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Mr. 169. Samstag den 24 Juli 1886.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Amtlicher Hheil.

Im Interesse der neuhergerichteten Beete und Gebüsche in der städtischen Süd-Anlage werden Sonntag den 25. l. Mts. gelegentlich der Auffahrt Les Lustschiffers Securius in dem Hormann'schen Garten von 3 Uhr Nachmittags an die Nebenwege der Süd-Anlage von der Plockstraßs bis zu dem Schüler'schen NebenhauS für jeden Verkehr gesperrt.

Gießen, am 22. Juli 1886. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Politische Uebersicht.

Gießen, 24. Juli.

In der Presse verstummen allmälig die Erörterungen über die bekannte bayerisch-vatikanische Angelegenheit, nachdem dieselbe wahr­haftig lange genug hin- und hergezogen worden ist. Einen Gegenstand lebhafter Besprechungen bildeten in den letzten Tagen nochmals die elsaß * lothringischen Gemeinderathswahlen anläßlich der am 17. und 18. Juli in Metz und Straß­burg stattgesunoenen Stichwahlen. Das namentlich in ersterer Stadt der deut­schen Sache so überaus günstige Ergebniß der Wahlen, wonach also die Deutschen im Gemeinderathe der lothringischen Hauptstadt die unbestrittene Mehrheit be- sttzen, hat in Altdeutschland allseitige Befriedigung erregt und selbstverständlich in den altdeutschen Kreisen der Reichslande jubilnde Begeisterung hervorgerusen. Mit Recht kann daher die MetzerLothr. Ztg." ausrusen, daß die alte Haupt­stadt Lothringens jetzt von den Deutschen zum zweiten Male annectirt worden sei und das völlige Berschwinden der Protestpartei aus dem Metzer Gemeinde­rathe ist nur geeignet, die Hoffnung auf baldige vollständige Wieder-Germanist- rung dieser einst urdeutschen Stadt zu verstärken. Auch im Gemeinderathe der Stadt Straßburg bildet die altdeutsche Partei, wenn auch noch keine Mehrheit, so doch eine stattliche Minderheit, die im Vereine mit den gemäßigten altelsässi­schen Elementen hoffentlich das Segensreichste für eine kräftige Entwickelung der Metropole des Oberrheins wirken wird.

Die Nachricht von dem bevorstehenden Rücktritte de» französischen Botschafters am Berliner Hose, des Barons de Courcel, bestätigt sich. Herr de Courcel wird im Laufe des nächsten Monats von Parts nach Berlin zurückkehren, um noch verschiedene Geschäfte abzuwickeln und stch dann in's Privatleben zurückzuziehen, Die weitere Nachricht, Herr Waddington, der Vertreter Frankreichs am Londoner Hose, sei zum Nachfolger de Courcel's be­stimmt, bedarf noch sehr der Bestätigung.

Der belgische Arbeiter-Aufruhr vom Frühjahr wird dieser Tage vor dem Schwurgerichte in Mons noch ein ernstes Nachspiel finden. In jener blutigen Bewegung bildete die Zerstörung der Baudoux'schen Glas-Anstalt, eines der schönsten gewerblichen Etablissements Belgiens, eine besondere Episode, eine vandalische Thal der sanatistrten Arbeiter und erregte gleich damals in Belgien lebhafte Entrüstung. Die bet diesem empörenden Vorgänge am Meisten bethei- ligt Gewesenen wurden alsbald ermittelt und werden nunmehr der gerechten Strafe nicht entgehen

