Petersburg, 21. December. Das „Journal de St. Petersbourg" glaubt zu wissen, daß ein Bericht des „N. W. Tagblatts" vom 17. December, betreffend die Erklärungen zwischen Lobanow und der bulgarischen Deputation bezüglich der Candidatur des Prinzen Ferdinand von Koburg absolut falsch sind. Wenn die russische Regierung unter den bekannten Umständen die von Stoilow und dessen Collegen vorgeschlagene Candidatur ablehnte, so sollte und konnte diese Ablehnung nichts Beleidigendes für die Person des Prinzen Ferdinand haben, der sich allgemeiner Achtung erfreue.
Lokales.
Gietzen, 22. December. Ein Original-Oelgemälde von prächtiger malerischer Wirkung ist in dem Schaufenster des Herrn Ferber am Kirchenplatz ausgestellt. Das Motiv ist der Umgebung Gießens, dem Philosoph en walde entlehnt und mit freundlicher Staffage ausgestattet. Die spätsommerliche Darstellung ist naturgetreu; Beleuchtung, Perspective und Farbengebung vereinen sich zu einem harmonischen Gesammteindruck und lassen eine gediegene künstlerische Behandlung erkennen.
Gietzen, 22. December. Ueber den gestern von uns gemeldeten tragischen Tod eines jungen Mädchens aus Trohe erfahren wir, daß die Verlebte denselben freiwillig gesucht hat und kein Verbrechen vorliegen soll. Das Mädchen hatte ein Liebesverhältnitz mit einem Burschen angeknüpft, welches jedoch von ihren Eltern nicht gebilligt wurde, da dieselben einen „Besseren" in Aussicht hatten. Die Verstorbene war jedoch nicht gewillt, ihrer Liebe zu entsagen und suchte, nachdem sie am Sonntag Abend zärtlichen Abschied von ihrem Geliebten genommen und ihm einen Ring zum Andenken gegeben, den Tod in der Wieseck.
NrriverfitätS - GhrorE.
— Die Universität Zürich zählt in diesem Winterhalbjahre 482 Studirende (wovon 44 Damen), und zwar 41 Theologen, 56 Juristen (1 Dame), 205 Mediciner (36 Damen) und 143 Philosophen (17 Damen). Aus der Schweiz sind 349 (16 Damen), vom Auslande 132 (38 Damen), und zwar aus Deutschland 56, aus Rußland 27, aus Nordamerika 18 und aus Oesterreich-Ungarn 12. Außerdem nehmen noch 65 Zuhörer an den Vorlesungen Theil.
Vermischtes.
A Vom Rhein, 20. December. Auf Requisition der Polizeibehörde in Mayen wurde vorgestern Abend in Coblenz ein Arbeiter Namens Knapp verhaftet, der bet seiner Vorführung sofort gestand, einen Menschen ermordet zu haben. Ueber die grausige That verlautet Folgendes: Der als berüchtigter Wilderer bekannte Knapp, ein Steinhauer von Profession, erschoß ohne jede Veranlassung, wahrscheinlich um einer Entdeckung zu entgehen, meuchlings einen ihm begegnenden braven Familienvater Namens Faber von Mayen. Der von hinten gezielte Schuß durchbohrte die edleren Theile des Unterleibs und den linken Arm. Nachdem Faber von der Gerichtscommission noch in vollem Bewußtsein vernommen worden, verschied er gegen 4 Uhr Morgens. Knapp entfloh nach der That in den Wald, wo er von der Eoblenzer Gensdarmerie aufgegriffen wurde.
A Mainz, 20. December. Während der verflossenen Nacht und dem heutigen Tage war hier heftiges Schneegestöber, in Folge hiervon erlitten die Eisenbahnzüge vielfach große Verspätungen, namentlich auf den pfälzischen Linien. Durch den ununterbrochenen Schneefall ist auch der Rhein wieder merklich gestiegen, in Mannheim von gestern auf heute ein Fuß.
— Versuchsweise wurde heute hier, um die Straßen vom Schnee zu reinigen, statt der Hacke und Kratze ein neues Mittel angewendet, darin bestehend, daß man die Straßen mit Wasser aus den Hydranten der Wasserleitung bespritzte. In kurzer Zeit waren auf diese Art große Straßenstrecken spiegelrein (jedenfalls auch spiegelglatt?)
