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Nr. 168. Freitag den 23. Juli 1888

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Politische Ueberfkcht.

Gießen, 22. Juli.

Unferm Kaiser ist auf der Weiterreise von Mainau nach Gastein von der Bevölkerung der alten Reichsstadt Augsburg, wo der Kaiser am Sonn­tag Abend halb 9 Uhr eintraf, ein geradezu enthusiastischer Empfang bereitet worden. Vor dem HotelZu den drei Mohren", dem kaiserlichen Absteige­quartier, wogten dichtgedrängte Menschenmaffen unter fortwährenden Hochrufen auf und nieder und erst, als der greife Monarch, mit neuen brausenden Hochs begrüßt, auf dem Balcon erschienen war und durch Verneigen nach allen Seiten seinen Dank ausgesprochen hatte, zerstreute sich allmälig die Menge. Am Mor­gen des nächsten Tages nahm der Kaiser noch einige Vorträge entgegen und reiste um IO1/* Uhr in bayerischer Uniform nach München weiter, woselbst die Ankunft auf dem Central-Bahnhose um halb 12 Uhr, im südlichen Perron, der von den königlichen Hofgärtnern herrlich decorirt war, erfolgte. Aus dem Perron waren der Prinz-Regent Luitpold, sowie die Prinzen Ludwig, Leopold, Arnulf, Alfons, Ludwig, Ferdinand und Herzog Ludwig anwesend. Die Begrüßung zwischen dem Kaiser und dem Prinz-Regenten trug den herzlichsten Charakter, beide Fürsten umarmten und küßten sich wiederholt, der Kaiser war offenbar auf das Tiefste gerührt. Auch die Prinzen begrüßten den kaiserlichen Gast in herzlicher Weise, worauf der Kaiser die im Empfangs-Salon versammelten Prin­zessinnen des Königshauses begrüßte. Im Königs-Salon wurde alsdann das Frühstück eingenommen, bei welchem sich der Kaiser besonders eifrig mit dem Prinz-Regenten und der Prinzessin Gisela unterhielt. Wie es heißt, hat hierbei der greise Monarch namentlich den entsetzlichen Eindruck geschildert, den die Geschicke der Junitage auf ihn gemacht und sich äußerst lobend über die loyale Haltung des Bayernvolkes ausgesprochen. Auch der Minister v. Lutz wurde vom Reichsoberhaupte durch eine längere Ansprache ausgezeichnet. Rach beweg­tem Abschiede von den bayerischen Herrschaften trat der Kaiser um 1 Uhr Nach­mittags die Weiterreise nach Salzburg an, wo er um 4 Uhr 40 Min. eintraf, vom Prinzen und der Prinzessin Wllhelm von Preußen aus dem Bahnhose bewillkommt.

Die Kaiserin beendigte am Montag ihren mehrwöchentlichen Sommer- Ausenthalt in Koblenz und siedelte an dem genannten Tage nach Schlangenbad im Nheingau über.

Prinz und Prinzessin Wilhelm von Preußen, welche zur Zeit in Berchtesgaden weilen, empfingen am 16. Juli den Besuch des kronprinzlichen Paares von Oesterreich. Der Aufenthalt in der Berglust des genannten ober­bayerischen Badeortes soll dem Prinzen Wilhelm ausgezeichnet bekommen.

An diesem Donnerstag sah man in Kissingen dem Ein­treffen des österreichischen Ministers des Aeußern, Grasen Kalnoky, ent­gegen, womit sich also der schon so oft besprochene Besuch des österreichischen Ministers beim Fürsten Bismarck verwirklichen würde. Daß dieser Besuch nicht blos den Charakter einer einfachen Hösiichkeits-Erzeugung trägt, dürste schon daraus hervorgehen, daß sonst Graf Kalnoky wohl nicht expreß von Wien nach Kissingen zur Begrüßung des deutschen Reichskanzlers gereist wäre; offen­bar hat die Begegnung zwischen den beiden Staatsmännern ihren bedeutsamen politischen Hintergrund. Es heißt nun auch, daß die Reise des Fürsten Bis­marck nach Gastein sich bis in die zweite Augustwoche verzögern würde, woraus zu schließen wäre, daß der Kanzler bei der Zusammenkunft zwischen Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Josef nicht zugegen sein wird. Da indessen Fürst Bismarck seine eigentlichen Reisedispositionen bis zum letzten Augenblick geheim zu halten pflegt, so muß auch die Meldung von der angeblichen Verzögerung seiner Gasteiner Reise mit der nöthigen Reserve ausgenommen werden.