Aus der französischen Republik wird wieder eine merkwürdige patriotische Kundgebung gemeldet, bei der es an den üblichen Demonstrationen gegen Deutschland nicht fehlte. Am vorigen Sonntag sand in Nouart (Depar­tement der Ardennen) die Enthüllung der Statue des Generals Chancy, des ehemaligen Oberbefehlshabers der sranzöstschen Lotre-Armee, statt, mit dessen Andenken jenseits der Vogesen noch immer ein gewisser Cultus getrieben wird. General Boulanger, der famose Kriegsminister der Republik, wollte ursprünglich der Feier beiwohnen, glücklicher Weise gelang es seinen Minister-Collegen, ihn von diesem Vorhaben wieder abzubringen, Herr Boulanger hätte am Ende in seiner bekannter Weise doch bedenkliche Sachen geschwatzt. Doch fehlte es auch ohnedem nicht an hochpatrtotischen Reden, deren Grundton natürlich immer wie­der die Revanche bildete. Ein besonderes Interesse erhielt die Enthüllungs­feier dadurch, daß ihr der Militär-Attachs der russischen Botschaft in Paris, Baron General Fredericks, beiwohnte. Der General bildete den Gegenstand warmer Ovationen, für welche er in einer, seiner diplomatischen Stellung durch­aus angemessenen tactvollen Wei^ dankte.

In Marseille ist es in den letzten Tagen vor dem Bureau des orleanistischen JournalsSoleil du Midi" zu wiederholten Ruhestörungen ziemlich ernster Art gekommen, zu denen mehrere heftige Artikel des genannten Journals über die Ausweisung des Herzogs von Aumale den Anlaß gaben.

Die kürzlich stattgefundenen Nachwahlen zur italienischen Deputirtenkammer sind deshalb bemerkenswerthe, weil bei ihnen der Radikale Cipriani, dessen erste Wahl von der Kammer wegen seines Vorlebens Cipriani ist ein wegen gemeiner Vergehen verurtheilter Verbrecher annullirt worden war, wiedergewählt wurde, und zwar sogar doppelt, in Ravenna und Forni. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Kammer auch diesmal die Wahl Cipriani's nicht bestätigen wird, was doch dessen Wähler eigentlich hätten voraussehen müssen; im Uebrigen läßt der Vorfall das Anstandsgefühl der radikalen und socialistischen Wähler Raoenna's und Forli's in einem ryerkwür- digen Lichte erscheinen.

Ueber die orientalischen Angelegenheiten liegt nichts beson- LerS Neues vor. Die Batumsrage scheint einstweilen von dem politischen Tages-Repertoire wieder verschwunden zu sein, besonders da auch die d^m Ver­nehmen nach scharfe Note, welche das englische Cabinet in dieser Affaire an

die russische Regierung gerichtet hat, einstweilen noch nicht im Stande gewesen ist, irgendwelche Wirkungen hervorzubringen. In Nisch ist die serbische Skupsch- tina fleißig bei der parlamentarischen Arbeit und da die Regierungspartei in der Ekupschtina die entschiedene Mehrheit besitzt, geht Alles wie am Schnürchen.

Das Cabinet Gladstone hat in zwei kurz auseinander folgenden Sitzungen, am Sonntag und am Dienstag, den Beschluß gefaßt, sofort zurück- zutreten. Lord Salisbury hält sich schon bereit, die politische Erbschaft de» großen alten Mannes" anzutreten, nur lauten die Mittheilungen über den Gesammt-Charakter des künftigen englischen Cabinets noch immer verschieden, so daß man in dieser Hinsicht erst noch eine weitere Klärung der Lage in Eng­land abwarten muß.

Der in Mexico ausgebrochene Aufstand scheint für die mexi- canische Regierung vorläufig keinen besorgnißerregenden Charakter entwickeln zu wollen. In einem bei Matamoros stattgesundenen Zusammenstöße zwischen einer Schaar Insurgenten und einer mexicanischen Truppenabthellung erlitten die ersteren starke Verluste. Mehrere aus amerikanisches Gebiet übergetretene Aufständische sollen von dm amerikanischen Grenztruppen gefangen genommen und erschossen worden sein.