A Mainz, 21. December. Verflossene Nacht und den heutigemVormittag tobte über der hiesigen Gegend ein fürchterlicher Oststurm, verbunden mit heMem Schneefall. Der gesammte Bahnverkehr hierher war bis gegen Mittag gehemmt. J£ie ersten Züge von Darmstadt und Frankfurt trafen erst nach 11 Uhr im Bahnhofs-Mr e,in; auf der Gustavsburg und in Rüsselsheim mußten erst ganze Schneeberge beseitigt werden, ehe die Bahn weiter konnte. Auf den rheinischen und pfälzischen Linien war es nicht besser, auch hier erlitten die Züge 4 bis 5 Stunden Verspätung. Auf der Nassauischen Bahn gab es auch bedeutende Verspätungen und ist die Strecke Höchst-Soden vorerst ganz unbefahrbar. Ueberall sind riesige Schneemassen aufgethürmt. Die Chausseen nach der Stadt sind kaum passirbar, auf den Höhen liegt der Schnee bis zwei Meter. Aus der ganzen Umgegend laufen Hiobsposten über den Schaden, den der Sturm an den Gebäuden und Bäumen angerichtet, hier ein. Der Rhein ging in riesigen Wellen, so daß es gefahrvoll war, sich mit kleineren Fahrzeugen auf den Strom zu wagen. Das Ginsheimer Marktboot konnte erst nach verschiedenen Versuchen landen, ein angehängter, mit Marktschätzen reich beladener Nachen schlug auf der Mitte des Stromes um und verlor seine ganze Ladung. Ungeachtet der hohen Temperatur und des Ostwindes steigt der Rhein noch immer; in der Nacht ist er noch 8 Zoll hier und in Mannheim 12 Zoll gestiegen. Der sonst so freundlich grüne Strom hat heute ein dunkelschmutziges Aussehen.
— Nach den Ergebnissen der Volkszählung vom 1. December 1885 zählt das Großherzogthum Hessen 139,425 zur Wohnung bestimmte oder dienende Gebäude und 202,990 Haushaltungen. Die ortsanwesende Bevölkerung belief sich an dem genannten Tage auf 956,373, darunter 14,988 active Militärpersonen. Nach der Staatsangehörigkeit waren 888,125 Hessen, 65,169 Angehörige anderer Staaten des deutschen Reichs, die übrigen Reichsausländer. Der Bevölkerungszugang seit der Zählung am 1. December 1880 betrug 20,233 oder 2,16 Procent der Bevölkerung von 1880.
— Die Stadtverordneten in Düsseldorf haben beschlossen, den Preis des Leuchtgases von 18 auf 16 H, den des Kraftgases von 12 auf 10 H zu ermäßigen.
Rüsselsheim, 21. December. Der heute früh 5 Uhr 15 Min. von Frankfurt nach Mainz abgelassene Zug steckt unweit Rüsselsheim im Schnee. Zwei Maschinen sind nicht im Stande, denselben vor- oder rückwärts zu bringen, ebenso liegt ein Güterzug zwischen hier und Bischofsheim. Der Bahnverkehr ist vorerst gänzlich unterbrochen.
Rüsselsheim, 21. December. Der Frankfurter Frühzug, der mit großer Mühe aus seiner ersten Lage befreit wurde, gerieth unterhalb Rüsselsheim aufs Neue in undurchdringliche Schneemassen. Er mußte in Folge dessen wieder nach Rüsselsheim zurückkehren. Auf der Mainz-Darmstädter Strecke sind drei Züge vollständig ein- geschneit. Der anhaltende Schneesturm vereitelt alle Räumungsarbeiten. (Der Mainzer Zug ist um Mittag in Frankfurt eingetroffen.)
Nord Haus en, 21. December. Seit gestern haben wir furchtbare Schneeböen. Sämmtliche Eisenbahnzüge — mit Ausnahme des Zuges von Kassel — sind auf den resp. Strecken liegen geblieben.
Köln, 21. December. Die erste Post aus London vom 20. ds. Mts. früh ist ausgeblieben, weil der Zug in Belgien wegen starken Schneetreibens Verspätung hat.
Nordhausen, 21. December. Seit gestern starke Schneestürme, die heutigen Eisenbahnzüge sind nicht eingetroffen.
Berlin, 21. December. In ganz Mitteldeutschland herrschen heftige Schneestürme. Der Bahnverkehr zwischen Berlin-Dresden-Halle, Leipzig nach Süddeutschland hin, sowie auch nach Schlesien und nach dem Westen hin ist theilweise ganz unterbrochen.