Die wiederholt aufgetauchte und immer wieder dementirte Nachricht von der bevorstehenden Demission des französischen Botschafters in Berlin, Baron de Courcel'S, bewahrheitet sich nun doch. Herr de Courcel hat beim Präsidenten Gröoy die Enthebung von -einem Berliner Posten bean­tragt und wird nach seinem gegenwärtigen Sommer-Urlaube nur nach Berlin zurückkehren, um dem Kaiser sein Abberufungs-Schreiben zu überreichen. In den leitenden Kreisen der Reichshauptstadt wird man Herrn de Courcel nur mit großem Bedauern scheiden sehen; nicht nur, daß derselbe mit den deutschen Verhältnissen wie selten ein Franzose vertraut war, sondern er hat auch die diplomatischen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland in einer Weise vermittelt, die ihm die aufrichtigste Anerkennung Seitens der deutschen Regie­rung einbrachte. Dagegen scheint man in Paris mit der Thätigkeit des Bot­schafters weniger einverstanden gewesen zu sein und das ist freilich erklärlich. Herr de Courcy war von dem früheren französischen Ministerpräsidenten Ferry als Vertreter einer Politik nach Berlin gesandt worden, die eine größere An­näherung Frankreichs an Deutschland verfolgte; mit dem Rücktritte Ferry's wurde in Paris auch diese Politik nicht weiter innegehalten und unter diesen Umständen mochte Herr de Courcy in seinem Wirken auf Schwierigkeiten stoßen, bte ihm das Verbleiben aus dem Berliner Posten mehr und mehr verleiteten. Ob' Herr de Courcy nur von seinem Berliner Posten abgeht, um eine ander­weitige Verwendung im diplomatischen Dienste der französischen Republik zu finden, oder ob er überhaupt aus letzterem ausscheidet, ist noch nicht bekannt.

Der Berliner Stadtverordneten-Vorsteher, Eisenbahn-Direc- tor a. D-, W. Büchtemann, ist am Sonntag in Friedrichroda im Alter von 48 Jahren verschieden. Büchtemann folgte dem langjährigen Berliner Stadt­verordneten-Vorsteher Dr. Straßmann, nach dessen Tode im December vorigen

Jahres im Amte, er hat dasselbe also nur wenig über ein halbes Jahr ver­waltet. Der Verstorbene war ein angesehenes Mitglied der deutschfreisinnigen Fraktion, der er im Reichstage bis 1884, im preußischen Abgeordnetenhause bis jetzt angehörte.

Die elsaß-lothringischen Gemeinderaths-Wahlen haben mit den am Samstag und Sonntag in Straßburg und Metz vorgenommenen Nach­wahlen ihren Abschluß gesunden. Dieselben bedeuten namentlich in der lothrin­gischen Hauptstadt einen neuen Triumph der deutschen Sache, denn die Stich wählen haben den Alldeutschen im Metzer Gemeinderathe die entschiedene Mehrheit verschafft, sie zählen daselbst 19 Mitglieder, gegenüber 13 einheimischen Mit­gliedern. Bei den 5 Straßburger Stichwahlen wurden mit 2 von den Alt­deutschen und einem elsässischen Comits gemeinsam aufgestellte Candidateu gewählt.

Die sächsischen Turner haben aus ihrer Alpenfahrt nach Oesterreich auf allen Stationen bis Graz den herzlichsten Empfang gefunden. In Wien wurden sie vom Musik-Corps mit den Melodien derWacht am Rhein" und desDeutschen Lieds" begrüßt, ohne daß die österreichische Polizei, bei der doch diese Lieder sonst in Mißkredit stehen, dies verhindert hätte.

In Genua hat am Sonntag die Enthüllung des Denkmals Victor Emanuel's unter enthusiastischen Kundgebungen für das mitanwesende Königs­paar stattgesunden. Bei den am gleichen Tage vollzogenen Ergänzungswahlen zur italienischen Deputirtenkammer gewann die ministerielle Partei einen Sitz.

Am Montag ist in Risch die feierliche Eröffnung der serbischen Skupschtina durch König Milan vollzogen worden. Die Thronrede erkennt dankend die von der serbischen Nation während des Krieges mit Bulgarien be­zeugte Opferwilligkeit an, weist auf die guten Beziehungen Serbiens zu den europäischen Mächten hin und kündigt Vorlagen hauptsächlich auf finanziellem Gebiete an. Die Thronrede wurde mehrfach mit lebhaftem Beifall begrüßt.

