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Politische Ueberficht.
Gießen, 22. Juni.
Der Reichskanzler Fürst Bismarck gedenkt sich, wie uns bestimmt verstchert wird, Ende dieses Monats zu einer mehrwöchentlichen Brunnen- Kur nach Kisstngen zu begeben. Demnach wäre die Theitnahme des Kanzlers an den bevorstehenden Schlußverhandlungen des Reichstages nicht zu erwarten.
Seit vorigen Samstag ruhen die irdischen Ueberreste König Ludwigs II. in der Fürstengruft der Münchener St. Michaels-Hoskirche und der erste Act des bayerischen Dramas hat hiermit seinen Abschluß gesunden. Die Beisetzungs'Feierlichkeiten gestalteten sich zu einem ebenso großartigen wie tief ergreifenden Acte, namentlich durch die ungeheuere Theilnahme der Bevölkerung, die es sich nicht nehmen lassen wollte, dem verblichenen Herrscher die letzte Ehre zu erweisen. Wenn man außerdem erwägt, daß sich an dem Trauerzuge die Generalität und die Stabsosficiere, die Minister und überhaupt die gesummten höheren Staats- und Ministerial-Beamten, der Münchener Klerus und die Münchener Schulen und Bruderschaften, alle Hosbeamten und die gesummte Hofdienerschast, die Hoschargen, Kammerherren u. s. w., die Mitglieder des Landtages und der bayerischen standesherrlichen fürstlichen und gräflichen Familien, weiter die Beamten der in München domicilirenden Verkehrsanstalten, tkr Gerichte u. s. w., außerdem zahlreiche Krieger- und sonstige Vereine, Deputationen u. f. w. beteiligten, so erhellt schon hieraus die Größe des Trauergeleites. Wohl sämmtliche regierenden deutschen und europäischen Fürstenhäuser hatten ihre Vertreter geschickt, unter ihnen Kronprinz Friedrich Wilhelm als Vertreter der deutschen Kaiserfamelie; außerdem waren verschiedene regierende Fürstlichkeiten persönlich anwesend, wie die Großherzöge von Baden und Hessen. Bezüglich der weiteren Einzelheiten der Trauerseier müssen wir indessen auf die Specialberichte aus München verweisen, deren Wiedergabe an dieser Stelle mv möglich ist.
Nachdem nunmehr der unglückliche Bayernkönig seine letzte Ruhestätte gefunden, dürfte wohl die allgemein menschliche Theilnahme, welche man der Kette von Ereignissen von den Vorgängen in Hohenschwangau an bis zu der furchtbaren Schluß-Katastrophe im Starnberger See entgegengebracht, dem Interesse an der politischen Weiterentwickelung des düsteren über Bayern hereingebrochenen Dramas Platz machen. In erster Linie richtet sich die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Verhandlungen des bayerischen Landtages über die Regentschafts- Frage und da die Commission des Reichsrathes am Freitag ihre Arbeiten beendigt und am Montag eine öffentliche Plenarsitzung der Reichsrathskammer stattgesunden hat, so wird man nun wohl Näheres über das vorläufige Resultat dieser Berathungen erfahren. Inwieweit der Oeffentlichkeit Einblick in die ferneren Verhandlungen der Reichsrathskammer und der Abgeordnetenkammer gestattet werden wird, muß indessen abgewartet werden. Wenn so manche Einzelheiten der jüngsten tragischen Ereignisse, dann aber auch verschiedene Vorgänge in Bayern aus den letzten Jahren der öffentlichen Meinung zunächst in Bayern selbst nicht vorenthalten werden dürfen, so gilt es doch auch anderseits zu berück- sichti ien, daß sich schon aus Gründen der Pietät gegen den verblichenen Herrscher die Preisgabe gewisser Details an die Oeffentlichkeit verbietet und darf man wohl erwarten, daß die Kammern hierbei mit dem nöthigen Tact vorgehen werden. Was die vielventilirte Frage anbelangt, ob die gegenwärtige Krisis in Bayern die Ersetzung des liberalen Ministeriums Lutz durch ein klerikales Cabinet, also einen vollständigen Regierungswechsel zur Folge haben werde, so erscheint in dieser Beziehung noch die größte Zurückhaltung geboten. Doch herrscht in unterrichteten Kreisen die Ueberzeugung vor, daß der Prinz-Regent Luitpold die Demission des Cabinets, selbst wenn diese nur formell angeboten werden sollte, nicht annehmen würde.