Hirschberg, 21. December. In Folge starken Schneefalles stockt der Bahnverkehr Kohlfurt-Lauban und Görlitz-Lauban. Von Sorgau und Königszelt wird starker Schneefall gemeldet.
Altenburg, 21. December. Die Verbindungen nach Leipzig und Süddeutschland sind in Folge starken Schneefalls unterbrochen.
Nordhausen, 21. December. Noch fehlen die Eisenbahnzüge und die Posten. Bekanntmachungen des Eisenbahn-Betriebsamts und der Güterexpedition stellen Verkehrsstörungen fest. (F. Z.)
Leipzig, 21. December. Wegen Schneewehen ist der Bahnverkehr von und nach Leipzig noch immer gänzlich eingestellt. Zur Freilegung der Geleise wurde Militär xequirirt. (F. Z.)
Leipzig, 21. December. Es herrscht großes Schneegestöber. Der Sturm währt fort, der Schnee liegt meterhoch. Es ist keine Aussicht vorhanden, die Züge abzulassen. (F. Z.)
— Dem 80jährigen militärischen Dienstjubiläum Sr. Majestät des Kaisers steht man in allen Kreisen der Bevölkerung mit lebhaftester Freude entgegen. Daß der Kaiser dielen TaA bereits am 1. Januar 1887 und nicht erst an seinem nächsten Geburtstage feiert, hat, wie die „Tägl. Rundschau" in Erinnerung bringt, folgenden Grund: Als König Friedrich Wilhelm III. zum Neujahrstage 1807 nach Königsberg kam und die ganze königliche Familie sich dort um ihn zum Glückwunsch versammelte, wandte er sich mit folgenden Worten an seinen zweiten Sohn Wilhelm: „Da an ®einein @eburt§ta0eM keine Gelegenheit sein wird, Dich ordentlich einzukleiden, weil Ihr nach Memel müßt, so ernenne ich Dich heute schon zum Officier. Da liegt Deine Interims Uniform." Unb in der That lag der damals sogenannte Jnterimsrock der Gardeofftctere, welcher einen rothen, nach der Art der Civilröcke umgeschlagenen Kragen Hatte, nebst Degen, Stock und Hut mit Federbusch schon auf einem Tische bereit. Natürlich wurden die Sachen sofort angelegt und auch der damals noch übliche Puder und Zopf nicht vergessen, obgleich das eigene Haar noch nicht lange genug war, also ein falscher eingebunden werden mußte.
, _ ”, Was ist der Geldwerth eines Schnurrbartes, nicht eines falschen, sondern etnes solchen, der in natürlicher Ueppigkeit die Lippen eines Schneiders ziert? Diese delikate Frage z r entscheiden, lag einem Polizeirichter in London kürzlich ob. Isaak Julius und Samuel Schneider arbeiteten friedlich miteinander in einem Atelier, da siel es einem jungen Mädchen ein, den allerdings buschigen Schnurrbart des Letzteren i s ^®un°ern-. Kaum hatte sie das bewundernde Wort ausgesprochen, so hörte man 7^3 c*ncr ®4ecre' J^ak hatte einen Schnauz seines Collegen abgeschnitten.
Der Richter: „Das ist ein Fall für Geldentschädigung. Wie hoch schätzen Sie Ihren Schnauz? Das Beste wird fein, wenn die streitenden Parteien ein friedliches Ab- ^otnmen treffen." Da dieses nicht möglich war, setzte der Richter den Werth des abgeschnittenen Haarbüschels auf 10 Schilling fest und verurtheilte den Isaak Julius in die Kosten — ober 7 Tage Gefängniß.
Sidney, 17. December. DieRegierung von Neu-Südwales hat entschieden, daß von den neun jungen Leuten, die wegen verübter Nothzucht an einem Dienstmädchen m einer Vorstadt Sydneys zum Tode verurtheilt worden waren, sechs gehängt werden sollen. Die übrigen drei wurden zu lebenslänglicher Gefängnißstrafe begnadigt.