Darmstadt, 20. Juli. Das Großherzogliche Regierungsblatt (Bei­lage Nr. 21) enthält:

1. Bekanntmachung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz, die Betätigung von Stiftungen uftb Vermächtnissen betreffend.

2. Uebersicht der von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz für das Jahr 1886/87 zur Bestreitung der Bedürfnisse der israelitischen Reli­gions-Gemeinden des Kreises Darmstadt genehmigten Umlagen.

3. Uebersicht der pro 1. April 1886/87 zur Bestreitung der Communal- Bedürfnisse in den israelitischen Religions-Gemeinden des Kreises Groß-Geran genehmigten Umlagen.

4. Bekanntmachung Großh. Provinzial-Direction Starkenburg, den Steuer­ausschlag zur Bestreitung der Bedürfnisse der Landjudenschastskasse zu Darm­stadt für 1886/87 betreffend.

5. Ordensverleihungen.

6. Ermächtigung zur Annahme und zum Tragen eines fremden Orden».

7. Namensveränderungen.

8. Zulassung zur Rechtsanwaltschaft.

9. Aufgabe der Zulassung zur Rechtsanwaltschaft:

Am 15. Juni hat der Rechtsanwalt Karl Ludwig in Darmstadt die Zu­lassung zur Rechtsanwaltschaft beim Oberlandesgericht, am 20. Juni hat der Rechtsanwalt Dr. Karl Koch in Michelstadt die Zulassung zur Rechtsanwalt- schäft beim Amtsgericht Michelstadt, am 1. Juli hat der Rechtsanwalt Karl Dornseiff in Nidda die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft bei dem Amtsgericht Nidda ausgegeben.

10. Ausschließung von der Rechtsanwaltschaft.

(Schluß folgt.)

Telegraphische Depeschen.

VoLff'S Kltot. Torrespoudeuz Bwteem.

Berlin, 22. Juli. Heute Vormittag 10 Uhr fand die Beerdigung des Stadt­verordnetenvorstehers Büchtemann vom Festsaale des Rathhauses aus statt. Prediger Nessel, der stellvertretende Stadtverordnetenvorfteher Stryck und Syndikus Zelle hrelten im Saale am Sarge Gedächtnißreden.

Die Gesetze, betreffend die Communalbesteuerung der Offtciere, und be­treffend den Beitrag des Staates zu den Kosten des Zollanschlusses der Stadt Altona, sind heute veröffentlicht worden. , ,

Bad Gastein, 22. Juli. Kaiser Wilhelm machte gestern um 4 Uhr nach dem Diner eine Ausfahrt in der Richtung nach Böckstein und kehrte um 7 Uhr i Bad Kisstngen, 22. Juli. Der österreichische Minister des Auswärtigen, Graf Kalnoky, Ist heute Mittag hier eingetroffen. -

Paris, 22. Juli. Freycinet empfing heute Vormittag abermals sourcet, welcher am 29. Juli nach Berlin zurückkehrt, um dort bis Anfang September zu

Heute früh entgleiste bei Saumus unweit Chateau Lavalliere ein Zug der Staatseisenbahn. Zwei Personen wurden getödtet, mehrere verletzt.

London, 22. Juli. Salisbury kehrt erst morgen von Paris zurück. Cr will, bevor er zur Königin nach Osborne sich begibt, erst mit stinen freunden sich be- rathen, es findet daher morgen Abend eine Zusammenkunft der Führer der Con- servativen bei Salisbury statt. c, n, .... , r ,r,

Petersburg, 22. Juli. Der Kaiser nahm die Accredltlve des bayerischen Ge- sandten Gasser und des rumänischen Gesandten Gbika entgegen.

«pfalt«.

Gießen, 23.Juli. Zur Bildung einer Section Gießen des Deutsch-Ocster- reichischen Alpen-Vereins ist auf morgen Abend 6 Uhr rm Ca 6 Ebel eine. Versammlung projectirt, zu welcher Interessenten freundlichst emgeladen find.