Die parlamentarische Psingstpause ist an diesem Dienstag zu Ende gegangen, da an demselben zunächst das preußische Abgeordnetenhaus seine Verhandlungen wieder ausgenommen hat und ihm wird in den letzten Tagen der Woche das Herrenhaus folgen. In beiden Häusern ist indessen das Arbeitspensum nur noch ein geringes und darf man dem baldigen definitiven Schluß der Sesfion des preußischen Landtages demnächst entgegensehen. Eigenthümlich steht es dagegen mit den geschäftlichen Dispositionen für den am 25. d. Mts. wieder zusammentretenden Reichstag. So viel hierüber verlautet und durch osficiöse Andeutungen anscheinend auch bestätigt wird, erwartet denselben noch ein ziemlich reichhaltiges Arbeitsprogramm. Es heißt, die Regie- rung sei entschlossen, auf die Specialberathung der in der Commission gescheiterten Branntweinsteuer-Vorlage im Reichstagsplenum nicht zu verzichten und dem Parlamente auch das dem Bundesrathe bereits zugegangene Militär-Relic- tengesetz noch vorzulegen, außerdem würden aber noch eine Reihe Vorlagen mehr oder weniger untergeordneter Bedeutung zu erledigen sein. Sollte die Regierung wirklich an diesen Dispositionen sesthalten, so würde dies die Verlängerung der gegenwärtigen, bereits am 19. November vorigen Jahres begonnenen Reichstags- session bis tief in den Sommer hinein bedeuten; ob aber derartigen Anforde- rungen gegenüber die anerkannte Arbeitssreudigkeit der Reichsboten noch Stand halten wird, ist billig zu bestreiten. * , , . _
Zum kirchlichen Friedenswerke liegt eine bedeutsame Kundgebung des Kölner Erzbischofs Dr. Krementz vor. Derselbe brachte in voriger Woche aus einem Diner, das ihm zu Ehren die Stadt Aachen gab, einen Toast aus die beiden souveränen Gewalten in Staat und Kirche aus , wobei er auf den zu erwartenden vollständigen Friedensschluß hindeutete und an den Besuch des
deutschen Kronprinzen inRom erinnerte. „Der heilige Vater", schloß der Erzbischof, „habe standhaft die Zeit erwartet, wo sein Vertrauen auf die Weisheit, die Gerechtigkeit und das Wohlwollen unseres Kaisers von Erfolg gekrönt werden sollte."
Das österreichische Abgeordnetenhaus beschäftigt sich seit seinem Wiederznsammentritt nach Pfingsten mit dem neuen Zolltarif. Während die meisten Positionen desselben unerwartet rasch erledigt wurden, ist es über den vielgenannten Petroleumzoll am vorigen Donnerstag und Freitag zu eingehenden Verhandlungen gekommen. Bekanntlich drohte in Folge der ursprünglichen Un- tevstirtzung des liberalerseits gestellten Antrages auf beträchtliche Erhöhung Des Petroleumzolls durch den Polenclub der „eiserne Ring" der Reichsraths- Mehrheit gesprengt zu werden, schließlich bekehrten sich aber die Polen wieder ouq ihren OpposttionSgelüsten und gaben sich mit einer kleineren Erhöhung Des PeLroleumzolls gegen Ungarn zufrieden. Man darf daher auch annehmen, daß die-Berathungen über den Petroleumzoll im Allgemeinen im Sinne Der Regie» rung verlaufen sind. Eine Zwischen-Episode in den Petroleumzoll-Debatten! bildete am Freitag die Interpellation des liberalen Abg. Menger über die antideutschen Excesse in Laibach. Die Antwort, welche Ministerpräsident Graf Taaffe ertheilte, ließ deutlich das Bestreben erkennen, die empörenden Vorgänge bei der Anastasius-Grün-Feier in Laibach in harmlosem Lichte darzustellen und die schmachvolle Haltung des slovenischen Gemeinderathes zu entschuldigen und bedauerlich muß es genannt werden, daß die Rechte schließlich über die Angelegenheit zur Tagesordnung überging, ohne daß es Seitens der Regierung für nöthig befunden worden wäre, durch eine entsprechende Erklärung dem in Laibach beschimpften Nationalgesühl der Deutschen Oesterreichs Genugthuung zu geben.