” Die Charlestoner Deutsche Zeitung schreibt über die Folgen der Erdbeben: In Folge der außerordentlichen Naturereignisse in unserem sonnigen Süden, hat eine nierfmuroige Unruhe sich der Gcmüther bemächtigt und eine Nervosität in manchen Fallen, die zu Krankheiten führt. Vor dem Erdbeben bemerkte man diese Unruhe unter den Thier en, besonders die Hausthiere, Hunde und Katzen, waren sehr unruhig und manche Hunde heulten die paar Nächte vor dem Erdbeben fortwährend, während die Katzen sich in die Zimmer an den Menschen hindrängten. Diese Unruhe unter oen Thieren scheint verschwunden zu sein, nur die Vögel in der Luft scheinen noch immer zu fühlen, daß die Luftströmung noch abnorm ist, und besonders Abends flattern dm und her, während viele ganz von der Stadt fort sind. Es scheint, daß durch die Ausströmung der Gase aus dem Erdinnern die Atmosphäre sich theilweise verändert hat und daß die Menschen darauf angewiesen sind, eine neue Lebensweise zu beginnen, um sich den neuen chemischen Verbindungen der Luft anzuschmiegen. Dem sei wie ihm wolle, Thatsache ist, daß die Unruhe existirt und daß ein Wandertrieb sich der Menschen bemächtigt hat, der, wenn er ausgefühtt werden könnte, die halbe Stadt entvölkern würde. Auch die Neger sind allenthalben am Wandern. Erst neulich ging eine Anzahl von Nord-^ und Süd-Karolina nach Newyork ab, um von dort nach Liberia zu wandern, wahrend hier im Staate jetzt Tausende bereit sind, dorthin zu folgen, wenn ihnen die Mittel geboten würden. Der jährliche Exodus der Neger, um ote Neujahrszeit, nach dem Südwesten verspricht dieses Jahr eine außerordentliche Ausdehnung gewinnen zu wollen.
Wöchentliche Ueberflcht der Todesfälle in der Stadt Gießen.
51. Woche. Vom 12. December bis 18. December 1886.
Einwohnerzahl: 19 001
(incl. 1600 Mann Militär).
Sterblichkeitsziffer: 13°/«.
Es starben an:
Kinder im vom
Zusammen: Erwachsene:
Lungenschwindsucht
1. Lebensjahr: 2.—15. Jahr:
2 2
— —
Altersschwäche
2 2
_ —
Lebensschwäche
1 —
1 —
Summa: 5 4
Das Vorkommen von Viehseuchen im Großherzogthum Hessen
während des Monats October 1886.
Rotzkrankheit. In Osthofen, im Kreise Worms, wurde das unter Stall- fperre gehaltene der Seuche verdächtige Pferd am 7, October getödtet und mit der Seuche behaftet befunden. Die über 4 der Ansteckung verdächtigen Pferde verhängte polizeiliche Beobachtung wurde, da dieselben während der vorgeschriebenen Beobachlungs- zeit keine verdächtige Erscheinungen gezeigt hatten, wieder aufgehoben und die Seuche in Osthofen für erloschen erklärt.
In Gießen steht noch ein Pferd als der Seuche verdächtig unter Stallsperre und 4 Pferde als der Ansteckung verdächtig unter polizeilicher Beobachtung.
In Vilbel, im Kreise Friedberg, stehen 3 der Ansteckung verdächtige Pferde unter polizeilicher Beobachtung.
In Mainz wurde am 9. October bei einem geschlachteten aus dem Auslande stammenden Pferde Lungenrotz conftatirt.
Milzbrand wurde festgcstellt im Kreise Friedberg in Rockenberg am
5. October bei einem, in Friedberg am 16. October bei zwei, in Heldenbergen am
20. October bei zwei, in Wisselsheim am 27. October und in Münzenberg am
28. October bei je einem krepirten Rinde, ferner in Himbach, im Kreise Büdingen, am 25. October bei einem krepirten Rinde.
Lungenseuche. In Rendel, im Kreise Friedberg, befanden sich bei Beginn des Monats October in einem Gehöfte noch 5 der Ansteckung verdächtige Thiere. Eines derselben wurde als seuchenkrank in Rendel getödtet. Festgestellt wurde die Seuche im Laufe des Monats in vier Gehöften bei je einem erkrankten und getödteten Rindviehstücke. Die verseuchten Viehstände wurden evakuirt und von den auswärts unter polizeilicher Controle geschlachteten Thieren, 40 an der Zahl, noch 8 mit der Seuche behaftet befunden. Die Sperre des Ortes Rendel gegen die Ausfuhr von Rindvieh besteht fort.
Der Bläschenausschlag unter dem Rindvieh in Nieder-Klingen, im Kreise Dieburg', ist erloschen.
Die Räude gilt noch als vorhanden unter den Schafen in Grünberg, im Kreise Gießen, in Kirtorf und Udenhausen, im Kreise Alsfeld, in Ilbeshausen, im Kreise Lauterbach, und in Echzell, im Kreise Büdingen.
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MEYERS
Konversationslexikon
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