Verbote ging von preußischen Behörden aus, sodann folgen Sachsen, Bayern, Hamburg, Baden, Braunschweig, Hessen und Württemberg. Zu den verbotenen Vereinen, welche zusammen in 137 Orten ihren Sitz halten, gehören ihrer Art nach 17 über ganz Deutschland verbreiteten Central-Verbänden und 18 einzelnen Mitgliedschaften derselben an, 3 waren Cmtralkassen, 100 Arbeiter- und Wahlvereine, 15 Mitgliedschaften der sociali- fiischen Arbeiterpartei Deutschlands, 7 Fachvereine und 85 gesellige Vereine.
Der „Voltaire" kündigt das Aufthun einer zweiten orientalischen Frage an: Der Kamps um den Einfluß in Marokko, der bisher unter der Decke spielte, werde fortan offen zu Tage treten. In diesem Augenblicke suche Muley Hassan eine neue Stütze und der Minister des Auswärtigen sei deshalb nach Berlin geschickt worden. Es sei das aber zu spät. Frankreich, als nächster Nachbar Marokkos, müsse klare Verhältnisse schaffen und dafür sorgen, „daß die Marokkaner nicht länger in Berlin suchen, was sie daheim nur mit Hülfe ihrer Nachbarn finden würden; man bildet sich bei uns ein, wir hätten blos Grenzen in Europa, die Deutschen wissen sehr wohl, daß wir auch anderwärts Grenzen haben, und sie handeln darnach."
Ungewohnte Besorgnisse erregt der Zustand der neuesten unblutigen Erwerbung des Königreichs Birma. Wir verdanken es dem Vertreter der „Times" in Rangun, wenn zuweilen der Zipfel des Schleiers, der über dieser fast friedlichen Erwerbung ruht, gelüftet wird. Er meldete von den Gcoßthaten des Obersten Cooper, welcher die Birmanen erst photographirte, ehe er sie aufknüpsen ließ. Heute erfahren wir, daß dort ein anderer englischer Minos, der Kapitän Adamson, haust, dessen Richtersprüche bis jetzt ungefähr 2000 Jahre Zuchthaus zusammengebracht haben. Wir erfahren ferner, daß sich jetzt 30,000 Soldaten in Birma befinden, die 16,000 Mann abgerechnet, die im October unter General Macpherson von Indien aus dahin befördert worden, und doch erstreckt sich das eigentliche wirkliche englische Machtgebiet nicht über den Bereich der Schußweite hinaus. Die Schanstaaten sind überhaupt noch nicht in Angriff genommen worden; dafür ist das frühere britische Birma, welches sich fast 40 Jahre lang unter der englischen Herrschaft befindet, eine Beute von Räubern und Halsabschneidern geworden. Liest man den Bericht der „Times" durch, so läßt sich nur das Eine sagen, daß die Franzosen in Anam und Tongking sich gegen die Engländer in Birma rühmlichst ausgezeichnet haben.
Kesternich.
Bad Gastein, 21. August. Der Kaiser Franz Joses empfing gestern Mittag den Reichskanzler Fürsten Bismarck in zweistündiger Audienz.