Die Situation in den belgischen Kohlendistricten, soweit dieselben an den jüngsten Arbeitseinstellungen beteiligt sind, scheint sich wieder zum Besseren wenden zu wellen. In Quaregnon und Flenu haben am Freitag 600 Arbeiter die Arbeit wieder aufgenommen und wird hoffentlich das Gros der noch Strikenden diesem Beispiel bald folgen.
Die Hebriden-Frage zwischen Frankreich und England scheint sich in befriedigendster Weise lösen zu wollen. Dem englischen Botschafter in Paris, Lord Lyons, ist Seitens des Ministerpräsidenten Freycinet die osficielle Mitthetlung gemacht worden, der Gouverneur von Neu-Caledonien habe Befehl erhalten, die französische Flagge aus den Neuen Hebriden sofort entfernen zu lassen, falls dieselbe wirklich aufgehißt worden fein sollte. Immerhin bedürfen die Zwischenfälle auf den Neuen Hebriden noch der näheren Aufklärung.
Deutschland.
Darmstadt, 18. Juni. Das Großherzogliche Regierungsblatt (Beilage Nr. 17) enthält:
1. Bekanntmachung Großh. Civildiener-Wittwenkaffe-Commission, die Ergebnisse der Verwaltung der Civildiener-Wittwenkasse von den Etatsjahren 1883/84 und 1884/85.
2. Uebersicht der von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz für das Jahr 1886/87 genehmigten Umlagen zur Bestreitung der Communal- Bedürfnisse in den Gemeinden des Kreises Mainz.
3. Uebersicht der von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz genehmigten Umlagen zur Bestreitung von Bedürfnissen in den Gemeinden des Kreises Oppenheim in der Zeit vom 1. April 1886 bis dahin 1887.
4. Namensveränderungen.
5. (Son currenter Öffnungen:
Erledigt sind: Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Altenstadt mit einem Gehalt von 900 mit der Stelle ist die Hälfte des Organistendienstes verbunden. Eine (die 1.) Lehrerstelle an Der evang. Schule zu Habitzheim mit einem Gehalt von 1000 mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. Dem Herrn Fürsten zu Löwenstein-Wertheim - Rosenberg steht das Präsentationsrecht zu derselben zu. Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Walldorf mit einem Gehalt von 900 <X Die mit einem kath. Lehrer zu besetzende 1. Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Urberach mit einem nach dem Dienstalter des >etr. Lehrers sich bemessenden Gehalt von 1000 bis 1400 «A Dem kath. Pfarrer und dem Orisoorstano zu Urberach steht das Präsentationsrecht zu dieser Stelle zu. Eine Lehrerstelle an der kath. Schule zu Groß-Zimmern mit einem nach >em Dienstalter des betr. Lehrers sich bemessenden Gehalt von 1000 bis 1500 X Eine mit einem kath. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Heubach mit einem Gehalt von 900 .X; mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. Zwei mit kath. Lehrern zu besetzende Lehrerstellen an der Gemeindeschule zu Kostheim mit einem nach Dem Dienstalter der betr. Lehrer zu bemessenden Gehalt von 1000 bis 1300, bezw. 1600 «X
Aus -em Großherzogthrrm Hessen. Die Abgeordneten der zweiten Kammer: Lantz, Vogt, Osann, Kredel, Jöckel, Hans, Friedrich, Mohn, Stephan, Arnold, Hanstein, Römer, Weith haben unterm 27. v. M. folgenden Antrag eingebracht *
Die Realschulen unseres Landes haben sich aus kleinen Anfängen im Laufe der letzten Jahrzehnte überaus günstig entwickelt und zwar sowohl bezüglich des Lehrstoffes als auch bezüglich der Schülerzahl, welche sich gegenwärtig auf 3-4000 erhoben hat, ein durchschlagender Beweis für das Bedürfniß und die Lebensfähigkeit dieser Lehranstalten. Diese günstige Entwickelung ist, neben der Opferwilligkeit der Realschul-