Telegraphische Depesche«.

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Bad Gastein, 21. Juli. Der Kaiser nahm Vormütags das erste Bad, darauf erfolgte die Promenade auf dem Kaiserweg, später Vortrag Bülow's. Zum Diner wurde Statthalter Graf Thun geladen.

München, 21. Juli. Der Director der hiesigen Kunstakademie, Piloty, ist gestorben.

Weimar, 21. Juli. Der preußische Gesandte Thielau ist gestorben.

London, 21. Juli. Gestern Abend ist ein Cabinets - Courier nach Osborne entsendet worden, um der Königin den Beschluß des Cabinets in Betreff des Rück­tritts desselben mitzutheilen. Lord Salisbury wird heute hier erwartet. DerStand­ard" glaubt, Salisbury werde Goschen einen Sitz im Cabinet anbieten.

Die Königin nahm die Demission des Cabinets an und berief Salisbury nach Osborne.

Brüssel, 2!.Juli. Das Schwurgericht von Mons oerurtheilte von den wegen Plünderung bei den letzten in Charleroi Angeklagten zwei zu zehnjähriger, zwei zu zwölfjähriger Zwangsarbeit.

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Gießen, 22. Juli. Gestern Nachmittag wurde einem Kutscher in der Wetzstein­gasse Uhr, Hose und Weste gestohlen. Der Dieb ist heute Moraen in der Person eines Schneidergesellen aus Odenhausen im Fischerhof verhaftet worden.

Ein stark angetrunkener Bursche aus Annerod wurde gestern Nachmittag wegen Thierquälerei und Unfug verhaftet. Derselbe widersetzte sich auf's Aeußerste der Verhaftung und mußte ein Soldat Hilfe leisten.

Gießen, 22. Juli. Gestern Nachmittag gerieh ein junger Mann von hier beim Baden in der Lahn dadurch in Lebensgefahr, daß er an einer Untiefe, wo er stehen zu können glaubte, sich stellen wollte. Ein mitbadender Schuhmacher rettete den schon einmal Untergctauchten. Wir wiederholen bei diesem Anlaß immer wieder unsere Mahnung zur Vorsicht beim Baden. Nicht umsonst erzählt der Volksmund vom Rufen der Lahn".

Bekanntmachung,

das Civildiener-Wittwen-Jnstitut betreffend. Vom 1. Juli 1886.

Mit Bezug auf die Artikel 23 und 24 des Gesetzes vom 30. Juni l. I., das- Civildiener-Wittwen-Jnstitut betreffend, wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nachverzeichneten Civil- und Hofdiener in Gemäßheit der Bestimmung des Artikels 2 des Gesetzes vom 22. Januar 1861, das Civildiener-Wittwen-Jnsiitut betreffend, auf Grund desfallsiger Allerhöchster Entschließungen vorläufig in das Civildiener-Wittwen-Jnstitut ausgenommen und in die beibemerkten Klassen eingetheilt worden sind:

II. Klasse. . t c .

Der Oberstaatsanwalt bei dem Oberlandesgericht. Präsidenten der Landgerichte. Der Senatspräsident bei dein Oberlandesgericht.

III. Klasse. t y r

Mitglieder der Landgerichte, Amtsrichter, Staatsanwälte, der Gcrichtsschreiber bei dem Oberlandesgericht, Gerichtsschreiber bei den Landgerichten, insofern sie euren pensionsfähigen Gehalt von 4400 JL oder mehr im Jahre beziehen.

IV. Klasse.

Der controlirende Beamte bei der Hessischen Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft. Hülfsgerichtsschreiber bei den Kammern der Landgerichte für Handelssachen. Der Landescultur-Jnspector. Mitglieder der Landgerichte, Amtsrichter, Staatsanwalte, der Gerichtsschreiber bei dem Oberlandesgericht, GerichtSschrciber bei den Landgerichten, insofern sie einen pensionsfähigen Gehalt von weniger als 4400 JL im Jahr beziehen. Rectoren der Mittelschulen, insofern sie nicht als Volksschullehrer angestellt sind. Der zweite Haus- und Staats-Archivar. Cultur-Jngenieure. Der Fabrik-Jnspector. Der Vorsteher des Erbschasttzsteueramts. Der Cabiuetssecretär.